In Kürze

  • Neue Forschungen zeigen, dass Krebszellen ihren Stoffwechsel anpassen können wenn kein Zucker als Versorgungsquelle vorhanden ist und sie so zielgerichtete Therapien, die den Tumor aushungern sollen, umgehen.
  • Wissenschaftler entwickeln derzeit neue Therapieansätze, die gleichzeitig auf mehrere Versorgungswege von Krebszellen abzielen.
  • Tipps wie man die körpereigene Stoffwechselgesundheit stärken und dadurch dem Risiko von Krebs vorbeugen kann.

 

Metabolische Flexibilität – die Fähigkeit von Zellen, effizient zwischen Energiequellen wie beispielsweise Glukose und Fett zu wechseln – ist eine wichtige Funktion und bei normalen Körperzellen ein Zeichen für gute Gesundheit. Wenn jedoch Krebszellen dieselbe Anpassungsfähigkeit erlangen, wird die Krebsbehandlung zu einer Herausforderung, da die Tumorzellen zielgerichtete Therapien, die ihr Wachstum einschränken sollen, umgehen.

Dieses Paradoxon ist einer der Gründe für Forscher, jahrzehntelange Strategien zur Krebsbehandlung zu überdenken und neue Ansätze zu entwickeln, die gegen Tumore gleichzeitig an mehreren metabolischen Fronten vorgehen.

Nicht nur Zucker: Was Krebszellen nährt

Fast ein Jahrhundert lang war das gängige Verständnis des Stoffwechsels von Krebszellen durch die Forschungsergebnisse des deutschen Biochemikers Otto Warburg geprägt, der beobachtete, dass Krebszellen große Mengen an Glukose verbrauchen. Dieser sogenannte „Warburg-Effekt“ war die Grundlage für die Annahme, dass Tumorzellen fast ausschließlich Zucker als Energiequelle nutzen. Viele daraufhin entwickelte Krebstherapien zielten darauf ab, Krebs durch eine Unterbrechung seiner Glukoseversorgung auszuhungern.
Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass viele Krebsarten weitaus anpassungsfähiger sind als bisher angenommen. Anstatt sich auf eine einzige Energiequelle zu verlassen, nutzen bösartige Tumore jeden verfügbaren Brennstoff, um ihr Wachstum aufrechtzuerhalten. Wenn Zucker (Glukose) knapp ist, können sie den Glutaminstoffwechsel ankurbeln oder Fettsäuren anzapfen. Einige Krebszellen sind sogar in der Lage Ketone zu verstoffwechseln, die der Körper während des gezielten Fastens oder bei ketogener Ernährung produziert. Dies schwächt die Wirkung von gezielten Diäten oder Medikamenten, die darauf abzielen Krebszellen auszuhungern.

„Wenn eine Behandlung eine Energiequelle blockiert, wie beispielsweise ein Medikament, das auf Glukose abzielt, wechseln die Krebszellen einfach zu Glutamin oder Fetten, um zu überleben“, fasst Michael Enwere, Krebsforscher und Spezialist für integrative Onkologie mit Schwerpunkt auf metabolischen Interventionen, die aktuellen Erkenntnisse gegenüber Epoch Times zusammen. „Das ist vergleichbar mit einem Überlebenskünstler, der, wenn man ihm die Nahrungsversorgung entzieht, effizient auf die Jagd geht und nach Nahrung sucht, um nicht zu verhungern“.

Herausforderungen bei Krebstherapien

Aggressive Krebsarten wie Glioblastome und dreifach negativer Brustkrebs sind laut Enwere die ultimativen Überlebenskünstler des Stoffwechsels. Herkömmliche Therapien, die auf einen bestimmten Signalweg abzielen, würden bei diesen Krebsarten oft an dem dynamischen, anpassungsfähigen Stoffwechselnetzwerk scheitern.

Ähnliche Schlüsse zieht auch Mona Jhaveri, die einen Doktortitel in Biochemie und Molekularbiologie hat, aus ihren Forschungen.

„Als ich am National Cancer Institute war, arbeitete ich in einer Abteilung namens Drug Resistance“, sagte Jhaveri, gegenüber Epoch Times. „Der gesamte Bereich widmete sich der Frage, warum Zellen gegen Chemotherapie und andere Therapien resistent werden“.

Die Komplexität des Stoffwechselverhaltens von Krebs ist bemerkenswert. „Man kann Zellen aus einem Tumor entnehmen und findet verschiedene Versionen dieser Zellen, die unterschiedlich funktionieren. Das ist ein weiterer Grund, warum Krebs so schwierig zu behandeln ist, denn es gibt nicht nur eine Art von Krebszellen“, sagte Jhaveri.

Neue Ansätze bei Krebstherapien

Wissenschaftler entwickeln derzeit Ansätze, die gleichzeitig auf mehrere Versorgungswege von Krebszellen abzielen.

Anstatt beispielsweise nur die Glukosezufuhr zu unterbinden, hemmen einige neuere Therapien sowohl den Glukose- als auch den Glutaminstoffwechsel – die beiden wichtigsten Energielieferanten vieler Tumore. Diese gezielte Einschränkung der Fähigkeit von Krebszellen, zwischen verschiedenen Nährstoffen zu wechseln, kann den Erfolg der Behandlungen erhöhen.

Die Krebsbehandlung der Zukunft sollte laut aktuellen Forschungen vielschichtiger werden und nicht nur genetische Mutationen berücksichtigen, sondern auch die zugrunde liegenden Stoffwechselfunktionen, die Tumore am Leben erhalten.
So ergab beispielsweise eine systematische Übersichtarbeit von Enwere und seinem Team, dass Kombinationen von Stoffwechsel-gerichtete Therapien, darunter natürliche Verbindungen wie Curcumin, Berberin und hochdosierte Vitamine C und D3, vielversprechend sind, um die Energiebahnen von Krebs zu stören und die Resistenz gegen herkömmliche Behandlungen zu überwinden. Die Kombination dieser Ansätze mit Chemotherapie, Bestrahlung und Immuntherapie bietet einen personalisierten Ansatz für Patienten mit schwer zu behandelnden Tumoren.

Enwere geht davon aus, dass sich in den nächsten zehn Jahren ein Wandel von einer rein genetischen Sichtweise auf Krebs hin zu einer Sichtweise vollziehen wird, die mehrere Datenebenen, darunter auch den Stoffwechsel, einbezieht. Beispielsweise könnte eine kurze ketogene Diät in Kombination mit einem Glutamin-blockierenden Medikament eingesetzt werden, um Tumore für eine bessere Reaktion auf Chemotherapie oder Immuntherapie „vorzubereiten“.

Obwohl es noch Hürden für Bioverfügbarkeit oder gastrointestinaler Nebenwirkgen gibt, fügte er hinzu, dass metabolisch ausgerichtete Therapien seiner Meinung nach bald einen Platz in der Standardversorgung einnehmen werden.

„Wir befinden uns an einem entscheidenden Wendepunkt in der translationalen Forschung. Die präklinischen Erkenntnisse sind robust und überzeugend, und wir sehen jetzt eine wachsende Zahl vielversprechender klinischer Phase-2-Studien, wie beispielsweise eine Studie mit hochdosiertem intravenösen Vitamin C bei Rektumkarzinomen“, so Enwere.

Wie man die eigene Stoffwechselgesundheit stärken kann

Man kann zwar im Alltag den Stoffwechsel von Krebszellen nicht direkt kontrollieren, aber man kann sich davon inspirieren lassen, indem man die eigene Stoffwechselflexibilität stärkt – ein Zustand, der gesunde Zellen anpassungsfähig und widerstandsfähig gegenüber Funktionsstörungen hält, die zu Krebs führen können.

Bei Metabolischer Flexibilität geht es nicht nur um die Verbrennung von Fett oder Glukose, sondern darum, wie gut Ihre Mitochondrien sich an veränderte Bedingungen anpassen können. Die Mitochondrien, die oft umgangssprachlich als Kraftwerke der Zellen bezeichnet werden, sind für die Umwandlung verschiedener Brennstoffe in Energie verantwortlich und ermöglichen es dem Körper, je nach Bedarf zwischen der Verbrennung von Fett oder Glukose zu wechseln.

  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung ist eine der wirksamsten Methoden, um diese Anpassungsfähigkeit zu verbessern. Sowohl Ausdauertraining als auch Krafttraining regen die Bildung neuer, effizienterer Mitochondrien an und verbessern so die Art und Weise, wie Zellen Energie nutzen und speichern. Selbst einfache Gewohnheiten wie zügiges Gehen nach den Mahlzeiten oder kurze, intensive Bewegungseinheiten können dabei helfen.
  • Abwechslungsreiche Ernährungsgewohnheiten: Immer die gleichen Nährstoffe und Lebensmittel zu sich zunehmen, macht den Stoffwechsel starr, während der Wechsel zwischen kohlenhydratreichen und fettbasierten Energiephasen – beispielsweise kohlenhydratarme Tage oder gelegentliches Fasten – die Zellen dazu anregt, metabolisch flexibel zu bleiben. Für die meisten Menschen sind jedoch laut den Forschungsergebnissen extreme Diäten nicht notwendig. Es geht darum, den Stoffwechsel so zu trainieren, dass er sowohl mit Überfluss als auch mit Mangel umgehen kann.
  • Lebensmittelqualität: Für den Stoffwechsel spielt auch die Qualität der täglichen Lebensmittel eine wichtige Rolle. „Eine schlechte Ernährung kann dazu beitragen, ein tumorfreundliches Umfeld zu schaffen, indem sie die Zellen unter Stress setzt und sie anfälliger für bösartige Mutationen macht“, so Jhaveri. Anhaltend hoher Blutzucker und chronische Entzündungen aufgrund von stark verarbeiteten Lebensmitteln und raffiniertem Zucker können die Mitochondrien schädigen und die Flexibilität des körpereigenen Stoffwechsels hemmen und so eine Umgebung schaffen in der Krebszellen wachsen können.
  • Zwischenmenschliche Beziehungen: Studien zeigen soziale Beziehungen beeinflussen Hormone, Entzündungen und die Signalübertragung in den Mitochondrien. Zwischenmenschliche Beziehungen helfen den Zellen widerstandsfähig zu bleiben – ein Hinweis darauf, dass Gesundheit sowohl auf molekularer als auch auf sozialer Ebene zusammenhängt. „Wenn wir zusammenkommen, finden unausgesprochene molekulare Interaktionen statt. Wenn Menschen zusammenkommen, hilft ihnen das beim Überleben“, so Jhaveri über die Studienergebnisse.



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