Wer eine Verschwörung behauptet, muss Belege liefern. Im Falle des „großen Austausches“ oder von QAnon gibt es sie nicht. Aber es gibt durchaus Fälle in der Geschichte, in denen diese Belege geliefert werden konnten


QAnon-Ideologen und Trump-Anhänger im Wahlkampf 2020

Foto: Stephen Maturen/Getty Images


„Großer Austausch“ – der Begriff geistert nicht nur durch das Internet. Mittlerweile kann man ihn auch in Bundestagsreden hören, wobei eine geplante massenhafte Migrationspolitik unterstellt wird. Nicht direkt behauptet, aber nahegelegt wird dabei konspiratives Vorgehen. Denn für den gemeinten Austausch einer einheimischen durch eine migrantische Bevölkerung muss es ja Pläne geben. Dies legt jedenfalls die genannte Formulierung nahe. Demnach dürfte es eine geheime Gruppe geben, welche eine solche Praxis gezielt umsetzt.

Belege gibt es dafür nicht, Verschwörungsideologien kursieren trotzdem. Dafür wird dann gern ein „Deep State“ verantwortlich gemacht, der nun auch im Zusammenhang mit dem Epstein-Skandal wieder auftaucht. Die Formulierung steht für einen „tiefen Staat“, wovon auch schon hochrangige Repräsentanten der Weltpolitik sprachen. Angeblich besteht er aus einer geheimen Machtelite aus Medien, Politik und Wirtschaft.

Propaganda Due

Fällt der ideologiekritische Blick auf die formalen Elemente derartiger Vorstellungen, so denkt man an die Geschichte alter Verschwörungsideologien. Demnach herrschen im Hintergrund dunkle Mächte, nicht wie öffentlich wahrnehmbar Monarchen oder Politiker. Diversen Gruppen wurde ein derart heimliches Handeln unterstellt: den Freimaurern, den Illuminaten, den Juden, den Kapitalisten, den Kommunisten etc. Man könnte noch viele weitere angebliche Akteure von konspirativem Handeln nennen.

Mittlerweile gelten ebenso Außerirdische oder Echsen als solche. Mit Ausnahme der letztgenannten Gruppen gibt es für die zuvor genannten Gruppen manchmal einen „wahren Kern“, wenngleich das Gemeinte in der Gesamtschau für eine ideologisch verzerrte Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit steht. Es geht nicht um eine „Verschwörung“, sondern eine „Verschwörungsideologie“.

Da besteht für die Einordnung ein wichtiger Unterschied. Der kritische Blick auf derartige Narrative sollte nicht ignorieren, dass es in der Realität durchaus Verschwörungen gab und gibt. Gemeint sind damit geheime Handlungen diverser Protagonisten, die mit unmoralischen Absichten gesellschaftlich relevante Pläne umsetzen wollen.

So etwas kann es auch in einer entwickelten Demokratie geben, wofür etwa in den 1970er Jahren die italienische „Propaganda Due“ stand. Die politische Geheimorganisation, die aus Eliteangehörigen bestand, wollte ein autoritäres Regime etablieren. Dazu dienten auch terroristische Anschläge unter „falscher Flagge“. Später wurden viele Details dazu aufgearbeitet, bis heute haben sie eine erschütternde Wirkung. Demnach hatte man es hier tatsächlich mit einem bestehenden Deep State und einer realen politischen Verschwörung zu tun.

Glauben, nicht Wissen

Anders verhält es sich mit antisemitischen Konspirationsvorstellungen. Juden unterstellt man seit dem Mittelalter, sie würden kleine Kinder um religiöser Rituale willen entführen und töten. Derartige Behauptungen fanden jahrhundertelang Verbreitung. Bis in die Gegenwart hinein kursieren sie etwa in arabischen Ländern. In abgewandelter Form findet man so etwas aber auch in den heutigen USA, wo als Beispiel dafür eine „QAnon“-Verschwörungsideologie breiter kursiert.

Demnach würden Eliteangehörige kleine Kinder entführen, um aus ihrem Blut dann Verjüngungsmittel zu generieren. Unter den Anhängern von Präsident Trump sind derartige Vorstellungen weit verbreitet. Irgendwelche Belege gibt es für derartige Handlungen nicht, gleichwohl kursiert diese Konspirationsvorstellung auch in europäischen Ländern. Es geht dabei um Glauben, nicht um Wissen.

Genau diese Differenz macht letztendlich den Unterschied aus: Beweise müssen eine Verschwörungshypothese bestätigen, ansonsten besteht nur eine Fiktion eben als Verschwörungsideologie. Deren Anhänger legen häufig nahe, dabei handele es sich um einen „Kampfbegriff“, welcher konspirative Machenschaften verteidige. Für Belege existiert die Bringschuld indessen bei ihnen, was auch eine inhaltliche Kritik an einschlägigen Vorstellungen ermöglicht. Grundsätzlich bedarf es dabei immer einer kritischen Prüfung, welche sich jede politische Deutung aussetzen sollte. Einwände gegen intransparente Machtstrukturen sind nötig, sie sollten aber auf Fakten und nicht auf Suggestionen gründen.

Für den einleitend erwähnten „Großen Austausch“ fehlt es an Belegen, was diese Auffassung eben zu einer bloßen Verschwörungsideologie macht.

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Politikwissenschaftler und Soziologe, ist hauptamtlich Lehrender an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl. Er hat diverse Aufsätze und Bücher zum politischen Extremismus und zu Verschwörungsvorstellungen veröffentlicht. Von 1994 bis 2004 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesamt für Verfassungsschutz in der Abteilung Rechtsextremismus. Gelegentlich schreibt der Autor auch Beiträge für die jüdische Internetseite „Hagalil“

wieder auftaucht. Die Formulierung steht für einen „tiefen Staat“, wovon auch schon hochrangige Repräsentanten der Weltpolitik sprachen. Angeblich besteht er aus einer geheimen Machtelite aus Medien, Politik und Wirtschaft.Propaganda DueFällt der ideologiekritische Blick auf die formalen Elemente derartiger Vorstellungen, so denkt man an die Geschichte alter Verschwörungsideologien. Demnach herrschen im Hintergrund dunkle Mächte, nicht wie öffentlich wahrnehmbar Monarchen oder Politiker. Diversen Gruppen wurde ein derart heimliches Handeln unterstellt: den Freimaurern, den Illuminaten, den Juden, den Kapitalisten, den Kommunisten etc. Man könnte noch viele weitere angebliche Akteure von konspirativem Handeln nennen.Mittlerweile gelten ebenso Außerirdische oder Echsen als solche. Mit Ausnahme der letztgenannten Gruppen gibt es für die zuvor genannten Gruppen manchmal einen „wahren Kern“, wenngleich das Gemeinte in der Gesamtschau für eine ideologisch verzerrte Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit steht. Es geht nicht um eine „Verschwörung“, sondern eine „Verschwörungsideologie“.Da besteht für die Einordnung ein wichtiger Unterschied. Der kritische Blick auf derartige Narrative sollte nicht ignorieren, dass es in der Realität durchaus Verschwörungen gab und gibt. Gemeint sind damit geheime Handlungen diverser Protagonisten, die mit unmoralischen Absichten gesellschaftlich relevante Pläne umsetzen wollen.So etwas kann es auch in einer entwickelten Demokratie geben, wofür etwa in den 1970er Jahren die italienische „Propaganda Due“ stand. Die politische Geheimorganisation, die aus Eliteangehörigen bestand, wollte ein autoritäres Regime etablieren. Dazu dienten auch terroristische Anschläge unter „falscher Flagge“. Später wurden viele Details dazu aufgearbeitet, bis heute haben sie eine erschütternde Wirkung. Demnach hatte man es hier tatsächlich mit einem bestehenden Deep State und einer realen politischen Verschwörung zu tun.Glauben, nicht WissenAnders verhält es sich mit antisemitischen Konspirationsvorstellungen. Juden unterstellt man seit dem Mittelalter, sie würden kleine Kinder um religiöser Rituale willen entführen und töten. Derartige Behauptungen fanden jahrhundertelang Verbreitung. Bis in die Gegenwart hinein kursieren sie etwa in arabischen Ländern. In abgewandelter Form findet man so etwas aber auch in den heutigen USA, wo als Beispiel dafür eine „QAnon“-Verschwörungsideologie breiter kursiert.Demnach würden Eliteangehörige kleine Kinder entführen, um aus ihrem Blut dann Verjüngungsmittel zu generieren. Unter den Anhängern von Präsident Trump sind derartige Vorstellungen weit verbreitet. Irgendwelche Belege gibt es für derartige Handlungen nicht, gleichwohl kursiert diese Konspirationsvorstellung auch in europäischen Ländern. Es geht dabei um Glauben, nicht um Wissen.Genau diese Differenz macht letztendlich den Unterschied aus: Beweise müssen eine Verschwörungshypothese bestätigen, ansonsten besteht nur eine Fiktion eben als Verschwörungsideologie. Deren Anhänger legen häufig nahe, dabei handele es sich um einen „Kampfbegriff“, welcher konspirative Machenschaften verteidige. Für Belege existiert die Bringschuld indessen bei ihnen, was auch eine inhaltliche Kritik an einschlägigen Vorstellungen ermöglicht. Grundsätzlich bedarf es dabei immer einer kritischen Prüfung, welche sich jede politische Deutung aussetzen sollte. Einwände gegen intransparente Machtstrukturen sind nötig, sie sollten aber auf Fakten und nicht auf Suggestionen gründen.Für den einleitend erwähnten „Großen Austausch“ fehlt es an Belegen, was diese Auffassung eben zu einer bloßen Verschwörungsideologie macht.



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