In einem Planspiel („Wargame“) haben die Tageszeitung Welt und die Bundeswehr-Uni mit einigen Politikern und „Experten“ ein emotionales Szenario erdacht, das einen russischen Angriff auf die NATO simulieren soll. Diese öffentliche Inszenierung ist aber militärisch völlig irrelevant: Sie richtet sich statt dessen an die Bürger, deren „Kriegstüchtigkeit“ durch solche unseriösen Spektakel noch mehr gesteigert werden soll. Ein Kommentar von Tobias Riegel.
Unter dem Titel „Ernstfall – Was, wenn Russland uns angreift?“ haben das German Wargaming Center der Helmut-Schmidt-(Bundeswehr)-Universität Hamburg und die Medienmarke „Welt“ eine sicherheitspolitische Krise in Europa simuliert, wie Medien berichten.
„6.47 Uhr. Im Bundeskanzleramt in Berlin brennt Licht…“
Es sei ein hypothetisches Eskalationsszenario im Baltikum durchgespielt worden, hieß es. Die Simulation – inklusive hybrider Angriffe auf die deutsche Infrastruktur – habe bereits im Dezember 2025 stattgefunden. So könnten Cyberangriffe etwa das Online-Banking lahmlegen und Geldautomaten ausfallen lassen, während gezielte Desinformation Unsicherheit und Verunsicherung verbreite. Das durchgespielte Szenario sei dabei ausdrücklich hypothetisch gewesen und stelle einen von mehreren möglichen Krisenverläufen dar. Die ‚Welt‘ veröffentlicht die Simulation in Podcasts, Print- und Online-Beiträgen sowie in einer TV-Reportage, weitere Infos finden sich in diesem Welt-Artikel.
Der als „Mitspieler“ an dem Szenario beteiligte CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter sagte der dpa, die Simulation zeige, wie stark Deutschland bis heute vom Leitmotiv „Nie wieder Krieg“ geprägt sei. Viele Nachbarstaaten, die unter deutscher Besatzung gelitten hätten, seien laut Kiesewetter dagegen vom Gedanken „Nie wieder wehrlos“ geprägt. Beides müsse zusammengebracht werden. Wer nie wieder Krieg wolle, dürfe nie wieder wehrlos sein, so der CDU-Politiker.
Zugleich verdeutliche das Planspiel, wie wichtig eine frühzeitige und klare Information der Bevölkerung sei. Verzögerungen und Unklarheiten spielten Gegnern in die Hände und schürten Ängste, sagte Kiesewetter.
Dass es aber genau solche, auf falschen politisch-militärischen Vorgaben beruhenden „Planspiele“ sind, die Ängste schüren, ist selbstverständlich. Und da die nachvollziehbaren Belege für die russische Bedrohung fehlen (z.B. beim Vergleich der jeweiligen Militärbudgets etc.) werden in dem Planspiel auch emotionale Elemente genutzt. Die Welt eröffnet ihr Szenario entsprechend:
„Stellen Sie sich vor: Es ist Dienstag, der 27. Oktober 2026. 6.47 Uhr. Im Bundeskanzleramt in Berlin brennt Licht. Das fiktive Szenario: Russische Truppen stehen an der Grenze zu Litauen, offenbar bereit, in das Nato-Land einzumarschieren.“
Ausgerechnet: Kiesewetter mimt den Verteidigungsminister
Die Welt behauptet, »Sicherheitsexperten« seien sich einig: »Russland will wieder zur bestimmenden Macht in Europa werden.« Cornelia Mannewitz, Bundessprecherin des Vereins Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), sagte zu solchen Erklärungen gegenüber der Jungen Welt :
»Nicht nur das Spiel ist fiktiv, sondern auch die Vorstellung, dass Russland die NATO angreifen könnte. Die NATO ist vielfach überlegen. Beweise dafür, dass Russland einen Angriff vorbereitet, gibt es nicht.«
Ausgerichtet wurde das Spektakel an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, in Zusammenarbeit mit dem „German Wargaming Center“. Besetzt waren die Rollen zum Teil mit bekannten militaristischen Meinungsmachern: Im „Blue Team“, das die Bundesregierung darstellen sollte: der Ex-CDU-Generalsekretär Peter Tauber als Bundeskanzler, der CDU-‚Außenpolitikexperte‘ Roderich Kiesewetter als Verteidigungsminister, der frühere Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), als Außenminister, die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Irene Mihalic, als Innenministerin und so weiter. Das gegnerische „Red Team“, also der Kreml, bestand aus dem „russischen Politikexperten“ Alexander Gabujew, dem Militäranalysten Franz-Stefan Gady und dem Exdiplomaten Arndt Freytag von Loringhoven.
Die Junge Welt weist auf die Motivation für solche Planspiele hin. Im Vorwort des »Wargaming-Handbuchs der Bundeswehr«, veröffentlicht 2024, schreibe Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr:
»Warum brauchen wir Wargaming gerade jetzt in der Bundeswehr? Die Antwort darauf ist simpel. Kriegstüchtigkeit.«
Das Planspiel zielt auf die Bürger, nicht auf das Militär
Dass Militärs auf der ganzen Welt Planspiele machen, um ihre Strategien anzupassen, ist weder neu noch grundsätzlich skandalös. Diese intern-militärischen Szenarien werden aber normalerweise (wenn sie einen real-konkreten militärischen Hintergrund haben) nicht von privaten Medienkonzernen veranstaltet und dann öffentlich aufgeführt. Wenn das hier besprochene Spiel echte militärische Relevanz hätte, wäre die praktizierte Öffentlichkeit selbst aus der Warte der Militaristen fragwürdig, denn dadurch würden ja eventuelle im Planspiel offengelegte (reale) „Schwächen“ dem „Gegner“ frei Haus geliefert. Die Welt schreibt dazu:
„Regierungen, Militärs oder Unternehmen spielen regelmäßig Wargames durch, doch ihre Ergebnisse sind weitgehend geheim. WELT macht die Ergebnisse von ‚Ernstfall‘ öffentlich – in einem mehrteiligen Podcast, Print- und Onlinebeiträgen und im Fernsehen. Denn was in Krisen entschieden wird, geht uns alle an.”
So, so: Es geht uns alle an. Die Vermutung liegt aber nahe, dass dieses Planspiel für die konkrete „Verteidigung“ Deutschlands völlig bedeutungslos ist, und dass es sich bei dem Schauspiel statt dessen um eine reine Maßnahme zur Kriegsertüchtigung der Bevölkerung handelt: Aktionen wie das hier besprochene Wargame sollen durch unseriöse militaristische Meinungsmache bereits installierte falsche Behauptungen weiter zementieren. Dadurch wird das russische Drohbild immer wieder erneuert, mit dessen Hilfe unsere Gesellschaft gerade militarisiert werden soll. Da die Fakten für das prognostizierte Szenario fehlen, wird auch mit emotionalen Inszenierungen gearbeitet.
Falsche Vorzeichen führen zwingend zu unseriösen Ergebnissen
Da es die Bedrohungslage in der behaupteten Form nicht gibt, geschieht all das unter falschen Vorzeichen und muss darum zwingend ein unseriöses Ergebnis liefern. Aber durch die permanente Wiederholung der Behauptung – nun auch durch das Planspiel – wird die „Bedrohung“ zum angeblichen „Fakt“: Viele weniger gut informierte Bürger in Deutschland haben die Angst vor einer „russischen Gefahr“ bereits fest verinnerlicht, obwohl es keine militärisch-politischen Tatsachen gibt, die das rational begründen würden.
Was hier also „spielerisch“ daherkommt und angeblich nur zu dem Zweck veranstaltet wird, „unsere Schwächen zu erkennen“, das ist nichts weiter als ein weiterer propagandistischer Mosaikstein in der Erziehung der Deutschen zu mehr Kriegswilligkeit.
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