Ich habe Noam Chomsky jahrelang interviewt und bewundert. Nun taucht sein Name in den Epstein-Files auf – mit Fotos, E-Mails und Aussagen, die sein politisches und moralisches Erbe infrage stellen. Ein persönlicher Abschied von einem Idol


Genauer Ort und Datum sind unbekannt: Noam Chomsky und Jeffrey Epstein gemeinsam in einem Flugzeug

Foto: Zuma Press/Imago Images


Es war Hochsommer im Jahr 2016. Ich saß in einem verspäteten Regionalzug der Deutschen Bahn. Während die defekte Klimaanlage die Abteile in mobile Saunadampfbäder verwandelte, hatte ich andere Sorgen: Mein allererstes Interview mit dem weltberühmten MIT-Professor, Linguisten und „public intellectual“ Noam Chomsky stand an. Geplant war eine Skype-Sitzung, doch es bestand die reale Gefahr, dass ich nicht rechtzeitig vor meinem Laptop sitzen würde. Immer wieder blickte ich nervös auf die Uhr an meinem verschwitzten Handgelenk. Am Ende ging alles gut – und eine lange Freundschaft begann.

Wichtige Stimme gegen Krieg und Ungerechtigkeit, oder?

Im Laufe der Jahre interviewte ich Chomsky zahlreiche Male. Für das abschließende Gespräch eines gemeinsamen Buchprojekts besuchte ich ihn 2018 sogar in Tucson im südlichen US-Bundesstaat Arizona, wo er an der Arizona State University lehrte. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung. Schon in jungen Jahren hatte Chomsky mein politisches Denken geprägt. Er sprach sich gegen Ungerechtigkeiten aus, als viele andere schwiegen.

Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stellte er sich gegen den Afghanistan-Krieg der US-Regierung, wenige Jahre später ebenso gegen den Irakkrieg der Bush-Administration. Prägend waren auch seine Positionen zum Nahen Osten: Als Jude gehörte Chomsky zu jenen, die sich konsequent für die Rechte der Palästinenser:innen einsetzten. Seine Medien- und Machtkritik machte ihn zu einem der bedeutendsten Dissidenten und einflussreichsten Intellektuellen unserer Zeit. Mit seinen Analysen erreichte er Millionen Menschen weltweit.

Nun ist der bald hundertjährige Noam Chomsky seit geraumer Zeit schwer krank und kaum noch in der Lage, sich öffentlich zu äußern – während ihn ein Skandal einholt, der sein gesamtes Erbe zu beschädigen droht. Denn ausgerechnet sein Name taucht in den sogenannten Epstein-Files auf. Und es geht dabei nicht nur um unverfängliche E-Mails.

Ich träume wirklich von der Karibikinsel

Noam Chomsky zu Epstein

Ein vor Kurzem veröffentlichtes Foto zeigt Chomsky neben Jeffrey Epstein – in dessen Privatjet. Zudem fanden Abendessen in New York in vertrauter Runde statt. Einzelheiten dieser Beziehung wurden bereits 2023 bekannt. Damals war Chomskys Gesundheitszustand noch deutlich besser. Auf eine E-Mail mit kritischen Fragen eines Journalisten reagierte der sonst so gelassene und dialogbereite Professor jedoch abwehrend, fast aggressiv. In einem anderen Schreiben, das wohl aus dem Jahr 2017 stammt, bezeichnete Chomsky Epstein als „hochgeschätzten Freund“. Zeitgleich stand auch ich mit ihm in Kontakt.

Weitere aktuelle Veröffentlichungen: Kommunikation zwischen Freunden

Weitere aktuelle Veröffentlichungen der Epstein-Akten belegen zudem einen Briefwechsel zwischen Noam Chomsky und Steve Bannon, dem rechtsgerichteten Chefstrategen des Weißen Hauses während Donald Trumps erster Amtszeit. Chomsky wandte sich dabei direkt an Bannon und bat um ein persönliches Kennenlerngespräch. „Es gibt viel zu besprechen“, schrieb er und fügte hinzu, er habe Bannons Kontaktdaten von Epstein erhalten. Mit dem israelischen Ex-Premierminister Ehud Barak, der im Jahr 2009 für Kriegsverbrechen im Gazastreifen mitverantwortlich war, traf sich Chomsky gar persönlich, nachdem er ihn durch Epstein kennengelernt hatte.

Besonders irritierend ist eine Äußerung Epsteins aus dem Februar 2019: Gegenüber einem Mitarbeiter erklärte er, Chomsky habe ihm Ratschläge gegeben, wie er mit „der schrecklichen Art und Weise, wie Sie in der Presse und in der Öffentlichkeit behandelt werden“, umgehen solle. „Am besten ignoriert man das einfach“, habe Chomsky geschrieben, so ein von Epstein unter seinem Vornamen verschickter Text. Dies gelte umso mehr in einer Zeit, in der eine „Hysterie über den Missbrauch von Frauen“ entstanden sei, die so weit gehe, dass bereits das Infragestellen einer Anschuldigung als Verbrechen gelte – „schlimmer als Mord“.

Am besten ignoriert man das einfach

Noam Chomsky zu Epstein

Die Kommunikation rund um Epstein umfasste dabei auch weitere Personen. So schrieb Epsteins ehemalige Freundin Karyna Shuliak in einer E-Mail an eine dritte Person, sie wolle Chomsky und dessen Frau zwei Gentest-Kits zuschicken. Chomskys Verbindung zu Epstein führte zudem zu gegenseitigen Einladungen, gemeinsam Urlaub zu machen. Aus E-Mails geht so hervor, dass Epstein und die Chomskys etwa im Jahr 2016 Pläne für ein Treffen schmiedeten. Epstein schrieb damals an Noam: „Es hat mir wie immer sehr gut gefallen. Kommst du nach New York oder in die Karibik? Genieße das Essen.“ Chomsky antwortete: „Das haben wir auch sehr genossen. Valeria ist immer begeistert von New York. Ich träume wirklich von der Karibikinsel.“

Große Enttäuschung, die absehbar war

Wie ist das aus meiner Sicht zu bewerten? Wie viele andere bin auch ich enttäuscht und fassungslos. Es geht hier nicht um politische Differenzen – solche hatte ich trotz aller Bewunderung schon lange –, sondern um eine moralische Dimension. Nicht jeder, der mit Jeffrey Epstein zu tun hatte, war auf der berüchtigten „Lolita Island“, wo grauenhafte, schwere sexuelle Verbrechen stattfanden. Doch je intensiver man sich mit dem Fall Epstein beschäftigt, desto klarer wird, dass sein problematischer Charakter und seine düsteren Machenschaften deutlich früher erkennbar waren, als manche heute behaupten.

Dasselbe ist leider auch bei Chomsky und seinen eigenen politischen Positionen der Fall. Viele einstige Bewunderer:innen, etwa der britische Journalist George Monbiot, brachen mit dem „Professor“ schon vor Jahren, etwa als ihnen dessen Genozidleugnung im Fall von Srebrenica bewusst wurde. Ähnlich fatal positionierte sich Chomsky auch im Fall von Kambodscha, wo er die massenmordende Rote Khmer toll fand, oder in Ruanada.

Mir selbst wurde etwas übel, als Chomsky während eines Interviews – es war das Letzte, das wir führten – das von den Sowjets unterstützte Regime von Mohammad Najibullah schönredete. Es herrschte Ende der 1980er-Jahre in Kabul — und hielt meinen Onkel sowie meinen Großvater in seinen Kerkern gefangen. Als ich diesen Fakt erwähnte, wurde Chomsky kurz still. „Gut, du bist der Experte, was dieses Thema angeht“, sagte er daraufhin knapp. Auf viele andere Expert:innen, etwa aus Bosnien, Syrien oder zuletzt auch der Ukraine, will Chomsky allerdings bis heute nicht hören.

Keine Distanz mehr zur widerlichsten Elite des Westens

Seine eigene Weltanschauung war ihm so wichtig, dass er lieber die Propaganda serbischer Faschisten, des Assad-Regimes oder Putins nachplapperte. Hauptsache, gegen den Westen. Und zum Schluss landet man ausgerechnet mit den widerlichsten Eliten ebenjenes Westens (noch nicht wortwörtlich) im Bett? Nichts könnte Chomsky unglaubwürdiger erscheinen lassen – und daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern.

Selbstverständlich gilt auch für Noam Chomsky die Unschuldsvermutung. Das muss man betonen, auch, um als Journalist nicht verklagt zu werden. Nach aktuellem Kenntnisstand handelt es sich um eine sogenannte Kontaktschuld. Wie bei vielen anderen prominenten Namen ist keine Straftat bekannt. Der Scherbenhaufen ist allerdings bereits da. Ein tiefer Kratzer bleibt dennoch. Für mich ist er ein weiteres Indiz dafür, dass in dieser verrotteten Welt auf niemanden Verlass ist – auch, oder vielleicht gerade, nicht auf die eigenen Idole.

Noam Chomsky (geb. 1928) ist ein US-amerikanischer Linguist, Philosoph und politischer Intellektueller. Er gilt als einer der Begründer:innen der modernen Linguistik und entwickelte die Theorie der generativen Grammatik. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit ist Chomsky bekannt für seine scharfe Kritik an Machtstrukturen, Medien und Außenpolitik, insbesondere der USA. Er lehrte viele Jahrzehnte lang am MIT und zählt zu den meistzitierten Intellektuellen weltweit.

Dieser Text erschien zuerst in anderer Fassung in der Wiener Zeitung.

23;ende Gespräch eines gemeinsamen Buchprojekts besuchte ich ihn 2018 sogar in Tucson im südlichen US-Bundesstaat Arizona, wo er an der Arizona State University lehrte. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung. Schon in jungen Jahren hatte Chomsky mein politisches Denken geprägt. Er sprach sich gegen Ungerechtigkeiten aus, als viele andere schwiegen.Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stellte er sich gegen den Afghanistan-Krieg der US-Regierung, wenige Jahre später ebenso gegen den Irakkrieg der Bush-Administration. Prägend waren auch seine Positionen zum Nahen Osten: Als Jude gehörte Chomsky zu jenen, die sich konsequent für die Rechte der Palästinenser:innen einsetzten. Seine Medien- und Machtkritik machte ihn zu einem der bedeutendsten Dissidenten und einflussreichsten Intellektuellen unserer Zeit. Mit seinen Analysen erreichte er Millionen Menschen weltweit.Nun ist der bald hundertjährige Noam Chomsky seit geraumer Zeit schwer krank und kaum noch in der Lage, sich öffentlich zu äußern – während ihn ein Skandal einholt, der sein gesamtes Erbe zu beschädigen droht. Denn ausgerechnet sein Name taucht in den sogenannten Epstein-Files auf. Und es geht dabei nicht nur um unverfängliche E-Mails.Ich träume wirklich von der KaribikinselNoam Chomsky zu EpsteinEin vor Kurzem veröffentlichtes Foto zeigt Chomsky neben Jeffrey Epstein – in dessen Privatjet. Zudem fanden Abendessen in New York in vertrauter Runde statt. Einzelheiten dieser Beziehung wurden bereits 2023 bekannt. Damals war Chomskys Gesundheitszustand noch deutlich besser. Auf eine E-Mail mit kritischen Fragen eines Journalisten reagierte der sonst so gelassene und dialogbereite Professor jedoch abwehrend, fast aggressiv. In einem anderen Schreiben, das wohl aus dem Jahr 2017 stammt, bezeichnete Chomsky Epstein als „hochgeschätzten Freund“. Zeitgleich stand auch ich mit ihm in Kontakt.Weitere aktuelle Veröffentlichungen: Kommunikation zwischen Freunden Weitere aktuelle Veröffentlichungen der Epstein-Akten belegen zudem einen Briefwechsel zwischen Noam Chomsky und Steve Bannon, dem rechtsgerichteten Chefstrategen des Weißen Hauses während Donald Trumps erster Amtszeit. Chomsky wandte sich dabei direkt an Bannon und bat um ein persönliches Kennenlerngespräch. „Es gibt viel zu besprechen“, schrieb er und fügte hinzu, er habe Bannons Kontaktdaten von Epstein erhalten. Mit dem israelischen Ex-Premierminister Ehud Barak, der im Jahr 2009 für Kriegsverbrechen im Gazastreifen mitverantwortlich war, traf sich Chomsky gar persönlich, nachdem er ihn durch Epstein kennengelernt hatte.Besonders irritierend ist eine Äußerung Epsteins aus dem Februar 2019: Gegenüber einem Mitarbeiter erklärte er, Chomsky habe ihm Ratschläge gegeben, wie er mit „der schrecklichen Art und Weise, wie Sie in der Presse und in der Öffentlichkeit behandelt werden“, umgehen solle. „Am besten ignoriert man das einfach“, habe Chomsky geschrieben, so ein von Epstein unter seinem Vornamen verschickter Text. Dies gelte umso mehr in einer Zeit, in der eine „Hysterie über den Missbrauch von Frauen“ entstanden sei, die so weit gehe, dass bereits das Infragestellen einer Anschuldigung als Verbrechen gelte – „schlimmer als Mord“.Am besten ignoriert man das einfachNoam Chomsky zu EpsteinDie Kommunikation rund um Epstein umfasste dabei auch weitere Personen. So schrieb Epsteins ehemalige Freundin Karyna Shuliak in einer E-Mail an eine dritte Person, sie wolle Chomsky und dessen Frau zwei Gentest-Kits zuschicken. Chomskys Verbindung zu Epstein führte zudem zu gegenseitigen Einladungen, gemeinsam Urlaub zu machen. Aus E-Mails geht so hervor, dass Epstein und die Chomskys etwa im Jahr 2016 Pläne für ein Treffen schmiedeten. Epstein schrieb damals an Noam: „Es hat mir wie immer sehr gut gefallen. Kommst du nach New York oder in die Karibik? Genieße das Essen.“ Chomsky antwortete: „Das haben wir auch sehr genossen. Valeria ist immer begeistert von New York. Ich träume wirklich von der Karibikinsel.“Große Enttäuschung, die absehbar warWie ist das aus meiner Sicht zu bewerten? Wie viele andere bin auch ich enttäuscht und fassungslos. Es geht hier nicht um politische Differenzen – solche hatte ich trotz aller Bewunderung schon lange –, sondern um eine moralische Dimension. Nicht jeder, der mit Jeffrey Epstein zu tun hatte, war auf der berüchtigten „Lolita Island“, wo grauenhafte, schwere sexuelle Verbrechen stattfanden. Doch je intensiver man sich mit dem Fall Epstein beschäftigt, desto klarer wird, dass sein problematischer Charakter und seine düsteren Machenschaften deutlich früher erkennbar waren, als manche heute behaupten.Dasselbe ist leider auch bei Chomsky und seinen eigenen politischen Positionen der Fall. Viele einstige Bewunderer:innen, etwa der britische Journalist George Monbiot, brachen mit dem „Professor“ schon vor Jahren, etwa als ihnen dessen Genozidleugnung im Fall von Srebrenica bewusst wurde. Ähnlich fatal positionierte sich Chomsky auch im Fall von Kambodscha, wo er die massenmordende Rote Khmer toll fand, oder in Ruanada.Mir selbst wurde etwas übel, als Chomsky während eines Interviews – es war das Letzte, das wir führten – das von den Sowjets unterstützte Regime von Mohammad Najibullah schönredete. Es herrschte Ende der 1980er-Jahre in Kabul — und hielt meinen Onkel sowie meinen Großvater in seinen Kerkern gefangen. Als ich diesen Fakt erwähnte, wurde Chomsky kurz still. „Gut, du bist der Experte, was dieses Thema angeht“, sagte er daraufhin knapp. Auf viele andere Expert:innen, etwa aus Bosnien, Syrien oder zuletzt auch der Ukraine, will Chomsky allerdings bis heute nicht hören.Keine Distanz mehr zur widerlichsten Elite des WestensSeine eigene Weltanschauung war ihm so wichtig, dass er lieber die Propaganda serbischer Faschisten, des Assad-Regimes oder Putins nachplapperte. Hauptsache, gegen den Westen. Und zum Schluss landet man ausgerechnet mit den widerlichsten Eliten ebenjenes Westens (noch nicht wortwörtlich) im Bett? Nichts könnte Chomsky unglaubwürdiger erscheinen lassen – und daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern. Selbstverständlich gilt auch für Noam Chomsky die Unschuldsvermutung. Das muss man betonen, auch, um als Journalist nicht verklagt zu werden. Nach aktuellem Kenntnisstand handelt es sich um eine sogenannte Kontaktschuld. Wie bei vielen anderen prominenten Namen ist keine Straftat bekannt. Der Scherbenhaufen ist allerdings bereits da. Ein tiefer Kratzer bleibt dennoch. Für mich ist er ein weiteres Indiz dafür, dass in dieser verrotteten Welt auf niemanden Verlass ist – auch, oder vielleicht gerade, nicht auf die eigenen Idole.



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