Von Astrid Sigena
Die Bundeswehr bastelt bekanntlich an einem sogenannten „Operationsplan Deutschland“. Natürlich ist der „OPLAN DEU“ abgekürzte Schmöker streng geheim. Das sagenumwobene Textstück soll mittlerweile über 1400 Seiten umfassen und immer noch weiter anwachsen. Nur ab und zu kommen beängstigende Details an die Medien, etwa dass die Zivilbevölkerung im Ernstfall nicht mehr mit einer funktionierenden Gesundheitsversorgung rechnen kann.
Es war klar, dass andere Institutionen nachziehen würden. So verfassten auch die katholische und die evangelische Kirche ihren eigenen „Operationsplan„, genannt „Geistlicher Operationsplan Deutschland“, abgekürzt GOD. Der offizielle Titel des internen Arbeitspapiers lautet „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Bisher war es – wie der OPLAN DEU auch – geheim, von einigen Verlautbarungen von Kirchenvertretern in den Medien abgesehen.
Seit vergangenem Sonntag kann man das 26-seitige Konzept jedoch auf einer antimilitaristischen christlichen Webseite herunterladen. Wer sich durch die Lektüre die Aufdeckung großartiger militärischer Geheimnisse erhofft hatte, dürfte sich getäuscht sehen. Vielmehr geht es hauptsächlich um das Vermeiden bürokratischen Kompetenzgerangels.

Dennoch lassen sich einige wichtige Feststellungen aus dem geleakten Text treffen. Erstens: Es gibt eine innerkirchliche Opposition gegen den Kriegstüchtigkeitskurs der beiden Großkirchen. So hatte sich die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann schon im Jahr 2024 gegen den GOD gewandt (RT DE berichtete). Auch der EKD-Friedensbeauftragte Friedrich Kramer übte deutliche Kritik an der Friedensdenkschrift seiner Kirche, die auch eine nukleare Teilhabe für ethisch begründbar hält.
Wie verbittert friedensbewegte kirchliche Kreise auf den militaristischen Kurs der kirchlichen Führung reagieren, zeigt die Äußerung der „Ökumenischen Initiative zur Abschaffung/Reform der Militärseelsorge“. Sie schreibt auf ihrer Homepage: „Im Kriegsfall sollen wir Todesnachrichten überbringen, uns um die Witwen und Waisen kümmern, mit dem Militär zusammenarbeiten und ansonsten für ‚Ruhe und Ordnung‘ sorgen.“
Und ein sich dem Frieden verpflichtet fühlender Christ äußerte auf seinem Facebook-Account ebenfalls vehemente Kritik am GOD: „In dem Papier steht aber NICHT, dass wir im Kriegsfall Deserteure unterstützen sollen. Da steht nicht, dass wir im Kriegsfall für einen Waffenstillstand, Verhandlungen und Abrüstung demonstrieren sollen. Zusammenfassung: Die Bischöfe haben mit der Bundeswehr ein Mistpapier entwickelt.“ Schließlich beweist schon allein die Tatsache, dass GOD geleakt wurde, die Existenz eines klerikalen Widerstands.

Als zweite Erkenntnis folgt aus der Lektüre: Schon allein die Existenz des GOD zeigt, dass Militärseelsorge, Kirchen und Bundeswehr die Wahrscheinlichkeit eines in Bälde eintretenden kriegerischen Konflikts für hoch halten. Die genannten Krisenstäbe, Kontaktketten und Fortbildungen sowohl für hauptamtliche als auch für ehrenamtliche Seelsorger würden die Kirchen nicht einrichten, gingen sie nicht davon aus, dass sie sie bald einsetzen müssten.
Und der künftige Kriegsgegner wird Russland sein. Das wird aus folgender Erklärung klar: „Wir erleben nicht nur einen Krieg in Europa, genauer in der Ukraine. Deutschland und seine europäischen Nachbarn sind jetzt schon Angriffsziel: Hybride Bedrohungen, Angriffe auf die kritische Infrastruktur, Cyberattacken sind nur einige Stichpunkte. Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen.“
Dabei rechnen die kirchlichen Verfasser des GOD nicht mit einem russischen Überfall auf Deutschland. Auch Kämpfe auf deutschem Gebiet halten sie für unwahrscheinlich. Sie gehen vielmehr vom Bündnisfall aus, in dem Deutschland als logistische Drehscheibe fungieren wird. Waffen, Material und Soldaten würden dann durch die BRD an die Front gebracht, außerdem stünden Deutschland „Fluchtbewegungen von Ost nach West“ bevor, ebenso der Rücktransport von Verwundeten und Gefallenen.
Und deren Anzahl wird hoch sein, meinen die Autoren (ab Zeile 129): „Aufgrund der Erfahrungen aus dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sollte von einer hohen Anzahl an Verwundeten und Gefallenen ausgegangen werden.“ Auf das deutsche Kerngebiet kämen vermutlich – abgesehen von den oben schon genannten Belastungen – „Angriffe auf die kritische Infrastruktur, Cyberattacken, Sabotage und Terrorakte“ zu.

Die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Ersteller des GOD einen Krieg mit hohen Verlusten erwarten und eine möglichst effiziente geistliche Betreuung seiner Opfer und Hinterbliebenen planen, erschreckt. Die hohe Verlustzahl stimmt allerdings mit Planungen der Bundeswehr überein, die bereits im Jahr 2019 von einer täglichen Verlustrate von vier Prozent ausging.
Umso zynischer wirkt die Haltung der am GOD beteiligten Geistlichen. Ihrer Kenntnis nach würde die deutsche Zivilbevölkerung durch einen kriegerischen Konflikt erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden. Für den Bündnisfall setzen sie „Sabotage- und Terrorakte“ voraus, bei denen mit einer hohen Opferzahl unter der Zivilbevölkerung und mit „Massentraumatisierungen“ zu rechnen sei. Auch seien dann die gewohnten Standards der Gesundheitsversorgung nicht mehr zu gewährleisten.
Bereits während der Truppentransporte im Spannungsfall (ab Zeile 181) rechnet das Rahmenpapier mit „Einschränkungen in bisher unbekanntem Ausmaß“ für die Zivilbevölkerung. Die Geistlichen konstatieren, dass die Einschränkungen „zu großer Verunsicherung führen und auch hier Betreuungsbedarf generieren“ würden.

Letzteres lässt darauf schließen, dass eine Bevölkerung, die sich angesichts einer vermeidbaren Notsituation aufbegehrend fühlt, geistlich ruhiggestellt werden soll. Auch die Ausarbeitung einer „erweiterten liturgischen Sprachfähigkeit“ (ab Zeile 467), die dazu beitragen soll, „Sicherheit zu finden, die neue Alltagssituation zu benennen und anzunehmen sowie im Licht des Evangeliums eine Perspektive zu finden“, klingt danach.
Der geleakte Text macht immer wieder deutlich, dass die Verantwortlichen Wert auf die Steuerung und Koordinierung der öffentlichen kirchlichen Verlautbarungen legen (Zeile 303). Womöglich fürchtet man Abweichler aus den eigenen Reihen, die gegen den Kriegskurs aufbegehren könnten. Dabei sehen sich die Verfasser selbst nicht als Kriegstreiber.
Im Gegenteil, sie schlagen sogar vor, für die Zivilbevölkerung „besondere Gottesdienste und Veranstaltungen“ anzubieten, die sich „auf das Leid der Schöpfung“ und Fürbitten für die Soldaten fokussieren könnten (ab Zeile 477). Diese Gottesdienste sollten „Aspekte von Friedensarbeit“ aufgreifen. Gerade letzteres erinnert unangenehm an den Adventsgottesdienst in Rukla, wo die vorgeblichen Pazifisten in Uniform die Hymne der Friedensbewegung „We shall overcome“ für sich vereinnahmten.

Die Kirchenleitungen sollen im Krisenfall die Gemeinden mit „gesicherten Informationen“ versorgen (Zeile 424). Hier kommt einem unwillkürlich die fragwürdige Impf-Agitation der Kirchen während der Corona-Zeit in den Sinn. Damals lautete der Slogan „Impfen = Nächstenliebe“. Sind etwa wieder Geistliche als Infokrieger eingeplant? Überhaupt dient im GOD das kirchliche Vorgehen aus der Corona-Pandemie als Blaupause. Man könne auf bewährte Strukturen aus dieser Zeit zurückgreifen, heißt es. Auch aus den Erfahrungen aus den Flüchtlingsjahren 2015 und 2022 ließe sich lernen, wenn es um große Fluchtbewegungen ginge.
Ein großer Fokus liegt auf den Beerdigungen von zivilen oder militärischen Opfern. Die Kirchen bereiten sich bereits jetzt darauf vor und entwickeln „für diese besonderen Gottesdienste“ „Hilfen zur Vorbereitung“ (ab Zeile 493). Für die Gefallenen ist nach Möglichkeit eine Bestattung im Kreise der Familie vorgesehen. Es könnte allerdings sein, dass die Zahl der Gefallenen sehr hoch sein wird, sodass „ein Transport in die Heimat nicht mehr möglich ist“. Hierfür liegen dann „Liturgien und Hilfen für Trauerfeiern und Bestattungen mit einer größeren Anzahl von Gefallenen“ vor (ab Zeile 697). Auch in der Betreuung der Trauernden und Angehörigen von Vermissten sieht der GOD eine Aufgabe für die Kirchen.
Für alles ist vorgesorgt, alles ist eingeplant. Nur das Wichtigste fehlt: Sich widersetzen gegen die Logik des Krieges. Sich als Geistlicher nicht zum Rädchen innerhalb der klerikalen Kriegsmaschinerie machen lassen. Oder, noch wichtiger: Es erst gar nicht zum Krieg kommen lassen.
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