Besonders der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke wettert regelmäßig gegen „die da oben“ und sieht sich umzingelt von „globalistischen Machtnetzwerken“. Warum verfängt rechte Elitenkritik?


In Höckes Wahrnehmung gehören plötzlich alle Feinde zur Elite

Foto: Eibner/Imago Images


Im Januar verlinkt Björn Höcke auf seinem Facebook-Account zu einem Interview „über Elitenkritik, ‚Post-Demokratie‘, außenpolitische Weichenstellungen und den Kurs der AfD“, wie er es formuliert. Der Link führt zu dem Portal „The Gateway Pundit“, das das englischsprachige Wikipedia als „amerikanische rechtsextreme Fake-News-Website“ bezeichnet. Dort ist Höckes Interview in leicht abgewandelter Form zu lesen. Das Original-Interview hingegen erschien auf dem mutmaßlich kremlnahen Portal Eagle Eye Explore, zumindest wird es regelmäßig auf russischen Propaganda-Seiten zitiert.

Im Interview zeichnet Höcke düstere Untergangsszenarien für Europa und Deutschland, in dem gerade ein „totalitäres Monster“ wachse, greift antisemitische Verschwörungsmythen auf, hetzt über Eliten, solidarisiert sich mit Trumps MAGA-Bewegung, fantasiert von einer „groß angelegten Remigrationsoffensive“ und darüber, dass Thüringen „zum Piemont eines deutschen Neuanfangs werden“ solle, wenn er dort eines Tages herrscht. Womöglich hat sich Höcke für die Verlinkung des abgewandelten Interviews entschieden, weil er ursprünglich von „globalistischen Machtnetzwerken“ spricht, die sich „wie eine Krake“ über Europa gelegt hätten.

Die Krake – das sollte der ehemalige Geschichtslehrer wissen – war ein zentrales Motiv der NS-Propaganda für die angebliche jüdische Weltverschwörung.

Alle Feinde gehören zur Elite

Es ist nicht neu, dass sich Höcke am Narrativ der jüdischen Weltverschwörung bedient und diese durch Begriffe aus dem Nationalsozialismus unterfüttert, etwa wenn er 2019 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Brandenburg von einem „entarteten Finanzkapitalismus“ spricht, der die deutsche Bevölkerung in seinen „Klauen“ halte. Auch schon 2017 schwadronierte Höcke bei einer Konferenz des rechtsextremen Compact-Magazins von jener „Geldmachtelite“, die systematisch auf die Abschaffung ethnisch definierter Völker hinarbeite. Die Rede nannte er: „Widerstand gegen den Raubtierkapitalismus“.

Neu ist aber, dass in Höckes Wahrnehmung plötzlich alle Feinde zur Elite gehören, was seine Kritik inflationär wirken lässt. Er spricht von einer politischen Elite und scheint damit alle anderen Parteien im Bundestag zu meinen, er spricht von „globalistischen EU-Eliten“ und gibt den „herrschenden Eliten“, womit er die Regierung adressiert, die Schuld am angeblichen Niedergang Deutschlands. Höcke klagt: „Die erschöpften Eliten sind nicht mehr zu viel mehr fähig, als ihre Macht durch Propaganda und Repression aufrechtzuerhalten.“ In Deutschland, erklärt Höcke dem englischsprachigen Leser noch, würde der Fisch vom Kopf her stinken. The fish stinks from the head down.

Auch wenn sich Höckes Interview liest wie eine riesige Halde an wüsten Verschwörungsmythen, kommt es bei seinen Anhängern auf Facebook gut an. Jemand schreibt, dass er Höckes „Gabe, die Dinge dann verständlich und auf den Punkt zu formulieren“, schätze. Eine Anhängerin schreibt: „Exakte Lageeinschätzung“. Was verfängt also daran? Warum wettert es sich so gut gegen „die da oben“?

Die Professorenpartei

Als sich die AfD 2013 gründete, galt sie als Professorenpartei. Wohl situierte Leute wie der Universitätsprofessor Bernd Lucke oder Konrad Adam, der zwanzig Jahre lang Feuilletonredakteur der FAZ war, waren die Gründungsväter. Auch wenn deren Themen wie Euroskeptizismus oder Wirtschaftsliberalismus bald durch einen völkischen Nationalismus ersetzt wurden, würde es ohne Höckes vermeintliche Elite die AfD gar nicht geben. Aber es scheint, als würden die, die heute die AfD beherrschen, genauso wenig von ihren Wurzeln wissen wollen, wie die, die heute die AfD wählen.

Gerade in Ostdeutschland, wo Höcke Politik macht, hat sich die AfD das Image einer Partei der kleinen Leute und Kümmerer aufgebaut. Da scheint es ihren Anhängern ganz egal zu sein, ob es längst anhand ihrer Wahlprogramme widerlegt wurde, dass die Partei eben keine Politik für Geringverdiener macht, oder Parteichefin Alice Weidel mit ihrem großbürgerlichen Habitus samt Perlenkette und weißer, gut gebügelter Bluse kaum elitärer wirken könnte, zumal sie vor ihrer Zeit als Politikerin als Analystin in einer weltweit führenden Investmentbank gearbeitet hat. Also auch die AfD stinkt vom Kopf her.

Hinzukommt, dass ein Teil der Elite schon lange dem Unterstützer- und Finanzierungskreis der Partei angehört, die AfD es also ohne ihre elitären Großspender wie dem Immobilienmilliardär Henning Conle wohl nicht so weit geschafft hätte. Sowieso müssten die Ziele der AfD wie die vollständige Abschaffung der Grundsteuer mehr den Milliardären dieser Welt als den kleinen Leuten in Ostdeutschland zusagen. Doch ihr jahrelanges Eliten-Bashing inklusive dem dauerschleifigen Klagelied von „die da oben“, die Schuld an allem haben, ist inzwischen tief ins Bewusstsein ihrer Anhänger gedrungen, nicht nur im Osten.

Bleibt abzuwarten, ob der unantastbare Vertrauensvorschuss, den die AfD bei ihrer Wählerschaft zu haben scheint, durch die neueste parteiinterne Affäre um Vetternwirtschaft bröckeln wird.

äßig auf russischen Propaganda-Seiten zitiert.Im Interview zeichnet Höcke düstere Untergangsszenarien für Europa und Deutschland, in dem gerade ein „totalitäres Monster“ wachse, greift antisemitische Verschwörungsmythen auf, hetzt über Eliten, solidarisiert sich mit Trumps MAGA-Bewegung, fantasiert von einer „groß angelegten Remigrationsoffensive“ und darüber, dass Thüringen „zum Piemont eines deutschen Neuanfangs werden“ solle, wenn er dort eines Tages herrscht. Womöglich hat sich Höcke für die Verlinkung des abgewandelten Interviews entschieden, weil er ursprünglich von „globalistischen Machtnetzwerken“ spricht, die sich „wie eine Krake“ über Europa gelegt hätten.Die Krake – das sollte der ehemalige Geschichtslehrer wissen – war ein zentrales Motiv der NS-Propaganda für die angebliche jüdische Weltverschwörung.Alle Feinde gehören zur EliteEs ist nicht neu, dass sich Höcke am Narrativ der jüdischen Weltverschwörung bedient und diese durch Begriffe aus dem Nationalsozialismus unterfüttert, etwa wenn er 2019 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Brandenburg von einem „entarteten Finanzkapitalismus“ spricht, der die deutsche Bevölkerung in seinen „Klauen“ halte. Auch schon 2017 schwadronierte Höcke bei einer Konferenz des rechtsextremen Compact-Magazins von jener „Geldmachtelite“, die systematisch auf die Abschaffung ethnisch definierter Völker hinarbeite. Die Rede nannte er: „Widerstand gegen den Raubtierkapitalismus“. Neu ist aber, dass in Höckes Wahrnehmung plötzlich alle Feinde zur Elite gehören, was seine Kritik inflationär wirken lässt. Er spricht von einer politischen Elite und scheint damit alle anderen Parteien im Bundestag zu meinen, er spricht von „globalistischen EU-Eliten“ und gibt den „herrschenden Eliten“, womit er die Regierung adressiert, die Schuld am angeblichen Niedergang Deutschlands. Höcke klagt: „Die erschöpften Eliten sind nicht mehr zu viel mehr fähig, als ihre Macht durch Propaganda und Repression aufrechtzuerhalten.“ In Deutschland, erklärt Höcke dem englischsprachigen Leser noch, würde der Fisch vom Kopf her stinken. The fish stinks from the head down.Auch wenn sich Höckes Interview liest wie eine riesige Halde an wüsten Verschwörungsmythen, kommt es bei seinen Anhängern auf Facebook gut an. Jemand schreibt, dass er Höckes „Gabe, die Dinge dann verständlich und auf den Punkt zu formulieren“, schätze. Eine Anhängerin schreibt: „Exakte Lageeinschätzung“. Was verfängt also daran? Warum wettert es sich so gut gegen „die da oben“?Die Professorenpartei Als sich die AfD 2013 gründete, galt sie als Professorenpartei. Wohl situierte Leute wie der Universitätsprofessor Bernd Lucke oder Konrad Adam, der zwanzig Jahre lang Feuilletonredakteur der FAZ war, waren die Gründungsväter. Auch wenn deren Themen wie Euroskeptizismus oder Wirtschaftsliberalismus bald durch einen völkischen Nationalismus ersetzt wurden, würde es ohne Höckes vermeintliche Elite die AfD gar nicht geben. Aber es scheint, als würden die, die heute die AfD beherrschen, genauso wenig von ihren Wurzeln wissen wollen, wie die, die heute die AfD wählen.Gerade in Ostdeutschland, wo Höcke Politik macht, hat sich die AfD das Image einer Partei der kleinen Leute und Kümmerer aufgebaut. Da scheint es ihren Anhängern ganz egal zu sein, ob es längst anhand ihrer Wahlprogramme widerlegt wurde, dass die Partei eben keine Politik für Geringverdiener macht, oder Parteichefin Alice Weidel mit ihrem großbürgerlichen Habitus samt Perlenkette und weißer, gut gebügelter Bluse kaum elitärer wirken könnte, zumal sie vor ihrer Zeit als Politikerin als Analystin in einer weltweit führenden Investmentbank gearbeitet hat. Also auch die AfD stinkt vom Kopf her. Hinzukommt, dass ein Teil der Elite schon lange dem Unterstützer- und Finanzierungskreis der Partei angehört, die AfD es also ohne ihre elitären Großspender wie dem Immobilienmilliardär Henning Conle wohl nicht so weit geschafft hätte. Sowieso müssten die Ziele der AfD wie die vollständige Abschaffung der Grundsteuer mehr den Milliardären dieser Welt als den kleinen Leuten in Ostdeutschland zusagen. Doch ihr jahrelanges Eliten-Bashing inklusive dem dauerschleifigen Klagelied von „die da oben“, die Schuld an allem haben, ist inzwischen tief ins Bewusstsein ihrer Anhänger gedrungen, nicht nur im Osten.Bleibt abzuwarten, ob der unantastbare Vertrauensvorschuss, den die AfD bei ihrer Wählerschaft zu haben scheint, durch die neueste parteiinterne Affäre um Vetternwirtschaft bröckeln wird.



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