Ein Interview am Rande des Abgrunds

In einem intensiven Gespräch mit dem Moderator Nima Alkhorshid diskutiert der renommierte geopolitische Analyst Pepe Escobar am Vorabend des vierten Jahrestags der russischen Spezialoperation in der Ukraine die explosive Lage in Westasien. Das Interview, das am 23. Februar 2026 stattfand, beleuchtet die unmittelbare Kriegsgefahr gegen Iran, die Rolle einer neuen Achse aus China, Russland und Iran sowie den Kontrast zu massiven Infrastrukturprojekten, die Eurasien verbinden.

Escobar, frisch von Reisen durch Iran zurück, präsentiert eine Dokumentation über den Internationalen Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC) und kontrastiert damit die zerstörerische Kriegslogik des Westens mit der konstruktiven Vision der BRICS-Staaten.

Trump und die Entscheidung über Krieg oder Diplomatie

Escobar beschreibt die aktuelle Situation als „Rasiermesserkante“ – eine historische Entscheidungsschwelle, die allein in den Händen von US-Präsident Donald Trump liegt. Trump habe das JCPOA-Atomabkommen von 2015 zerstört, das in Wien verhandelt und von der UN ratifiziert wurde. Nun fordere er eine totale Kapitulation Teherans: Aufgabe des nuklearen Programms, des ballistischen Raketenprogramms und der Unterstützung der „Achse des Widerstands“ (Hisbollah, Ansarallah im Jemen, irakische Milizen etc.).

Iran lehne dies kategorisch ab und signalisiere nur Bereitschaft zu Gesprächen über das Atomprogramm – höflich, aber unnachgiebig.

In Genf stehe möglicherweise eine letzte Chance für Diplomatie an, doch die Zeichen stünden auf Sturm. Eine massive US-Flotte operiere in der Arabischen See, fern der Straße von Hormus, bereit für einen Angriff. Escobar sieht Optionen von einem „Mini-Shock-and-Awe“ wie 2003 gegen Irak bis zu einer israelischen „Dekapitationsschlag“-Strategie gegen Ayatollah Khamenei, die politische Führung und IRGC-Kommandeure. Die Entscheidung sei bereits gefallen – es gehe nur noch um das „Wie“.

Trump sitze zwischen den Stühlen. Seine Großspender, zionistische Netzwerke und AIPAC sowie der militärisch-industrielle Komplex drängten massiv auf Krieg. Ein Rückzieher würde ihn politisch zerstören. Gleichzeitig warnten selbst einige Pentagon-Strategen vor katastrophalen iranischen Gegenangriffen: Angriffe auf US-Basen, Blockade der Straße von Hormus, direkte Schläge gegen Israel.

Escobar betont, Trump umgebe sich mit einer „echo chamber“ aus mittelmäßigen, pro-zionistischen Beratern ohne Iran-Kenntnisse. Seine Aufmerksamkeitsspanne sei legendär kurz – „wie bei einem Vierjährigen“, zitiert er Jeffrey Sachs.

Nur zionistische Ziele

Escobar macht klar, die USA hätten keinerlei nationale Vorteile von einem Krieg gegen Iran. Es gehe ausschließlich um israelische Ziele: die Zerstörung Irans als regionale Macht. Figuren wie Mike Huckabee verkündeten offen, Israel habe das Recht, alles in Westasien zu annektieren. Die Realität sei enttarnt, keine diplomatische Verpackung mehr.

Ein Angriff würde die muslimische Welt, weite Teile der arabischen Staaten, selbst Vasallenregime warnten davor, und den gesamten Globalen Süden gegen die USA aufbringen. Es wäre ein Krieg gegen drei oder vier BRICS-Staaten gleichzeitig: Iran, Russland, China und indirekt Indien über den INSTC-Korridor.

China betrachte Iran als nationale Sicherheitsfrage: Top-Energieversorger, Schlüssel für die Neuen Seidenstraßen und Ost-West-Korridore durch Eurasien. Die strategische Partnerschaft mit China im Wert von mindestens 450 Milliarden USD reiche bis in die Sassaniden- und Tang-Zeit zurück, reine Handelstradition.

Russland und China unterstützten Iran bereits massiv: Militärtechnologie, Echtzeit-Informationen, Frachtflugzeuge vom Typ IL-76 und chinesische Maschinen, diplomatische Deckung in BRICS und im Globalen Süden. Ein US-Angriff wäre ein Krieg gegen die Integration Eurasiens und den Globalen Süden insgesamt.

Der ultimative wirtschaftliche Selbstmord

Escobar warnt vor den globalen Folgen. Eine Blockade der Straße von Hormus, auch teilweise oder schrittweise, würde die Weltwirtschaft implodieren lassen. Die Derivate-Blase liege im Quadrillionen-Bereich. Trump würde als Verursacher des globalen Kollapses in die Geschichte eingehen – ein beschleunigter Untergang des Imperiums durch den Imperator selbst.

Iran habe unzählige Szenarien: Minenlegen, Drohnen, asymmetrische Taktiken. Die Initiative läge bei Teheran.

Die Iraner zeigten neue Selbstsicherheit: keine Angst, volle Vorbereitung. Escobar und Nima berichten aus eigener Anschauung: keine Fragilität, tiefe kulturelle Resilienz. Iran kämpfe ums Überleben, die USA führten einen Wahlkrieg für Israel. Iran werde nicht kapitulieren – wie im achtjährigen Krieg gegen Irak, unterstützt von USA, Sowjetunion und Europa, trotz totaler Isolation.

Make Connectivity Corridors, Not War

Mitten im Kriegsgeheul präsentiert Escobar die konstruktive Alternative. Seine neue Dokumentation „Golden Corridor“ auf Press TV ist die erste englischsprachige Dokumentation über den Internationalen Nord-Süd-Transportkorridor. Er reiste vom Kaspischen Meer über Teheran bis zum Hafen Chabahar am Indischen Ozean und zur iranisch-pakistanischen Seegrenze.

Der INSTC verbindet drei BRICS-Staaten: Russland, Iran und Indien. Er schafft kürzere, sanktionsresistente Routen, umgeht den Suezkanal, stärkt Handel und Integration. Iran wird zum logistischen Drehkreuz Eurasiens, Brücke zwischen Kaspischem Meer, Persischem Golf, Kaukasus und Zentralasien. Historisch knüpft er an die Achämeniden-Königsstraße und die Seidenstraße der Sassaniden an.

Escobar formuliert den Slogan der Zukunft: „Make Connectivity Corridors, Not War“. Während der Westen Zerstörung plane, baut Eurasien Handelsadern, friedliche, prosperierende Integration. Die Dokumentation auf Press TV zeige reale Entwicklung: Häfen, Eisenbahnen, Straßen – ein Gegenentwurf zur Kriegslogik.

Eine historische Weichenstellung

Pepe Escobars Analyse ist düster und hoffnungsvoll zugleich. Ein US-Angriff auf Iran würde Westasien in Brand setzen, die globale Wirtschaft gefährden und den Globalen Süden vereinen gegen ein toxisches Oligarchen-Netzwerk. Doch die wahre Machtverschiebung geschehe durch Kooperation: Iran als zentraler Knotenpunkt neuer Seidenstraßen.

Das Interview endet mit einem Appell: Schaut die Dokumentation, versteht die Alternative. In einer Welt am Abgrund könnte Eurasien den Weg weisen – nicht durch Bomben, sondern durch Brücken.

Die nächsten Tage entscheiden, ob Geschichte durch Krieg oder durch Vernetzung geschrieben wird.



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