In diesem Winter schloss sich die Ozonschicht, die uns vor der UV-Strahlung der Sonne schützt, so früh wie nie zuvor. Anlass zu fragen, was sich daraus lernen lässt
Da gab es noch Hoffnung: Mitarbeiterinnen der Firma Foron im Erzgebirge fertigen 1994 den „Greenfreeze“
Foto: Wolfgang Thieme picture-alliance/ ZB
Der Tod spielt schon als Schatten mit den Kindern: In den 1990er Jahren warnten solche Plakate vor Hautkrebs. Maximal 50 Aufenthalte in der Sonne pro Jahr empfahl die Strahlenschutzkommission, Rasen mähen mit freiem Oberkörper oder Fußball spielen in Shorts – viel zu gefährlich. Das lag an der Wirkung von Fluorkohlenwasserstoffen, kurz: FCKW. Die hatten sich in die Ozonschicht reingefressen, das Ozonloch war die Folge. Vor bald 50 Jahren stand die Menschheit erstmals kurz davor, ihre Lebensgrundlage zu zerstören.
Seit Mitte der 1930er Jahre wurden die chlorierten organischen Verbindungen großindustriell hergestellt, FCKW ließ sich hervorragend als Kälte- oder Lösemittel einsetzen. Erstmals warnten Wissenschaftler 1974 vor den Auswirkungen, ähnlich wie später bei der Erderwärmung bekämpfte die Industrie die Erkenntnisse, Skeptiker bezweifelten sie.
Erst die Entdeckung des Ozonlochs sorgte 1985 für einen Gesinnungswandel. Binnen weniger Jahre war die Konzentration des Ozons über der Südhalbkugel auf weniger als fünfzig Prozent geschrumpft. Das sorgte für eine gewisse Panik, denn die Ozonschicht hält die ultraviolette Strahlung der Sonne zurück. Nur wegen dieser Schutzschicht gibt es Menschen auf der Erde: Die Strahlung wirkt bei Lebewesen krebserregend.
65.000 Vorbestellungen für den „Greenfreeze“
Eine UN-Konferenz sollte die Zukunft retten: 1987 verpflichteten sich mit dem Montrealer Protokoll viele Staaten zur Reduktion ihrer FCKW-Herstellung. „Das Montreal-Abkommen war löchrig wie ein Schweizer Käse. Niemals hätte es die Ozonschicht gerettet“, urteilt der Hamburger Klimaforscher Mojib Latif. Es folgten aber viele Nachverhandlungen, 1990 wurde in London ein Abkommen beschlossen, das die Herstellung und Anwendung von FCKW ab dem Jahr 2000 verbot.
Greenpeace wollte aber nicht so lange warten, die Umweltschützer schlossen sich mit dem früheren DDR-Kühlschrankbauer dkk Scharfenstein zusammen. Am 15. März 1993 lief bei der Firma Foron im Erzgebirge der „Greenfreeze“ vom Band: der erste Kühlschrank der Welt frei vom Kühlmittel FCKW. Eigentlich wollte die Treuhand die Firma liquidieren, jetzt gingen 65.000 Vorbestellungen für den „Greenfreeze“ ein. Nicht nur 540 Arbeitsplätze schienen gerettet, sondern auch die Menschheit: Die Foroner im Erzgebirge hatten in Zusammenarbeit mit Greenpeace bewiesen, dass FCKW ersetzbar sind.
Tatsächlich hat sich das Ozonloch in diesem Jahr bereits Anfang Dezember geschlossen – ungewöhnlich früh, wie der Erdbeobachtungsdienst Copernicus der EU erklärte. Auch die Größe des Ozonlochs blieb mit 21 Millionen Quadratkilometern vergleichsweise gering, knapp ein Fünftel weniger als im Jahr 2023. Wissenschaftler werten die Entwicklung als positives Zeichen für die Erholung der schützenden Ozonschicht: Vor 20 Jahren war das Ozonloch noch so groß wie Russland und die USA zusammen.
Wie knapp die Menschheit an der Katastrophe vorbeigeschlittert ist, zeigen die Australier, die weltweit am häufigsten an Hautkrebs erkranken: Zwei von drei Menschen bekommen dort im Laufe ihres Lebens mindestens einmal die Diagnose Hautkrebs, manche mehrfach, mehrere Tausend sterben jedes Jahr daran. Das hängt mit den Kälte- und Strömungsverhältnissen über der Antarktis zusammen, die den Ozonabbau begünstigen, weshalb hier das Ozonloch am ausgeprägtesten ist: Bis zu 250.000 Menschen bekommen hier jedes Jahr die Diagnose Hautkrebs.
Die „chlorreichen Sieben“
Noch ist nicht ganz klar, ob sich das Ozonloch irgendwann tatsächlich für immer wieder schließen wird, die Wissenschaft mutmaßt, dass dies frühestens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eintreffen könnte. Dennoch lässt sich einiges aus der Geschichte lernen. Erstens, dass der Industrie im Kapitalismus niemals zu vertrauen ist. Statt nämlich die FCKW-freie Variante zu übernehmen, bekriegte die westdeutsche Konkurrenz damals den ostdeutschen Foron-Kühlschrank. Bosch, Siemens, Liebherr, Miele, Electrolux, AEG und Bauknecht drohten „ihren“ Händlern mit Kündigung, falls sie den „Greenfreeze“mit mitzuvertreiben gedachten. Greenpeace nannte sie die „chlorreichen Sieben“. Die Drohung wirkte, Foron überlebte den Boykott nicht.
Zweite Erkenntnis: Es lohnt sich, frühzeitig auf die Wissenschaft zu hören. Hätten die Kühlschrankhersteller und andere FCKW-Verwender nicht erst 25 Jahre lang gewartet, bis sie den Alternativen zum Durchbruch verhalfen, wäre das Problem nie so groß geworden. Hautkrebs gilt im frühen Stadium als gut heilbar – wenn er rechtzeitig erkannt wird. So etwas gilt auch für die Atmosphärenschädigung etwa durch Lachgas, Methan oder Kohlendioxid, die den Treibhauseffekt beschleunigen.
Dritte Erkenntnis: Gute Alternativen wie der FCKW-freie „Greenfreeze“ setzen sich trotz allen Bekämpfens irgendwann durch. Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir das nächste Mal über Wärmepumpen oder ein Verbot von Neuzulassungen von Verbrennermotoren diskutieren.
; sich hervorragend als Kälte- oder Lösemittel einsetzen. Erstmals warnten Wissenschaftler 1974 vor den Auswirkungen, ähnlich wie später bei der Erderwärmung bekämpfte die Industrie die Erkenntnisse, Skeptiker bezweifelten sie.Erst die Entdeckung des Ozonlochs sorgte 1985 für einen Gesinnungswandel. Binnen weniger Jahre war die Konzentration des Ozons über der Südhalbkugel auf weniger als fünfzig Prozent geschrumpft. Das sorgte für eine gewisse Panik, denn die Ozonschicht hält die ultraviolette Strahlung der Sonne zurück. Nur wegen dieser Schutzschicht gibt es Menschen auf der Erde: Die Strahlung wirkt bei Lebewesen krebserregend.65.000 Vorbestellungen für den „Greenfreeze“Eine UN-Konferenz sollte die Zukunft retten: 1987 verpflichteten sich mit dem Montrealer Protokoll viele Staaten zur Reduktion ihrer FCKW-Herstellung. „Das Montreal-Abkommen war löchrig wie ein Schweizer Käse. Niemals hätte es die Ozonschicht gerettet“, urteilt der Hamburger Klimaforscher Mojib Latif. Es folgten aber viele Nachverhandlungen, 1990 wurde in London ein Abkommen beschlossen, das die Herstellung und Anwendung von FCKW ab dem Jahr 2000 verbot.Greenpeace wollte aber nicht so lange warten, die Umweltschützer schlossen sich mit dem früheren DDR-Kühlschrankbauer dkk Scharfenstein zusammen. Am 15. März 1993 lief bei der Firma Foron im Erzgebirge der „Greenfreeze“ vom Band: der erste Kühlschrank der Welt frei vom Kühlmittel FCKW. Eigentlich wollte die Treuhand die Firma liquidieren, jetzt gingen 65.000 Vorbestellungen für den „Greenfreeze“ ein. Nicht nur 540 Arbeitsplätze schienen gerettet, sondern auch die Menschheit: Die Foroner im Erzgebirge hatten in Zusammenarbeit mit Greenpeace bewiesen, dass FCKW ersetzbar sind.Tatsächlich hat sich das Ozonloch in diesem Jahr bereits Anfang Dezember geschlossen – ungewöhnlich früh, wie der Erdbeobachtungsdienst Copernicus der EU erklärte. Auch die Größe des Ozonlochs blieb mit 21 Millionen Quadratkilometern vergleichsweise gering, knapp ein Fünftel weniger als im Jahr 2023. Wissenschaftler werten die Entwicklung als positives Zeichen für die Erholung der schützenden Ozonschicht: Vor 20 Jahren war das Ozonloch noch so groß wie Russland und die USA zusammen.Wie knapp die Menschheit an der Katastrophe vorbeigeschlittert ist, zeigen die Australier, die weltweit am häufigsten an Hautkrebs erkranken: Zwei von drei Menschen bekommen dort im Laufe ihres Lebens mindestens einmal die Diagnose Hautkrebs, manche mehrfach, mehrere Tausend sterben jedes Jahr daran. Das hängt mit den Kälte- und Strömungsverhältnissen über der Antarktis zusammen, die den Ozonabbau begünstigen, weshalb hier das Ozonloch am ausgeprägtesten ist: Bis zu 250.000 Menschen bekommen hier jedes Jahr die Diagnose Hautkrebs.Die „chlorreichen Sieben“Noch ist nicht ganz klar, ob sich das Ozonloch irgendwann tatsächlich für immer wieder schließen wird, die Wissenschaft mutmaßt, dass dies frühestens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eintreffen könnte. Dennoch lässt sich einiges aus der Geschichte lernen. Erstens, dass der Industrie im Kapitalismus niemals zu vertrauen ist. Statt nämlich die FCKW-freie Variante zu übernehmen, bekriegte die westdeutsche Konkurrenz damals den ostdeutschen Foron-Kühlschrank. Bosch, Siemens, Liebherr, Miele, Electrolux, AEG und Bauknecht drohten „ihren“ Händlern mit Kündigung, falls sie den „Greenfreeze“mit mitzuvertreiben gedachten. Greenpeace nannte sie die „chlorreichen Sieben“. Die Drohung wirkte, Foron überlebte den Boykott nicht.Zweite Erkenntnis: Es lohnt sich, frühzeitig auf die Wissenschaft zu hören. Hätten die Kühlschrankhersteller und andere FCKW-Verwender nicht erst 25 Jahre lang gewartet, bis sie den Alternativen zum Durchbruch verhalfen, wäre das Problem nie so groß geworden. Hautkrebs gilt im frühen Stadium als gut heilbar – wenn er rechtzeitig erkannt wird. So etwas gilt auch für die Atmosphärenschädigung etwa durch Lachgas, Methan oder Kohlendioxid, die den Treibhauseffekt beschleunigen. Dritte Erkenntnis: Gute Alternativen wie der FCKW-freie „Greenfreeze“ setzen sich trotz allen Bekämpfens irgendwann durch. Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir das nächste Mal über Wärmepumpen oder ein Verbot von Neuzulassungen von Verbrennermotoren diskutieren.