Corona wird zum Brennglas: In „Made in EU“ deckt Stephan Komandarev auf, wie die Pandemie in Bulgarien prekäre Arbeitsbedingungen und die Macht der Investoren sichtbar macht. Der Film beleuchtet die neoliberalen Strukturen und ihre Folgen


Sie müssen auch mit Fieber arbeiten, das Virus hat leichtes Spiel

Foto: jip film & verleih


Eine Überwachungskamera dokumentiert die Arbeitsprozesse der Näherinnen einer kleinen Textilfabrik im bulgarischen Rudozem. Dicht zusammengedrängt sitzen die Frauen, in blauen Kitteln, an Tischen, die kaum Raum zum Aufstehen lassen, und nähen Etiketten in Kleidung, die für den Export nach Westeuropa bestimmt ist. Das Label „Made in EU“ suggeriert den Konsumenten faire Produktionsbedingungen. Tatsächlich sind diese jedoch häufig schlechter als in vielen Ländern der sogenannten „Dritten Welt“. Der anonyme Blick der Kamera zeigt die Arbeiterinnen als einer Kontrolle unterworfen, die weit über die Fabrik hinausreicht.

Als Iva (Gergana Pletnyova), eine von ihnen, mit hohem Fieber zum Arzt geht, erhält sie keine Krankschreibung. Der Eigentümer der Näherei ist in der kleinen Stadt durch seine Investitionen so einflussreich, dass sich die alltäglichen Abläufe der Menschen an seinen Gewinnerwartungen orientieren müssen. Ohnehin kann es sich niemand leisten, der Arbeit fernzubleiben. Schon bei geringen Fehlzeiten droht der Verlust eines „Bonus“, der fast die Hälfte des Dumpinglohns ausmacht.

In der Corona-Pandemie hat die Ausbeutung Folgen über die Betroffenen hinaus

Es sind genau solche sprachlichen Verdrehungen, die der bulgarische Regisseur Stephan Komandarev als neoliberale Ideologie kritisch in den Blick nimmt. „Alles, was man uns über den Kommunismus erzählt hat, war gelogen“, heißt es an einer Stelle des Films ironisch. „Aber alles, was man uns über den Kapitalismus sagte, war die Wahrheit.“

Dass Iva und ihre Kolleginnen krank zur Arbeit gehen, bleibt nicht ohne Folgen für die ganze Stadt. Es ist März 2020, und in den Nachrichten ist von einem neuen Virus die Rede, das in der weit entfernten Hauptstadt Sofia aufgetaucht ist. Die Textilfabrik in Rudozem wird zum ersten Hotspot der Corona-Pandemie in Bulgarien, und Iva durch einen Zufall als Indexpatientin diagnostiziert. Eine reißerische mediale Berichterstattung über ihr angebliches Fehlverhalten führt zu einer Massenhysterie, in der sich Ohnmacht und Wut der Einwohner an einem Sündenbock entladen. Iva und ihr erwachsener Sohn werden in den sozialen Medien gemobbt und im realen Leben bedroht, angefeindet und ausgegrenzt.

Dennoch ist Made in EU kein Film über die sozialen Verwerfungen der Corona-Pandemie. Diese fungiert vielmehr als Brennglas, um die Folgen einer entgrenzten Globalisierung zu untersuchen, die im postsozialistischen Osteuropa seit der Wende ihre eigene gesellschaftliche Drastik entfaltet hat. Vertreter der staatlichen Gesundheitsbehörde reisen nach Rudozem, um die Einhaltung der Abstandsregeln zu prüfen, drücken jedoch gegen Gefälligkeiten beide Augen zu. Ihnen liegt nicht die Gesundheit der Arbeiterinnen am Herzen, sondern die Aufrechterhaltung von Regeln und Ordnung – sowie das Mitprofitieren an ausbeuterischen Verhältnissen. Die alte Autorität und ihre disziplinarische Gewalt verbinden sich mit den neuen Eliten globaler Konzerne.

Die versteckten ökonomischen Machtverhältnisse sichtbar machen

Komandarev hat in seiner viel beachteten sozialkritischen Trilogie, zu der auch Eine Frage der Würde gehört, der vor zwei Jahren in den deutschen Kinos zu sehen war, eine eigene filmische Arbeitsweise entwickelt. Ausgehend von realen Ereignissen entwickelt er gemeinsam mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern sowie mit Laien in einem langen Probenprozess ein Drehbuch, das von sozialer Erfahrung getragen ist. Eine reduzierte Montage und der Verzicht auf nicht-diegetische Musik verstärken den dokumentarischen Anspruch.

Im Kontrast zu seinen früheren Arbeiten wirkt Made in EU weniger ästhetisch komplex und ist sowohl in seiner linearen Dramaturgie als auch in der teils eindimensionalen Zeichnung der Figuren etwas holzschnittartig geraten. Dadurch tritt die moralische Botschaft des Films stark in den Vordergrund. Zugleich muss man Komandarev zugutehalten, dass die ökonomischen Verhältnisse, die er beschreibt, so komplex und zugleich in ihrer Alltäglichkeit derart unsichtbar sind, dass eine solche Schematisierung im Sinne eines Diskursangebots notwendig erscheinen kann.

Mit der Leidensgeschichte Ivas zeigt Made in EU exemplarisch, wie weit die Ökonomisierung in alle Lebensbereiche vorgedrungen ist und wie sehr sie ein solidarisches Aufbegehren gegen die Verhältnisse erschwert. Anstatt sich gegen den ausländischen Investor zu wehren, der nahezu die gesamte Stadt aufgekauft hat, richtet sich die hilflose Aggression der Menschen gegeneinander. Wenn Ivas Kolleginnen sich für ihre Kündigung und Bestrafung einsetzen und ihr am Ende die Kleider der Fabrik vom Leib reißen, die sie angeblich nicht mehr verdient, dann haben sie sich mit der Logik der neuen Ordnung identifiziert: „Besser du als ich.“

Made in EU Stephan Komandarev Bulgarien, Deutschland, Tschechien 2024,108 Min. Kinostart: 19.2.2026

rankschreibung. Der Eigentümer der Näherei ist in der kleinen Stadt durch seine Investitionen so einflussreich, dass sich die alltäglichen Abläufe der Menschen an seinen Gewinnerwartungen orientieren müssen. Ohnehin kann es sich niemand leisten, der Arbeit fernzubleiben. Schon bei geringen Fehlzeiten droht der Verlust eines „Bonus“, der fast die Hälfte des Dumpinglohns ausmacht.In der Corona-Pandemie hat die Ausbeutung Folgen über die Betroffenen hinausEs sind genau solche sprachlichen Verdrehungen, die der bulgarische Regisseur Stephan Komandarev als neoliberale Ideologie kritisch in den Blick nimmt. „Alles, was man uns über den Kommunismus erzählt hat, war gelogen“, heißt es an einer Stelle des Films ironisch. „Aber alles, was man uns über den Kapitalismus sagte, war die Wahrheit.“Dass Iva und ihre Kolleginnen krank zur Arbeit gehen, bleibt nicht ohne Folgen für die ganze Stadt. Es ist März 2020, und in den Nachrichten ist von einem neuen Virus die Rede, das in der weit entfernten Hauptstadt Sofia aufgetaucht ist. Die Textilfabrik in Rudozem wird zum ersten Hotspot der Corona-Pandemie in Bulgarien, und Iva durch einen Zufall als Indexpatientin diagnostiziert. Eine reißerische mediale Berichterstattung über ihr angebliches Fehlverhalten führt zu einer Massenhysterie, in der sich Ohnmacht und Wut der Einwohner an einem Sündenbock entladen. Iva und ihr erwachsener Sohn werden in den sozialen Medien gemobbt und im realen Leben bedroht, angefeindet und ausgegrenzt.Dennoch ist Made in EU kein Film über die sozialen Verwerfungen der Corona-Pandemie. Diese fungiert vielmehr als Brennglas, um die Folgen einer entgrenzten Globalisierung zu untersuchen, die im postsozialistischen Osteuropa seit der Wende ihre eigene gesellschaftliche Drastik entfaltet hat. Vertreter der staatlichen Gesundheitsbehörde reisen nach Rudozem, um die Einhaltung der Abstandsregeln zu prüfen, drücken jedoch gegen Gefälligkeiten beide Augen zu. Ihnen liegt nicht die Gesundheit der Arbeiterinnen am Herzen, sondern die Aufrechterhaltung von Regeln und Ordnung – sowie das Mitprofitieren an ausbeuterischen Verhältnissen. Die alte Autorität und ihre disziplinarische Gewalt verbinden sich mit den neuen Eliten globaler Konzerne.Die versteckten ökonomischen Machtverhältnisse sichtbar machen Komandarev hat in seiner viel beachteten sozialkritischen Trilogie, zu der auch Eine Frage der Würde gehört, der vor zwei Jahren in den deutschen Kinos zu sehen war, eine eigene filmische Arbeitsweise entwickelt. Ausgehend von realen Ereignissen entwickelt er gemeinsam mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern sowie mit Laien in einem langen Probenprozess ein Drehbuch, das von sozialer Erfahrung getragen ist. Eine reduzierte Montage und der Verzicht auf nicht-diegetische Musik verstärken den dokumentarischen Anspruch.Im Kontrast zu seinen früheren Arbeiten wirkt Made in EU weniger ästhetisch komplex und ist sowohl in seiner linearen Dramaturgie als auch in der teils eindimensionalen Zeichnung der Figuren etwas holzschnittartig geraten. Dadurch tritt die moralische Botschaft des Films stark in den Vordergrund. Zugleich muss man Komandarev zugutehalten, dass die ökonomischen Verhältnisse, die er beschreibt, so komplex und zugleich in ihrer Alltäglichkeit derart unsichtbar sind, dass eine solche Schematisierung im Sinne eines Diskursangebots notwendig erscheinen kann.Mit der Leidensgeschichte Ivas zeigt Made in EU exemplarisch, wie weit die Ökonomisierung in alle Lebensbereiche vorgedrungen ist und wie sehr sie ein solidarisches Aufbegehren gegen die Verhältnisse erschwert. Anstatt sich gegen den ausländischen Investor zu wehren, der nahezu die gesamte Stadt aufgekauft hat, richtet sich die hilflose Aggression der Menschen gegeneinander. Wenn Ivas Kolleginnen sich für ihre Kündigung und Bestrafung einsetzen und ihr am Ende die Kleider der Fabrik vom Leib reißen, die sie angeblich nicht mehr verdient, dann haben sie sich mit der Logik der neuen Ordnung identifiziert: „Besser du als ich.“



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