Die US-Journalistin Dorothy Thompsons schrieb analytische Texte über ein nervöses Europa der 1930er Jahre. Ihre Beobachtungen treffen erschreckend gut auch auf die Gegenwart zu
Am 9. Dezember 1930 grüßen Demonstranten gegen den Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues “Joseph Goebbels, der auf dem Weg zu einer Rede auf dem Berliner Wittenbergplatz ist
Foto: IMAGO/TT
Wenn man sich Zeitungen aus einer Zeit ansieht, von der man glaubt, man habe ihre wesentlichen Züge gelernt, dann werden die geordneten Vorstellungen leicht durch den Wirrwarr der da angeführten Ereignisse verstört. Dorothy Thompsons Berichte aus dem Deutschland der Jahre 1931–1932 sind ein Mittel- und Mittlerstück zwischen den damaligen Gleichzeitigkeiten und späteren Pauschalsätzen aus dem Lehrbuch.
Eigentlich sind sie weniger Reportagen als mit eigenen Beobachtungen, Zahlen und Gesprächen gespickte Essays. Und sie stammen zu einem großen Teil nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus England, Österreich, Ungarn und Polen. Das macht ihren heutigen Nutzen aus, nämlich die Verquickung von Innen und Außen.
Thompson, kurz darauf berühmt geworden durch ihr Buch Ich traf Hitler!, das kürzlich wiederentdeckt wurde, war eine unbeirrbar eigenständige Persönlichkeit, misstrauisch gegenüber jeglichem Paternalismus. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Thompson setzt ein im Mai 1931, als Joseph Goebbels vor 15.000 Zuhörern gegen den Versailler Vertrag hetzt, unterm Hakenkreuz, dem „Symbol jener eigentümlichen Mischung aus nordischer Mythologie, Antisemitismus, militaristischer Tradition, Desperado-Nationalismus und Sozialismus für Deppen“.
Dorothy Thompson: „Es geht um Psychologie und Politik“
Das Publikum ist „untere Mittelschicht“, und alle haben für den Eintritt bezahlt. Das lässt sie an der angeblichen Armutsverzweiflung zweifeln. Draußen sieht sie ohnehin luxuriöse Verhältnisse, nicht nur am Ku’damm, auch sonst: moderne Krankenhäuser, nagelneue U-Bahn, prächtige Theater – die beste Infrastruktur Europas. Sie erkennt eine überbordende Bürokratie, geldverschlingende Organisationen, einen subventionistischen Sozialstaat einerseits, andererseits unkontrollierte Industriekartelle und Staatsunternehmen, kurz, einen „planwirtschaftlichen Staatskapitalismus“.
Ihr Fazit: „Die Weltwirtschaftskrise ist nicht allein für die Arbeitslosigkeit in Deutschland verantwortlich.“ Alle wollen, dass sich was ändert, nur nicht bei ihnen, und alle „betrachten sie den Staat als einen reichen Onkel“. Ihr Credo: „Es geht letztlich nicht um Wirtschaft. Es geht um Psychologie und Politik.“
Im psychologischen Zentrum steht die Schmach des verlorenen Kriegs, die Demütigung durch die unbezahlbaren Reparationen und die aberwitzigen Gebietsabtretungen im Osten. Dazu weitet sie den Blick auf das übrige Europa. Sie sieht ein borniertes, xenophobes Großbritannien und ein Frankreich, das manisch davon besessen ist, Deutschland kleinzuhalten, ohne Rücksicht auf die Folgen für Europa, das in Nationalismus versinkt, der Minderheiten schikaniert: „Nationalismus ist international geworden.“
Ihre analytischen Berichte sind genau das Richtige für unsere Zeit
Die Einsicht: „Leider haben die neu befreiten Völker die schlimmsten Gewohnheiten ihrer ehemaligen Herrscher angenommen.“ Nach dem Sturz der Regierung Brüning durch Junker und Militärkamarilla sieht sie das politische Leben der entwaffneten Nation nun ausgerechnet „von der Armee kontrolliert“. Und zitiert Brüning, der sich vorstellen kann, dass überall „rechtmäßige Regierungen unmöglich werden“ und „die Menschen einer Art Gangsterherrschaft ausgeliefert sind“. Ihre Inschrift über Europa: „Diese Welt beging Selbstmord für politische Mythen.“
Da sie für das nicht nur geografisch ferne Publikum in den USA erläuternd schrieb, sind ihre analytischen Berichte genau das Richtige für unsere heutige, trotz aller Faszination von der Weimarer Republik entfernte Zeit. Sosehr vieles auf Anhieb wie von heute wirkt, so gründlich wird der Blick auf die Differenzen gelenkt. Das macht die Bedeutung dieser Berichte aus, dass sie scharf hinzusehen, zu vergleichen und zu unterscheiden lehren.
Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932, Dorothy Thompson Oliver Lubrich (Hg.), Johanna von Koppenfels (Übers.), Das vergessene Buch 2026, 424 S., 27 €
n, kurz darauf berühmt geworden durch ihr Buch Ich traf Hitler!, das kürzlich wiederentdeckt wurde, war eine unbeirrbar eigenständige Persönlichkeit, misstrauisch gegenüber jeglichem Paternalismus. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Thompson setzt ein im Mai 1931, als Joseph Goebbels vor 15.000 Zuhörern gegen den Versailler Vertrag hetzt, unterm Hakenkreuz, dem „Symbol jener eigentümlichen Mischung aus nordischer Mythologie, Antisemitismus, militaristischer Tradition, Desperado-Nationalismus und Sozialismus für Deppen“.Dorothy Thompson: „Es geht um Psychologie und Politik“Das Publikum ist „untere Mittelschicht“, und alle haben für den Eintritt bezahlt. Das lässt sie an der angeblichen Armutsverzweiflung zweifeln. Draußen sieht sie ohnehin luxuriöse Verhältnisse, nicht nur am Ku’damm, auch sonst: moderne Krankenhäuser, nagelneue U-Bahn, prächtige Theater – die beste Infrastruktur Europas. Sie erkennt eine überbordende Bürokratie, geldverschlingende Organisationen, einen subventionistischen Sozialstaat einerseits, andererseits unkontrollierte Industriekartelle und Staatsunternehmen, kurz, einen „planwirtschaftlichen Staatskapitalismus“.Ihr Fazit: „Die Weltwirtschaftskrise ist nicht allein für die Arbeitslosigkeit in Deutschland verantwortlich.“ Alle wollen, dass sich was ändert, nur nicht bei ihnen, und alle „betrachten sie den Staat als einen reichen Onkel“. Ihr Credo: „Es geht letztlich nicht um Wirtschaft. Es geht um Psychologie und Politik.“Im psychologischen Zentrum steht die Schmach des verlorenen Kriegs, die Demütigung durch die unbezahlbaren Reparationen und die aberwitzigen Gebietsabtretungen im Osten. Dazu weitet sie den Blick auf das übrige Europa. Sie sieht ein borniertes, xenophobes Großbritannien und ein Frankreich, das manisch davon besessen ist, Deutschland kleinzuhalten, ohne Rücksicht auf die Folgen für Europa, das in Nationalismus versinkt, der Minderheiten schikaniert: „Nationalismus ist international geworden.“ Ihre analytischen Berichte sind genau das Richtige für unsere ZeitDie Einsicht: „Leider haben die neu befreiten Völker die schlimmsten Gewohnheiten ihrer ehemaligen Herrscher angenommen.“ Nach dem Sturz der Regierung Brüning durch Junker und Militärkamarilla sieht sie das politische Leben der entwaffneten Nation nun ausgerechnet „von der Armee kontrolliert“. Und zitiert Brüning, der sich vorstellen kann, dass überall „rechtmäßige Regierungen unmöglich werden“ und „die Menschen einer Art Gangsterherrschaft ausgeliefert sind“. Ihre Inschrift über Europa: „Diese Welt beging Selbstmord für politische Mythen.“Da sie für das nicht nur geografisch ferne Publikum in den USA erläuternd schrieb, sind ihre analytischen Berichte genau das Richtige für unsere heutige, trotz aller Faszination von der Weimarer Republik entfernte Zeit. Sosehr vieles auf Anhieb wie von heute wirkt, so gründlich wird der Blick auf die Differenzen gelenkt. Das macht die Bedeutung dieser Berichte aus, dass sie scharf hinzusehen, zu vergleichen und zu unterscheiden lehren.