Andrea Milano versucht seit Monaten, ihm zustehendes Geld vom Jobcenter Berlin-Mitte zu bekommen. Die Behörde produziert jedoch nur unklare Schreiben und vertagt Entscheidungen. Kann die Erwerbsloseninitiative Basta helfen?


Wartebereich des Lebens: Wehe, Sie versäumen Ihren Termin! Aber wer sanktioniert eigentlich die Sanktionierer?

Foto: Benjamin Sauer


Die Briefe in Andrea Milanos Händen sind weich geworden an den Rändern, als wären sie zu oft herausgezogen worden. Der 53-Jährige – groß, mit Brille, dunklem Haar über der Stirn – sitzt an einem verregneten Novembermorgen im Wartezimmer des Jobcenters Berlin-Mitte. Der Raum ist fast leer: ein paar Stühle, Broschüren, grelles Licht. Milano umklammert den Stapel Briefe und starrt auf den Eingang. Dort soll gleich die Sachbearbeiterin kommen. Er sagt, das Jobcenter schulde ihm Tausende Euro für die Unterkunft.

Um nicht auf der Straße zu landen, erzählt Milano, der in Süditalien aufgewachsen ist, habe er sich Geld leihen müssen. In seiner Hosentasche steckt der Ausweis, der eine 80-prozentige Schwerbehinderung belegt. Zwischen den abgegriffenen Papieren liegen Arztbriefe, über seine angeschlagene Gesundheit: ein Tumor im Kopf, vor ein paar Jahren. Milano braucht das Geld dringend, aber das Jobcenter hält ihn hin. Seit Monaten. Wird man ihm heute zuhören?

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Wir treffen Milano in einem Café für Berufsschüler*innen, nicht weit vom Jobcenter. Neben ihm sitzt Elisa Schalke, 65, mit grauem Haar und ruhigem Blick. Schalke ist schon seit Jahren bei der Berliner Erwerbsloseninitiative Basta aktiv. Sie begleitet Milano zum heutigen Termin, um zu unterstützen und zu übersetzen. Schalke beugt sich über die offiziellen Schreiben des Jobcenters und versucht sie zu entziffern. Routiniert arbeitet sie sich durch Argumentationsbausteine und Schlüsselformulierungen. Basta begleitet den Fall seit Monaten. „Das ist doch pure Infantilisierung“, sagt sie.

Beamtendeutsch, übersetzt

Schalke holt aus, übersetzt das „beamtendeutsche“ Gespräch zwischen Milano und dem Amt: „Ist der Herd heiß? Ja, der Herd ist heiß. Haben wir Ihnen schon gesagt, dass der Herd heiß ist? Ja, Sie haben mir gesagt, dass der Herd heiß ist.“

Schalke erklärt: Es wird von der Behörde nur mitgeteilt, was ohnehin klar ist. „Ein Kreislauf, immer dieselben Sätze“, führt die Beraterin aus. „Die Mitarbeiter*innen stecken wohl selbst im Hamsterrad fest und begreifen nicht, was sie anrichten.Manchmal habe sie auch das Gefühl, dass einige ihre Macht ausspielen. Wie soll unter diesen Bedingungen jemand die teils schwer verständlichen Texte verstehen – noch dazu, wenn er krank ist? Milano schaut auf das Papier, als stünde dort eine Sprache, die er nie verstehen wird.

Der Fall wirkt nur auf den ersten Blick außergewöhnlich. Andrea Milano kommt um 2014 herum nach Berlin. Er pendelt zwischen Italien und Berlin, macht Kreativ-Projekte in einem Atelier. 2020 hat er dann zwei Tumoroperationen am Kopf – neben seiner 80-prozentigen Schwerbehinderung eine enorme Belastung. Er braucht fortan Hilfe – und findet Unterstützung bei der Caritas. Diese vermittelt ihn 2022 zum Jobcenter. Dort drängt man ihn dazu, eine Arbeit aufzunehmen, aber Milano verweist auf seine Gesundheit. „Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich nicht arbeiten kann.“ Da er in Berlin keine Wohnung findet, übernachtet er in seinem Atelier.

Die Schulden belasten mich, ich habe nicht mehr die Energie wie früher

Andrea Milano

Beim Jobcenter hört man jedoch im Februar 2025 plötzlich auf, ihm die Kosten für sein Studio, das auch seine Unterkunft ist, zu zahlen – mit der Begründung, man könne keine Gewerbemiete finanzieren. Diese war dabei mit 666 Euro ähnlich wie die einer Wohnung, die Milano unter anderen Umständen hätte finden können.

Die Folge? „Ich musste mir Geld von Freunden leihen“, sagt Milano heute. Mit Unterstützung der Caritas ist er nun seit September beim Sozialamt, das ihn betreut. Die Unterkunftskosten zwischen Februar und August: weiterhin offen. „Die Schulden belasten mich, ich habe nicht mehr die Energie wie früher“, sagt Milano und blickt im Café aus dem Fenster. Als müsse er sich rechtfertigen, sagt er: „Ich spiele nicht krank, mir geht es nicht gut.“

Was ist hier passiert? Schalke kennt die Probleme, die hinter diesem Fall stehen, nur zu gut: keine Beratung, keine Unterstützung beim Wechsel von einer Leistung zur nächsten, Sparzwang, Abschreckung.

Sie erklärt, wie der Ablauf im Jobcenter eigentlich aussehen müsste: „Herr Milano, wir sehen, dass Sie schwer krank sind und dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Deshalb sind Sie beim Bürgergeld falsch. Sie müssen stattdessen einen Antrag beim Sozialamt stellen – dafür gelten diese Voraussetzungen. Bis das Sozialamt zuständig ist, springen wir mit den Leistungen ein und fordern das Geld später von diesem zurück.“ So die Theorie.

Sie hoffen wohl einfach, dass er nach Italien zurückgeht – oder auf der Straße landet und aus dem System raus ist

Elisa Schalke, Basta

In der Praxis passiere jedoch das Gegenteil, sagt Schalke. „In den Ämtern fehlt offenbar sowohl der Wille als auch die Möglichkeit zur unkomplizierten Hilfe.“ Chaotische Strukturen, schlechte Arbeitsbedingungen und ein seit der Pandemie erschwerter Zugang seien nur einige Gründe. Im Ergebnis führe es dazu, dass Mitarbeiter*innen Kompromisse vermeiden und Übergänge zwischen den Leistungssystemen eher erschweren. „Die Jobcenter wollen Geld und Arbeitsschritte sparen – und nutzen dafür Lücken.“

Im Fall von Milano vermutet Schalke zusätzlich, dass er ursprünglich aufgrund eines Behördenfehlers in das Jobcenter-System gerutscht war, das für Arbeitssuchende zuständig ist – dabei hätte gleich das Sozialamt verantwortlich sein müssen. Und seitdem stockt eben das System. „Die sind selbst überfordert mit der Geschichte“, vermutet Schalke und verweist auf inhaltsleere Paragrafen zur Begründung in den Schreiben des Jobcenters. „Sie hoffen wohl einfach, dass er nach Italien zurückgeht – oder auf der Straße landet und aus dem System raus ist.“

Was sagt das Jobcenter selber? Auf Anfrage teilt ein Sprecher gegenüber dem Freitag mit, man sei sich der „belastenden“ gesundheitlichen Situation von Herrn Milano bewusst und bemühe sich um eine „gute Lösung“. Die Prüfung seines Falls sei jedoch komplex. Grundsätzlich sei die Entscheidung über die Übernahme der Unterkunftskosten offen, weil Milanos Aufenthalt als „ungeklärt“ gilt. Bei einem Gespräch habe dieser angeblich gesagt, „nur ab und zu und heimlich“ in seinem Studio zu wohnen und sonst auch bei Freunden unterzukommen. Aus Sicht des Jobcenters müsse deshalb davon ausgegangen werden, dass die Räume gewerblich genutzt würden. Nachweise für eine Nutzung des Ateliers als Unterkunft würden noch fehlen, so die Behörde. Milano selbst ist verwundert: „Ich war immer sehr klar bezüglich meiner Wohnsituation im Studio.“

Kann Milano das ausstehende Geld denn heute endlich erhalten? Im Wartezimmer des Jobcenters zieht sich die Zeit. Draußen regnet es immer noch, Milano hält durch, noch. Dann hört man Schritte, die Mitarbeiterin betritt den Raum. Anstatt ihn hineinzubitten, spricht sie hastig: Die eigentlich zuständige Kollegin sei kurzfristig ausgefallen. Der Beratungstermin könne nicht stattfinden. Sie drückt ihm ein ausgedrucktes Dokument in die Hand, ein paar flüchtige Sätze, dann verschwindet sie wieder. Milano bleibt einen Moment im Flur stehen, den Zettel zwischen den Fingern, als müsse er erst begreifen, dass schon wieder alles vertagt ist.

Die Jobcenter wollen Geld und Arbeitsschritte sparen – und nutzen dafür Lücken

Elisa Schalke, Basta

Auf Anfrage erklärt das Jobcenter: Milano habe sich nach zusätzlichem Bürgergeld erkundigen wollen. Die zuständige Mitarbeiterin sei kurzfristig ausgefallen; die Vertretung habe ihm die vorbereiteten Unterlagen persönlich übergeben und einen neuen Termin angeboten. Für den entstandenen Eindruck einer kurzfristigen Terminabsage entschuldige man sich.

Schalke kann sich an einen neuen Terminvorschlag nicht erinnern.

Milanos Fall mag krass erscheinen – er spiegelt jedoch die Erfahrungen vieler Menschen. Viele stoßen aus verschiedenen Gründen auf Hürden, wenn sie mit dem Jobcenter kommunizieren, finden sich in Schleifen, weil das System auf ihren speziellen Fall nicht ausgelegt ist – oder müssen um ihre Rechte kämpfen, weil das System beschlossen hat, auf ihre Kosten Ausgaben zu senken. „Das ist immer das Gleiche“, sagt Schalke.

Ein System, das dichtmacht

Besuch Ende Oktober beim Beratungstreffen von Basta im Bezirk Wedding. Jährlich werden von der Erwerbsloseninitiative etwa 1.000 Menschen beraten. Heute sind 25 Menschen in den linken Stadtteilladen gekommen. Sie sitzen auf Sofas und an Tischen, besprechen mit den sechs ehrenamtlichen Aktivist*innen ihre Fälle. Manche der Ratsuchenden sind Migrant*innen, andere Kreativ-Selbstständige, wieder andere prekäre Kurierfahrer*innen. An den Wänden hängen linke Poster, auf dem Tisch stehen Kekse, an einem Computer kann man Widersprüche und Klagen verfassen. „Viele, die kommen, haben Angst“, sagt Elisa Schalke. Andere würden sich Vorwürfe machen. „Die Leute sehen nicht, dass es nur darum geht, sie auf den billigen Arbeitsmarkt zu zwingen.“

Basta unterstützt emotional – und auch ganz konkret. „Es gibt immer wieder einzelne Erfolge, aber eigentlich geht es ja um Banalitäten“, sagt Schalke. 2024 gingen bundesweit über 420.000 Widersprüche und fast 50.000 Klagen gegen Jobcenter-Entscheidungen bei Sozialgerichten ein.

Elisa Schalke, die bei Basta Beratungen anbietet, kennt das System aus eigener Erfahrung. Sie war Schlosserin. Dann wurde sie krank, erlebte eine persönliche Tragödie, landete beim Jobcenter. „Mir ging es ähnlich wie Andrea“, sagt sie heute. Schalke engagierte sich politisch, landete in der Erwerbslosenunterstützung. Hier kannte sie sich aufgrund ihrer eigenen Situation aus – wie viele andere auch bei Basta. Allen ist klar, was es bedeutet, wenn man unter die Räder des Systems kommt. „Das Schlimmste ist die materielle Not“, sagt Schalke. „Wir wissen von Leuten, die unter der Hand arbeiten müssen, weil es sonst für die Familien nicht reicht.“ Auch Obdachlosigkeit sei schlimm. „Wir haben stoßweise sehr viel damit zu tun, viele kommen aus der EU.“

Viele, die kommen, haben Angst

Elisa Schalke, Basta

Die Situation von Bürgergeldempfänger*innen entspricht ganz offensichtlich nicht dem Bild, das manche Politiker*innen von ihr zeichnen – nicht nur in Berlin. Die von Friedrich Merz geführte Bundesregierung plant für das Frühjahr 2026 Reformen. Verschärfte Sanktionen, das heißt: mehr Schikanen, ist man bei Basta überzeugt. „Die Verschleppung von Prozessen wird bleiben, aber sie werden sich neue Kniffe überlegen“, sagt Schalke. Noch mehr Nachweise bringen, noch mehr Überprüfungen, noch weniger ansprechbar sein. Die Behörde werde sogar dafür benutzt, um Abschiebungen zu forcieren. „Das Jobcenter wird sich immer mehr wie eine Grenzbehörde aufführen.“

Schalke und Milano sitzen noch immer im Café, die Behördenschreiben vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Draußen rinnt der Regen über das Fenster, drinnen geht es darum, wie man in einem System bestehen soll, das für Menschen wie Milano keinen Platz lässt. Wird Schalke manchmal wütend? Sie überlegt kurz, dann huscht ein müdes Lächeln über ihr Gesicht. „Was soll ich sagen. Das hier ist einfach das falsche System.“ Milano blickt derweil auf die Briefe, als suche er darin Orientierung. „Was soll ich jetzt machen?“, fragt er leise, mit einem Hauch von Empörung. Die Müdigkeit in seinem Gesicht zeigt, wie lange dieser Kampf schon dauert. Schalke legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Erst mal gesund werden …“

Eine Klage gegen das Jobcenter ist beim Sozialgericht eingereicht, ob sie Erfolg hat, ist offen. Für Milano bedeutet das: weiter warten, weiter Belege sammeln, weiter durch die Schleifen. Für Basta: nächste Beratung, nächste Fälle, nächste Abwehrkämpfe – gegen eine Verwaltung, die sich immer stärker verschließt. Noch eine Weile sitzen sie da. Der Stapel Briefe liegt vor ihnen, die Ränder abgegriffen – schwerer als jede Zeile darin.

g belegt. Zwischen den abgegriffenen Papieren liegen Arztbriefe, über seine angeschlagene Gesundheit: ein Tumor im Kopf, vor ein paar Jahren. Milano braucht das Geld dringend, aber das Jobcenter hält ihn hin. Seit Monaten. Wird man ihm heute zuhören?Placeholder image-1Wir treffen Milano in einem Café für Berufsschüler*innen, nicht weit vom Jobcenter. Neben ihm sitzt Elisa Schalke, 65, mit grauem Haar und ruhigem Blick. Schalke ist schon seit Jahren bei der Berliner Erwerbsloseninitiative Basta aktiv. Sie begleitet Milano zum heutigen Termin, um zu unterstützen und zu übersetzen. Schalke beugt sich über die offiziellen Schreiben des Jobcenters und versucht sie zu entziffern. Routiniert arbeitet sie sich durch Argumentationsbausteine und Schlüsselformulierungen. Basta begleitet den Fall seit Monaten. „Das ist doch pure Infantilisierung“, sagt sie.Beamtendeutsch, übersetztSchalke holt aus, übersetzt das „beamtendeutsche“ Gespräch zwischen Milano und dem Amt: „Ist der Herd heiß? Ja, der Herd ist heiß. Haben wir Ihnen schon gesagt, dass der Herd heiß ist? Ja, Sie haben mir gesagt, dass der Herd heiß ist.“Schalke erklärt: Es wird von der Behörde nur mitgeteilt, was ohnehin klar ist. „Ein Kreislauf, immer dieselben Sätze“, führt die Beraterin aus. „Die Mitarbeiter*innen stecken wohl selbst im Hamsterrad fest und begreifen nicht, was sie anrichten.“ Manchmal habe sie auch das Gefühl, dass einige ihre Macht ausspielen. Wie soll unter diesen Bedingungen jemand die teils schwer verständlichen Texte verstehen – noch dazu, wenn er krank ist? Milano schaut auf das Papier, als stünde dort eine Sprache, die er nie verstehen wird.Der Fall wirkt nur auf den ersten Blick außergewöhnlich. Andrea Milano kommt um 2014 herum nach Berlin. Er pendelt zwischen Italien und Berlin, macht Kreativ-Projekte in einem Atelier. 2020 hat er dann zwei Tumoroperationen am Kopf – neben seiner 80-prozentigen Schwerbehinderung eine enorme Belastung. Er braucht fortan Hilfe – und findet Unterstützung bei der Caritas. Diese vermittelt ihn 2022 zum Jobcenter. Dort drängt man ihn dazu, eine Arbeit aufzunehmen, aber Milano verweist auf seine Gesundheit. „Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich nicht arbeiten kann.“ Da er in Berlin keine Wohnung findet, übernachtet er in seinem Atelier.Die Schulden belasten mich, ich habe nicht mehr die Energie wie früherAndrea MilanoBeim Jobcenter hört man jedoch im Februar 2025 plötzlich auf, ihm die Kosten für sein Studio, das auch seine Unterkunft ist, zu zahlen – mit der Begründung, man könne keine Gewerbemiete finanzieren. Diese war dabei mit 666 Euro ähnlich wie die einer Wohnung, die Milano unter anderen Umständen hätte finden können.Die Folge? „Ich musste mir Geld von Freunden leihen“, sagt Milano heute. Mit Unterstützung der Caritas ist er nun seit September beim Sozialamt, das ihn betreut. Die Unterkunftskosten zwischen Februar und August: weiterhin offen. „Die Schulden belasten mich, ich habe nicht mehr die Energie wie früher“, sagt Milano und blickt im Café aus dem Fenster. Als müsse er sich rechtfertigen, sagt er: „Ich spiele nicht krank, mir geht es nicht gut.“Was ist hier passiert? Schalke kennt die Probleme, die hinter diesem Fall stehen, nur zu gut: keine Beratung, keine Unterstützung beim Wechsel von einer Leistung zur nächsten, Sparzwang, Abschreckung.Sie erklärt, wie der Ablauf im Jobcenter eigentlich aussehen müsste: „Herr Milano, wir sehen, dass Sie schwer krank sind und dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Deshalb sind Sie beim Bürgergeld falsch. Sie müssen stattdessen einen Antrag beim Sozialamt stellen – dafür gelten diese Voraussetzungen. Bis das Sozialamt zuständig ist, springen wir mit den Leistungen ein und fordern das Geld später von diesem zurück.“ So die Theorie.Sie hoffen wohl einfach, dass er nach Italien zurückgeht – oder auf der Straße landet und aus dem System raus istElisa Schalke, Basta In der Praxis passiere jedoch das Gegenteil, sagt Schalke. „In den Ämtern fehlt offenbar sowohl der Wille als auch die Möglichkeit zur unkomplizierten Hilfe.“ Chaotische Strukturen, schlechte Arbeitsbedingungen und ein seit der Pandemie erschwerter Zugang seien nur einige Gründe. Im Ergebnis führe es dazu, dass Mitarbeiter*innen Kompromisse vermeiden und Übergänge zwischen den Leistungssystemen eher erschweren. „Die Jobcenter wollen Geld und Arbeitsschritte sparen – und nutzen dafür Lücken.“Im Fall von Milano vermutet Schalke zusätzlich, dass er ursprünglich aufgrund eines Behördenfehlers in das Jobcenter-System gerutscht war, das für Arbeitssuchende zuständig ist – dabei hätte gleich das Sozialamt verantwortlich sein müssen. Und seitdem stockt eben das System. „Die sind selbst überfordert mit der Geschichte“, vermutet Schalke und verweist auf inhaltsleere Paragrafen zur Begründung in den Schreiben des Jobcenters. „Sie hoffen wohl einfach, dass er nach Italien zurückgeht – oder auf der Straße landet und aus dem System raus ist.“Was sagt das Jobcenter selber? Auf Anfrage teilt ein Sprecher gegenüber dem Freitag mit, man sei sich der „belastenden“ gesundheitlichen Situation von Herrn Milano bewusst und bemühe sich um eine „gute Lösung“. Die Prüfung seines Falls sei jedoch komplex. Grundsätzlich sei die Entscheidung über die Übernahme der Unterkunftskosten offen, weil Milanos Aufenthalt als „ungeklärt“ gilt. Bei einem Gespräch habe dieser angeblich gesagt, „nur ab und zu und heimlich“ in seinem Studio zu wohnen und sonst auch bei Freunden unterzukommen. Aus Sicht des Jobcenters müsse deshalb davon ausgegangen werden, dass die Räume gewerblich genutzt würden. Nachweise für eine Nutzung des Ateliers als Unterkunft würden noch fehlen, so die Behörde. Milano selbst ist verwundert: „Ich war immer sehr klar bezüglich meiner Wohnsituation im Studio.“Kann Milano das ausstehende Geld denn heute endlich erhalten? Im Wartezimmer des Jobcenters zieht sich die Zeit. Draußen regnet es immer noch, Milano hält durch, noch. Dann hört man Schritte, die Mitarbeiterin betritt den Raum. Anstatt ihn hineinzubitten, spricht sie hastig: Die eigentlich zuständige Kollegin sei kurzfristig ausgefallen. Der Beratungstermin könne nicht stattfinden. Sie drückt ihm ein ausgedrucktes Dokument in die Hand, ein paar flüchtige Sätze, dann verschwindet sie wieder. Milano bleibt einen Moment im Flur stehen, den Zettel zwischen den Fingern, als müsse er erst begreifen, dass schon wieder alles vertagt ist.Die Jobcenter wollen Geld und Arbeitsschritte sparen – und nutzen dafür LückenElisa Schalke, BastaAuf Anfrage erklärt das Jobcenter: Milano habe sich nach zusätzlichem Bürgergeld erkundigen wollen. Die zuständige Mitarbeiterin sei kurzfristig ausgefallen; die Vertretung habe ihm die vorbereiteten Unterlagen persönlich übergeben und einen neuen Termin angeboten. Für den entstandenen Eindruck einer kurzfristigen Terminabsage entschuldige man sich.Schalke kann sich an einen neuen Terminvorschlag nicht erinnern.Milanos Fall mag krass erscheinen – er spiegelt jedoch die Erfahrungen vieler Menschen. Viele stoßen aus verschiedenen Gründen auf Hürden, wenn sie mit dem Jobcenter kommunizieren, finden sich in Schleifen, weil das System auf ihren speziellen Fall nicht ausgelegt ist – oder müssen um ihre Rechte kämpfen, weil das System beschlossen hat, auf ihre Kosten Ausgaben zu senken. „Das ist immer das Gleiche“, sagt Schalke.Ein System, das dichtmachtBesuch Ende Oktober beim Beratungstreffen von Basta im Bezirk Wedding. Jährlich werden von der Erwerbsloseninitiative etwa 1.000 Menschen beraten. Heute sind 25 Menschen in den linken Stadtteilladen gekommen. Sie sitzen auf Sofas und an Tischen, besprechen mit den sechs ehrenamtlichen Aktivist*innen ihre Fälle. Manche der Ratsuchenden sind Migrant*innen, andere Kreativ-Selbstständige, wieder andere prekäre Kurierfahrer*innen. An den Wänden hängen linke Poster, auf dem Tisch stehen Kekse, an einem Computer kann man Widersprüche und Klagen verfassen. „Viele, die kommen, haben Angst“, sagt Elisa Schalke. Andere würden sich Vorwürfe machen. „Die Leute sehen nicht, dass es nur darum geht, sie auf den billigen Arbeitsmarkt zu zwingen.“Basta unterstützt emotional – und auch ganz konkret. „Es gibt immer wieder einzelne Erfolge, aber eigentlich geht es ja um Banalitäten“, sagt Schalke. 2024 gingen bundesweit über 420.000 Widersprüche und fast 50.000 Klagen gegen Jobcenter-Entscheidungen bei Sozialgerichten ein.Elisa Schalke, die bei Basta Beratungen anbietet, kennt das System aus eigener Erfahrung. Sie war Schlosserin. Dann wurde sie krank, erlebte eine persönliche Tragödie, landete beim Jobcenter. „Mir ging es ähnlich wie Andrea“, sagt sie heute. Schalke engagierte sich politisch, landete in der Erwerbslosenunterstützung. Hier kannte sie sich aufgrund ihrer eigenen Situation aus – wie viele andere auch bei Basta. Allen ist klar, was es bedeutet, wenn man unter die Räder des Systems kommt. „Das Schlimmste ist die materielle Not“, sagt Schalke. „Wir wissen von Leuten, die unter der Hand arbeiten müssen, weil es sonst für die Familien nicht reicht.“ Auch Obdachlosigkeit sei schlimm. „Wir haben stoßweise sehr viel damit zu tun, viele kommen aus der EU.“Viele, die kommen, haben AngstElisa Schalke, BastaDie Situation von Bürgergeldempfänger*innen entspricht ganz offensichtlich nicht dem Bild, das manche Politiker*innen von ihr zeichnen – nicht nur in Berlin. Die von Friedrich Merz geführte Bundesregierung plant für das Frühjahr 2026 Reformen. Verschärfte Sanktionen, das heißt: mehr Schikanen, ist man bei Basta überzeugt. „Die Verschleppung von Prozessen wird bleiben, aber sie werden sich neue Kniffe überlegen“, sagt Schalke. Noch mehr Nachweise bringen, noch mehr Überprüfungen, noch weniger ansprechbar sein. Die Behörde werde sogar dafür benutzt, um Abschiebungen zu forcieren. „Das Jobcenter wird sich immer mehr wie eine Grenzbehörde aufführen.“Schalke und Milano sitzen noch immer im Café, die Behördenschreiben vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Draußen rinnt der Regen über das Fenster, drinnen geht es darum, wie man in einem System bestehen soll, das für Menschen wie Milano keinen Platz lässt. Wird Schalke manchmal wütend? Sie überlegt kurz, dann huscht ein müdes Lächeln über ihr Gesicht. „Was soll ich sagen. Das hier ist einfach das falsche System.“ Milano blickt derweil auf die Briefe, als suche er darin Orientierung. „Was soll ich jetzt machen?“, fragt er leise, mit einem Hauch von Empörung. Die Müdigkeit in seinem Gesicht zeigt, wie lange dieser Kampf schon dauert. Schalke legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Erst mal gesund werden …“Eine Klage gegen das Jobcenter ist beim Sozialgericht eingereicht, ob sie Erfolg hat, ist offen. Für Milano bedeutet das: weiter warten, weiter Belege sammeln, weiter durch die Schleifen. Für Basta: nächste Beratung, nächste Fälle, nächste Abwehrkämpfe – gegen eine Verwaltung, die sich immer stärker verschließt. Noch eine Weile sitzen sie da. Der Stapel Briefe liegt vor ihnen, die Ränder abgegriffen – schwerer als jede Zeile darin.



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