Zum Jahresanfang wird das eigene Leben in den digitalen Medien zum Vision Board. Dankbarkeitstagebücher, To-do-Listen, Lerntechniken, so weit das Auge reicht – für das unperfekte Leben bleibt da kein Platz mehr

Collage: der Freitag, Material: KI-Bilder


Die Zeit verschwimmt. Vielleicht bin ich einfach nicht akribisch und motiviert genug. Ganz sicher fehlt mir der Wille zur sauberen Chronologie. Ist das Angst, mein nicht ganz perfektes Leben mal wieder zu rekapitulieren? Verdrängung? Oder doch ein Fehler, weil ungesund? Sollte ich mir Sorgen machen? Sollte ich nicht wenigstens für 2026 eine Tabelle anlegen, weil das jetzt alle machen?

Dieses Jahr ist es extrem. Dieses Jahr herrscht eine Art Rauhnächte-Druck. Instagram ist voll davon. Da ist diese Frau mit so einer Jahrestabelle. Zwölf Spalten, zwölf Bilanzen, Aufarbeitung, Auswertung, Highlights. Für jeden Monat ein Learning. Da ist die handgeschriebene Projektliste 2026, erst hypertroph, dann effizient amputiert, die ersten drei Monate vollgepackt mit geplanten Achievements.

Da ist die Frau mit dem alten Buch, dessen Titel sie nicht kennt, irgendwo gefunden, das sie im Zeitraffer zerschneidet und beklebt, als ließe sich Sinn mit Tesa-Film und Filzstiften kreieren. Eine analoge Collage gegen die Leere, damit niemand merkt, wie still es ist und wie groß die Sehnsucht.

Stillstand gilt als Defekt. Es sei denn, er ist schön genug inszeniert.

Denn man muss nur genug wollen, genug aufschreiben, genug manifestieren, dann wird die Zukunft gefügig. Als hätte das Universum eine Buchhaltungssoftware: Soll und Haben, Wunsch und Erfüllung. Wer leer ausgeht, hat falsch formuliert, ist nicht fokussiert genug, will zu wenig.

Witze über Anmeldungen im Fitnessstudio

Ich sehe ja ein, es ist konstruktiv, tröstlich, aber es ist zugleich grausam, diese Idee, dass alles in der eigenen Hand liegt oder mithilfe einer hübschen Mindmap zu realisieren ist. Sie entlastet von der dystopisch anmutenden Welt. Sich einfach einen hinter die Binde gießen vor dem Dry January wäre zu einfach. Im Januar mal auf Zucker verzichten. Witze über Anmeldungen im Fitnessstudio machen. Das war gestern und ist Boomer-Kram.

Stattdessen überall Memes für ein leuchtendes nächstes Jahr: Auto, cooler Job, mega Einkommen, der Mann fürs Leben. Schick es dir selbst, und es geschieht. Stell es dir vor, male es dir aus, dann wird es dein Film. Vision Board statt Vorsehung.

Kein Raum mehr für das Gelebte

Auf Instagram ist kein Raum mehr für das Unfertige, das Mittelmäßige, das einfach Gelebte. Und wenn doch, macht ein Guru, der die Bescheidenheit zelebriert, ein Business daraus und wird Millionär, zeigt Dir, wie Du das auch schaffen kannst. Der Postkarten-Philosoph Blaise Pascal hätte vermutlich gelacht – oder gekotzt.

Das Unglück des Menschen besteht heute nicht mehr darin, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer bleiben kann, sondern darin, dass er selbst dort noch etwas will. Sogar im Bett. Das hoffentlich aufgeräumte Zimmer nach minimalistischen Grundwerten ist kein Rückzugsort mehr, sondern ein Co-Working-Space der Seele, so steht es im Tablet geschrieben.

Das Unglück des Menschen besteht darin, dass er verlernt hat, ein unspektakuläres Leben zu führen – und dass ihm eingeredet wird, genau das sei ein Versagen. Pass bloß auf, dass dich die KI nicht frisst. Keep calm und investiere in ETFs.

Keine To-do-Liste

Vielleicht kommt mir all das deshalb so fremd vor, weil ich weiß, dass es einmal anders war. Vor zwei Jahren: Weihnachten, Flucht nach La Palma. Gegangen als halbwegs Privilegierte der westlichen Hemisphäre, mit dem festen Vorsatz, mir dieses Privileg jederzeit bewusst zu halten. Mein einziger Mental Load: bloß nie vergessen, die eigenen Voraussetzungen mitzuführen wie ein Handgepäckstück. Außerdem: mein erstes Weihnachten ohne die Kinder.

Ich reiste mit einer neuen Freundin. Wir wollten sparen, fuhren Bus, es war wenig los. Hier und da ein paar versprengte deutsche Gestalten, Aussteiger. Die spanischen Familien waren zu Hause, es war ja Weihnachten. Keine To-do-Liste, kein Programm. Sich einfach ergreifen lassen vom Blick aufs Meer über die vulkanische Erde hinweg. Sich in den Pool trauen. Schwarzen Kaffee auf der Terrasse trinken.

Silvester zu zweit, eine Flasche Sekt, ein sehr gutes Stück Fleisch. Gabrielle führte mich in die berühmten Rauhnächte ein. Wünsche falten, einige verbrennen, drei behalten. Sie gingen ans Universum. Vorsichtshalber schickte mein katholisches Herz noch ein Stoßgebet hinterher. Unsere Handys lagen halbe Tage irgendwo herum.

Ich glaube, ich werde Punk

Einer der Wünsche war, dass meine Familie gesund bleibt. Das klappte nur teilweise. Den zweiten habe ich vergessen, vielleicht war es Frieden, ganz sicher war es Frieden. Der dritte Wunsch, die nächste große Liebe, blieb ebenfalls aus. Ich nehme an, auch sie ist zuletzt und aktuell dauerbeschäftigt damit, dem Weltenlauf vom Internet aus zuzusehen – kommentierend, likend, am Ende des Jahres rekapitulierend, 2026 im Projektmanagement des digitalen Daseins weiterhin eingesperrt.

Proust hätte Jahre gebraucht, um einen Geruch zu beschreiben. Nicht aus Luxus, sondern aus Genauigkeit. Heute reicht ein Reel. Dreißig Sekunden Erinnerung, obwohl der Moment noch nicht einmal Geschichte ist. Früher war das Leben ungut, aber wenigstens langsam. Heute rast es, will intensiv sein, während wir uns krampfhaft daran festhalten.

Punk werden

Ich glaube, ich werde Punk. Ich bin über 30, nicht tot, nur müde. Ich trage eine No-Future-Stimmung in mir und schicke meinen Kindern gleichzeitig Insta-Reels darüber, wie sie ihren Fokus verbessern, welches Projekt sie beginnen sollten. Zum Beispiel das von dem Medizinstudenten – übrigens: Du blöder Medizinstudent, dann studier doch einfach Medizin und selbstoptimier nicht das Instagram voll!

Ich erziehe sie zur Zielstrebigkeit mit lauter Leuten, die dauernd im Internet sind und von Zielstrebigkeit erzählen. Das ist vermutlich konsequent. Sie müssen ja funktionieren in einer Welt, die Ruhe nur noch als Kreativmethode kennt, die Leben nur als weiter, höher, schneller kennt.

Vielleicht färbe ich mir die Haare grün. Vielleicht gehe ich früh schlafen, wie Proust, monatelang, freiwillig horizontal. Vielleicht lerne ich Gitarre – nicht, um besser zu werden, sondern um Menschen zu treffen, die Gitarre lernen.

Kein Dankbarkeitstagebuch. Keine Liste. Kein Universum, das beliefert werden will. Nur ein Zimmer. Mein Leben. Und die unerhörte, fast obszöne Weigerung, daraus ein Projekt zu machen.

. Da ist die handgeschriebene Projektliste 2026, erst hypertroph, dann effizient amputiert, die ersten drei Monate vollgepackt mit geplanten Achievements.Da ist die Frau mit dem alten Buch, dessen Titel sie nicht kennt, irgendwo gefunden, das sie im Zeitraffer zerschneidet und beklebt, als ließe sich Sinn mit Tesa-Film und Filzstiften kreieren. Eine analoge Collage gegen die Leere, damit niemand merkt, wie still es ist und wie groß die Sehnsucht.Stillstand gilt als Defekt. Es sei denn, er ist schön genug inszeniert.Denn man muss nur genug wollen, genug aufschreiben, genug manifestieren, dann wird die Zukunft gefügig. Als hätte das Universum eine Buchhaltungssoftware: Soll und Haben, Wunsch und Erfüllung. Wer leer ausgeht, hat falsch formuliert, ist nicht fokussiert genug, will zu wenig.Witze über Anmeldungen im FitnessstudioIch sehe ja ein, es ist konstruktiv, tröstlich, aber es ist zugleich grausam, diese Idee, dass alles in der eigenen Hand liegt oder mithilfe einer hübschen Mindmap zu realisieren ist. Sie entlastet von der dystopisch anmutenden Welt. Sich einfach einen hinter die Binde gießen vor dem Dry January wäre zu einfach. Im Januar mal auf Zucker verzichten. Witze über Anmeldungen im Fitnessstudio machen. Das war gestern und ist Boomer-Kram.Stattdessen überall Memes für ein leuchtendes nächstes Jahr: Auto, cooler Job, mega Einkommen, der Mann fürs Leben. Schick es dir selbst, und es geschieht. Stell es dir vor, male es dir aus, dann wird es dein Film. Vision Board statt Vorsehung.Kein Raum mehr für das GelebteAuf Instagram ist kein Raum mehr für das Unfertige, das Mittelmäßige, das einfach Gelebte. Und wenn doch, macht ein Guru, der die Bescheidenheit zelebriert, ein Business daraus und wird Millionär, zeigt Dir, wie Du das auch schaffen kannst. Der Postkarten-Philosoph Blaise Pascal hätte vermutlich gelacht – oder gekotzt.Das Unglück des Menschen besteht heute nicht mehr darin, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer bleiben kann, sondern darin, dass er selbst dort noch etwas will. Sogar im Bett. Das hoffentlich aufgeräumte Zimmer nach minimalistischen Grundwerten ist kein Rückzugsort mehr, sondern ein Co-Working-Space der Seele, so steht es im Tablet geschrieben.Das Unglück des Menschen besteht darin, dass er verlernt hat, ein unspektakuläres Leben zu führen – und dass ihm eingeredet wird, genau das sei ein Versagen. Pass bloß auf, dass dich die KI nicht frisst. Keep calm und investiere in ETFs.Keine To-do-ListeVielleicht kommt mir all das deshalb so fremd vor, weil ich weiß, dass es einmal anders war. Vor zwei Jahren: Weihnachten, Flucht nach La Palma. Gegangen als halbwegs Privilegierte der westlichen Hemisphäre, mit dem festen Vorsatz, mir dieses Privileg jederzeit bewusst zu halten. Mein einziger Mental Load: bloß nie vergessen, die eigenen Voraussetzungen mitzuführen wie ein Handgepäckstück. Außerdem: mein erstes Weihnachten ohne die Kinder.Ich reiste mit einer neuen Freundin. Wir wollten sparen, fuhren Bus, es war wenig los. Hier und da ein paar versprengte deutsche Gestalten, Aussteiger. Die spanischen Familien waren zu Hause, es war ja Weihnachten. Keine To-do-Liste, kein Programm. Sich einfach ergreifen lassen vom Blick aufs Meer über die vulkanische Erde hinweg. Sich in den Pool trauen. Schwarzen Kaffee auf der Terrasse trinken.Silvester zu zweit, eine Flasche Sekt, ein sehr gutes Stück Fleisch. Gabrielle führte mich in die berühmten Rauhnächte ein. Wünsche falten, einige verbrennen, drei behalten. Sie gingen ans Universum. Vorsichtshalber schickte mein katholisches Herz noch ein Stoßgebet hinterher. Unsere Handys lagen halbe Tage irgendwo herum.Ich glaube, ich werde PunkEiner der Wünsche war, dass meine Familie gesund bleibt. Das klappte nur teilweise. Den zweiten habe ich vergessen, vielleicht war es Frieden, ganz sicher war es Frieden. Der dritte Wunsch, die nächste große Liebe, blieb ebenfalls aus. Ich nehme an, auch sie ist zuletzt und aktuell dauerbeschäftigt damit, dem Weltenlauf vom Internet aus zuzusehen – kommentierend, likend, am Ende des Jahres rekapitulierend, 2026 im Projektmanagement des digitalen Daseins weiterhin eingesperrt.Proust hätte Jahre gebraucht, um einen Geruch zu beschreiben. Nicht aus Luxus, sondern aus Genauigkeit. Heute reicht ein Reel. Dreißig Sekunden Erinnerung, obwohl der Moment noch nicht einmal Geschichte ist. Früher war das Leben ungut, aber wenigstens langsam. Heute rast es, will intensiv sein, während wir uns krampfhaft daran festhalten.Punk werdenIch glaube, ich werde Punk. Ich bin über 30, nicht tot, nur müde. Ich trage eine No-Future-Stimmung in mir und schicke meinen Kindern gleichzeitig Insta-Reels darüber, wie sie ihren Fokus verbessern, welches Projekt sie beginnen sollten. Zum Beispiel das von dem Medizinstudenten – übrigens: Du blöder Medizinstudent, dann studier doch einfach Medizin und selbstoptimier nicht das Instagram voll!Ich erziehe sie zur Zielstrebigkeit mit lauter Leuten, die dauernd im Internet sind und von Zielstrebigkeit erzählen. Das ist vermutlich konsequent. Sie müssen ja funktionieren in einer Welt, die Ruhe nur noch als Kreativmethode kennt, die Leben nur als weiter, höher, schneller kennt.Vielleicht färbe ich mir die Haare grün. Vielleicht gehe ich früh schlafen, wie Proust, monatelang, freiwillig horizontal. Vielleicht lerne ich Gitarre – nicht, um besser zu werden, sondern um Menschen zu treffen, die Gitarre lernen.Kein Dankbarkeitstagebuch. Keine Liste. Kein Universum, das beliefert werden will. Nur ein Zimmer. Mein Leben. Und die unerhörte, fast obszöne Weigerung, daraus ein Projekt zu machen.



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