Der 53-jährige Saif al-Islam hatte sich gute Chancen bei einer Präsidentenwahl ausgerechnet. Dann wurde er am hellichten Tag ermordert. Was bedeutet das für die Zukunft des Landes?


Saif al-Islam, bekannt auch als Gaddafi junior. Sein Name bedeutet „Schwert des Islam“

Foto: Ben Stansall/Getty Images


Es geschieht am 3. Februar in der 135 Kilometer südlich von Tripolis liegenden Oasenstadt Sintan. Am helllichten Tage wird dort Saif al-Islam al-Gaddafi in seinem Anwesen erschossen, der Sohn des 2011 gelynchten Staatschefs Muammar al-Gaddafi. Von dem vierköpfigen Kommando, das den Mord professionell ausführte, fehlt jede Spur. Wenig wahrscheinlich, dass die Tat je aufgeklärt wird. Es gibt zu viele, die aus dem Verschwinden von Saif al-Islam Nutzen ziehen können.

Sein Name bedeutete „Schwert des Islam“. Als designierter Nachfolger seines Vaters war er für den Westen das versöhnliche, modernere Gesicht Libyens. Er hatte in Wien ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften erworben, und in London promoviert. Saif al-Islam verhandelte die Entschädigung der Opferfamilien des Lockerbie-Anschlags auf ein US-Verkehrsflugzeug Ende 1988. In Libyen selbst setzte er eine vorsichtige Liberalisierung der Medien durch und gründete einen Sozialfonds für die islamische Welt, ein Gegengewicht zu islamistischen Wohltätigkeitsorganisationen.

Er warnte vor ausländischer Einmischung und sozialem Niedergang

Als vor 15 Jahren nach dem Fall von Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in Ägypten in Libyen der Bürgerkrieg begann, warnte er vor ausländischer Einmischung, einem hohen Blutzoll und sozialem Niedergang. Er rief die Libyer auf, sich dem zu widersetzen. In der trügerischen Hoffnung, ein islamistisches Libyen könne nicht im Interesse der USA sein, beschwor er die US-Regierung, die vor allem von Frankreich unterstützte Rebellion gegen seinen Vater zu stoppen.

Für Verbrechen an Aufständischen verantwortlich gemacht, wurde Saif al-Islam danach vom Internationalen Strafgerichtshof zur Fahndung ausgeschrieben, aber nicht ausgeliefert. Die Rebellengruppe aus Sintan, die ihn gefangen nahm, verweigerte eine Übergabe an die neuen Machthaber in Tripolis. Beim 2013 folgenden Prozess gegen Überlebende der alten Machtelite wurde er digital zugeschaltet und entging so der Vollstreckung eines Todesurteils.

Gaddafi junior galt als schwieriger Konkurrent

Die Sintan-Stämme sahen in Saif al-Islam offenbar ein Faustpfand für eine Alternative zum fortschreitenden Zerfall Libyens in den kleinen, von der Türkei gestützten tripolitanischen Teil, wo sich immer wieder islamistische Milizen bekämpfen, und in die größere Cyrenaika sowie in erhebliche Gebiete des Südens. Diese Entität wird von dem dezidiert antiislamistischen Marschall Khalifa Haftar geführt.

Als die UNO 2018 und 2021 versuchte, diesen Riss durch eine Präsidentenwahl zu schließen, war auch Saif al-Islam als Bewerber registriert. Da er laut Umfragen möglicherweise 45 Prozent der Stimmen gewonnen hätte, kam das Votum zweimal nicht zustande. Stattdessen wurde suggeriert, dass Gaddafi junior nicht nur für Tripolis als schwieriger Konkurrent galt, sondern vor allem für Haftars Parteigänger. Dagegen spricht, dass bereits 2018 ein Gericht in der Cyrenaika die Todesstrafe annullierte und ihn für „wählbar“ erklärte. 2025 folgte dem auch der Oberste Gerichtshof.

Wahlen wohl ohne einen Gaddafi

Nicht auszuschließen, dass für den Mord auch nicht-libysche Auftraggeber infrage kommen. Saif al-Islam hatte über seinen Anwalt der französischen Justiz Beweise übermittelt, wonach Ex-Präsident Nicolas Sarkozy 2007 von seinem Vater erhebliche Summen zur Unterstützung seines Wahlkampfs erhielt. Das führte bekanntlich zur Verurteilung Sarkozys. Gaddafi junior soll auch sensible Dossiers über andere westliche Politiker besessen haben. Von seiner Popularität wollte die Regierung in Tripolis, auf deren Terrain das Mordkommando agierte, wohl profitieren, indem sie zuließ, dass Tausende zum Begräbnis strömten.

Auf jeden Fall dürfte der Weg zu Wahlen nun geebnet sein, allerdings ohne einen Gaddafi auf den Kandidatenlisten. Besonders in den Sahelstaaten galt Gaddafi senior als wichtiger antiimperialistischer Führer. Dort hoffte man womöglich, dass ein von seinem Sohn geführtes Libyen wieder ein hilfreicher Partner sein könnte.

. Er hatte in Wien ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften erworben, und in London promoviert. Saif al-Islam verhandelte die Entschädigung der Opferfamilien des Lockerbie-Anschlags auf ein US-Verkehrsflugzeug Ende 1988. In Libyen selbst setzte er eine vorsichtige Liberalisierung der Medien durch und gründete einen Sozialfonds für die islamische Welt, ein Gegengewicht zu islamistischen Wohltätigkeitsorganisationen.Er warnte vor ausländischer Einmischung und sozialem Niedergang Als vor 15 Jahren nach dem Fall von Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in Ägypten in Libyen der Bürgerkrieg begann, warnte er vor ausländischer Einmischung, einem hohen Blutzoll und sozialem Niedergang. Er rief die Libyer auf, sich dem zu widersetzen. In der trügerischen Hoffnung, ein islamistisches Libyen könne nicht im Interesse der USA sein, beschwor er die US-Regierung, die vor allem von Frankreich unterstützte Rebellion gegen seinen Vater zu stoppen.Für Verbrechen an Aufständischen verantwortlich gemacht, wurde Saif al-Islam danach vom Internationalen Strafgerichtshof zur Fahndung ausgeschrieben, aber nicht ausgeliefert. Die Rebellengruppe aus Sintan, die ihn gefangen nahm, verweigerte eine Übergabe an die neuen Machthaber in Tripolis. Beim 2013 folgenden Prozess gegen Überlebende der alten Machtelite wurde er digital zugeschaltet und entging so der Vollstreckung eines Todesurteils.Gaddafi junior galt als schwieriger Konkurrent Die Sintan-Stämme sahen in Saif al-Islam offenbar ein Faustpfand für eine Alternative zum fortschreitenden Zerfall Libyens in den kleinen, von der Türkei gestützten tripolitanischen Teil, wo sich immer wieder islamistische Milizen bekämpfen, und in die größere Cyrenaika sowie in erhebliche Gebiete des Südens. Diese Entität wird von dem dezidiert antiislamistischen Marschall Khalifa Haftar geführt.Als die UNO 2018 und 2021 versuchte, diesen Riss durch eine Präsidentenwahl zu schließen, war auch Saif al-Islam als Bewerber registriert. Da er laut Umfragen möglicherweise 45 Prozent der Stimmen gewonnen hätte, kam das Votum zweimal nicht zustande. Stattdessen wurde suggeriert, dass Gaddafi junior nicht nur für Tripolis als schwieriger Konkurrent galt, sondern vor allem für Haftars Parteigänger. Dagegen spricht, dass bereits 2018 ein Gericht in der Cyrenaika die Todesstrafe annullierte und ihn für „wählbar“ erklärte. 2025 folgte dem auch der Oberste Gerichtshof.Wahlen wohl ohne einen GaddafiNicht auszuschließen, dass für den Mord auch nicht-libysche Auftraggeber infrage kommen. Saif al-Islam hatte über seinen Anwalt der französischen Justiz Beweise übermittelt, wonach Ex-Präsident Nicolas Sarkozy 2007 von seinem Vater erhebliche Summen zur Unterstützung seines Wahlkampfs erhielt. Das führte bekanntlich zur Verurteilung Sarkozys. Gaddafi junior soll auch sensible Dossiers über andere westliche Politiker besessen haben. Von seiner Popularität wollte die Regierung in Tripolis, auf deren Terrain das Mordkommando agierte, wohl profitieren, indem sie zuließ, dass Tausende zum Begräbnis strömten.Auf jeden Fall dürfte der Weg zu Wahlen nun geebnet sein, allerdings ohne einen Gaddafi auf den Kandidatenlisten. Besonders in den Sahelstaaten galt Gaddafi senior als wichtiger antiimperialistischer Führer. Dort hoffte man womöglich, dass ein von seinem Sohn geführtes Libyen wieder ein hilfreicher Partner sein könnte.



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