Oberflächlich betrachtet scheint die britische Kultur dem Untergang geweiht. Unsere Musikindustrie siecht dahin, da kleine Konzertvenues reihenweise schließen und Künstler sich Auftritte in den verbliebenen kaum noch leisten können. Das Edinburgh Fringe Festival – Talentschmiede der modernen britischen Stand-ups, Sketche und Sitcoms – steckt aufgrund fehlender Sponsoren in einer existenziellen Krise.

Die britische Filmindustrie ist derzeit fast vollständig von (schwindenden) US-Geldern abhängig. Auch die Fernsehbranche ist von internationalen Investitionen abhängig geworden – so sehr, dass viele befürchten, wir seien nicht mehr in der Lage, Sendungen ausschließlich für das britische Publikum zu produzieren. Und die BBC, das Fundament unseres kulturellen Lebens, schlittert derweil von einer Krise in die nächste. Man sollte also meinen, dass wir als kleine Insel unter diesen Umständen zur kulturellen Bedeutungslosigkeit verdammt sind.

Nur ist etwas Seltsames passiert. Inmitten dieser Katastrophe boomt die britische Kultur. Wir dominieren den globalen Zeitgeist und zwar mit viralen Trends rund um die britische Psyche, mit Musik, TV-Serien und Filmen, die sich mit der komplexen, oft widersprüchlichen britischen Identität auseinandersetzen.

I Used to Live in England ist ein sehr britischer Liebesbrief an Großbritannien. Von einem Amerikaner. „Ich habe bei Tesco eingekauft und Fertiggerichte gekauft“, rappt der Musiker Frankie Beanie, der den Track im Juni unter seinem Pseudonym Supermodel veröffentlicht hat. „Ich habe immer ‚Go Tesco’s‘ statt ‚Go to Tesco’s‘ gesagt“, prahlt er, und, dass er jetzt der Typ in L.A. sei, der weiß, wie man „Garage“ korrekt ausspricht und vom Zugfahren schwärmt.

Beanie ist nicht der einzige Yankee, der anstelle der abgedroschenen Klischees – Fünf-Uhr-Tee, schlechte Zähne, das Wort „Guv’nor“ – diewahren Merkmale der britischen Alltagskultur feiert. Der Boom der Anglophilie in Übersee hat sicher auch mit einer romantisierten Wahrnehmung des Vereinigten Königreichs als Zufluchtsort vor Trumps Amerika zu tun. Hinzu kommt eine sehr nuancierte Auseinandersetzung mit der britischen Mentalität in den sozialen Medien.

Zohran Mamdani outete sich als Fan des „Arseblog Arsecast“-Podcasts

„Ich liebe England so sehr“, erklärte Olivia Rodrigo während ihres Headliner-Auftritts in Glastonbury und nannte dann in einem Atemzug Marks & Spencers Fertigkuchen Colin the Caterpillar, die Möglichkeit, ein Pint um 12 Uhr Mittags zu trinken ohne schief angesehen zu werden, und englische Männer – eine Anspielung auf ihren derzeitigen Freund, den Schauspieler Louis Partridge. Die transatlantische Beziehung des Paares ist Teil des British-Boyfriend-Trends, der durch die vielen jungen Briten in Hollywood angeheizt wird und britische Männer zu einem begehrten Accessoire gemacht hat.

Ein intimes Verhältnis zu Großbritannien scheint eine seltsame Form von kulturellem Kapital geworden zu sein: Als der designierte New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani nach seinen Hörgewohnheiten gefragt wurde, schwärmte er vom Arseblog Arsecast-Podcast des FC Arsenal unddem Song One Pound Fish, der erweiterten Version eines viralen Hits von 2012 eines Markthändlers aus East London, der bei The X Factor gelandet war.

Cool Britannia 2.0 bedeutet eben auch: Unsere ironische Fetischisierung des Alltäglichen und der kleinen, billigen Freuden wird endlich weltweit verstanden. Gleichzeitig geht die Reflexion der Britishness in der Kulturszene tiefer.

Oasis und Charli xcx sagen mehr über das Land aus als Adele und Coldplay

Nehmen wir die Popmusik. In den 2010er Jahren sagten die Songs britischer Weltstars wie Adele, Ed Sheeran und Coldplay wenig über dieses Land aus. Spulen wir nun in die 2020er vor: zur Oasis-Reunion und zu Charli xcx’s Brat. Beide sind in mehrerlei Hinsicht typisch britisch. Oasis haben natürlich seit über 30 Jahren den Status nationaler Maskottchen mit ihrer Kombination aus Fußballtribünen-Gelaber, Manchester-Humor, bewusst überzogener Prahlerei und Beatles-Nostalgie. Brat hingegen fand dank aktuellerer britischer Referenzen Anklang: Happy Hardcore, UK Garage, Dubstep.

Das Fundament aber ist die ironische Attitüde britischer Kunststudenten, die aktuell vor allem von Charlis Kollaborationspartner AG Cook verkörpert wird, ein Goldsmiths-Absolvent, der mit seinen respektlosen Satiren auf Künstlichkeit, Konsumismus, Technologie und guten Geschmack den Hyperpop mit erfunden hat – das einzige wirklich neue musikalische Subgenre der jüngeren Vergangenheit. Ähnlich wie Oasis verkörperte Brat eine „Scheiß drauf“-Haltung und sarkastischen Größenwahn, hier eben in Gestalt eines Partygirls, das eine Privatschule besucht hat.

Einen ähnlichen Vibe verbreitet Amelia Dimoldenberg, deren YouTube-Serie Chicken Shop Date soziale Inkompetenz, trockenen Humor und die weniger vorzeigbaren Seiten der britischen High Street zu einer Vision von britischer Kultur verschmilzt, die in den USA großen Anklang fand; dort berichtet sie inzwischen vom roten Teppich der Oscar-Verleihung.

Typisch britisch: Man ergötzt sich am eigenen Leid

Noch britischer als Charlis Elektropop mit poshem Akzent ist die melancholischere Variante der in Kent aufgewachsenen PinkPantheress. Seit ihrem Debüt auf TikTok im Jahr 2020 legte die 24-Jährige einen rasanten Aufstieg hin: 2025 wurde sie für den Mercury-Preis und zwei Grammys nominiert. Auch sie bedient sich einer unverhohlenen britischen Nostalgie und überlagert Drum-’n’-Bass-, Jungle- und Big-Beat-Samples mit trostlosen Vocals, durch die der Regen zu triefen scheint. Auf ihrem Moodboard, sagte sie dem Rolling Stone, stünden die Farbe Grau, Skins, „ein schmutziges Gefühl“ und die Streets, deren Frontmann Mike Skinner das Gefühl vermitteln könne, dass „das Leben beschissen ist“. Laut dem Interviewer traf sie diese Aussage „typisch britisch, sich am eigenen Elend ergötzend“.

2025 war auch das Jahr, in dem es Can’t Rush Greatness von Central Cee als erstes britisches Rap-Album in den USA in die Billboard Top 10 schaffte, und zwar mit einer Mischung aus UK Drill und Verweisen auf Sports Direct, die Londoner Uxbridge Road und den Vauxhall Astra. Devonté Hynes von Blood Orange, dem US-amerikanischer R&B bisher näher lag, veröffentlichte im August Essex Honey, ein Album voll schmerzhafter Nostalgie für seine Kindheit in Ilford. Seine „Grundstimmung ist eine sehr britische Art von Melancholie am Ende des Sommers und zu Beginn des Herbstes“, urteilte der Guardian.

Danny Boyles „28 Days Later“ war eine Allegorie auf Post-Brexit Britain

Im Kino erwies sich Tim Keys und Tom Basdens tieftrauriger Film The Ballad of Wallis Island als unerwarteter internationaler Hit: Vor der Kulisse der stürmischen walisischen Küste entfaltete sich ein Drama über unterdrückte Trauer, die sich in unbeholfenen Scherzen und Sehnsucht nach der Vergangenheit äußerte und mit Anspielungen auf typisch Britisches wie „Monster Munch“-Chips oder den Radiomoderator Gideon Coe bereichert wurde.

Auch Danny Boyles 28 Years Later war auf fast schon absurde Weise britisch. Die erste Hälfte glich einem veritablen Kitchen-Sink-Drama – aufgewärmtes Essen und Dysfunktion im Einfamilienhaus – im Gewand eines Zombiefilms. Eine VHS-Kassette mit den Teletubbies bildete den Anfang, am Ende tauchte eine Gang wie aus Clockwork Orange auf, die sich modisch an Jimmy Savile orientierte. Der ganze Film kam gleichzeitig als Allegorie auf Post-Brexit Britain daher – mit Isolationisten, die nostalgischen Trost in einer Vision von England finden, die sich durch König-Artus-Romantik, eine eingeschworene Dorfgemeinschaft und derbe Scherze beim Pint im Pub auszeichnet.

Zu dieser Ode auf die Vergangenheit war Adolescence – die zweiterfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten – das albtraumhafte, der Zukunft zugewandte Gegenstück. Jack Thorne und Stephen Grahams mit sechs Emmys ausgezeichnete Geschichte über einen 13-Jährigen, der des Mordes beschuldigt wird, war die Sorte provokanten, sozialkritischen Fernsehens, die früher unser Markenzeichen war – nur dass es nie zuvor 142 Millionen Zuschauer erreichte.

Apple TVs Überraschungshit Slow Horses – die Geheimdienstserie, deren Basis Versager, Blähungen und ein besonders deprimierend nachgebildetes London sind – ging derweil bereits in die fünfte Staffel, Such Brave Girls mit seiner Kombination aus erstickender Vorstadtatmosphäre und extremem Galgenhumor in die zweite. Den britischen Geist fingen sie unendlich genauer ein als eine Serie wie The Crown.

Aber Großbritannien sah nicht nur so düster auf dem Bildschirm aus. Industry, eine Koproduktion von HBO und BBC, könnte die coolste und raffinierteste Serie sein, die je über Großbritannien gedreht wurde: Von der Börse über zwielichtige Kneipen und Gentlemen‘s Clubs bis hin zu Landhäusern – den Machern Mickey Down und Konrad Kay ist es gelungen, die undurchsichtigen Machtstrukturen im Herzen der britischen Gesellschaft mit atemberaubender Dramatik und bissiger Satire zu untersuchen.

Steven Knight plädiert für einen „kreativen Nationalismus“

Vielleicht war die Panik vorschnell, dass die britische Kultur untergehen könnte. Oder die katastrophalen Auswirkungen stehen erst noch bevor. Im Januar kündigte Vize-Premierminister David Lammy eine „Soft Power“-Taskforce an, die unsere kulturellen Errungenschaften in Vorteile für das Land ummünzen soll. Er stellte fest, dass wir trotz unserer Erfolge „keinen ausreichend strategischen Ansatz für diese enormen Vermögenswerte verfolgt haben“. 12 Monate später warten wir immer noch auf einen Aktionsplan.

Im September erklärte der Drehbuchautor Steven Knight (Peaky Blinders und A Thousand Blows, der erste Film der neuen James-Bond-Reihe, die nun Amazon gehört) gegenüber der Times, die Antwort auf unsere aktuellen Probleme liege möglicherweise in einem „kreativen Nationalismus“. Der Begriff lässt erstmal schaudern – insbesondere nach einem Sommer, in dem das St.-Georgs-Kreuz, das seit langem zum Arsenal der extremen Rechten gehört, im Rahmen einer nebulösen patriotischen Kampagne im ganzen Land zu sehen war.

Dennoch könnte eine gewisse Form von Nationalismus – im Sinne von Autonomie und Unabhängigkeit – notwendig sein, wenn wir nicht wollen, dass unsere Populärkultur dauerhaft von den Launen ausländischer Konzerne abhängig ist. (Disneys Entscheidung, sein erfolgloses Doctor Who-Reboot wie ein altes Taschentuch wegzuwerfen, sollte als Warnung dienen. ) Was für Knight typisch britisch ist, klang jedenfalls weder ausgrenzend noch breitbeinig: Regen, Kälte und unser Bewusstsein „für unsere eigenen Absurditäten“.

Das Problem des kreativen Nationalismus könnte eher hier liegen: Wir sind so verliebt in unsere Misserfolge und Fehler, dass es einfach nicht sehr britisch ist, aus Erfolgen Kapital zu schlagen. So ungewiss die Zukunft ist, eines ist sicher: Die britische Kultur befindet sich in einer sehr britischen Lage.

zu produzieren. Und die BBC, das Fundament unseres kulturellen Lebens, schlittert derweil von einer Krise in die nächste. Man sollte also meinen, dass wir als kleine Insel unter diesen Umständen zur kulturellen Bedeutungslosigkeit verdammt sind.Nur ist etwas Seltsames passiert. Inmitten dieser Katastrophe boomt die britische Kultur. Wir dominieren den globalen Zeitgeist und zwar mit viralen Trends rund um die britische Psyche, mit Musik, TV-Serien und Filmen, die sich mit der komplexen, oft widersprüchlichen britischen Identität auseinandersetzen.I Used to Live in England ist ein sehr britischer Liebesbrief an Großbritannien. Von einem Amerikaner. „Ich habe bei Tesco eingekauft und Fertiggerichte gekauft“, rappt der Musiker Frankie Beanie, der den Track im Juni unter seinem Pseudonym Supermodel veröffentlicht hat. „Ich habe immer ‚Go Tesco’s‘ statt ‚Go to Tesco’s‘ gesagt“, prahlt er, und, dass er jetzt der Typ in L.A. sei, der weiß, wie man „Garage“ korrekt ausspricht und vom Zugfahren schwärmt.Beanie ist nicht der einzige Yankee, der anstelle der abgedroschenen Klischees – Fünf-Uhr-Tee, schlechte Zähne, das Wort „Guv’nor“ – diewahren Merkmale der britischen Alltagskultur feiert. Der Boom der Anglophilie in Übersee hat sicher auch mit einer romantisierten Wahrnehmung des Vereinigten Königreichs als Zufluchtsort vor Trumps Amerika zu tun. Hinzu kommt eine sehr nuancierte Auseinandersetzung mit der britischen Mentalität in den sozialen Medien.Zohran Mamdani outete sich als Fan des „Arseblog Arsecast“-Podcasts„Ich liebe England so sehr“, erklärte Olivia Rodrigo während ihres Headliner-Auftritts in Glastonbury und nannte dann in einem Atemzug Marks & Spencers Fertigkuchen Colin the Caterpillar, die Möglichkeit, ein Pint um 12 Uhr Mittags zu trinken ohne schief angesehen zu werden, und englische Männer – eine Anspielung auf ihren derzeitigen Freund, den Schauspieler Louis Partridge. Die transatlantische Beziehung des Paares ist Teil des British-Boyfriend-Trends, der durch die vielen jungen Briten in Hollywood angeheizt wird und britische Männer zu einem begehrten Accessoire gemacht hat.Ein intimes Verhältnis zu Großbritannien scheint eine seltsame Form von kulturellem Kapital geworden zu sein: Als der designierte New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani nach seinen Hörgewohnheiten gefragt wurde, schwärmte er vom Arseblog Arsecast-Podcast des FC Arsenal unddem Song One Pound Fish, der erweiterten Version eines viralen Hits von 2012 eines Markthändlers aus East London, der bei The X Factor gelandet war.Cool Britannia 2.0 bedeutet eben auch: Unsere ironische Fetischisierung des Alltäglichen und der kleinen, billigen Freuden wird endlich weltweit verstanden. Gleichzeitig geht die Reflexion der Britishness in der Kulturszene tiefer.Oasis und Charli xcx sagen mehr über das Land aus als Adele und ColdplayNehmen wir die Popmusik. In den 2010er Jahren sagten die Songs britischer Weltstars wie Adele, Ed Sheeran und Coldplay wenig über dieses Land aus. Spulen wir nun in die 2020er vor: zur Oasis-Reunion und zu Charli xcx’s Brat. Beide sind in mehrerlei Hinsicht typisch britisch. Oasis haben natürlich seit über 30 Jahren den Status nationaler Maskottchen mit ihrer Kombination aus Fußballtribünen-Gelaber, Manchester-Humor, bewusst überzogener Prahlerei und Beatles-Nostalgie. Brat hingegen fand dank aktuellerer britischer Referenzen Anklang: Happy Hardcore, UK Garage, Dubstep.Das Fundament aber ist die ironische Attitüde britischer Kunststudenten, die aktuell vor allem von Charlis Kollaborationspartner AG Cook verkörpert wird, ein Goldsmiths-Absolvent, der mit seinen respektlosen Satiren auf Künstlichkeit, Konsumismus, Technologie und guten Geschmack den Hyperpop mit erfunden hat – das einzige wirklich neue musikalische Subgenre der jüngeren Vergangenheit. Ähnlich wie Oasis verkörperte Brat eine „Scheiß drauf“-Haltung und sarkastischen Größenwahn, hier eben in Gestalt eines Partygirls, das eine Privatschule besucht hat.Einen ähnlichen Vibe verbreitet Amelia Dimoldenberg, deren YouTube-Serie Chicken Shop Date soziale Inkompetenz, trockenen Humor und die weniger vorzeigbaren Seiten der britischen High Street zu einer Vision von britischer Kultur verschmilzt, die in den USA großen Anklang fand; dort berichtet sie inzwischen vom roten Teppich der Oscar-Verleihung.Typisch britisch: Man ergötzt sich am eigenen LeidNoch britischer als Charlis Elektropop mit poshem Akzent ist die melancholischere Variante der in Kent aufgewachsenen PinkPantheress. Seit ihrem Debüt auf TikTok im Jahr 2020 legte die 24-Jährige einen rasanten Aufstieg hin: 2025 wurde sie für den Mercury-Preis und zwei Grammys nominiert. Auch sie bedient sich einer unverhohlenen britischen Nostalgie und überlagert Drum-’n’-Bass-, Jungle- und Big-Beat-Samples mit trostlosen Vocals, durch die der Regen zu triefen scheint. Auf ihrem Moodboard, sagte sie dem Rolling Stone, stünden die Farbe Grau, Skins, „ein schmutziges Gefühl“ und die Streets, deren Frontmann Mike Skinner das Gefühl vermitteln könne, dass „das Leben beschissen ist“. Laut dem Interviewer traf sie diese Aussage „typisch britisch, sich am eigenen Elend ergötzend“.2025 war auch das Jahr, in dem es Can’t Rush Greatness von Central Cee als erstes britisches Rap-Album in den USA in die Billboard Top 10 schaffte, und zwar mit einer Mischung aus UK Drill und Verweisen auf Sports Direct, die Londoner Uxbridge Road und den Vauxhall Astra. Devonté Hynes von Blood Orange, dem US-amerikanischer R&B bisher näher lag, veröffentlichte im August Essex Honey, ein Album voll schmerzhafter Nostalgie für seine Kindheit in Ilford. Seine „Grundstimmung ist eine sehr britische Art von Melancholie am Ende des Sommers und zu Beginn des Herbstes“, urteilte der Guardian.Danny Boyles „28 Days Later“ war eine Allegorie auf Post-Brexit Britain Im Kino erwies sich Tim Keys und Tom Basdens tieftrauriger Film The Ballad of Wallis Island als unerwarteter internationaler Hit: Vor der Kulisse der stürmischen walisischen Küste entfaltete sich ein Drama über unterdrückte Trauer, die sich in unbeholfenen Scherzen und Sehnsucht nach der Vergangenheit äußerte und mit Anspielungen auf typisch Britisches wie „Monster Munch“-Chips oder den Radiomoderator Gideon Coe bereichert wurde.Auch Danny Boyles 28 Years Later war auf fast schon absurde Weise britisch. Die erste Hälfte glich einem veritablen Kitchen-Sink-Drama – aufgewärmtes Essen und Dysfunktion im Einfamilienhaus – im Gewand eines Zombiefilms. Eine VHS-Kassette mit den Teletubbies bildete den Anfang, am Ende tauchte eine Gang wie aus Clockwork Orange auf, die sich modisch an Jimmy Savile orientierte. Der ganze Film kam gleichzeitig als Allegorie auf Post-Brexit Britain daher – mit Isolationisten, die nostalgischen Trost in einer Vision von England finden, die sich durch König-Artus-Romantik, eine eingeschworene Dorfgemeinschaft und derbe Scherze beim Pint im Pub auszeichnet.Zu dieser Ode auf die Vergangenheit war Adolescence – die zweiterfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten – das albtraumhafte, der Zukunft zugewandte Gegenstück. Jack Thorne und Stephen Grahams mit sechs Emmys ausgezeichnete Geschichte über einen 13-Jährigen, der des Mordes beschuldigt wird, war die Sorte provokanten, sozialkritischen Fernsehens, die früher unser Markenzeichen war – nur dass es nie zuvor 142 Millionen Zuschauer erreichte.Apple TVs Überraschungshit Slow Horses – die Geheimdienstserie, deren Basis Versager, Blähungen und ein besonders deprimierend nachgebildetes London sind – ging derweil bereits in die fünfte Staffel, Such Brave Girls mit seiner Kombination aus erstickender Vorstadtatmosphäre und extremem Galgenhumor in die zweite. Den britischen Geist fingen sie unendlich genauer ein als eine Serie wie The Crown.Aber Großbritannien sah nicht nur so düster auf dem Bildschirm aus. Industry, eine Koproduktion von HBO und BBC, könnte die coolste und raffinierteste Serie sein, die je über Großbritannien gedreht wurde: Von der Börse über zwielichtige Kneipen und Gentlemen‘s Clubs bis hin zu Landhäusern – den Machern Mickey Down und Konrad Kay ist es gelungen, die undurchsichtigen Machtstrukturen im Herzen der britischen Gesellschaft mit atemberaubender Dramatik und bissiger Satire zu untersuchen.Steven Knight plädiert für einen „kreativen Nationalismus“Vielleicht war die Panik vorschnell, dass die britische Kultur untergehen könnte. Oder die katastrophalen Auswirkungen stehen erst noch bevor. Im Januar kündigte Vize-Premierminister David Lammy eine „Soft Power“-Taskforce an, die unsere kulturellen Errungenschaften in Vorteile für das Land ummünzen soll. Er stellte fest, dass wir trotz unserer Erfolge „keinen ausreichend strategischen Ansatz für diese enormen Vermögenswerte verfolgt haben“. 12 Monate später warten wir immer noch auf einen Aktionsplan.Im September erklärte der Drehbuchautor Steven Knight (Peaky Blinders und A Thousand Blows, der erste Film der neuen James-Bond-Reihe, die nun Amazon gehört) gegenüber der Times, die Antwort auf unsere aktuellen Probleme liege möglicherweise in einem „kreativen Nationalismus“. Der Begriff lässt erstmal schaudern – insbesondere nach einem Sommer, in dem das St.-Georgs-Kreuz, das seit langem zum Arsenal der extremen Rechten gehört, im Rahmen einer nebulösen patriotischen Kampagne im ganzen Land zu sehen war.Dennoch könnte eine gewisse Form von Nationalismus – im Sinne von Autonomie und Unabhängigkeit – notwendig sein, wenn wir nicht wollen, dass unsere Populärkultur dauerhaft von den Launen ausländischer Konzerne abhängig ist. (Disneys Entscheidung, sein erfolgloses Doctor Who-Reboot wie ein altes Taschentuch wegzuwerfen, sollte als Warnung dienen. ) Was für Knight typisch britisch ist, klang jedenfalls weder ausgrenzend noch breitbeinig: Regen, Kälte und unser Bewusstsein „für unsere eigenen Absurditäten“.Das Problem des kreativen Nationalismus könnte eher hier liegen: Wir sind so verliebt in unsere Misserfolge und Fehler, dass es einfach nicht sehr britisch ist, aus Erfolgen Kapital zu schlagen. So ungewiss die Zukunft ist, eines ist sicher: Die britische Kultur befindet sich in einer sehr britischen Lage.



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