Im berühmten Kölner Keller beim Video Assistant Referee wird mittlerweile vorgegangen wie in einem Labor mit Mikroskopen. Der Fußball ist auf einem Irrweg, den andere Sportarten leider längst gegangen sind
Mittlerweile zeigt sich eine virtuelle Linie vor dem Sprung, damit man sehen kann, wie weit man fliegen muss, um die Führung zu übernehmen
Foto: IMAGO/ActionPictures
Bald ist Vierschanzentournee, das große Skispringen. Warmen Herzens erinnern wir uns daran, wie wir das vor Jahrzehnten verfolgten. Da war es nämlich viel spannender. Die Sportler absolvierten ihren Sprung, und danach standen sie erst einmal im Auslauf, wo sie bang auf Noten und Weiten warteten. Zu Hause auf dem Sofa gab es Ratespiele: Wie weit war das?
Man hatte sich gemerkt, wo Tannenzweige als Markierung ausgestreut worden waren, man konzentrierte sich darauf, an welchem Meterschild einer seine Telemark- oder Haferllandung gesetzt habe. Heute zeigt eine virtuelle Linie schon vor dem Sprung, wie weit er gehen muss, um in Führung zu fliegen. Der Liveticker läuft quasi schon, während einer noch in der Luft segelt.
Es ist ja gut gemeint, dass Technologie eingesetzt wird, um den Menschen von seiner Unwissenheit zu befreien und vor der Fehlerhaftigkeit seiner Schätzungen zu bewahren – aber es macht die Sache halt fad. Am allerschlimmsten ist es mittlerweile im Fußball.
Der Mythos früherer Tore nährte sich auch daraus, dass man die Distanz eines Fernschusses selbst definierte. 30, 35, gar 40 Meter, wir gingen in Fünf-Meter-Schritten vor und wurden etwas kleinteiliger nur, wenn wir feststellten, der Abschluss erfolgte knapp von außerhalb des Sechzehnmeterraums: Schuss aus 18 Metern.
Heute kann man auf der Internetseite der Bundesliga Sekunden nach dem Einschlag nachlesen, dass aus 23,89 Metern geschossen wurde und der Ball eine Geschwindigkeit von 117,55 Stundenkilometern erreichte. Einige TV-Kommentatoren erliegen der Versuchung, dieses Wissen weiterzugeben. Wir wollen das aber nicht hören! 1954 hätte es geheißen: „Aus dem Hintergrund, aus 14,17 Metern, müsste Rahn schießen.“ Oder 2014: „Mach ihn. Er macht ihn. Götze mit 78,64 Kilometern pro Stunde.“
Olympische Spiele 1972
Wenn die Spieler der Neuzeit das Trikot ausziehen, sehen wir eine Art Büstenhalter, die sie tragen müssen, weil in ihnen der Chip sitzt, er alle Daten an ein Funksystem ermittelt oder mit hochsensitiven Kameras kommuniziert. Eingesetzt wird das ganze Instrumentarium auch zur Erkennung eventueller Abseitspositionen.
Im berühmten Kölner Keller beim Video Assistant Referee wird mittlerweile vorgegangen wie in einem Labor mit Mikroskopen. Obwohl das Regelwerk zwischen angreifendem und verteidigendem Akteur immer noch das Kriterium der gleichen Höhe vorsieht, wird ein Bild seziert, bis eine Ungleichheit auszumachen ist. Mehr als 20 Körperpunkte werden analysiert, nicht mal bei den Zielfotos im 100-Meter-Lauf wird so detailliert vorgegangen. In der Leichtathletik akzeptiert man, dass es auch mal ein totes Rennen geben kann.
Es ist schon über 50 Jahre her, dass im Wettkampfsport erkannt wurde, dass eine immer weitergehende Aufschlüsselung von Leistung dieser nicht mehr gerecht wird. Olympische Spiele 1972 in München, Schwimmen über 400 Meter Lagen. Zwei Schwimmer hatten eine auf die Hundertstelsekunde gleiche Zeit. Also schaute man sich die damals bereits erfassbaren Tausendstel an, fand einen Unterschied von 0,002 Sekunden und vergab Gold und Silber statt zweimal Gold. Später maß man die Bahnen nach und stellte fest, dass die des Zweitplatzierten ein ganz kleines Stückchen länger war. Die Entscheidung war also ungerecht.
Möge der Fußball erkennen, dass er sich auf einem Weg befindet, den andere längst als irrig empfunden haben.
gie eingesetzt wird, um den Menschen von seiner Unwissenheit zu befreien und vor der Fehlerhaftigkeit seiner Schätzungen zu bewahren – aber es macht die Sache halt fad. Am allerschlimmsten ist es mittlerweile im Fußball.Der Mythos früherer Tore nährte sich auch daraus, dass man die Distanz eines Fernschusses selbst definierte. 30, 35, gar 40 Meter, wir gingen in Fünf-Meter-Schritten vor und wurden etwas kleinteiliger nur, wenn wir feststellten, der Abschluss erfolgte knapp von außerhalb des Sechzehnmeterraums: Schuss aus 18 Metern.Heute kann man auf der Internetseite der Bundesliga Sekunden nach dem Einschlag nachlesen, dass aus 23,89 Metern geschossen wurde und der Ball eine Geschwindigkeit von 117,55 Stundenkilometern erreichte. Einige TV-Kommentatoren erliegen der Versuchung, dieses Wissen weiterzugeben. Wir wollen das aber nicht hören! 1954 hätte es geheißen: „Aus dem Hintergrund, aus 14,17 Metern, müsste Rahn schießen.“ Oder 2014: „Mach ihn. Er macht ihn. Götze mit 78,64 Kilometern pro Stunde.“Olympische Spiele 1972Wenn die Spieler der Neuzeit das Trikot ausziehen, sehen wir eine Art Büstenhalter, die sie tragen müssen, weil in ihnen der Chip sitzt, er alle Daten an ein Funksystem ermittelt oder mit hochsensitiven Kameras kommuniziert. Eingesetzt wird das ganze Instrumentarium auch zur Erkennung eventueller Abseitspositionen.Im berühmten Kölner Keller beim Video Assistant Referee wird mittlerweile vorgegangen wie in einem Labor mit Mikroskopen. Obwohl das Regelwerk zwischen angreifendem und verteidigendem Akteur immer noch das Kriterium der gleichen Höhe vorsieht, wird ein Bild seziert, bis eine Ungleichheit auszumachen ist. Mehr als 20 Körperpunkte werden analysiert, nicht mal bei den Zielfotos im 100-Meter-Lauf wird so detailliert vorgegangen. In der Leichtathletik akzeptiert man, dass es auch mal ein totes Rennen geben kann.Es ist schon über 50 Jahre her, dass im Wettkampfsport erkannt wurde, dass eine immer weitergehende Aufschlüsselung von Leistung dieser nicht mehr gerecht wird. Olympische Spiele 1972 in München, Schwimmen über 400 Meter Lagen. Zwei Schwimmer hatten eine auf die Hundertstelsekunde gleiche Zeit. Also schaute man sich die damals bereits erfassbaren Tausendstel an, fand einen Unterschied von 0,002 Sekunden und vergab Gold und Silber statt zweimal Gold. Später maß man die Bahnen nach und stellte fest, dass die des Zweitplatzierten ein ganz kleines Stückchen länger war. Die Entscheidung war also ungerecht.Möge der Fußball erkennen, dass er sich auf einem Weg befindet, den andere längst als irrig empfunden haben.