
Nach dem Tod des Diktators Franco vor 50 Jahren ebnete König Juan Carlos Spanien den Weg in die Demokratie. Ein goldenes Jubiläum ohne Altkönig, das gelobte Volk und dreihundert Neo-Francisten marschieren
Die Demokratie ist nicht einfach vom Himmel gefallen, sie wurde vom spanischen Volk, von den einfachen Bürgern erkämpft.“ Mit diesen Worten lobt Spaniens Premierminister Pedro Sanchéz das 50-jährige Jubiläum der Transición – den Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Sein Appell richtet sich auch an die abwesende Hauptfigur von vor fünf Jahrzehnten: Altkönig Juan Carlos.
Der nach zahlreichen Skandalen im emiratischen Exil lebende Vater von Felipe VI. brachte pünktlich zum runden Jahrestag seine Sicht der Dinge zu Papier. In seinen Memoiren schreibt er: „Ich habe dem spanischen Volk die Freiheit gegeben, indem ich die Demokratie errichtet habe.“
Wer von beiden liegt nun richtig mit der jeweils eigenen historischen Deutung?
Überraschender Beginn
Als Francisco Franco am 20. November 1975 starb, schien Spanien politisch erstarrt. Vier Jahrzehnte autoritärer Herrschaft hatten ein Land zurückgelassen, das gesellschaftlich gespalten und institutionell gelähmt war. Doch kaum war der Caudillo bestattet, begann eine Entwicklung, die damals nur wenige für möglich hielten: Der von Franco selbst designierte Nachfolger, Juan Carlos I., sollte zum Architekten des demokratischen Neuanfangs werden. Franco hatte Juan Carlos 1969 als „designado sucesor“ eingesetzt – in der Erwartung, er werde das Régime in die Zukunft tragen. Auch die demokratische Opposition misstraute ihm zunächst, sah in ihm den verlängerten Arm des Diktators.
Mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen „el breve“, der Kurze, war nicht seine Körpergröße von 1,88 Metern gemeint, sondern die erwartete Verweildauer auf dem spanischen Thron. Doch es kam alles ganz anders, was Linke wie Rechte vermutet hatten. Die Thronbesteigung am 22. November 1975 markierte nicht die Fortsetzung des Franquismus, sondern den Beginn eines politisch riskanten Experiments: einen Systemwandel von innen, ohne Revolution, ohne erneuten Bürgerkrieg, ohne Zusammenbruch staatlicher Strukturen.
Die ersten Schritte: Vorsicht und verdeckte Weichenstellungen
Der junge König wusste, dass er die alten Machtzentren nicht frontal herausfordern durfte. Hinter den Kulissen stellte er jedoch ein Netzwerk moderater Reformer zusammen. Besonders wichtig wurde Adolfo Suárez, ein unscheinbarer, aber wendiger Funktionär, den Juan Carlos 1976 überraschend zum Ministerpräsidenten ernannte. Suárez entließ konservative Hardliner, öffnete das politische System schrittweise und schuf noch im selben Jahr das „Gesetz zur politischen Reform“ durch die franquistischen Cortes, das den kontrollierten Abbau des alten Regimes festschrieb.
Die historische Wende kam 1977: Die linken Parteien wurden legalisiert, freie Wahlen fanden statt, und Suárez gewann mit einem Kurs der Öffnung. 1978 verabschiedete Spanien eine neue Verfassung, die das Land in eine parlamentarische Monarchie überführte, Grundrechte garantierte und den Regionen Autonomierechte zusprach. In Rekordzeit entwickelte sich aus einer erstarrten Diktatur eine lebendige, pluralistische Demokratie.
Die Zerreißprobe von 1981: Zwischen Mythos und neuer Forschung
Der entscheidendste Moment dieses Übergangs folgte jedoch erst drei Jahre später. Am 23. Februar 1981 stürmte Oberstleutnant Tejero mit bewaffneten Gardisten das Parlament – der berüchtigte „23-F“, wie den Tag die Spanier bis heute nennen. Das Land hielt den Atem an, Europa blickte alarmiert nach Madrid. Und plötzlich hing alles von Juan Carlos ab.
Lange galt die Geschichte als eindeutig: Der König habe in der Nacht der Krise – in Uniform, im Fernsehen – die Demokratie gerettet, indem er sich unmissverständlich gegen den Putsch stellte. Diese Darstellung prägte den Mythos, der Juan Carlos jahrzehntelang als „Retter der Freiheit“ umgab. Doch neuere Forschungen zeichnen ein komplexeres Bild. Historiker verweisen darauf, dass konservative Teile des alteingesessenen Machtapparats eine „weiche Korrektur“ des politischen Kurses anstrebten, eine Art technokratische Regierung, die den Reformprozess bremst, aber nicht zurückdreht. Im Zentrum dieser Pläne stand General Alfonso Armada, einst ein Vertrauter des Königs. Ob er dabei tatsächlich Rückendeckung aus dem Königshaus hatte oder sich nur darauf berief, bleibt umstritten.
Klar ist jedoch: Tejeros gewaltsamer Überfall ging weit über das hinaus, was diese Kreise wollten. Und als der Putsch ins Radikale abrutschte, entschied Juan Carlos sich eindeutig. Nach stundenlangen Telefonaten mit Militärkommandos stellte er klar, dass jede Abweichung von der Verfassung als Illoyalität gegenüber dem König gewertet werde. Seine nächtliche Fernsehansprache brachte die entscheidende Wende – der Putsch brach zusammen.
Die neue Forschung relativiert also das heroische Narrativ, aber nicht die historische Bedeutung. Juan Carlos war kein zufälliger Held, sondern ein politischer Akteur mit eigenen Interessen und taktischen Überlegungen. Doch im entscheidenden Moment fiel seine Entscheidung klar zugunsten der Demokratie aus. Ohne sein Eingreifen wäre der 23-F vermutlich erfolgreich verlaufen. Vielleicht stand dem jungen Monarchen auch das Schicksal seines griechischen Schwagers Konstantin II. vor Augen, der 1967 den Putsch der Junta duldete und letztlich seine Krone verlor. Mit dem niedergeschlagenen Putsch von 1981 bestand die junge spanische Demokratie ihre Bewährungsprobe, nach der Spaniens Freiheit endgültig gefestigt war.
Licht und Schatten der „Transición“
Spaniens demokratischer Übergang gilt bis heute als Modell – friedlich, kompromissorientiert, institutionell stabil. Doch er war nicht frei von Ambivalenzen. Der berühmte „Pakt des Schweigens“ über die Verbrechen der Diktatur ließ Wunden offen. Die Neuordnung der Autonomierechte führte zu anhaltenden Spannungen zwischen Zentrum und Regionen, vor allem in Katalonien. Und die schnelle Modernisierung des Landes ließ manche gesellschaftliche Konfliktlinie erst Jahrzehnte später sichtbar werden.
Heute, fünf Jahrzehnte nach Francos Tod und Juan Carlos’ Thronbesteigung, wirkt der demokratische Übergang wie ein überragendes historisches Verdienst – auch wenn die spätere Biografie des Königs durch Skandale überschattet wurde. Doch seine wichtige Rolle zwischen 1975 und 1981 bleibt der Kern seines Vermächtnisses: Er wagte den Bruch mit seinem Mentor, steuerte einen autoritären Staat in die Freiheit und stellte sich im entscheidenden Augenblick gegen jene, die in die Vergangenheit zurücktaumeln wollten.
In einer Welt, in der Demokratien wieder unter Druck stehen, erinnert Spaniens „Transición“ daran, dass demokratische Stabilität kein Naturzustand ist – sondern mutige Entscheidungen braucht. Juan Carlos traf sie. Und genau deshalb markiert der 20. November 1975 nicht nur das Ende einer Diktatur, sondern den Beginn einer der bemerkenswertesten demokratischen Erfolgsgeschichten Europas. Last but not least: Beide Deutungen der Ereignisse vor 50 Jahren, die von Juan Carlos und jene von Premier Sanchéz, haben ihre Berechtigung. Es sind zwei Seiten einer Medaille.