Nachts die Sirenen, Drohnen, Raketen und Explosionen. Und morgens die Nachrichten über Tote und Ausgebombte – sowie die Frage, ob es Licht und Wärme gibt. Anfang Dezember bin ich aus Kyjiw nach Berlin zurückgekehrt. Bis zur Abreise hatte ich keine Heizung. Die November- und Dezemberkälte übernahm das Haus, die Straße versank in Dunkelheit. Strom ist wie Blut, dachte ich, und all diese Kabel sind seine Adern. Verschwindet er, entweicht das Leben aus dem Körper der Stadt. So wie es aus den Körpern der Soldaten entweichen kann, die an der Front kämpfen und sterben.

Irgendwo jenseits dieses Alltags fanden zuletzt Friedensverhandlungen statt, bekanntlich nicht zum ersten Mal. Zwei „schlechte Friedensabkommen“ waren schon vorher abgelehnt worden, stets gefolgt von zufriedenen Kommentaren in internationalen Medien. Inzwischen hat die Idee des Friedens selbst einen schlechten Ruf: „Frieden durch Zwang“.

In diesem Krieg dient symbolische Sprache als neuer Eiserner Vorhang. Sie verschleiert, was konkret zur Wahl steht. Die Alternative zum sogenannten schlechten Frieden ist nichts anderes als der Krieg

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Fast immer, wenn ich in den letzten Jahren über Friedensszenarien diskutierte, ging es um Völkerrecht, Geopolitik und die Notwendigkeit, dem Aggressor entschlossen zu begegnen: „Frieden durch Stärke“. Die Ukraine solle für Moskau „unverdaulich“ werden, wie Ursula von der Leyen im August 2025 sagte. Als könnte es je etwas Gutes verheißen, Teil des Verdauungsprozesses eines anderen zu sein. In diesem Krieg dient symbolische Sprache als neuer Eiserner Vorhang. Sie verschleiert, was konkret zur Wahl steht: Die Alternative zu einem „schlechten Frieden“ ist nichts anderes als der Krieg in all seinen Formen.

Die Welt der Rekrutierungs-Warn-Kanäle: Nähe unter Avataren

Diese Zeilen entstanden im Kern zwischen August und Oktober 2025. Ich hielt es damals für nötig, die systematische Gewalt zu beschreiben, die zur Aufrechterhaltung des bewaffneten Widerstands erforderlich ist. Die Politiker, die über einen Krieg bis 2030 parlierten, schienen etwas zu übersehen. Inzwischen denke ich einerseits, dass ich nur Bekanntes wiederhole, wenn ich hier von Zwangsrekrutierung oder der Sprache militärischer Gewalt berichte, die den Krieg ausmachen. Andererseits spricht niemand über dieses Bekannte. Ein Freund, der jetzt in der Armee ist, sagte zu mir: „Ich werde nicht zulassen, dass sie das vergessen.“ Ihm widme ich diesen Text.

Als ich zu schreiben begann, poppten ständig Nachrichten auf mein Handy: „Sie fahren die Widradne hinunter und steigen aus einem schwarzen Auto aus“ / „Gatne – Autokontrollen, es sieht schlecht aus, Razzia“ / „An der U-Bahn-Station Gnata Juri, direkt auf dem Bahnsteig, ein paar Auberginen mit einem Tablet … Seid vorsichtig da draußen!“ Diese Live-Updates wurden auf Telegram gepostet, in einem der vielen Kanäle, auf denen in Kyjiw Zivilisten einander vor Rekrutierungs-Razzien warnen.

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Eine „Aubergine“ ist ein Polizist oder Beamter eines Territorialen Rekrutierungszentrums („Territorial Center of Recruitment and Social Services“, kurz TCR oder auch TCK). Herrscht „sonniges Wetter“, gibt es keine Kontrollen. Oft klingen die Nachrichten so vertraulich, als wende man sich an Verwandte. Dann schleicht sich eine absurde Polit-Nachricht dazwischen: Auf „Kreuzung Dnipro-Ufer und Truskawetska-Straße alles sauber, keine Probleme“ folgt „Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine wird irgendwann enden, denke ich – Trump“.

Binnen Stunden verschwinden die Nachrichten, ich kopiere sie für meinen Text. Das Verfolgen solcher Kanäle ist strafbar. Einige ihrer Gründer und Administratoren wurden festgenommen und könnten im Gefängnis landen. Zur Einschüchterung werden immer wieder Fotos von entsprechenden Verhaftungen veröffentlicht. Aber sofort taucht ein neuer Kanal auf.

Heldische Riesen, flauschige Katzen: Wie wirbt man für den Fronteinsatz?

Die Kanäle sind strikt anonym. Sie schaffen unpersönliche Gemeinschaften: Versteckt hinter Pseudonymen und Avataren redet man miteinander, bisweilen sogar über Politik. Sie existieren in der ganzen Ukraine – als Teil des Untergrundlebens von Städten, deren Oberflächen mit Rekrutierungswerbung bedeckt sind.

In Kyjiw hängen diese Anzeigen oft dort, wo früher Hollywood-Plakate zu sehen waren. Und die Bildsprachen ähneln sich: Soldaten werden etwa als Riesen dargestellt. Sie sitzen auf Gebäuden, als wären es Stühle, sie stützen ihre Knie gegen Brücken und legen ihre Ellbogen auf Bürotürme. Mit jedem Schritt könnten sie Häuser zermalmen, mit einem Schulterzucken Mauern umwerfen.

Einige berühmte Bataillone haben eigene Plakate. Die Dritte Sturmbrigade zeigt einen lachenden Soldaten mit blutverschmiertem Schwert. Er reitet auf einem flauschigen Kater über zombiehafte Zivilisten. Sie fotografieren ihn, strecken die Hände nach ihm aus, als wüssten sie nicht, dass er sie vernichten will: „Dritte Sturmbrigade. Vorbereitung auf jedes Szenario.“

Die Plakate der Kriegswerbung wirken wie Machtprojektionen. Sie sollen diejenigen ansprechen, die sich machtlos fühlen. Sie vermitteln eine Illusion von Stärke, Einfluss und Kontrolle. Ihr fantastischer, anti-realistischer Stil stellt den Krieg in eine Spielwelt, in der Charaktere durch Bonus-Leben und Extra-Kräfte aufgewertet werden können.

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Es gibt auch Motive für Freiwillige unter 24 Jahren, die bisher der Wehrpflicht noch nicht unterliegen: Anime- oder Cartoon-Illustrationen stellen den Krieg als Computerspiel vor. Ein Plakat bot jungen Freiwilligen eine Lotterie mit einer Auszahlung von einer Million Hrywnja an.

Solche Machtprojektionen sollen diejenigen ansprechen, die sich machtlos fühlen. Sie vermitteln eine Illusion von Stärke, Einfluss und Kontrolle. Ihr fantastischer, anti-realistischer Stil stellt den Krieg in eine Spielwelt, in der Charaktere durch Bonus-Leben und Extra-Kräfte „aufgewertet“ werden können.

„Helden sterben nicht“: Wir lesen das in Nachrufen, die unsere Social-Media-Feeds füllen. Wir hören das bei den Beerdigungen, ein ums andere Mal. Zuweilen wollte ich darin Wahres erkennen: „Für immer 19“, „für immer 31“ und so weiter. Als gehe es nicht um ein vorzeitig beendetes Leben, sondern ein Rezept für ewige Jugend.

Getötet „wie ein ganz normaler Typ“: wenn ein geliebter Mensch beerdigt wird

Dieses Spiel mit der Unsterblichkeit ist besonders bitter, wenn jemand getötet wird, den man liebt. Am 18. August erwiesen wir in Kyjiw meinem Freund Dawyd Tschytschkan die letzte Ehre, dem Künstler und Anarchisten. Er hatte sich im Oktober 2024 zu einer Mörser-Einheit gemeldet. Viele aus seinen Kreisen waren da schon eingerückt.

Dawyds Beerdigung brachte Künstler, Kuratoren, Linke, Anarchisten und Mitglieder der queeren Community mit Soldaten zusammen. Die lobten, er habe „wie ein ganz normaler Typ“ in den Gräben gesessen, obwohl er gar nicht „musste“. Dawyd „hätte seine Verbindungen in der Kunstwelt nutzen und in ein anderes Land gehen können“, sagte einer, oder sich eine sichere Position im Hinterland verschaffen. Diese Aussagen ehrten einen mutigen, freundlichen Menschen. Sie warfen aber auch unfreiwillig Licht auf die unsichtbaren Hierarchien der Armee, vor der so viele Angst haben und zu fliehen versuchen.

Allein 2025 wurden mehr als 160.000 AWOL-Fälle offiziell gemeldet. „Absent Without Leave“ ist in der Ukraine „zu einem alltäglichen Ausdruck geworden“, stellt die Deutsche Welle fest. Immer wieder stoße ich in diesem Kontext auf das Wort „Mobilisierungsressourcen“. Soldaten nennen sich manchmal selbst so ähnlich: „Mobilisierungsmaterial“. Das ist so aberwitzig wie das Bild unsterblicher Helden.

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Die Wehrpflicht wurde seit 2022 mehrfach überarbeitet. Anfänglich gab es viele Freiwillige, schockiert von der Aggression, aber voller Hoffnung. Die Invasionsarmee war klein und unterschätzte ihren Gegner. Doch als die russischen Streitkräfte um das Dreifache anwuchsen, stieg auch der Bedarf an ukrainischen Soldaten.

Im Mai 2024 wurde angesichts der neuen russischen Offensive das Wehralter von 27 auf 25 Jahre gesenkt und die „eingeschränkte Wehrpflicht“ fast völlig abgeschafft. Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren mussten ihre Daten in einer staatlichen Datenbank aktualisieren. Alle im betreffenden Alter sind prinzipiell wehrpflichtig, wer über 22 ist, darf das Land nicht verlassen. Die Dienstbefreiung ist ein Privileg, aber keine Garantie: Der Status wird regelmäßig überprüft. Die Demobilisierung nach 36 Monaten wurde gestrichen.

Trotz hoher Geldstrafen haben laut Berichten 1,5 Millionen Männer ihre Daten nicht aktualisiert. Eine enorme Anzahl von Menschen versucht, die Mobilisierung zu vermeiden. Viele misstrauen dem Verfahren. Die Größenordnung spricht für sich. Es gibt einen riesigen Raum des Inoffiziellen – für Ahnungen, Meinungen, Zweifel und Entschlüsse, die öffentlich nicht zum Ausdruck kommen.

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Es gibt in der ukrainischen Gesellschaft einen riesigen Raum des Inoffiziellen – für Ahnungen, Meinungen, Zweifel und Entschlüsse, die öffentlich nicht zum Ausdruck kommen.

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Wo es keine Worte gibt, gibt es einerseits doch Taten. Sich verstecken. Das Vermeiden oder Nichtbefolgen des Befehls, zu kämpfen. Andererseits ist das ukrainische Internet inzwischen voller Videos von Zwangsrekrutierungen – und Widerstand dagegen. Sie werden von Passanten gefilmt und hochgeladen. Internationale Medien ignorieren sie weitgehend.

Bilder der „Busifizierung“: ein Gefühl grenzenloser Hilflosigkeit

Man sieht da vielleicht einen Mann, der verzweifelt mit Soldaten ringt, die ihn in einem Kleinbus zerren wollen. Das nennt man „Busifizierung“. Scrollt man weiter, sieht man vielleicht Menschen, die in Einberufungszentren einbrechen, um Männer zu befreien. Auch das Verbreiten dieser Bilder kann verfolgt werden. Ich schaffe es oft nicht, sie bis zum Ende anzuschauen. Sie hinterlassen ein Gefühl grenzenloser Hilflosigkeit, auch weil sie kaum jemand öffentlich zur Kenntnis nimmt.

In ihren Küchen sprechen einige Freunde darüber, so ähnlich wie früher in der Dissidentenzeit. Aber öffentlich ist es, als geschähe nichts. Dabei sind diese Bilder auch außerhalb der Ukraine empfangbar. Es ist, als ob unsere Gesellschaft wie der internationale Diskurs unter einen kollektiven Bann geraten wäre.

Eine Zeit lang fühlte ich mich fast verrückt. Ich sah Dinge, die anderen unbedeutend blieben. Ein Freund wurde in Kyjiw direkt auf der Straße entführt. Aber immer wieder höre ich von Kollegen in europäischen Städten, es sei jetzt „nicht der Zeitpunkt, darüber zu sprechen“, weil „es dann schwerer wird, Europa zur Unterstützung zu motivieren“. Diese Haltung scheint auch in angesehenen Medien vorzuherrschen. Aber sie ist eine Selbstzensur, die Illusionen nährt, indem sie Teile der Realität ausblendet: Trauma, Leid, innere Gewalt.

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Dieses Schweigen trägt zum Bild einer geeinten, heroischen Nation bei, die Krieg führen will. Ganz wie es die Informationskampagnen sagen, an denen Politiker, Journalisten und Aktivisten stolz teilnehmen. Je länger diese Videos unbeachtet bleiben, desto mehr gewöhnen wir uns alle an Gewalt. Ich möchte Sie daher einladen, sich ein paar dieser Zeugnisse anzusehen.

Ein Video stammt aus dem Gebiet Winnyzja. Es wurde von einer Frau aufgenommen, die auf dem Beifahrersitz eines Autos saß, das auf einer Straße angehalten hatte. Sie dreht sich um, um ihre beiden dünnen Töchter auf dem Rücksitz zu filmen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zarte Gesichter, blondes Haar. Zuerst wirken sie neugierig. Aber dann schreien die Eltern.

„Schau, was passiert!“, ruft die Frau. „Sie schlagen auf unser Auto ein! Ein TCR-Typ!“ Die Mädchen schreien, bekreuzigen sich und beten: „O Herr, bitte hilf uns! O Herr, bitte hilf uns!“

Die Mutter versucht zu erklären, was passiert ist. Der Vater hatte nicht angehalten, als er vom TCR dazu aufgefordert wurde. Soldaten verfolgten sie, und als sie dann stoppen, beginnt einer von ihnen auf das Auto einzuschlagen. Die Scheibe neben dem Fahrersitz geht zu Bruch. Die Kinder sehen, wie ihr Vater gewaltsam zur Mobilisierung abgeführt wird.

Wie werden sie damit leben? Ein Freund, der an Epilepsie leidet, floh mit seiner zehnjährigen Tochter zu Fuß. Sie versuchte, die Soldaten abzulenken, damit ihr Vater entkommen konnte. Im Herbst kursierte ein Video, in dem Schulkinder die Abholung ihres Sportlehrers filmten. Sie waren verängstigt und empört. Die Schule verbot, das Video zu posten, aber jemand tat es trotzdem.

Einige Einheiten bestehen inzwischen ganz aus Zwangsrekruten

Ein Video aus dem Gebiet Dnipropetrowsk: Soldaten in Zivil zerren einen Mann in einen Bus. Er schreit, ruft um Hilfe, versucht sich zu wehren. Er ist fast nackt, seine Kleidung wurde ihm während des Kampfes ausgezogen. Eine Frau schreit: „Sie entführen jemanden!“

Im Oktober verbrachte die Schauspielerin Elena Repina, die seinerzeit an der Seite des heutigen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in der Fernsehserie Diener des Volkes spielte, eine Nacht vor einem TCR-Amt. Darin wurde ihr Mann festgehalten, beide sind 59 Jahre alt. Sie postete zornig auf Facebook und nannte das TCR „Faschisten“. Medien griffen die Geschichte auf, ihr Mann wurde entlassen. Aber das ist der einzige mir bekannte Fall.

Dmytro Voloshin, Kommandeur des 8. Luftangriffskorps, gibt auf Facebook zu, dass praktisch alle seiner Männer „busifiziert“ wurden. „Sie kämpfen gut“, sagt er. „Was sollen sie sonst tun? Das Wichtigste ist, die richtigen Bedingungen zu schaffen.“ Ein bitterer Kommentar unter seinem Posting: „Die richtigen Bedingungen zu schaffen bedeutet, die Person so hart zu schlagen und ihr solche Angst einzujagen, dass sie sich mehr vor ihren Vorgesetzten fürchtet als vor dem Feind.“

Eines Morgens sah ich ein Video vom Strand bei Odessa: Kinder spielen TCR. Zwei Jungs jagen einen dritten und schnappen ihn an den Armen. Er versucht, sich zu befreien, aber sie führen ihn dem Schicksal zu.

Jüngst kommt es vermehrt zu Zusammenstößen zwischen Zivilisten und Mobilisierungseinheiten. Veteranen und demobilisierte Soldaten stehen dabei oft auf der Seite der Zivilisten. Im August gab es spontane Demonstrationen in den Städten Kowel und Winnyzja; Menschen versuchten, in Einberufungszentren einzudringen und die dort festgehaltenen Personen zu befreien. Aus irgendeinem Grund ignorierten die internationalen Medien diese eindrucksvollen Proteste.

Der zivile Ungehorsam verärgerte den rechtsradikalen Politiker Dmytro Kortschinskyj, der Soldaten dazu aufrief, auf alle zu schießen, die sich der Wehrpflicht widersetzen. Seine eigentümliche, marginale und bewusst provokative Rolle scheint darin zu bestehen, die Grenzen des Sagbaren auszuloten. Und offenbar wurde sein Aufruf erhört: Am 19. August 2025 eröffneten TCR-Männer im Dorf Nowi Tscherwyschtscha in der Oblast Wolyn das Feuer auf eine Gruppe von Rentnerinnen.

Eine der Frauen sprach später mit dem lokalen Fernsehen. Sie und ihre Freundinnen sahen, wie die TCR-Beamten einen ihnen bekannten Behinderten verfolgten. Sie wollten eingreifen und warfen Steine auf das Fahrzeug der Wehrpflichtbrigade. Die schoss zurück; eine der Frauen wurde an der Wange getroffen und musste ins Krankenhaus.

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Vor dem Krieg wurden Gesundheitsprobleme oft außerhalb des staatlichen Gesundheitssystems behandelt. Selbst schwere oder chronische Erkrankungen sind daher oft nicht registriert. Diese Menschen sind nun „inoffiziell krank“ oder „inoffiziell behindert“ – und wehrpflichtig.

Am 9. Oktober veröffentlichte ein TCR-Amt in Tscherkassy eine Erklärung zum Tod eines Mannes mit Epilepsie, der während seiner Untersuchung verstorben ist. Diesem Fall wird nachgegangen, aber es gibt viele ähnliche. Der Ehemann einer Bekannten, der an Epilepsie leidet, wurde im Frühjahr zwangsrekrutiert und ist seither „an der Front vermisst“.

Ich kenne einen 55-jährigen Übersetzer mit chronischen Erkrankungen, der sich das Schlüsselbein gebrochen hat, um nicht eingezogen zu werden. Das sei die sicherste Methode. Ich kenne auch einen Designer, der sich eine Niere entfernen ließ, um für eine Befreiung wegen Behinderung infrage zu kommen. Auf Telegram erfuhr ich von einem Wehrpflichtigen in Kyjiw, der sich an Händen und Hals Schnitte zufügte, um entlassen zu werden.

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Auf Instagram erzählt eine bekannte Freiwillige aus Saporischschja sogar von einem Mord in einem Einberufungszentrum. Der Vater ihrer Freundin, ein 52-jähriger ehemaliger Kämpfer, sei zwangsweise erneut eingezogen worden und keine 24 Stunden später verstorben. Als seine Leiche der Familie zurückgegeben wurde, habe sie Spuren von Schlägen gezeigt. Die Freiwillige appelliert an Journalisten und Zivilgesellschaft, aber die Geschichte ist schon fast wieder vergessen, begraben unter anderen, die noch dramatischer erscheinen.

Man hört oft nichts von Mobilisierten, leben sie denn noch?

Seit Kurzem warte ich auf Anrufe aus einer Militär-Ausbildungsstätte. Ein befreundeter Künstler und sein neuer Bekannter, Chemie-Dozent an einer Uni, werden dort festgehalten. Beide lehnen Gewaltanwendung grundsätzlich ab. Der Wissenschaftler ist krank; er hat womöglich ein schweres Nierenleiden. Doch weil es schon Fluchtversuche aus Kliniken gab, wurde ihm medizinische Hilfe verweigert.

Beiden wurden ihre Telefone abgenommen, gängige Praxis in Wehrpflicht- und Ausbildungszentren. Manchmal hört man wochenlang nichts von Mobilisierten, weiß nicht, ob sie noch leben. Einige haben ein illegales Handy. Kameraden meines Freundes teilen mir Neuigkeiten mit. Demnach wurden auch in dieser Ausbildungseinheit fast alle zwangsmobilisiert – auf der Straße, an der Haustür, bei Alltagsaktivitäten. Ich höre von Bestrafungsriten: Verweigert einer die Unterschrift, sich freiwillig gemeldet zu haben, oder versucht er die Flucht, wird er an einen Baum gefesselt und gedemütigt, auch im Winter.

Wehrpflichtige, die sich verweigerten, wurden ohne Ausbildung – und ohne Telefon – nach vorne geschickt. Es gab Gerüchte, dass Soldaten nach Fluchtversuchen geschlagen oder gar erschossen wurden; internationale Militärexperten bestätigen das bisher nicht.

Der Krieg hat die Illusion geschaffen, dass die Anerkennung einer Art von Erfahrung eine andere schmälert. Als ob die Freiheit der Wahl die Entscheidung entwertet, sich dem Militär anzuschließen.

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Die Trauer über Dawyds Tod verfolgt mich. Ebenso verfolgen mich Angriffe auf die Freiheit von Zivilisten, das Wissen um den Betrieb illegaler Gefängnisse und Militärdienstverträge, die unter Drohungen und Gewalt unterzeichnet wurden. Das zerreißt die Gesellschaft und zerstört die Menschenwürde.

Warum nur diese hart erzwungene Stille? Der Krieg hat die Illusion geschaffen, dass die Anerkennung einer Art von Erfahrung eine andere schmälert. Als ob die Freiheit der Wahl die Entscheidung entwertet, sich dem militärischen Widerstand gegen die Invasion anzuschließen; als ob die Kritik innerer Gewalt in einer Gesellschaft, die sich verteidigt, nur bedeuten kann, „für den Feind zu arbeiten“.

Dieses erzwungene Schweigen hilft der ukrainischen Gesellschaft nicht. Es normalisiert und legitimiert eine abnormale, kriminelle Situation. Es zwingt die Menschen zu akzeptieren, dass Gewalt natürlich und stets zu erwarten ist, ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Der Hilferuf jener Mädchen, deren Vater vor ihren Augen verschleppt wird, verhallt ungehört. Und auch das ist eine Antwort.

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Yevgenia Belorusets ist Künstlerin, Fotografin, Kuratorin und Autorin in Berlin und Kyjiw. Sie hat das Magazin Prostory mitgegründet. Der Text basiert auf dem Essay The Demand for Silence auf equator.org.

Übersetzung und Redaktion: Velten Schäfer

rher abgelehnt worden, stets gefolgt von zufriedenen Kommentaren in internationalen Medien. Inzwischen hat die Idee des Friedens selbst einen schlechten Ruf: „Frieden durch Zwang“.In diesem Krieg dient symbolische Sprache als neuer Eiserner Vorhang. Sie verschleiert, was konkret zur Wahl steht. Die Alternative zum sogenannten schlechten Frieden ist nichts anderes als der Krieg,Fast immer, wenn ich in den letzten Jahren über Friedensszenarien diskutierte, ging es um Völkerrecht, Geopolitik und die Notwendigkeit, dem Aggressor entschlossen zu begegnen: „Frieden durch Stärke“. Die Ukraine solle für Moskau „unverdaulich“ werden, wie Ursula von der Leyen im August 2025 sagte. Als könnte es je etwas Gutes verheißen, Teil des Verdauungsprozesses eines anderen zu sein. In diesem Krieg dient symbolische Sprache als neuer Eiserner Vorhang. Sie verschleiert, was konkret zur Wahl steht: Die Alternative zu einem „schlechten Frieden“ ist nichts anderes als der Krieg in all seinen Formen.Die Welt der Rekrutierungs-Warn-Kanäle: Nähe unter AvatarenDiese Zeilen entstanden im Kern zwischen August und Oktober 2025. Ich hielt es damals für nötig, die systematische Gewalt zu beschreiben, die zur Aufrechterhaltung des bewaffneten Widerstands erforderlich ist. Die Politiker, die über einen Krieg bis 2030 parlierten, schienen etwas zu übersehen. Inzwischen denke ich einerseits, dass ich nur Bekanntes wiederhole, wenn ich hier von Zwangsrekrutierung oder der Sprache militärischer Gewalt berichte, die den Krieg ausmachen. Andererseits spricht niemand über dieses Bekannte. Ein Freund, der jetzt in der Armee ist, sagte zu mir: „Ich werde nicht zulassen, dass sie das vergessen.“ Ihm widme ich diesen Text.Als ich zu schreiben begann, poppten ständig Nachrichten auf mein Handy: „Sie fahren die Widradne hinunter und steigen aus einem schwarzen Auto aus“ / „Gatne – Autokontrollen, es sieht schlecht aus, Razzia“ / „An der U-Bahn-Station Gnata Juri, direkt auf dem Bahnsteig, ein paar Auberginen mit einem Tablet … Seid vorsichtig da draußen!“ Diese Live-Updates wurden auf Telegram gepostet, in einem der vielen Kanäle, auf denen in Kyjiw Zivilisten einander vor Rekrutierungs-Razzien warnen.Placeholder image-1Eine „Aubergine“ ist ein Polizist oder Beamter eines Territorialen Rekrutierungszentrums („Territorial Center of Recruitment and Social Services“, kurz TCR oder auch TCK). Herrscht „sonniges Wetter“, gibt es keine Kontrollen. Oft klingen die Nachrichten so vertraulich, als wende man sich an Verwandte. Dann schleicht sich eine absurde Polit-Nachricht dazwischen: Auf „Kreuzung Dnipro-Ufer und Truskawetska-Straße alles sauber, keine Probleme“ folgt „Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine wird irgendwann enden, denke ich – Trump“.Binnen Stunden verschwinden die Nachrichten, ich kopiere sie für meinen Text. Das Verfolgen solcher Kanäle ist strafbar. Einige ihrer Gründer und Administratoren wurden festgenommen und könnten im Gefängnis landen. Zur Einschüchterung werden immer wieder Fotos von entsprechenden Verhaftungen veröffentlicht. Aber sofort taucht ein neuer Kanal auf.Heldische Riesen, flauschige Katzen: Wie wirbt man für den Fronteinsatz?Die Kanäle sind strikt anonym. Sie schaffen unpersönliche Gemeinschaften: Versteckt hinter Pseudonymen und Avataren redet man miteinander, bisweilen sogar über Politik. Sie existieren in der ganzen Ukraine – als Teil des Untergrundlebens von Städten, deren Oberflächen mit Rekrutierungswerbung bedeckt sind.In Kyjiw hängen diese Anzeigen oft dort, wo früher Hollywood-Plakate zu sehen waren. Und die Bildsprachen ähneln sich: Soldaten werden etwa als Riesen dargestellt. Sie sitzen auf Gebäuden, als wären es Stühle, sie stützen ihre Knie gegen Brücken und legen ihre Ellbogen auf Bürotürme. Mit jedem Schritt könnten sie Häuser zermalmen, mit einem Schulterzucken Mauern umwerfen.Einige berühmte Bataillone haben eigene Plakate. Die Dritte Sturmbrigade zeigt einen lachenden Soldaten mit blutverschmiertem Schwert. Er reitet auf einem flauschigen Kater über zombiehafte Zivilisten. Sie fotografieren ihn, strecken die Hände nach ihm aus, als wüssten sie nicht, dass er sie vernichten will: „Dritte Sturmbrigade. Vorbereitung auf jedes Szenario.“Die Plakate der Kriegswerbung wirken wie Machtprojektionen. Sie sollen diejenigen ansprechen, die sich machtlos fühlen. Sie vermitteln eine Illusion von Stärke, Einfluss und Kontrolle. Ihr fantastischer, anti-realistischer Stil stellt den Krieg in eine Spielwelt, in der Charaktere durch Bonus-Leben und Extra-Kräfte aufgewertet werden können.,Es gibt auch Motive für Freiwillige unter 24 Jahren, die bisher der Wehrpflicht noch nicht unterliegen: Anime- oder Cartoon-Illustrationen stellen den Krieg als Computerspiel vor. Ein Plakat bot jungen Freiwilligen eine Lotterie mit einer Auszahlung von einer Million Hrywnja an.Solche Machtprojektionen sollen diejenigen ansprechen, die sich machtlos fühlen. Sie vermitteln eine Illusion von Stärke, Einfluss und Kontrolle. Ihr fantastischer, anti-realistischer Stil stellt den Krieg in eine Spielwelt, in der Charaktere durch Bonus-Leben und Extra-Kräfte „aufgewertet“ werden können.„Helden sterben nicht“: Wir lesen das in Nachrufen, die unsere Social-Media-Feeds füllen. Wir hören das bei den Beerdigungen, ein ums andere Mal. Zuweilen wollte ich darin Wahres erkennen: „Für immer 19“, „für immer 31“ und so weiter. Als gehe es nicht um ein vorzeitig beendetes Leben, sondern ein Rezept für ewige Jugend.Getötet „wie ein ganz normaler Typ“: wenn ein geliebter Mensch beerdigt wird Dieses Spiel mit der Unsterblichkeit ist besonders bitter, wenn jemand getötet wird, den man liebt. Am 18. August erwiesen wir in Kyjiw meinem Freund Dawyd Tschytschkan die letzte Ehre, dem Künstler und Anarchisten. Er hatte sich im Oktober 2024 zu einer Mörser-Einheit gemeldet. Viele aus seinen Kreisen waren da schon eingerückt.Dawyds Beerdigung brachte Künstler, Kuratoren, Linke, Anarchisten und Mitglieder der queeren Community mit Soldaten zusammen. Die lobten, er habe „wie ein ganz normaler Typ“ in den Gräben gesessen, obwohl er gar nicht „musste“. Dawyd „hätte seine Verbindungen in der Kunstwelt nutzen und in ein anderes Land gehen können“, sagte einer, oder sich eine sichere Position im Hinterland verschaffen. Diese Aussagen ehrten einen mutigen, freundlichen Menschen. Sie warfen aber auch unfreiwillig Licht auf die unsichtbaren Hierarchien der Armee, vor der so viele Angst haben und zu fliehen versuchen.Allein 2025 wurden mehr als 160.000 AWOL-Fälle offiziell gemeldet. „Absent Without Leave“ ist in der Ukraine „zu einem alltäglichen Ausdruck geworden“, stellt die Deutsche Welle fest. Immer wieder stoße ich in diesem Kontext auf das Wort „Mobilisierungsressourcen“. Soldaten nennen sich manchmal selbst so ähnlich: „Mobilisierungsmaterial“. Das ist so aberwitzig wie das Bild unsterblicher Helden.Placeholder image-2Die Wehrpflicht wurde seit 2022 mehrfach überarbeitet. Anfänglich gab es viele Freiwillige, schockiert von der Aggression, aber voller Hoffnung. Die Invasionsarmee war klein und unterschätzte ihren Gegner. Doch als die russischen Streitkräfte um das Dreifache anwuchsen, stieg auch der Bedarf an ukrainischen Soldaten. Im Mai 2024 wurde angesichts der neuen russischen Offensive das Wehralter von 27 auf 25 Jahre gesenkt und die „eingeschränkte Wehrpflicht“ fast völlig abgeschafft. Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren mussten ihre Daten in einer staatlichen Datenbank aktualisieren. Alle im betreffenden Alter sind prinzipiell wehrpflichtig, wer über 22 ist, darf das Land nicht verlassen. Die Dienstbefreiung ist ein Privileg, aber keine Garantie: Der Status wird regelmäßig überprüft. Die Demobilisierung nach 36 Monaten wurde gestrichen.Trotz hoher Geldstrafen haben laut Berichten 1,5 Millionen Männer ihre Daten nicht aktualisiert. Eine enorme Anzahl von Menschen versucht, die Mobilisierung zu vermeiden. Viele misstrauen dem Verfahren. Die Größenordnung spricht für sich. Es gibt einen riesigen Raum des Inoffiziellen – für Ahnungen, Meinungen, Zweifel und Entschlüsse, die öffentlich nicht zum Ausdruck kommen.!—- Parallax text ends here —-!Es gibt in der ukrainischen Gesellschaft einen riesigen Raum des Inoffiziellen – für Ahnungen, Meinungen, Zweifel und Entschlüsse, die öffentlich nicht zum Ausdruck kommen.,Wo es keine Worte gibt, gibt es einerseits doch Taten. Sich verstecken. Das Vermeiden oder Nichtbefolgen des Befehls, zu kämpfen. Andererseits ist das ukrainische Internet inzwischen voller Videos von Zwangsrekrutierungen – und Widerstand dagegen. Sie werden von Passanten gefilmt und hochgeladen. Internationale Medien ignorieren sie weitgehend.Bilder der „Busifizierung“: ein Gefühl grenzenloser HilflosigkeitMan sieht da vielleicht einen Mann, der verzweifelt mit Soldaten ringt, die ihn in einem Kleinbus zerren wollen. Das nennt man „Busifizierung“. Scrollt man weiter, sieht man vielleicht Menschen, die in Einberufungszentren einbrechen, um Männer zu befreien. Auch das Verbreiten dieser Bilder kann verfolgt werden. Ich schaffe es oft nicht, sie bis zum Ende anzuschauen. Sie hinterlassen ein Gefühl grenzenloser Hilflosigkeit, auch weil sie kaum jemand öffentlich zur Kenntnis nimmt.In ihren Küchen sprechen einige Freunde darüber, so ähnlich wie früher in der Dissidentenzeit. Aber öffentlich ist es, als geschähe nichts. Dabei sind diese Bilder auch außerhalb der Ukraine empfangbar. Es ist, als ob unsere Gesellschaft wie der internationale Diskurs unter einen kollektiven Bann geraten wäre.Eine Zeit lang fühlte ich mich fast verrückt. Ich sah Dinge, die anderen unbedeutend blieben. Ein Freund wurde in Kyjiw direkt auf der Straße entführt. Aber immer wieder höre ich von Kollegen in europäischen Städten, es sei jetzt „nicht der Zeitpunkt, darüber zu sprechen“, weil „es dann schwerer wird, Europa zur Unterstützung zu motivieren“. Diese Haltung scheint auch in angesehenen Medien vorzuherrschen. Aber sie ist eine Selbstzensur, die Illusionen nährt, indem sie Teile der Realität ausblendet: Trauma, Leid, innere Gewalt.Placeholder image-3Dieses Schweigen trägt zum Bild einer geeinten, heroischen Nation bei, die Krieg führen will. Ganz wie es die Informationskampagnen sagen, an denen Politiker, Journalisten und Aktivisten stolz teilnehmen. Je länger diese Videos unbeachtet bleiben, desto mehr gewöhnen wir uns alle an Gewalt. Ich möchte Sie daher einladen, sich ein paar dieser Zeugnisse anzusehen.Ein Video stammt aus dem Gebiet Winnyzja. Es wurde von einer Frau aufgenommen, die auf dem Beifahrersitz eines Autos saß, das auf einer Straße angehalten hatte. Sie dreht sich um, um ihre beiden dünnen Töchter auf dem Rücksitz zu filmen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zarte Gesichter, blondes Haar. Zuerst wirken sie neugierig. Aber dann schreien die Eltern.„Schau, was passiert!“, ruft die Frau. „Sie schlagen auf unser Auto ein! Ein TCR-Typ!“ Die Mädchen schreien, bekreuzigen sich und beten: „O Herr, bitte hilf uns! O Herr, bitte hilf uns!“Die Mutter versucht zu erklären, was passiert ist. Der Vater hatte nicht angehalten, als er vom TCR dazu aufgefordert wurde. Soldaten verfolgten sie, und als sie dann stoppen, beginnt einer von ihnen auf das Auto einzuschlagen. Die Scheibe neben dem Fahrersitz geht zu Bruch. Die Kinder sehen, wie ihr Vater gewaltsam zur Mobilisierung abgeführt wird.Wie werden sie damit leben? Ein Freund, der an Epilepsie leidet, floh mit seiner zehnjährigen Tochter zu Fuß. Sie versuchte, die Soldaten abzulenken, damit ihr Vater entkommen konnte. Im Herbst kursierte ein Video, in dem Schulkinder die Abholung ihres Sportlehrers filmten. Sie waren verängstigt und empört. Die Schule verbot, das Video zu posten, aber jemand tat es trotzdem.Einige Einheiten bestehen inzwischen ganz aus Zwangsrekruten Ein Video aus dem Gebiet Dnipropetrowsk: Soldaten in Zivil zerren einen Mann in einen Bus. Er schreit, ruft um Hilfe, versucht sich zu wehren. Er ist fast nackt, seine Kleidung wurde ihm während des Kampfes ausgezogen. Eine Frau schreit: „Sie entführen jemanden!“Im Oktober verbrachte die Schauspielerin Elena Repina, die seinerzeit an der Seite des heutigen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in der Fernsehserie Diener des Volkes spielte, eine Nacht vor einem TCR-Amt. Darin wurde ihr Mann festgehalten, beide sind 59 Jahre alt. Sie postete zornig auf Facebook und nannte das TCR „Faschisten“. Medien griffen die Geschichte auf, ihr Mann wurde entlassen. Aber das ist der einzige mir bekannte Fall.Dmytro Voloshin, Kommandeur des 8. Luftangriffskorps, gibt auf Facebook zu, dass praktisch alle seiner Männer „busifiziert“ wurden. „Sie kämpfen gut“, sagt er. „Was sollen sie sonst tun? Das Wichtigste ist, die richtigen Bedingungen zu schaffen.“ Ein bitterer Kommentar unter seinem Posting: „Die richtigen Bedingungen zu schaffen bedeutet, die Person so hart zu schlagen und ihr solche Angst einzujagen, dass sie sich mehr vor ihren Vorgesetzten fürchtet als vor dem Feind.“Eines Morgens sah ich ein Video vom Strand bei Odessa: Kinder spielen TCR. Zwei Jungs jagen einen dritten und schnappen ihn an den Armen. Er versucht, sich zu befreien, aber sie führen ihn dem Schicksal zu.Jüngst kommt es vermehrt zu Zusammenstößen zwischen Zivilisten und Mobilisierungseinheiten. Veteranen und demobilisierte Soldaten stehen dabei oft auf der Seite der Zivilisten. Im August gab es spontane Demonstrationen in den Städten Kowel und Winnyzja; Menschen versuchten, in Einberufungszentren einzudringen und die dort festgehaltenen Personen zu befreien. Aus irgendeinem Grund ignorierten die internationalen Medien diese eindrucksvollen Proteste.Der zivile Ungehorsam verärgerte den rechtsradikalen Politiker Dmytro Kortschinskyj, der Soldaten dazu aufrief, auf alle zu schießen, die sich der Wehrpflicht widersetzen. Seine eigentümliche, marginale und bewusst provokative Rolle scheint darin zu bestehen, die Grenzen des Sagbaren auszuloten. Und offenbar wurde sein Aufruf erhört: Am 19. August 2025 eröffneten TCR-Männer im Dorf Nowi Tscherwyschtscha in der Oblast Wolyn das Feuer auf eine Gruppe von Rentnerinnen.Eine der Frauen sprach später mit dem lokalen Fernsehen. Sie und ihre Freundinnen sahen, wie die TCR-Beamten einen ihnen bekannten Behinderten verfolgten. Sie wollten eingreifen und warfen Steine auf das Fahrzeug der Wehrpflichtbrigade. Die schoss zurück; eine der Frauen wurde an der Wange getroffen und musste ins Krankenhaus.Placeholder image-4Vor dem Krieg wurden Gesundheitsprobleme oft außerhalb des staatlichen Gesundheitssystems behandelt. Selbst schwere oder chronische Erkrankungen sind daher oft nicht registriert. Diese Menschen sind nun „inoffiziell krank“ oder „inoffiziell behindert“ – und wehrpflichtig.Am 9. Oktober veröffentlichte ein TCR-Amt in Tscherkassy eine Erklärung zum Tod eines Mannes mit Epilepsie, der während seiner Untersuchung verstorben ist. Diesem Fall wird nachgegangen, aber es gibt viele ähnliche. Der Ehemann einer Bekannten, der an Epilepsie leidet, wurde im Frühjahr zwangsrekrutiert und ist seither „an der Front vermisst“.Ich kenne einen 55-jährigen Übersetzer mit chronischen Erkrankungen, der sich das Schlüsselbein gebrochen hat, um nicht eingezogen zu werden. Das sei die sicherste Methode. Ich kenne auch einen Designer, der sich eine Niere entfernen ließ, um für eine Befreiung wegen Behinderung infrage zu kommen. Auf Telegram erfuhr ich von einem Wehrpflichtigen in Kyjiw, der sich an Händen und Hals Schnitte zufügte, um entlassen zu werden.!—- Parallax text ends here —-!Auf Instagram erzählt eine bekannte Freiwillige aus Saporischschja sogar von einem Mord in einem Einberufungszentrum. Der Vater ihrer Freundin, ein 52-jähriger ehemaliger Kämpfer, sei zwangsweise erneut eingezogen worden und keine 24 Stunden später verstorben. Als seine Leiche der Familie zurückgegeben wurde, habe sie Spuren von Schlägen gezeigt. Die Freiwillige appelliert an Journalisten und Zivilgesellschaft, aber die Geschichte ist schon fast wieder vergessen, begraben unter anderen, die noch dramatischer erscheinen.Man hört oft nichts von Mobilisierten, leben sie denn noch?Seit Kurzem warte ich auf Anrufe aus einer Militär-Ausbildungsstätte. Ein befreundeter Künstler und sein neuer Bekannter, Chemie-Dozent an einer Uni, werden dort festgehalten. Beide lehnen Gewaltanwendung grundsätzlich ab. Der Wissenschaftler ist krank; er hat womöglich ein schweres Nierenleiden. Doch weil es schon Fluchtversuche aus Kliniken gab, wurde ihm medizinische Hilfe verweigert.Beiden wurden ihre Telefone abgenommen, gängige Praxis in Wehrpflicht- und Ausbildungszentren. Manchmal hört man wochenlang nichts von Mobilisierten, weiß nicht, ob sie noch leben. Einige haben ein illegales Handy. Kameraden meines Freundes teilen mir Neuigkeiten mit. Demnach wurden auch in dieser Ausbildungseinheit fast alle zwangsmobilisiert – auf der Straße, an der Haustür, bei Alltagsaktivitäten. Ich höre von Bestrafungsriten: Verweigert einer die Unterschrift, sich freiwillig gemeldet zu haben, oder versucht er die Flucht, wird er an einen Baum gefesselt und gedemütigt, auch im Winter.Wehrpflichtige, die sich verweigerten, wurden ohne Ausbildung – und ohne Telefon – nach vorne geschickt. Es gab Gerüchte, dass Soldaten nach Fluchtversuchen geschlagen oder gar erschossen wurden; internationale Militärexperten bestätigen das bisher nicht.Der Krieg hat die Illusion geschaffen, dass die Anerkennung einer Art von Erfahrung eine andere schmälert. Als ob die Freiheit der Wahl die Entscheidung entwertet, sich dem Militär anzuschließen.,Die Trauer über Dawyds Tod verfolgt mich. Ebenso verfolgen mich Angriffe auf die Freiheit von Zivilisten, das Wissen um den Betrieb illegaler Gefängnisse und Militärdienstverträge, die unter Drohungen und Gewalt unterzeichnet wurden. Das zerreißt die Gesellschaft und zerstört die Menschenwürde.Warum nur diese hart erzwungene Stille? Der Krieg hat die Illusion geschaffen, dass die Anerkennung einer Art von Erfahrung eine andere schmälert. Als ob die Freiheit der Wahl die Entscheidung entwertet, sich dem militärischen Widerstand gegen die Invasion anzuschließen; als ob die Kritik innerer Gewalt in einer Gesellschaft, die sich verteidigt, nur bedeuten kann, „für den Feind zu arbeiten“.Dieses erzwungene Schweigen hilft der ukrainischen Gesellschaft nicht. Es normalisiert und legitimiert eine abnormale, kriminelle Situation. Es zwingt die Menschen zu akzeptieren, dass Gewalt natürlich und stets zu erwarten ist, ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Der Hilferuf jener Mädchen, deren Vater vor ihren Augen verschleppt wird, verhallt ungehört. Und auch das ist eine Antwort.



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