Durch die Haftbefehl-Doku erhielt Offenbach traurige Berühmtheit. Als der Rapper dort groß wurde, stürzte die Kommune gerade ab. Wie sieht es heute in Offenbach aus, die die viertsicherste Stadt in Deutschland ist?
Zijad Doličanin ist bei den Grünen. „Offenbach“ steht auf seinem Pulli in einem Mix aus deutscher und arabischer Typografie
Foto: Katrin Binner für der Freitag
„Die Stadtentwicklung sorgt für Wachstumsschmerzen“. Zijad Doličanin nippt an seinem Ingwertee, während draußen vor der Fensterfront Radfahrer Richtung Frankfurt unterwegs sind und die Sonne die Fassaden der Neubauten auf der anderen Mainseite kitzelt.
Wir sitzen in einem Café im Offenbacher Hafen – ein Ort, den Doličanin nicht ohne Grund für unser Gespräch ausgewählt hat. Das seit einigen Jahren prosperierende, rund 26 Hektar umfassende Hafenareal, früher ein Industriehafen, beschreibt der groß gewachsene Mann mit dem einnehmenden Lächeln und den interessierten Augen als „polarisierten Ort“, in dem sich für ihn beispielhaft die Gegensätze der Stadt Offenbach manifestieren: Hier, im Hafen, reihen sich die Neubauten aneinander, eine, laut Doličanin, „Insel mit einigen Besserverdienenden“, während das Nordend auf der anderen Seite des Nordrings von einer hohen Dichte sozial schlechtergestellter Menschen bewohnt wird.
Ebendort, im Nordend, ist der heute 40-Jährige selbst mit fünf Geschwistern in einer kleinen Wohnung aufgewachsen. Der Vater, ein Maurermeister, und die Mutter, eine Hausfrau, kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Doličanin hat, wenn man so will, das Offenbacher System durchlaufen: Er hat im Boxklub Nordend, in dem es neben dem Sport vor allem auch um Integration geht, geboxt und nach dem Abitur Sozialpädagogik studiert.
Heute arbeitet er in einer Wohnungsbaugesellschaft und sitzt für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung. Letzteres will er nach zehn Jahren Anfang 2026 beenden, um sich noch stärker seinem Verein VAIR e.V. zu widmen, der sich für gesellschaftliche Teilhabe und Völkerverständigung einsetzt.
„Babo. Die Haftbefehl Story“ und das Gangsterstadt-Klischee
Doličanins Engagement hat viel, das wird im Gespräch deutlich, mit der Verbundenheit mit seiner „Heimat“ zu tun. Er trägt einen Pullover, auf dem sich der Vibe der Mainmetropole versinnbildlicht: „Offenbach“ steht darauf in einer Mischung aus deutscher und arabischer Typografie. Er sagt, dass er mit seinem Verein den Finger in die Wunde problematischer Stadtentwicklungen lege: „Ey, Leute, was macht ihr da?!“ Zugleich brauche es mehr positive Erzählungen über die vielseitige, offene und gastfreundliche Stadt. Er selbst habe sich schon während seiner Schulzeit in dem „bunten Haufen“ sehr wohl gefühlt.
Doch das Klischee von Offenbach hängt nach wie vor in den Köpfen: Offenbach, ist das nicht die Stadt mit dem höchsten Migrationsanteil in Deutschland, von Dealern und Gangstern regiert? Die unglaublich erfolgreiche Netflix-Doku Babo. Die Haftbefehl-Story über Offenbachs berühmtesten Sohn Aykut Anhan hat nicht gerade zu einem Imagewechsel beigetragen.
Alle redeten und schrieben über dessen zwei Persönlichkeiten als Aykut und als Künstler-Persona Hafti, über seinen selbstzerstörerischen Drogenkonsum, seine schlimme Kindheit als Sohn eines Zockers, der Suizid begangen hat, darüber, ob Hafti Schulstoff sein sollte – das hessische Kultusministerium ist dagegen – und ein bisschen endlich auch über seine Musik, die im Deutschrap Maßstäbe gesetzt hat.
Die Hochhaussiedlung gibt es noch, das Offenbach von damals nicht
Für den Musiker war die schonungslos ehrliche und zugleich nervig sensationalistisch inszenierte Doku auch ein gelungener Marketing-Stunt. Ganz anders jedoch für seine Heimat Offenbach, die im Film immer dann eine Rolle spielt, wenn der Musiker sich an die schlimmen 1990er erinnert: Drogenverkäufe am Marktplatz und ghettoähnliche Zustände zwischen den Plattenbauten der Hochhaussiedlung Mainpark im Mathildenviertel. Klar, die Hochaussiedlung gibt es noch, aber heute ist Offenbach eine völlig andere Stadt.
Die Zeit, in der Hafti groß geworden ist, die 1990er Jahre, seien der Höhepunkt des „Absturzes“ von Offenbach gewesen, erklärt Kai Vöckler, Offenbacher mit Leib und Seele, Stadtforscher und Professor für Urban Design an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG), und das kam nicht von ungefähr. Die Stadt war lange eine klassische Industriestadt, deren Fabriken nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt Arbeiter aus dem Ausland angeworben haben. Offenbach war Weltmarktführer für Lederwaren, doch mit dem Strukturwandel kam für diesen und weitere Industriezweige der Crash, was zu hoher Arbeitslosigkeit führte.
Offenbach hat verstanden, dass Integration die zentrale Aufgabe der Stadt ist und dass nicht nur ein Amt, sondern alle Ämter koordiniert beteiligt sein müssen
Nach den heftigen 90er Jahren habe, so Vöckler, die Stadtpolitik etwas sehr Kluges gemacht, als erste Kommune in Deutschland: „Sie hat verstanden, dass Integration die zentrale Aufgabe der Stadt ist und dass nicht nur ein Amt, sondern alle Ämter koordiniert beteiligt sein müssen.“ Seit 2004 sprechen sich die Ämter vierzehntätig zum Thema Integration ab. Eine Notwendigkeit, wenn man sich vor Augen führt, dass Offenbach für die gesamte Metropolregion Rhein-Main die Integration von Zugewanderten, vor allem derjenigen aus bildungsärmeren Schichten, übernimmt.
Heute leben hier Menschen aus 150 Nationen. Mehr als zwei Drittel haben, wie es in den Statistiken geführt wird, einen Migrationshintergrund, heißt: Sie sind selbst (oder ihre Eltern) im Ausland geboren, oder wenigstens ein Elternteil stammt nicht aus Deutschland. Von den unter 18-Jährigen Offenbacher:innen haben knapp 84 Prozent einen Migrationshintergrund.
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Offenbach habe, erklärt Vöckler, mit wenig Geld vieles getan: Förderprogramme vom Bund akquiriert, die Schulen saniert, Sprach- und Betreuungsangebote ins Leben gerufen, um möglichst vielen über Bildung den Aufstieg zu ermöglichen. Mit Erfolg, der Anteil der Abiturient:innen mit Migrationshintergrund wird immer höher. Das hat auch mit strukturellen Entwicklungen zu tun, wie sie sich etwa in der Schule im Offenbacher Hafen abbilden. Dort, in dem Scharnierviertel, sollen ganz bewusst Kinder aus verschiedenen sozialen und kulturellen Schichten adressiert werden.
„Gleichzeitig, und das ist die andere Seite des Offenbacher Modells, hat man hier ab den 2000ern knallhart das Ordnungsrecht durchgezogen“, so der Hochschulprofessor weiter. Die Polizei und das Ordnungsamt seien sehr präsent im Stadtbild und griffen, unterstützt von Quartiersmanagern, durch. Das bildet sich auch in der kürzlich erschienenen Kriminalstatistik der Polizei ab, der zufolge Offenbach die sicherste Stadt Hessens und die viertsicherste Deutschlands ist. Kamen vor 20 Jahren auf 100.000 Einwohner:innen rund 12.500 gemeldete Straftaten, waren es im vergangenen Jahr nur noch etwa 6.000.
„Offenbach is almost all right“: So stellte man die Stadt auf der Architekturbiennale vor
Dass in Offenbach nicht alles in Ordnung ist, die Integrationsleistung der Stadt aber immens, wurde 2016 auf der Architekturbiennale in Venedig international sichtbar gemacht. Im Deutschen Pavillon fragte die Ausstellung Making Heimat. Arrival Country Germany des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt nach den Bedingungen, die in einer „Arrival City“ (Ankunftsstadt) – den Begriff prägte der US-amerikanische Journalist Doug Saunders – gegeben sein sollten, damit aus Migrant:innen Einwanderer:innen werden können. Unter dem Titel „Offenbach is almost all right“ wurde Offenbach als herausragendes Beispiel präsentiert.
Zu den Schattenseiten gehört, dass Offenbach selbst wenig von seiner integrativen Leistung profitiert. Viele von denen, die den sozialen Aufstieg schaffen, ziehen weg. „Offenbach ist eine Ankommensstadt, aber keine Bleibestadt“, fasst es Zijad Doličanin zusammen. Kurz bevor wir losziehen, klatscht er im Café zwei Freunde ab, die er als „gute Jungs“ vorstellt. Als er den einen, der als Spielerbetreuer des Fußballvereins Mainz 05 arbeitet, spontan fragt, wie er Offenbach in drei Worten beschreiben würde, sagt der: „Multikulturell, entspannt, manche Ecken mag man meiden.“
Kurz darauf spazieren wir durch den Hafen. Links das Gemeinschaftsprojekt Hafengarten, rechts eine Wand mit Graffiti, dahinter das Baugrundstück, auf dem die Hochschule für Gestaltung in ein paar Jahren ihren Neubau beziehen soll, in unseren Rücken der alte Kohlekran, der wochentags noch Schiffe entlädt, ein Stück weiter hinten das Robert Johnson, ein weltweit bekannter Club für elektronische Musik. Es geht durchs Nordend, in dem Altbauhäuser neben Neubauten stehen. Auf dem Schillerplatz bleibt Doličanin stehen, für ihn ein Knotenpunkt, an dem sich die Extreme zeigen. Linker Hand reihen sich sanierungsbedürftige Gebäude aneinander, Sperrmüll steht an der Straße, rechter Hand wird es mit jedem Meter bürgerlicher.
Weniger als 30 Prozent beteiligten sich an der letzten Oberbürgermeisterwahl
Offenbach ist heute, mitten im Transformationsprozess, eine Stadt der Gegensätze. Einerseits ist sie der Integrationsmotor für das Rhein-Main-Gebiet, die Pionierarbeit für urbane Integration leistet, Offenbach arbeitet an einem Masterplan für die Stadtentwicklung und einem Innenstadtkonzept – und ist eine der jüngsten Städte in Deutschland. Andererseits zählt Offenbach zu den ärmsten Kommunen Deutschlands. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft ist sie die deutsche Stadt mit der geringsten Kaufkraft. Die Arbeitslosenquote lag im Oktober 2025 bei 9,7 Prozent, die hessenweite im Vergleich bei 5,8 Prozent.
Dass sich an der letzten Oberbürgermeisterwahl weniger als 30 Prozent beteiligten, ist für Doličanin auch die Folge einer Bundespolitik, die Deutschland bis heute nicht wirklich als Einwanderungsland begreift. Zudem würde mit verbalen Ausfällen, wie zuletzt Friedrich Merz’ Stadtbildaussage, das Vertrauen der Menschen verspielt. „Die Stimmung kippt, wenn der Bund die Migration zum Problem macht. Das macht es der Stadt Offenbach schwerer, ihr Alleinstellungsmerkmal zu stärken. Offenbach ist die Stadt in Deutschland mit der höchsten kulturellen Vielfalt, und wir sollten das feiern.“ Ein weiteres Hemmnis ist, dass sich kulturelle Vielfalt nicht in der Stadtverwaltung und der Politik abbildet.
Dennoch: Die Stadt setzt sich mit ihren Mitteln für Bildung, für den Nachwuchs und für Sicherheit ein und versucht sich strukturell neu zu erfinden. Mit ihrer, wie Vöckler es nennt, „superdiversen Stadtgesellschaft“ werden die Grenzen zwischen Migranten und Nichtmigranten obsolet. Wie definiert sich eine Stadtgesellschaft in unserer postmigrantischen Gegenwart? Offenbach hat das Potenzial, ein Role Model bei diesen zukunftsträchtigen Fragen zu werden. Auf jeden Fall braucht es integrative Prozesse und Akzeptanz, in Doličanins Worten: „Try and Error nonstop: Es braucht die gesamte Stadt!“
Hafen, reihen sich die Neubauten aneinander, eine, laut Doličanin, „Insel mit einigen Besserverdienenden“, während das Nordend auf der anderen Seite des Nordrings von einer hohen Dichte sozial schlechtergestellter Menschen bewohnt wird.Ebendort, im Nordend, ist der heute 40-Jährige selbst mit fünf Geschwistern in einer kleinen Wohnung aufgewachsen. Der Vater, ein Maurermeister, und die Mutter, eine Hausfrau, kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Doličanin hat, wenn man so will, das Offenbacher System durchlaufen: Er hat im Boxklub Nordend, in dem es neben dem Sport vor allem auch um Integration geht, geboxt und nach dem Abitur Sozialpädagogik studiert.Heute arbeitet er in einer Wohnungsbaugesellschaft und sitzt für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung. Letzteres will er nach zehn Jahren Anfang 2026 beenden, um sich noch stärker seinem Verein VAIR e.V. zu widmen, der sich für gesellschaftliche Teilhabe und Völkerverständigung einsetzt.„Babo. Die Haftbefehl Story“ und das Gangsterstadt-KlischeeDoličanins Engagement hat viel, das wird im Gespräch deutlich, mit der Verbundenheit mit seiner „Heimat“ zu tun. Er trägt einen Pullover, auf dem sich der Vibe der Mainmetropole versinnbildlicht: „Offenbach“ steht darauf in einer Mischung aus deutscher und arabischer Typografie. Er sagt, dass er mit seinem Verein den Finger in die Wunde problematischer Stadtentwicklungen lege: „Ey, Leute, was macht ihr da?!“ Zugleich brauche es mehr positive Erzählungen über die vielseitige, offene und gastfreundliche Stadt. Er selbst habe sich schon während seiner Schulzeit in dem „bunten Haufen“ sehr wohl gefühlt.Doch das Klischee von Offenbach hängt nach wie vor in den Köpfen: Offenbach, ist das nicht die Stadt mit dem höchsten Migrationsanteil in Deutschland, von Dealern und Gangstern regiert? Die unglaublich erfolgreiche Netflix-Doku Babo. Die Haftbefehl-Story über Offenbachs berühmtesten Sohn Aykut Anhan hat nicht gerade zu einem Imagewechsel beigetragen.Alle redeten und schrieben über dessen zwei Persönlichkeiten als Aykut und als Künstler-Persona Hafti, über seinen selbstzerstörerischen Drogenkonsum, seine schlimme Kindheit als Sohn eines Zockers, der Suizid begangen hat, darüber, ob Hafti Schulstoff sein sollte – das hessische Kultusministerium ist dagegen – und ein bisschen endlich auch über seine Musik, die im Deutschrap Maßstäbe gesetzt hat.Die Hochhaussiedlung gibt es noch, das Offenbach von damals nichtFür den Musiker war die schonungslos ehrliche und zugleich nervig sensationalistisch inszenierte Doku auch ein gelungener Marketing-Stunt. Ganz anders jedoch für seine Heimat Offenbach, die im Film immer dann eine Rolle spielt, wenn der Musiker sich an die schlimmen 1990er erinnert: Drogenverkäufe am Marktplatz und ghettoähnliche Zustände zwischen den Plattenbauten der Hochhaussiedlung Mainpark im Mathildenviertel. Klar, die Hochaussiedlung gibt es noch, aber heute ist Offenbach eine völlig andere Stadt.Die Zeit, in der Hafti groß geworden ist, die 1990er Jahre, seien der Höhepunkt des „Absturzes“ von Offenbach gewesen, erklärt Kai Vöckler, Offenbacher mit Leib und Seele, Stadtforscher und Professor für Urban Design an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG), und das kam nicht von ungefähr. Die Stadt war lange eine klassische Industriestadt, deren Fabriken nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt Arbeiter aus dem Ausland angeworben haben. Offenbach war Weltmarktführer für Lederwaren, doch mit dem Strukturwandel kam für diesen und weitere Industriezweige der Crash, was zu hoher Arbeitslosigkeit führte.Offenbach hat verstanden, dass Integration die zentrale Aufgabe der Stadt ist und dass nicht nur ein Amt, sondern alle Ämter koordiniert beteiligt sein müssenKai Vöckler, Professor an der HfG OffenbachNach den heftigen 90er Jahren habe, so Vöckler, die Stadtpolitik etwas sehr Kluges gemacht, als erste Kommune in Deutschland: „Sie hat verstanden, dass Integration die zentrale Aufgabe der Stadt ist und dass nicht nur ein Amt, sondern alle Ämter koordiniert beteiligt sein müssen.“ Seit 2004 sprechen sich die Ämter vierzehntätig zum Thema Integration ab. Eine Notwendigkeit, wenn man sich vor Augen führt, dass Offenbach für die gesamte Metropolregion Rhein-Main die Integration von Zugewanderten, vor allem derjenigen aus bildungsärmeren Schichten, übernimmt.Heute leben hier Menschen aus 150 Nationen. Mehr als zwei Drittel haben, wie es in den Statistiken geführt wird, einen Migrationshintergrund, heißt: Sie sind selbst (oder ihre Eltern) im Ausland geboren, oder wenigstens ein Elternteil stammt nicht aus Deutschland. Von den unter 18-Jährigen Offenbacher:innen haben knapp 84 Prozent einen Migrationshintergrund.Placeholder image-1Offenbach habe, erklärt Vöckler, mit wenig Geld vieles getan: Förderprogramme vom Bund akquiriert, die Schulen saniert, Sprach- und Betreuungsangebote ins Leben gerufen, um möglichst vielen über Bildung den Aufstieg zu ermöglichen. Mit Erfolg, der Anteil der Abiturient:innen mit Migrationshintergrund wird immer höher. Das hat auch mit strukturellen Entwicklungen zu tun, wie sie sich etwa in der Schule im Offenbacher Hafen abbilden. Dort, in dem Scharnierviertel, sollen ganz bewusst Kinder aus verschiedenen sozialen und kulturellen Schichten adressiert werden.„Gleichzeitig, und das ist die andere Seite des Offenbacher Modells, hat man hier ab den 2000ern knallhart das Ordnungsrecht durchgezogen“, so der Hochschulprofessor weiter. Die Polizei und das Ordnungsamt seien sehr präsent im Stadtbild und griffen, unterstützt von Quartiersmanagern, durch. Das bildet sich auch in der kürzlich erschienenen Kriminalstatistik der Polizei ab, der zufolge Offenbach die sicherste Stadt Hessens und die viertsicherste Deutschlands ist. Kamen vor 20 Jahren auf 100.000 Einwohner:innen rund 12.500 gemeldete Straftaten, waren es im vergangenen Jahr nur noch etwa 6.000.„Offenbach is almost all right“: So stellte man die Stadt auf der Architekturbiennale vorDass in Offenbach nicht alles in Ordnung ist, die Integrationsleistung der Stadt aber immens, wurde 2016 auf der Architekturbiennale in Venedig international sichtbar gemacht. Im Deutschen Pavillon fragte die Ausstellung Making Heimat. Arrival Country Germany des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt nach den Bedingungen, die in einer „Arrival City“ (Ankunftsstadt) – den Begriff prägte der US-amerikanische Journalist Doug Saunders – gegeben sein sollten, damit aus Migrant:innen Einwanderer:innen werden können. Unter dem Titel „Offenbach is almost all right“ wurde Offenbach als herausragendes Beispiel präsentiert.Zu den Schattenseiten gehört, dass Offenbach selbst wenig von seiner integrativen Leistung profitiert. Viele von denen, die den sozialen Aufstieg schaffen, ziehen weg. „Offenbach ist eine Ankommensstadt, aber keine Bleibestadt“, fasst es Zijad Doličanin zusammen. Kurz bevor wir losziehen, klatscht er im Café zwei Freunde ab, die er als „gute Jungs“ vorstellt. Als er den einen, der als Spielerbetreuer des Fußballvereins Mainz 05 arbeitet, spontan fragt, wie er Offenbach in drei Worten beschreiben würde, sagt der: „Multikulturell, entspannt, manche Ecken mag man meiden.“Kurz darauf spazieren wir durch den Hafen. Links das Gemeinschaftsprojekt Hafengarten, rechts eine Wand mit Graffiti, dahinter das Baugrundstück, auf dem die Hochschule für Gestaltung in ein paar Jahren ihren Neubau beziehen soll, in unseren Rücken der alte Kohlekran, der wochentags noch Schiffe entlädt, ein Stück weiter hinten das Robert Johnson, ein weltweit bekannter Club für elektronische Musik. Es geht durchs Nordend, in dem Altbauhäuser neben Neubauten stehen. Auf dem Schillerplatz bleibt Doličanin stehen, für ihn ein Knotenpunkt, an dem sich die Extreme zeigen. Linker Hand reihen sich sanierungsbedürftige Gebäude aneinander, Sperrmüll steht an der Straße, rechter Hand wird es mit jedem Meter bürgerlicher.Weniger als 30 Prozent beteiligten sich an der letzten OberbürgermeisterwahlOffenbach ist heute, mitten im Transformationsprozess, eine Stadt der Gegensätze. Einerseits ist sie der Integrationsmotor für das Rhein-Main-Gebiet, die Pionierarbeit für urbane Integration leistet, Offenbach arbeitet an einem Masterplan für die Stadtentwicklung und einem Innenstadtkonzept – und ist eine der jüngsten Städte in Deutschland. Andererseits zählt Offenbach zu den ärmsten Kommunen Deutschlands. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft ist sie die deutsche Stadt mit der geringsten Kaufkraft. Die Arbeitslosenquote lag im Oktober 2025 bei 9,7 Prozent, die hessenweite im Vergleich bei 5,8 Prozent.Dass sich an der letzten Oberbürgermeisterwahl weniger als 30 Prozent beteiligten, ist für Doličanin auch die Folge einer Bundespolitik, die Deutschland bis heute nicht wirklich als Einwanderungsland begreift. Zudem würde mit verbalen Ausfällen, wie zuletzt Friedrich Merz’ Stadtbildaussage, das Vertrauen der Menschen verspielt. „Die Stimmung kippt, wenn der Bund die Migration zum Problem macht. Das macht es der Stadt Offenbach schwerer, ihr Alleinstellungsmerkmal zu stärken. Offenbach ist die Stadt in Deutschland mit der höchsten kulturellen Vielfalt, und wir sollten das feiern.“ Ein weiteres Hemmnis ist, dass sich kulturelle Vielfalt nicht in der Stadtverwaltung und der Politik abbildet.Dennoch: Die Stadt setzt sich mit ihren Mitteln für Bildung, für den Nachwuchs und für Sicherheit ein und versucht sich strukturell neu zu erfinden. Mit ihrer, wie Vöckler es nennt, „superdiversen Stadtgesellschaft“ werden die Grenzen zwischen Migranten und Nichtmigranten obsolet. Wie definiert sich eine Stadtgesellschaft in unserer postmigrantischen Gegenwart? Offenbach hat das Potenzial, ein Role Model bei diesen zukunftsträchtigen Fragen zu werden. Auf jeden Fall braucht es integrative Prozesse und Akzeptanz, in Doličanins Worten: „Try and Error nonstop: Es braucht die gesamte Stadt!“