Vor 20 Jahren erschien das „Schwarzbuch Lidl“, das katastrophale Bedingungen bei Europas größter Discounterkette offenbarte. Einiges hat sich seither verbessert – solange Mitarbeiter die Füße stillhalten


In rund 3.000 Filialen gibt es laut Verdi keinen Betriebsrat. Lidl bestreitet das nicht

Collage: der Freitag


Marius Webers Gelenke schmerzen, der Stress macht ihm zu schaffen. „Nach über 20 Jahren bei Lidl bin ich Kummer gewohnt“, sagt der 44-Jährige.

Er arbeitet in einem Lager der größten Discounterkette Europas. Sein echter Name sowie Details zu dem Lager, in dem er arbeitet, sollen in diesem Text nicht vorkommen. Zu groß die Gefahr, dass er seinen Arbeitsplatz verliere, meint Weber. Am Telefon berichtet er dem Freitag von körperlicher Belastung, strikter Kontrolle und systematischer Einschränkung von Betriebsratsarbeit. „Lidl macht seine Mitarbeiter kaputt.“ Weber gehört zu den wenigen innerhalb des Unternehmens, die sich trauen, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Wie Kaufland gehört auch Lidl zur Schwarz-Gruppe. Mit rund 12.600 Filialen in 31 Ländern und einem jährlichen Umsatz von gut 175 Milliarden Euro ist das Unternehmen europäischer Marktführer. Die Schwarz-Gruppe beschäftigt allein in Deutschland rund 190.000 Menschen.

Das Unternehmen, das dem reichsten Deutschen, Dieter Schwarz, gehört, sorgt immer wieder für Skandale. 2005 veröffentlichten Journalisten in Kooperation mit der Gewerkschaft Verdi das Schwarzbuch Lidl und deckten so katastrophale Arbeitsbedingungen beim Discounter auf. Beschäftigte berichteten von Bespitzelung, unbezahlter Mehrarbeit und einem Klima der Angst.

2021 warf die Menschenrechtsorganisation ECCHR dem Konzern vor, Textilprodukte zu vertreiben, die von uigurischen Zwangsarbeitenden hergestellt werden. Lidl kündigte die Zusammenarbeit mit dem Zulieferer im Anschluss auf. Im Frühjahr geriet Kaufland nach einem Hygieneskandal in die Kritik. Beschäftigte berichteten von schwierigen Arbeitsbedingungen und psychischem Stress, die die Hygienemängel verursacht hätten (der Freitag 26/2025). Bei Lidl sieht es offenbar kaum anders aus.

Arbeiten wie in der Steinzeit: Im Lidl-Lager gehen die Gelenke kaputt

Nach einer handwerklichen Ausbildung arbeitete Marius Weber einige Jahre in der Warenabfertigung, inzwischen ist er in einer anderen Abteilung tätig. Bei der Arbeit im Lager müsse man schwer heben, Hilfsmittel dafür würden kaum bereitgestellt. „Es ist, als würden wir in der Steinzeit arbeiten“, sagt er. Viele Beschäftigte würden im Laufe der Zeit krank, Gelenkschäden seien keine Seltenheit. „Einige laufen da wie Mumien mit Bandagen an Knien und Ellbogen herum.“

Dazu käme extremer Leistungsdruck. Mithilfe eines digitalen Systems werde die Arbeit der Beschäftigten kontrolliert. „Die Kollegen in der Warenabfertigung bekommen eine Nummer“, erzählt er. Dieser Nummer würden dann Aufträge zugeteilt. „Werden die nicht schnell genug erfüllt, beschwert sich der Schichtleiter über einen Knopf im Ohr.“ Passiere das mehrmals, könne es vorkommen, dass man vor versammelter Mannschaft angeschrien oder zu einem Personalgespräch geladen werde. Die Vorgaben, sagt Weber, könne man nur „mit erheblichen Nebenwirkungen“ erbringen. „Wenn man sich kaputtmacht, schafft man das. Die Frage ist dann eben, wie lange man das durchhält.“

Wenn man sich kaputtmacht, schafft man das

Marius Weber

Wer nicht liefere, werde zwar nicht direkt gekündigt. „Die Betriebsleitung versucht dann aber auf die eine oder andere Art, einen rauszuekeln.“ Lidl werde regelmäßig als attraktiver Arbeitgeber ausgezeichnet, heißt es hingegen in einer Mail des Unternehmens an den Freitag. Bei Problemen könnten sich Mitarbeiter „stets vertrauensvoll an Vertrauenspersonen wenden, auf unseren externen Vertrauensanwalt oder unsere Compliance-Verantwortlichen zugehen“. Das Vertrauen hätten viele längst verloren, sagt Weber.

2005 soll Lidl versucht haben, eine Filiale bei Pforzheim zu schließen, weil Beschäftigte an einem Warnstreik teilgenommen hatten. Zwei Jahre später wird einem Betriebsratsmitglied in Hamburg ohne erkennbaren Grund die Kündigung ausgesprochen. Verdi vermutete damals, dass Lidl die Belegschaft zermürben wolle.

In einem Lager im schwäbischen Graben kommt es 2016 zu einem ähnlichen Vorfall: Wieder wird einem Betriebsratsmitglied gekündigt, wieder liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um einen Einschüchterungsversuch handelt. In rund 3.000 Filialen in Deutschland gibt es laut Verdi keinen Betriebsrat, an rund 40 Lagerstandorten gerade einmal vier. Auf Freitag-Anfrage dementiert Lidl diese Zahlen nicht. Es stehe Mitarbeitenden frei, einen Betriebsrat zu gründen, der Organisationsgrad unterscheide sich je nach Region, heißt es von einer Sprecherin. Einen Rückschluss auf das Unternehmen könne man daraus nicht ziehen. Das sehen viele anders.

Albrecht Kieser vom Verein Work-Watch, der Gewerkschafter und Betriebsräte bei Konflikten mit Arbeitgebern unterstützt, sagt: „Die Tatsache, dass es in einem so großen Konzern wie Lidl kaum Betriebsräte gibt, wirft Fragen auf.“ Die Unternehmensführung müsse gewerkschaftsfeindlich eingestellt sein. „Diese Haltung überträgt sich auch auf die Betriebs- und Filialleiter, die dann dafür sorgen, dass betriebliche Mitbestimmung bei Lidl kaum existiert.“

Die Tatsache, dass es in einem so großen Konzern wie Lidl kaum Betriebsräte gibt, wirft Fragen auf

Albrecht Kieser

Zuletzt sorgten Vorfälle im Lager Herne im vergangenen Jahr für Aufsehen. Azad Tarhan, der als Gewerkschaftssekretär bis vor Kurzem für den Standort zuständig war, berichtet: Weil das Lager vergrößert werden sollte, habe Verdi vor möglichen Änderungskündigungen, also Veränderungen von Arbeitsverträgen zu Ungunsten von Beschäftigten, gewarnt.

Das sei bei der Betriebsleitung nicht gut angekommen, erzählt Tarhan. „Der Betriebsleiter hat bei der Betriebsversammlung unglaublich aggressiv gegen mich und meinen Kollegen geschossen. Wir wurden angebrüllt, uns wurde während Redebeiträgen ins Wort gefallen. Kollegen, die unsere Argumentation unterstützen wollten, wurden niedergebrüllt und eingeschüchtert. Es kam zu tumultartigen Zuständen.“ Lidl widerspricht dieser Darstellung: Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Betriebsratsgremien sei wichtig, zu Einschüchterungsversuchen sei es nicht gekommen, heißt es.

Erfolg vor Gericht: Lidl musste seine Kündigung zurückziehen

Auch Marius Weber hat sich bei seinem Arbeitgeber nicht beliebt gemacht. Immer wieder habe er Arbeitsbedingungen angeprangert, erzählt er. „Ich wollte einfach etwas gegen dieses System der Ausbeutung tun.“ Jahrelang engagierte er sich in einem der wenigen Betriebsräte. Die Betriebsleitung habe ihn deshalb immer wieder angegriffen. Mehrmals habe man versucht, ihn und andere Kollegen durch Kündigungen loszuwerden. „Damit habe ich die nicht durchkommen lassen“, sagt Weber.

Egal, was passiert: Wir Arbeiter dürfen uns nicht kleinmachen

Marius Weber

Er zog vors Arbeitsgericht und gewann, Lidl musste seine Kündigung zurückziehen. Auch eine Abfindung sei ihm angeboten worden, andere Kollegen seien versetzt worden. Lidl zu verlassen, sei für ihn trotzdem nie infrage gekommen. „Egal, was passiert: Wir Arbeiter dürfen uns nicht kleinmachen.“ Dass es sich bei den Vorfällen um unkoordinierte Aktionen gehandelt habe, glaubt er nicht.

Eine Erhebung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Während 2010 noch 44 Prozent der Beschäftigten in Deutschland in Betrieben beschäftigt waren, in denen es einen Betriebsrat gab, sank der Anteil bis 2022 auf 39 Prozent in Westdeutschland und 34 Prozent in Ostdeutschland. Schon jetzt ist die Behinderung von Betriebsratsarbeit laut Paragraf 119 des Betriebsverfassungsgesetzes eine Straftat. Besonders wirksam sei der Paragraf allerdings nicht, erklärt Arbeitssoziologe Markus Hertwig von der Ruhr-Universität Bochum, der unter anderem zu Union-Busting forscht.

Ein Grund dafür sei das Machtverhältnis zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten. „Stellen Sie sich mal vor, Sie müssen Ihren Chef verklagen. Das will sich keiner antun.“ Gerichtsverfahren seien häufig langwierig und teuer, das Fehlverhalten von Arbeitgebern meist schwer nachzuweisen. Hertwig schlägt vor, das Strafmaß zu erhöhen und den Paragrafen in ein „Offizialdelikt“ umzuwandeln. Dann müsste die Staatsanwaltschaft auch ohne Anzeige durch Beschäftigte ermitteln, sobald es einen Anfangsverdacht gibt.

Einen entsprechenden Vorschlag brachte der Bundesrat im Sommer ein. Die Bundesregierung zeigt bisher kaum Initiative, diesen umzusetzen. Im Koalitionsvertrag ist keine entsprechende Gesetzesänderung vorgesehen. Hertwig: „Die Stärkung betrieblicher Mitbestimmung für Beschäftigte würden viele Unternehmen natürlich nicht gerne sehen. Gleichzeitig haben diese Unternehmen einen hohen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger.“

Auf der Website des Konzerns tummeln sich lächelnde Menschen in Lidl-Uniform, das Unternehmen verspricht ein „attraktives Gehalt, ein tolles Team und eine sichere Zukunftsperspektive“. Lidl zahlt etwas höhere Löhne als die Konkurrenz, wirbt mit Prämien und Aufstiegsmöglichkeiten. Davon würden nicht alle profitieren, meint Albrecht Kieser von Work-Watch: „Die, die die Füße stillhalten, werden belohnt. Beschäftigte, die sich wehren, werden mit allen Mitteln bekämpft.“

Auch Marius Weber berichtet, dass die Betriebsleitung versucht habe, einen Teil der Belegschaft gezielt gegen ihn und seine Kollegen aus dem Betriebsrat aufzuhetzen. „Wir wurden als Unruhestifter dargestellt, die der Firma schaden wollen.“ Die gigantische Marktmacht der Schwarz-Gruppe macht die Situation natürlich nicht leichter.

Wie können sich Beschäftigte am besten gegen Union-Busting wehren?

Erst im November warnte die deutsche Monopolkommission vor einer steigenden Marktkonzentration im Einzelhandel. „So können Beschäftigte nicht einfach das Unternehmen wechseln“, meint Soziologe Hertwig. Zudem gebe es bei Lidl viele Teilzeitanstellungen und eine recht hohe Fluktuation. „Das sind Umstände, in denen Beschäftigte nicht geneigt sind, auf die Barrikaden zu gehen. Das weiß das Unternehmen und macht es sich zunutze.“ Die schwache Position der Beschäftigten werde ausgenutzt, so Hertwig.

Doch Widerstand ist nicht zwecklos. In der Studie Kampf um Mitbestimmung haben Hertwig und seine Kollegen 2020 untersucht, wie sich Beschäftigte am besten gegen Union-Busting wehren können. Ein Patentrezept gebe es dafür nicht, sagt er. Aber: „Am wirkungsvollsten ist eine Strategie, die unterschiedliche Ansätze kombiniert.“ Zu empfehlen sei, Abwehrkämpfe strategisch zu planen.

Dabei sei das Engagement externer Akteure hilfreich. „Gewerkschaften, NGOs und Anwälte können den Kampf der Beschäftigten um Mitbestimmung entscheidend beeinflussen.“ Besonders wichtig sei es, den Rückhalt der Belegschaft zu gewinnen, um engagierten Beschäftigten den Rücken zu stärken und Angriffe auf sie schwieriger zu machen.

Trotz Rückschlägen denkt Marius Weber nicht daran, aufzugeben. Das Engagement der Beschäftigten habe schon einiges bewirkt, die Arbeitsbedingungen seien ein bisschen weniger schlimm als vor 20 Jahren. Auch wenn ihm der Kampf gegen den Konzern wie einer zwischen David und Goliath vorkomme, wisse er: „Wenn man zusammenhält, dranbleibt und kämpft, kann man ziemlich viel schaffen.“

innerhalb des Unternehmens, die sich trauen, sich dagegen zur Wehr zu setzen.Wie Kaufland gehört auch Lidl zur Schwarz-Gruppe. Mit rund 12.600 Filialen in 31 Ländern und einem jährlichen Umsatz von gut 175 Milliarden Euro ist das Unternehmen europäischer Marktführer. Die Schwarz-Gruppe beschäftigt allein in Deutschland rund 190.000 Menschen.Das Unternehmen, das dem reichsten Deutschen, Dieter Schwarz, gehört, sorgt immer wieder für Skandale. 2005 veröffentlichten Journalisten in Kooperation mit der Gewerkschaft Verdi das Schwarzbuch Lidl und deckten so katastrophale Arbeitsbedingungen beim Discounter auf. Beschäftigte berichteten von Bespitzelung, unbezahlter Mehrarbeit und einem Klima der Angst.2021 warf die Menschenrechtsorganisation ECCHR dem Konzern vor, Textilprodukte zu vertreiben, die von uigurischen Zwangsarbeitenden hergestellt werden. Lidl kündigte die Zusammenarbeit mit dem Zulieferer im Anschluss auf. Im Frühjahr geriet Kaufland nach einem Hygieneskandal in die Kritik. Beschäftigte berichteten von schwierigen Arbeitsbedingungen und psychischem Stress, die die Hygienemängel verursacht hätten (der Freitag 26/2025). Bei Lidl sieht es offenbar kaum anders aus.Arbeiten wie in der Steinzeit: Im Lidl-Lager gehen die Gelenke kaputtNach einer handwerklichen Ausbildung arbeitete Marius Weber einige Jahre in der Warenabfertigung, inzwischen ist er in einer anderen Abteilung tätig. Bei der Arbeit im Lager müsse man schwer heben, Hilfsmittel dafür würden kaum bereitgestellt. „Es ist, als würden wir in der Steinzeit arbeiten“, sagt er. Viele Beschäftigte würden im Laufe der Zeit krank, Gelenkschäden seien keine Seltenheit. „Einige laufen da wie Mumien mit Bandagen an Knien und Ellbogen herum.“Dazu käme extremer Leistungsdruck. Mithilfe eines digitalen Systems werde die Arbeit der Beschäftigten kontrolliert. „Die Kollegen in der Warenabfertigung bekommen eine Nummer“, erzählt er. Dieser Nummer würden dann Aufträge zugeteilt. „Werden die nicht schnell genug erfüllt, beschwert sich der Schichtleiter über einen Knopf im Ohr.“ Passiere das mehrmals, könne es vorkommen, dass man vor versammelter Mannschaft angeschrien oder zu einem Personalgespräch geladen werde. Die Vorgaben, sagt Weber, könne man nur „mit erheblichen Nebenwirkungen“ erbringen. „Wenn man sich kaputtmacht, schafft man das. Die Frage ist dann eben, wie lange man das durchhält.“Wenn man sich kaputtmacht, schafft man dasMarius WeberWer nicht liefere, werde zwar nicht direkt gekündigt. „Die Betriebsleitung versucht dann aber auf die eine oder andere Art, einen rauszuekeln.“ Lidl werde regelmäßig als attraktiver Arbeitgeber ausgezeichnet, heißt es hingegen in einer Mail des Unternehmens an den Freitag. Bei Problemen könnten sich Mitarbeiter „stets vertrauensvoll an Vertrauenspersonen wenden, auf unseren externen Vertrauensanwalt oder unsere Compliance-Verantwortlichen zugehen“. Das Vertrauen hätten viele längst verloren, sagt Weber.2005 soll Lidl versucht haben, eine Filiale bei Pforzheim zu schließen, weil Beschäftigte an einem Warnstreik teilgenommen hatten. Zwei Jahre später wird einem Betriebsratsmitglied in Hamburg ohne erkennbaren Grund die Kündigung ausgesprochen. Verdi vermutete damals, dass Lidl die Belegschaft zermürben wolle.In einem Lager im schwäbischen Graben kommt es 2016 zu einem ähnlichen Vorfall: Wieder wird einem Betriebsratsmitglied gekündigt, wieder liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um einen Einschüchterungsversuch handelt. In rund 3.000 Filialen in Deutschland gibt es laut Verdi keinen Betriebsrat, an rund 40 Lagerstandorten gerade einmal vier. Auf Freitag-Anfrage dementiert Lidl diese Zahlen nicht. Es stehe Mitarbeitenden frei, einen Betriebsrat zu gründen, der Organisationsgrad unterscheide sich je nach Region, heißt es von einer Sprecherin. Einen Rückschluss auf das Unternehmen könne man daraus nicht ziehen. Das sehen viele anders.Albrecht Kieser vom Verein Work-Watch, der Gewerkschafter und Betriebsräte bei Konflikten mit Arbeitgebern unterstützt, sagt: „Die Tatsache, dass es in einem so großen Konzern wie Lidl kaum Betriebsräte gibt, wirft Fragen auf.“ Die Unternehmensführung müsse gewerkschaftsfeindlich eingestellt sein. „Diese Haltung überträgt sich auch auf die Betriebs- und Filialleiter, die dann dafür sorgen, dass betriebliche Mitbestimmung bei Lidl kaum existiert.“Die Tatsache, dass es in einem so großen Konzern wie Lidl kaum Betriebsräte gibt, wirft Fragen aufAlbrecht Kieser Zuletzt sorgten Vorfälle im Lager Herne im vergangenen Jahr für Aufsehen. Azad Tarhan, der als Gewerkschaftssekretär bis vor Kurzem für den Standort zuständig war, berichtet: Weil das Lager vergrößert werden sollte, habe Verdi vor möglichen Änderungskündigungen, also Veränderungen von Arbeitsverträgen zu Ungunsten von Beschäftigten, gewarnt.Das sei bei der Betriebsleitung nicht gut angekommen, erzählt Tarhan. „Der Betriebsleiter hat bei der Betriebsversammlung unglaublich aggressiv gegen mich und meinen Kollegen geschossen. Wir wurden angebrüllt, uns wurde während Redebeiträgen ins Wort gefallen. Kollegen, die unsere Argumentation unterstützen wollten, wurden niedergebrüllt und eingeschüchtert. Es kam zu tumultartigen Zuständen.“ Lidl widerspricht dieser Darstellung: Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Betriebsratsgremien sei wichtig, zu Einschüchterungsversuchen sei es nicht gekommen, heißt es.Erfolg vor Gericht: Lidl musste seine Kündigung zurückziehenAuch Marius Weber hat sich bei seinem Arbeitgeber nicht beliebt gemacht. Immer wieder habe er Arbeitsbedingungen angeprangert, erzählt er. „Ich wollte einfach etwas gegen dieses System der Ausbeutung tun.“ Jahrelang engagierte er sich in einem der wenigen Betriebsräte. Die Betriebsleitung habe ihn deshalb immer wieder angegriffen. Mehrmals habe man versucht, ihn und andere Kollegen durch Kündigungen loszuwerden. „Damit habe ich die nicht durchkommen lassen“, sagt Weber.Egal, was passiert: Wir Arbeiter dürfen uns nicht kleinmachenMarius WeberEr zog vors Arbeitsgericht und gewann, Lidl musste seine Kündigung zurückziehen. Auch eine Abfindung sei ihm angeboten worden, andere Kollegen seien versetzt worden. Lidl zu verlassen, sei für ihn trotzdem nie infrage gekommen. „Egal, was passiert: Wir Arbeiter dürfen uns nicht kleinmachen.“ Dass es sich bei den Vorfällen um unkoordinierte Aktionen gehandelt habe, glaubt er nicht.Eine Erhebung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Während 2010 noch 44 Prozent der Beschäftigten in Deutschland in Betrieben beschäftigt waren, in denen es einen Betriebsrat gab, sank der Anteil bis 2022 auf 39 Prozent in Westdeutschland und 34 Prozent in Ostdeutschland. Schon jetzt ist die Behinderung von Betriebsratsarbeit laut Paragraf 119 des Betriebsverfassungsgesetzes eine Straftat. Besonders wirksam sei der Paragraf allerdings nicht, erklärt Arbeitssoziologe Markus Hertwig von der Ruhr-Universität Bochum, der unter anderem zu Union-Busting forscht.Ein Grund dafür sei das Machtverhältnis zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten. „Stellen Sie sich mal vor, Sie müssen Ihren Chef verklagen. Das will sich keiner antun.“ Gerichtsverfahren seien häufig langwierig und teuer, das Fehlverhalten von Arbeitgebern meist schwer nachzuweisen. Hertwig schlägt vor, das Strafmaß zu erhöhen und den Paragrafen in ein „Offizialdelikt“ umzuwandeln. Dann müsste die Staatsanwaltschaft auch ohne Anzeige durch Beschäftigte ermitteln, sobald es einen Anfangsverdacht gibt.Einen entsprechenden Vorschlag brachte der Bundesrat im Sommer ein. Die Bundesregierung zeigt bisher kaum Initiative, diesen umzusetzen. Im Koalitionsvertrag ist keine entsprechende Gesetzesänderung vorgesehen. Hertwig: „Die Stärkung betrieblicher Mitbestimmung für Beschäftigte würden viele Unternehmen natürlich nicht gerne sehen. Gleichzeitig haben diese Unternehmen einen hohen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger.“Auf der Website des Konzerns tummeln sich lächelnde Menschen in Lidl-Uniform, das Unternehmen verspricht ein „attraktives Gehalt, ein tolles Team und eine sichere Zukunftsperspektive“. Lidl zahlt etwas höhere Löhne als die Konkurrenz, wirbt mit Prämien und Aufstiegsmöglichkeiten. Davon würden nicht alle profitieren, meint Albrecht Kieser von Work-Watch: „Die, die die Füße stillhalten, werden belohnt. Beschäftigte, die sich wehren, werden mit allen Mitteln bekämpft.“Auch Marius Weber berichtet, dass die Betriebsleitung versucht habe, einen Teil der Belegschaft gezielt gegen ihn und seine Kollegen aus dem Betriebsrat aufzuhetzen. „Wir wurden als Unruhestifter dargestellt, die der Firma schaden wollen.“ Die gigantische Marktmacht der Schwarz-Gruppe macht die Situation natürlich nicht leichter.Wie können sich Beschäftigte am besten gegen Union-Busting wehren?Erst im November warnte die deutsche Monopolkommission vor einer steigenden Marktkonzentration im Einzelhandel. „So können Beschäftigte nicht einfach das Unternehmen wechseln“, meint Soziologe Hertwig. Zudem gebe es bei Lidl viele Teilzeitanstellungen und eine recht hohe Fluktuation. „Das sind Umstände, in denen Beschäftigte nicht geneigt sind, auf die Barrikaden zu gehen. Das weiß das Unternehmen und macht es sich zunutze.“ Die schwache Position der Beschäftigten werde ausgenutzt, so Hertwig.Doch Widerstand ist nicht zwecklos. In der Studie Kampf um Mitbestimmung haben Hertwig und seine Kollegen 2020 untersucht, wie sich Beschäftigte am besten gegen Union-Busting wehren können. Ein Patentrezept gebe es dafür nicht, sagt er. Aber: „Am wirkungsvollsten ist eine Strategie, die unterschiedliche Ansätze kombiniert.“ Zu empfehlen sei, Abwehrkämpfe strategisch zu planen.Dabei sei das Engagement externer Akteure hilfreich. „Gewerkschaften, NGOs und Anwälte können den Kampf der Beschäftigten um Mitbestimmung entscheidend beeinflussen.“ Besonders wichtig sei es, den Rückhalt der Belegschaft zu gewinnen, um engagierten Beschäftigten den Rücken zu stärken und Angriffe auf sie schwieriger zu machen.Trotz Rückschlägen denkt Marius Weber nicht daran, aufzugeben. Das Engagement der Beschäftigten habe schon einiges bewirkt, die Arbeitsbedingungen seien ein bisschen weniger schlimm als vor 20 Jahren. Auch wenn ihm der Kampf gegen den Konzern wie einer zwischen David und Goliath vorkomme, wisse er: „Wenn man zusammenhält, dranbleibt und kämpft, kann man ziemlich viel schaffen.“



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