Nach Tino Chrupalla bei Caren Miosga hagelte es Kritik – wie immer, wenn die AfD in Talkshows eingeladen ist. Was wäre ein besseres Format, um mit der AfD im Fernsehen zu reden? Dafür muss man sich zuerst über eine Sache klar werden
Tino Chrupalla bei Caren Miosga
Foto: Uwe Koch/HMB-Media/Imago Images
Vor mehr als zehn Jahren war Björn Höcke, heute der Landesvorsitzende der AfD in Thüringen, einmal in eine Talkshow der ARD eingeladen. Bei Günther Jauch hängte er eine Deutschlandfahne über seinen Sessel, und der Moderator wusste nicht recht, wie er damit umgehen soll.
Wie sollte er diesen Höcke unter diesen Umständen als Rechtsextremen entlarven? Es war ja die Fahne der Bundesrepublik, kein Nazisymbol. Sollte er sie ihm vielleicht wegnehmen wie so ein Antideutscher? Oder sollte er die Nationalhymne anstimmen, um zu testen, welche Strophe Höcke singen würde? Egal, wie er als Moderator reagieren würde, es war Mist. Also tat er nichts. Auch Mist.
Das Dilemma, das in der Sendung angelegt war, existiert bis heute: Es gibt keinen guten fernsehjournalistischen Umgang mit der AfD, der nicht auch schlecht ist.
Wer auf Konfrontation geht, gilt als bissige Medienfresse
Lädst du sie ein, wird sie das wie eine normale Partei erscheinen lassen. Lädst du sie grundsätzlich nicht ein, wird die Partei das ebenfalls für sich verwenden. Argumentiert ein AfD-Gast allein gegen eine Mehrheit, wird er das zum Herumopfern nutzen. Ist der Talk mit mehreren seines Schlags besetzt, wird die Diskussion von einer extremen Minderheit dominiert.
Lässt du AfD-Leute einfach reden, wird der nachgeschobene Faktencheck, den allerdings eh kaum jemand wahrnimmt, sehr lang werden. Gehst du auf Konfrontation, bist du die bissige Medienfresse, die an Argumenten nicht interessiert ist. Sprichst du mit ihnen über ihre eigenen Themen, haben sie schon gewonnen, weil die Präsenz ihrer Themen ihr Pfund ist. Sprichst du mit ihnen über andere Themen, Wohnungsbau vielleicht oder Digitalisierung, bleibt der Eindruck, es ginge ihnen tatsächlich um Sachfragen.
Könnte man überhaupt anders mit der AfD im Fernsehen reden, vielleicht sogar: besser?
Bei Harry Potter hat es ja auch nicht geklappt
Man müsste den Umgang mit der AfD mal an Ort und Stelle auf einer Metaebene besprechen. Wie, WDR-Intendantin Katrin Vernau, stellen Sie sich eine idealtypische Fernsehdiskussion mit der AfD vor, im Einklang mit den Gesetzen, im internationalen Vergleich, und überhaupt? Was sagen Sie dazu, Medienwissenschaftler Volker Lilienthal, Soziologe Nils Kumkar, Journalist Deniz Yücel?
Vielleicht würde zumindest das Dilemma klarer, in dem speziell öffentlich-rechtliche Redaktionen stecken. Die können nicht so tun, als sei die AfD weg, wenn man nur ihren Namen möglichst selten sagt. Klappt bei Harry Potter mit Voldemort ja auch nicht.
Und dann müsste man sich, auf der Suche nach dem besseren, also: weniger unperfekten Format, um mit der AfD zu sprechen, über eine Sache klar werden: Was will man eigentlich herausfinden? Will man zeigen, dass die Partei, OMG, vielleicht rechtsextrem sein könnte? In dem Fall sollte man doch am besten jemanden vom Verfassungsschutz zum Hintergrundgespräch treffen, Beispiele recherchieren, Belege sammeln und dann einen Film machen. Zu entlarven gibt es nichts mehr. Die AfD ist längst aus dem Larvenstatus raus und geschlüpft.
Caren Miosga neulich in der ARD
Will man, wie neulich Caren Miosga in der ARD, wissen, was der AfD-Ko-Vorsitzende zur Vetternwirtschaft von Abgeordneten sagt, die Verwandte in ihren Büros beschäftigen? Dann folgende Gegenfrage: Warum ist das im Live-Talk besonders gut aufgehoben? Was ist der Vorteil gegenüber einem vorbereiteten Fernsehbeitrag? Will man sehen, ob der AfD-Mann live nervös mit den Augenlidern zuckt? Welche Erkenntnis würde man damit gewinnen? Warum nicht lieber die Recherche gut präsentieren, mit der Ruhe, die es dafür braucht?
Manches ist anderswo im Fernsehen eigentlich besser aufgehoben. Für die harten Herausfindedinge gibt es klassische Interviews. Beiträge in politischen Magazinen. Investigative Recherchen. Dokumentationen. Der Talk ist ein Gesprächsformat, performativ orientiert, im guten Fall ein Debattierklub, im schlechten eine Zirkusnummer. Er muss aber keine News generieren.
Denkbar wäre, die Fragen dem Publikum zu überlassen; in einer „Arena“, wie es im Wahlkampf hieß. Das Publikum fragt bisweilen sehr interessante Dinge und kann auch nicht so leicht beschuldigt werden, einseitig, verbissen oder unprofessionell zu sein. Man müsste es dann halt casten, damit nicht vorrangig Scheitel aus der Jugendorganisation der AfD im Studio sitzen. Oder viele junge Menschen mit Antifa-Shirt.
Soll man das Publikum casten?
Sobald man das Publikum castet, findet irgendein AfD-Vorfeld-Account zwar gewiss heraus, dass Fragestellerin Nr. 13 einen Großcousin hat, der einmal für die Grünen im Stadtrat von Wuppertal saß, und das wäre ja dann wieder typisch Öffentlich-Rechtliche, undsoweiter.
Allerdings ist ja immer irgendwas.
Vielleicht wäre es auch ein Anfang, weniger dramatisch über den Talk zu diskutieren. Auch wenn der Puls beim Zuschauen manchmal hochgehen mag, ist es albern, dem Format eine derart gigantische Wirkung zuzuschreiben. Ja, für manche Menschen sind Talkshows ein Kernstück ihrer Beschäftigung mit Politik. Deshalb ist es relevant, was darin geschieht. Aber die Umfragewerte der Parteien steigen und fallen nicht mit ihren Talkauftritten.
Die AfD hatte einer Auswertung des Spiegel zufolge von 2015 bis 2024 die geringste Präsenz unter den sieben größten Parteien Deutschlands. Sie ist keineswegs „ständig“ im Talk zu Gast, wie es gern heißt. Bei Caren Miosga war sie, in bislang 65 Sendungen, erst dreimal vertreten. Bei Maybrit Illner taucht sie – im Gegensatz zu ihren Themen – seit fast zwei Jahren gar nicht mehr auf. 2022, am Ende der Pandemie, waren in allen großen öffentlich-rechtlichen Talkshows sogar insgesamt nur zwei AfD-Leute zu Gast; im selben Jahr stieg die Partei in den Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen von 10 auf 15 Prozent.
Die Talkshow als Spektakel und Zitatmaschine
Wie wäre es, Talkshows vor allem als Gesprächsformat zu verstehen? Je konstruktiver dabei das Gespräch, desto besser wäre es. Nicht Parteizugehörigkeit wäre der Maßstab, sondern Diskussionsfähigkeit. Bestimmte Gäste würde das per se ausschließen.
In der Realität freilich ist der Talk eher eine Mischform aus Debattierklub, wochenaktuell orientiertem Spektakel und Zitatmaschine. Das gehört zu seinem Erfolgsrezept: dass er herumwabernde Konflikte in ein hell ausgeleuchtetes Studiosetting gießt und sie greifbarer macht. Er löst sie nicht, er performt sie.
Womöglich ist das der Grund für den öffentlichen Streit über jeden AfD-Auftritt in einem Talkstudio: Man merkt fähigen Menschen dabei immer wieder an, dass sie ratlos sind.
als Moderator reagieren würde, es war Mist. Also tat er nichts. Auch Mist.Das Dilemma, das in der Sendung angelegt war, existiert bis heute: Es gibt keinen guten fernsehjournalistischen Umgang mit der AfD, der nicht auch schlecht ist. Wer auf Konfrontation geht, gilt als bissige MedienfresseLädst du sie ein, wird sie das wie eine normale Partei erscheinen lassen. Lädst du sie grundsätzlich nicht ein, wird die Partei das ebenfalls für sich verwenden. Argumentiert ein AfD-Gast allein gegen eine Mehrheit, wird er das zum Herumopfern nutzen. Ist der Talk mit mehreren seines Schlags besetzt, wird die Diskussion von einer extremen Minderheit dominiert.Lässt du AfD-Leute einfach reden, wird der nachgeschobene Faktencheck, den allerdings eh kaum jemand wahrnimmt, sehr lang werden. Gehst du auf Konfrontation, bist du die bissige Medienfresse, die an Argumenten nicht interessiert ist. Sprichst du mit ihnen über ihre eigenen Themen, haben sie schon gewonnen, weil die Präsenz ihrer Themen ihr Pfund ist. Sprichst du mit ihnen über andere Themen, Wohnungsbau vielleicht oder Digitalisierung, bleibt der Eindruck, es ginge ihnen tatsächlich um Sachfragen.Könnte man überhaupt anders mit der AfD im Fernsehen reden, vielleicht sogar: besser?Bei Harry Potter hat es ja auch nicht geklapptMan müsste den Umgang mit der AfD mal an Ort und Stelle auf einer Metaebene besprechen. Wie, WDR-Intendantin Katrin Vernau, stellen Sie sich eine idealtypische Fernsehdiskussion mit der AfD vor, im Einklang mit den Gesetzen, im internationalen Vergleich, und überhaupt? Was sagen Sie dazu, Medienwissenschaftler Volker Lilienthal, Soziologe Nils Kumkar, Journalist Deniz Yücel?Vielleicht würde zumindest das Dilemma klarer, in dem speziell öffentlich-rechtliche Redaktionen stecken. Die können nicht so tun, als sei die AfD weg, wenn man nur ihren Namen möglichst selten sagt. Klappt bei Harry Potter mit Voldemort ja auch nicht.Und dann müsste man sich, auf der Suche nach dem besseren, also: weniger unperfekten Format, um mit der AfD zu sprechen, über eine Sache klar werden: Was will man eigentlich herausfinden? Will man zeigen, dass die Partei, OMG, vielleicht rechtsextrem sein könnte? In dem Fall sollte man doch am besten jemanden vom Verfassungsschutz zum Hintergrundgespräch treffen, Beispiele recherchieren, Belege sammeln und dann einen Film machen. Zu entlarven gibt es nichts mehr. Die AfD ist längst aus dem Larvenstatus raus und geschlüpft.Caren Miosga neulich in der ARDWill man, wie neulich Caren Miosga in der ARD, wissen, was der AfD-Ko-Vorsitzende zur Vetternwirtschaft von Abgeordneten sagt, die Verwandte in ihren Büros beschäftigen? Dann folgende Gegenfrage: Warum ist das im Live-Talk besonders gut aufgehoben? Was ist der Vorteil gegenüber einem vorbereiteten Fernsehbeitrag? Will man sehen, ob der AfD-Mann live nervös mit den Augenlidern zuckt? Welche Erkenntnis würde man damit gewinnen? Warum nicht lieber die Recherche gut präsentieren, mit der Ruhe, die es dafür braucht?Manches ist anderswo im Fernsehen eigentlich besser aufgehoben. Für die harten Herausfindedinge gibt es klassische Interviews. Beiträge in politischen Magazinen. Investigative Recherchen. Dokumentationen. Der Talk ist ein Gesprächsformat, performativ orientiert, im guten Fall ein Debattierklub, im schlechten eine Zirkusnummer. Er muss aber keine News generieren.Denkbar wäre, die Fragen dem Publikum zu überlassen; in einer „Arena“, wie es im Wahlkampf hieß. Das Publikum fragt bisweilen sehr interessante Dinge und kann auch nicht so leicht beschuldigt werden, einseitig, verbissen oder unprofessionell zu sein. Man müsste es dann halt casten, damit nicht vorrangig Scheitel aus der Jugendorganisation der AfD im Studio sitzen. Oder viele junge Menschen mit Antifa-Shirt.Soll man das Publikum casten?Sobald man das Publikum castet, findet irgendein AfD-Vorfeld-Account zwar gewiss heraus, dass Fragestellerin Nr. 13 einen Großcousin hat, der einmal für die Grünen im Stadtrat von Wuppertal saß, und das wäre ja dann wieder typisch Öffentlich-Rechtliche, undsoweiter. Allerdings ist ja immer irgendwas.Vielleicht wäre es auch ein Anfang, weniger dramatisch über den Talk zu diskutieren. Auch wenn der Puls beim Zuschauen manchmal hochgehen mag, ist es albern, dem Format eine derart gigantische Wirkung zuzuschreiben. Ja, für manche Menschen sind Talkshows ein Kernstück ihrer Beschäftigung mit Politik. Deshalb ist es relevant, was darin geschieht. Aber die Umfragewerte der Parteien steigen und fallen nicht mit ihren Talkauftritten.Die AfD hatte einer Auswertung des Spiegel zufolge von 2015 bis 2024 die geringste Präsenz unter den sieben größten Parteien Deutschlands. Sie ist keineswegs „ständig“ im Talk zu Gast, wie es gern heißt. Bei Caren Miosga war sie, in bislang 65 Sendungen, erst dreimal vertreten. Bei Maybrit Illner taucht sie – im Gegensatz zu ihren Themen – seit fast zwei Jahren gar nicht mehr auf. 2022, am Ende der Pandemie, waren in allen großen öffentlich-rechtlichen Talkshows sogar insgesamt nur zwei AfD-Leute zu Gast; im selben Jahr stieg die Partei in den Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen von 10 auf 15 Prozent.Die Talkshow als Spektakel und ZitatmaschineWie wäre es, Talkshows vor allem als Gesprächsformat zu verstehen? Je konstruktiver dabei das Gespräch, desto besser wäre es. Nicht Parteizugehörigkeit wäre der Maßstab, sondern Diskussionsfähigkeit. Bestimmte Gäste würde das per se ausschließen.In der Realität freilich ist der Talk eher eine Mischform aus Debattierklub, wochenaktuell orientiertem Spektakel und Zitatmaschine. Das gehört zu seinem Erfolgsrezept: dass er herumwabernde Konflikte in ein hell ausgeleuchtetes Studiosetting gießt und sie greifbarer macht. Er löst sie nicht, er performt sie. Womöglich ist das der Grund für den öffentlichen Streit über jeden AfD-Auftritt in einem Talkstudio: Man merkt fähigen Menschen dabei immer wieder an, dass sie ratlos sind.