Rinder, die faul im Gras fläzen, Gauchos, die zu Pferd und mit Lasso über die Herde wachen – was nach einer abgeschmackten Postkarte klingt, prägt bis heute weite Teile der uruguayischen Pampa. Doch seit einigen Jahren ragt über dem platten Grasland etwas, das professionelle Postkartenfotografen stets aus dem Bildausschnitt verbannen würden: Immer mehr Windräder drehen sich über Uruguays Rinderherden.

Der grüne Strom, den sie erzeugen, trägt maßgeblich zu Uruguays Unabhängigkeit von fossilen Importen bei: Nach Angaben der Nationalen Energiedirektion erzeugte im Jahr 2025 das Land 98 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energiequellen, über ein Drittel stammte aus der Windkraft.

Noch 2008 lag der Anteil der Windenergiegewinnung bei null. Seitdem ist Uruguay eine Energiewende gelungen, die weltweit als Vorbild gilt, ähnlich wie in Spanien, wo in Andalusien Solarenergie im Überfluss produziert wird. Doch mit ökologischem Bewusstsein hat sie wenig zu tun. Stattdessen keimte die Idee zum rapiden Ausbau der erneuerbaren Energien wie die meisten Revolutionen in einer handfesten Krise.

Die Krise zwang die Regierung von Uruguay zum Handeln

In den 2000er-Jahren fußte die Stromgewinnung in Uruguay im Wesentlichen auf zwei Säulen: Wasserkraft aus riesigen Stauseen und Erdöl. Als 2008 zum Dürrejahr wurde, war Uruguay trotz der weltweit hohen Ölpreise gezwungen, fast 40 Prozent seines Stroms aus der Ölverbrennung zu gewinnen. Bei gleichzeitig wachsender Nachfrage durch die wachsende Wirtschaft war die Abhängigkeit des Landes vom Ölmarkt und von Energieimporten aus den Nachbarländern Argentinien und Brasilien eine Katastrophe: Steigende Preise, Energierationierungen und vereinzelte Stromausfälle folgten.

Die Krise zwang die Regierung zum Handeln. Präsident Tabaré Vázquez setzte den Physiker Ramón Méndez Galain als Direktor für Energie ein, der zuvor mit ambitionierten Ideen für eine ganzheitliche Energiewende in Uruguay aufgefallen war. Méndez, eigentlich Teilchenphysiker, gelang es, sämtliche Parteien im uruguayischen Parlament von seinen Plänen zu überzeugen, und so blieb er auch nach einem Regierungswechsel 2010 im Amt.

Als Energiedirektor setzte Méndez auf einen massiven Ausbau von Windkraft, Solar- und Bioenergie. Die Idee: ein harmonisches Zusammenwirken der Energiequellen, um die Abhängigkeit von Importen drastisch zu reduzieren. An sonnigen und windigen Tagen sollte allein die installierte Wind- und Solarenergie ausreichen, um Uruguays Energiebedarf komplett zu decken.

Währenddessen kann sich das Wasser in den Stauseen des Landes sammeln, um erst dann zur Energiegewinnung eingesetzt zu werden, wenn Wind, Sonne und Biomasse nicht mehr ausreichen. Fossile Kraftwerke werden nur noch notfalls angeworfen, wenn alle anderen Energiearten nicht ausreichend zur Verfügung stehen.

Früher war Uruguay von Argentinien und Brasilien abhängig, heute exportiert es selbst Energie

Um den rapiden Ausbau der Erneuerbaren zu finanzieren, setzte das Land auch auf private Investitionen, sodass nur ein Bruchteil der entstandenen Windparks vollständig dem staatlichen Energieversorgungsunternehmen UTE gehört, obwohl die Energieversorgung in Uruguay bis dahin traditionell in öffentlicher Hand war. Um Verbraucher:innen zu schützen, darf dennoch weiterhin nur UTE Strom an Haushalte verkaufen. Die privaten Stromerzeuger erhalten dafür von UTE langfristige Abnahmegarantien zu festen Preisen.

Heute werden Wasser, Wind, Sonne und Biomasse in Uruguay so effizient genutzt, dass nur noch etwa ein bis fünf Prozent der Elektrizität aus fossilen Quellen erzeugt werden müssen. „Uruguay hat gezeigt, dass dank des Zusammenspiels verschiedener erneuerbarer Energien ein stabiler Energiemix funktionieren kann, unabhängig von der Unbeständigkeit einzelner Energieformen. Insgesamt ist die Abhängigkeit vom Wetter durch den Ausbau der Erneuerbaren sogar gesunken“, sagte Méndez 2008 bei einem Vortrag.

Gleichzeitig verdoppelte sich seit 2008 der insgesamt in Uruguay produzierte Strom. Das Land, das früher von Importen aus Argentinien und Brasilien abhängig war, ist so inzwischen selbst zum Nettoexporteur von Strom geworden. Die Kosten der Stromproduktion haben sich Méndez zufolge inzwischen mehr als halbiert.

Trotz der Fortschritte mit den erneuerbaren Energien hat Uruguay kürzlich fossilen Konzernen gestattet, vor seiner Küste nach Erdöl zu suchen. Ramón Méndez hat damit nichts zu tun: Er ist inzwischen weltweit als Energieberater tätig. Seine Botschaft: „Erneuerbare Energien sind längst nicht mehr nur eine Antwort auf die Klimakrise. Sie ermöglichen den Aufbau eines starken, verlässlichen und robusten Energiesystems. Sie erlauben, Energiekosten deutlich zu senken, während sie die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen. Das kann und sollte jetzt geschehen.“ Méndez ist überzeugt: Die uruguayische Lösung kann wiederholt werden.

Investitionen in Windkraft könnten eine Abkehr von fossilen Energien begünstigen

Hierzulande sollen 2030 mindestens 80 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. Viele Expert:innen halten das Ziel nur bei einem beschleunigten Ausbau von Netzen und Speichern für erreichbar. Méndez zufolge kann sich Deutschland von Uruguay dabei einiges abschauen.

Zwar haben wir weniger Wind, 80 Millionen mehr Einwohner und einen etwa 35 Mal so hohen Strombedarf. Dennoch könnten massive Investitionen in Windkraft und eine Abkehr von kurzfristigen Marktmechanismen zugunsten von langfristigen Abnahmeverträgen auch hier den Verbrauch fossiler Energieträger deutlich senken. Neben dem Kampf gegen den Klimawandel würde Deutschland so in Zeiten globaler Unsicherheit und immer mehr völkerrechtswidriger Kriege seine Abhängigkeit von fossilen Importen reduzieren.

Doch Deutschland tut sich schwer. Für die aktuelle Bundesregierung scheint die Energiewende von untergeordneter Relevanz zu sein, fossile Subventionen bleiben bestehen, Gesetze der Ampelregierung werden nach den Interessen der Gaslobby umgebaut.

Einen Grund für diese Schwierigkeiten fasste Uruguays Energiewende-Visionär RamónMéndez ungewollt selbst zusammen: „Um voranzukommen, braucht es eine starke Führung und politischen Willen. Dafür empfiehlt es sich in den meisten Fällen, eine breite politische Übereinkunft zu erzielen, die über die jeweils amtierende Regierung hinausgeht.“

Energiewende in Deutschland scheitert aufgrund von Ideologien

Hier liegt das Problem: Den politischen Willen zur Energiewende findet man in der aktuellen Regierung wohl nur in homöopathischen Dosen. Und in der derzeitigen deutschen Parteienlandschaft ist ein breiter Konsens für einen verstärkten Ausbau der Erneuerbaren in etwa so wahrscheinlich wie ein Blitz, der einen Lottogewinner trifft.

Es ist eine tragische Erkenntnis, dass die Energiewende hierzulande weniger an der Physik zu scheitern droht, an fehlenden Technologien oder am Geld – sondern an übermächtigen fossilen Lobbyinteressen, einer noch immer weitverbreiteten Ideologie, die Erneuerbare fälschlicherweise als unzuverlässig und teuer ablehnt, und letztendlich an der fehlenden Vision der politischen Klasse des Landes. Diese Probleme bekommt selbst der findigste Ingenieur nicht gelöst.

98 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energiequellen, über ein Drittel stammte aus der Windkraft.Noch 2008 lag der Anteil der Windenergiegewinnung bei null. Seitdem ist Uruguay eine Energiewende gelungen, die weltweit als Vorbild gilt, ähnlich wie in Spanien, wo in Andalusien Solarenergie im Überfluss produziert wird. Doch mit ökologischem Bewusstsein hat sie wenig zu tun. Stattdessen keimte die Idee zum rapiden Ausbau der erneuerbaren Energien wie die meisten Revolutionen in einer handfesten Krise. Die Krise zwang die Regierung von Uruguay zum HandelnIn den 2000er-Jahren fußte die Stromgewinnung in Uruguay im Wesentlichen auf zwei Säulen: Wasserkraft aus riesigen Stauseen und Erdöl. Als 2008 zum Dürrejahr wurde, war Uruguay trotz der weltweit hohen Ölpreise gezwungen, fast 40 Prozent seines Stroms aus der Ölverbrennung zu gewinnen. Bei gleichzeitig wachsender Nachfrage durch die wachsende Wirtschaft war die Abhängigkeit des Landes vom Ölmarkt und von Energieimporten aus den Nachbarländern Argentinien und Brasilien eine Katastrophe: Steigende Preise, Energierationierungen und vereinzelte Stromausfälle folgten.Die Krise zwang die Regierung zum Handeln. Präsident Tabaré Vázquez setzte den Physiker Ramón Méndez Galain als Direktor für Energie ein, der zuvor mit ambitionierten Ideen für eine ganzheitliche Energiewende in Uruguay aufgefallen war. Méndez, eigentlich Teilchenphysiker, gelang es, sämtliche Parteien im uruguayischen Parlament von seinen Plänen zu überzeugen, und so blieb er auch nach einem Regierungswechsel 2010 im Amt.Als Energiedirektor setzte Méndez auf einen massiven Ausbau von Windkraft, Solar- und Bioenergie. Die Idee: ein harmonisches Zusammenwirken der Energiequellen, um die Abhängigkeit von Importen drastisch zu reduzieren. An sonnigen und windigen Tagen sollte allein die installierte Wind- und Solarenergie ausreichen, um Uruguays Energiebedarf komplett zu decken.Währenddessen kann sich das Wasser in den Stauseen des Landes sammeln, um erst dann zur Energiegewinnung eingesetzt zu werden, wenn Wind, Sonne und Biomasse nicht mehr ausreichen. Fossile Kraftwerke werden nur noch notfalls angeworfen, wenn alle anderen Energiearten nicht ausreichend zur Verfügung stehen.Früher war Uruguay von Argentinien und Brasilien abhängig, heute exportiert es selbst Energie Um den rapiden Ausbau der Erneuerbaren zu finanzieren, setzte das Land auch auf private Investitionen, sodass nur ein Bruchteil der entstandenen Windparks vollständig dem staatlichen Energieversorgungsunternehmen UTE gehört, obwohl die Energieversorgung in Uruguay bis dahin traditionell in öffentlicher Hand war. Um Verbraucher:innen zu schützen, darf dennoch weiterhin nur UTE Strom an Haushalte verkaufen. Die privaten Stromerzeuger erhalten dafür von UTE langfristige Abnahmegarantien zu festen Preisen.Heute werden Wasser, Wind, Sonne und Biomasse in Uruguay so effizient genutzt, dass nur noch etwa ein bis fünf Prozent der Elektrizität aus fossilen Quellen erzeugt werden müssen. „Uruguay hat gezeigt, dass dank des Zusammenspiels verschiedener erneuerbarer Energien ein stabiler Energiemix funktionieren kann, unabhängig von der Unbeständigkeit einzelner Energieformen. Insgesamt ist die Abhängigkeit vom Wetter durch den Ausbau der Erneuerbaren sogar gesunken“, sagte Méndez 2008 bei einem Vortrag.Gleichzeitig verdoppelte sich seit 2008 der insgesamt in Uruguay produzierte Strom. Das Land, das früher von Importen aus Argentinien und Brasilien abhängig war, ist so inzwischen selbst zum Nettoexporteur von Strom geworden. Die Kosten der Stromproduktion haben sich Méndez zufolge inzwischen mehr als halbiert.Trotz der Fortschritte mit den erneuerbaren Energien hat Uruguay kürzlich fossilen Konzernen gestattet, vor seiner Küste nach Erdöl zu suchen. Ramón Méndez hat damit nichts zu tun: Er ist inzwischen weltweit als Energieberater tätig. Seine Botschaft: „Erneuerbare Energien sind längst nicht mehr nur eine Antwort auf die Klimakrise. Sie ermöglichen den Aufbau eines starken, verlässlichen und robusten Energiesystems. Sie erlauben, Energiekosten deutlich zu senken, während sie die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen. Das kann und sollte jetzt geschehen.“ Méndez ist überzeugt: Die uruguayische Lösung kann wiederholt werden.Investitionen in Windkraft könnten eine Abkehr von fossilen Energien begünstigen Hierzulande sollen 2030 mindestens 80 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. Viele Expert:innen halten das Ziel nur bei einem beschleunigten Ausbau von Netzen und Speichern für erreichbar. Méndez zufolge kann sich Deutschland von Uruguay dabei einiges abschauen.Zwar haben wir weniger Wind, 80 Millionen mehr Einwohner und einen etwa 35 Mal so hohen Strombedarf. Dennoch könnten massive Investitionen in Windkraft und eine Abkehr von kurzfristigen Marktmechanismen zugunsten von langfristigen Abnahmeverträgen auch hier den Verbrauch fossiler Energieträger deutlich senken. Neben dem Kampf gegen den Klimawandel würde Deutschland so in Zeiten globaler Unsicherheit und immer mehr völkerrechtswidriger Kriege seine Abhängigkeit von fossilen Importen reduzieren.Doch Deutschland tut sich schwer. Für die aktuelle Bundesregierung scheint die Energiewende von untergeordneter Relevanz zu sein, fossile Subventionen bleiben bestehen, Gesetze der Ampelregierung werden nach den Interessen der Gaslobby umgebaut.Einen Grund für diese Schwierigkeiten fasste Uruguays Energiewende-Visionär RamónMéndez ungewollt selbst zusammen: „Um voranzukommen, braucht es eine starke Führung und politischen Willen. Dafür empfiehlt es sich in den meisten Fällen, eine breite politische Übereinkunft zu erzielen, die über die jeweils amtierende Regierung hinausgeht.“ Energiewende in Deutschland scheitert aufgrund von Ideologien Hier liegt das Problem: Den politischen Willen zur Energiewende findet man in der aktuellen Regierung wohl nur in homöopathischen Dosen. Und in der derzeitigen deutschen Parteienlandschaft ist ein breiter Konsens für einen verstärkten Ausbau der Erneuerbaren in etwa so wahrscheinlich wie ein Blitz, der einen Lottogewinner trifft.Es ist eine tragische Erkenntnis, dass die Energiewende hierzulande weniger an der Physik zu scheitern droht, an fehlenden Technologien oder am Geld – sondern an übermächtigen fossilen Lobbyinteressen, einer noch immer weitverbreiteten Ideologie, die Erneuerbare fälschlicherweise als unzuverlässig und teuer ablehnt, und letztendlich an der fehlenden Vision der politischen Klasse des Landes. Diese Probleme bekommt selbst der findigste Ingenieur nicht gelöst.



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