Es hätte ein typischer Berliner Kulturabend sein können: ein französischer Film, ein Gespräch danach, ein bisschen Weltpolitik zwischen rotem Plüsch und Popcorn.
Auf dem Spielplan des traditionsreichen Programmkinos Babylon in Berlin Mitte steht Ende März der Dokumentarfilm Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten. Drei Screenings, eingebettet zwischen einem griechischen Filmfestival, Charlie Chaplin mit Live-Orchester und einem 765-minütigen Herr-der-Ringe-Marathon. Anschließend ist ein Q&A mit Regisseur Christophe Cotteret geplant.
So weit, so harmlos – wäre da nicht die andere Gästin: Francesca Albanese. Die unabhängige UN-Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete kommt nicht nur im Film zu Wort, sondern soll es auch im Babylon in Berlin. Für viele ein Eklat.
Provokation bevorzugtes Stilmittel
Denn Albanese polarisiert: Für die einen ist sie eine Heldin der Menschenrechte, eine mutige Stimme für Palästina – eine Anwältin der Unterdrückten. Für die anderen eine Israelhasserin, Terror-Sympathisantin und „Bilderbuch“-Antisemitin. Und Albanese selbst trägt ihren Teil dazu bei: Provokation gehört zu ihren bevorzugten Stilmitteln. Fast durchgängig und zuweilen inflationär spricht die Italienerin in maximal aufgeladenen Begriffen: „Apartheid“, „Genozid“, „ethnische Säuberungen“– Albaneses Wortwahl bewegt sich zuverlässig in den oberen moralischen Dezibelbereichen.
Daher überrascht die Empörung wenig. Die Jüdische Allgemeine bezeichnete Albanese als „Sprachrohr der Hamas“. Israels Botschafter nannte den geplanten Auftritt einen „Skandal“. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft forderte das Babylon auf, seine Einladung „sehr genau zu überdenken“.
Das Babylon. Schon wieder. Das denkmalgeschützte Haus hat viel Erfahrung mit umstrittenen Gästen und scheint sich wohlzufühlen inmitten öffentlicher Kontroversen. Schon 2017 sorgte eine geplante Preisverleihung an den „gefallenen“ Journalisten Ken Jebsen für Streit, später trat dort der „Friedensforscher“ Daniele Ganser auf. Ein gemeinsamer Schnittpunkt: Verschwörungserzählungen mit antisemitischer Färbung.
Zur aktuellen Debatte – wie auch zu früheren Kontroversen – will sich das Babylon nicht öffentlich äußern. Stattdessen verweist das Kino auf Auszüge einer Meinungsumfrage zum Gazakrieg – gewissermaßen als indirekte Stellungnahme. Demnach wünschen sich viele Deutsche eine kritischere Haltung der Bundesregierung gegenüber Israels Gaza-Politik und eine Außenpolitik, die sich stärker am Völkerrecht orientiert. Die öffentliche Meinung sei also differenzierter, als es die mediale Empörung glaubhaft macht.
Von der Kunstfreiheit gedeckt
Der Druck richtet sich nicht nur gegen das Kino, sondern auch gegen die Politik. Das fällt in diesem Fall besonders leicht – schließlich wird das Babylon vom Berliner Senat mit über 540.000 Euro im Jahr gefördert. Die Organisation „Gegen jeden Antisemitismus“ forderte die Berliner Kulturverwaltung auf, die Veranstaltungen abzusagen.
Die reagiert wenig überraschend verhalten: Man sehe den Abenden „mit deutlicher Distanz“ entgegen, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel: Auch wenn solche Auftritte „schwer auszuhalten“ seien, seien sie von der Kunstfreiheit gedeckt. Eingreifen könne der Senat nur bei „klar verfassungsfeindlichen Veranstaltungen“. Fördern, sich distanzieren – und gleichzeitig betonen, nichts entscheiden zu können. Berlin beherrscht diese Übung ziemlich gut.
Gerade erst hat die Berlinale wieder vorgeführt, wie schnell der rote Teppich zur politischen Falltür werden kann. Nachdem in einer Dankesrede vom „Völkermord in Gaza“ gesprochen worden war, wurden Rücktrittsforderungen gegenüber Festivaldirektorin Tricia Tuttle laut. Sie bleibt zwar im Amt, aber im nächsten Jahr gibt es einen Verhaltenskodex.
Der Titel des geplanten Abends im Babylon wirkt daher unfreiwillig bezeichnend: „80 Jahre UNO – zwischen moralischem Anspruch und politischer Ohnmacht“. Gemeint sind eigentlich die Vereinten Nationen. Doch er beschreibt ziemlich genau den Zustand der deutschen Debatte. Moralische Gewissheiten gibt es reichlich – Erinnerungskultur, Staatsräson, historische Verantwortung. Doch sobald es darum geht, ihre politische Bedeutung öffentlich auszuhandeln, verstummt die Debatte – oder sie entgleist in eine Empörungsspirale und entfernt sich vom eigentlichen Problem.
Einseitigkeit
Ein Beispiel lieferte kürzlich ein viral gegangenes Video, in dem Francesca Albanese Israel als „gemeinsamen Feind der Menschheit“ bezeichnete: Der Aufschrei folgte prompt: Mehrere europäische Außenminister überboten sich in lautstarken Rücktrittsforderungen, Wadephul nannte sie „unhaltbar“. Das Problem: Albanese hatte den Satz so nie gesagt. Das Video war fake, verzerrt zusammengeschnitten – ein Detail, das man mit etwas Aufmerksamkeit selbst hätte bemerken können.
Dabei ist Kritik an Albanese weder selten noch unbegründet. Ein Teil richtet sich gegen ihre scharfe Verurteilung der israelischen Kriegsführung, ihr antikoloniales Geschichtsbild und ihr pro-palästinensisches Engagement. Kritiker werfen ihr daher regelmäßig Einseitigkeit vor. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Albanese Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete ist. Ihr Mandat besteht nicht darin, diplomatische Balance zu halten, sondern Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten zu dokumentieren und öffentlich anzuprangern. Dass diese Kritik politisch unbequem ist, macht sie nicht automatisch illegitim.
Allerdings findet man bei Albanese auch Rhetorik einer anderen Sorte. Wer von einer „jüdischen Lobby“ spricht oder Netanyahu mit Hitler vergleicht, begibt sich in andere Gewässer. Hier endet legitime Kritik und beginnen historische Kurzschlüsse und alte antisemitische Tropen.
Vertrautes Muster
Der Streit um Albanese ist aber längst mehr als eine Personaldebatte. Er folgt einem inzwischen vertrauten Muster in der deutschen Auseinandersetzung mit Israel. Aus einer geplanten Kulturveranstaltung wird binnen Stunden eine Frage der Staatsräson. Der Antisemitismusvorwurf steht dabei ständig im Raum. Er kann notwendige Grenzziehung sein, aber auch zum Absagen-Joker werden.
Denn: Das Drehbuch im Fall Albanese ist nicht neu. Pro-palästinensische Solidaritätsbekundungen geraten in Deutschland schnell unter politischen und medialen Druck – meist mit dem Ziel, sie zu verhindern. Ob einzelne Entscheidungen jeweils berechtigt sind, ist eine andere Frage. Auffällig ist das Muster.
Manchmal reicht der politische Druck aus, damit Veranstalter selbst einknicken – etwa als bei Jan Böhmermanns Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt ein geplanter Auftritt des Rappers Chefket aus dem Programm verschwand. Schuld war ein Palästina-Trikot auf Social Media, zu viel für Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. In anderen Fällen greift die Politik noch direkter ein und entzieht Fördermittel, wie beim Neuköllner Kulturzentrum Oyoun, das Veranstaltungen mit BDS-nahen Gruppen organisiert hatte.
Erst verbieten, dann prüfen
Im Zusammenhang mit dem dreitägigen Palästina-Kongress 2024 verhängten Behörden reihenweise Einreiseverbote gegen Gastredner, darunter den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Der Kongress selbst kam nicht einmal bis zur ersten Kaffeepause: Zwei Stunden nach der Eröffnung drang die Polizei in das Gebäude ein und löste die Veranstaltung auf – Auslöser war eine unerlaubte Live-Zuschaltung eines Aktivisten.
Diese Methode des „Faktenschaffens“ – erst verbieten, dann prüfen – lässt sich auch bei pro-palästinensischen Demonstrationen beobachten. Politisch effektiv, aber in einer Demokratie problematisch. Später stellten Gerichte fest: Der Abbruch des Palästina-Kongresses war rechtswidrig, genau wie Einreise- und Betätigungsverbote und mehrere Demonstrationsverbote.
Der Rechtsstaat funktioniert also – nur oft zu spät. Die Judikative korrigiert zwar, doch die Exekutive hat bereits Fakten geschaffen und Grundrechte eingeschränkt. Ein Urteil stellt kein Gespräch wieder her, das längst verhindert wurde.
Droht das nun auch dem Babylon? Es wäre nicht das erste Mal. Schon vor einem Jahr wurden in Berlin zwei Veranstaltungen mit Francesca Albanese auf öffentlichen Druck abgesagt.
Antisemitismus konsequent bekämpfen, ohne den Diskurs zu verengen
Dabei könnte die Veranstaltung eine doppelte Chance für die Bundesrepublik sein: Sie zwingt Deutschland, gleich zwei unbequeme Herausforderungen zu lösen: Antisemitismus konsequent bekämpfen – und zugleich den Diskurs nicht so zu verengen, dass am Ende nur noch abgesagt wird.
In der biblischen Babel-Erzählung führt die babylonische Sprachverwirrung dazu, dass ein großes Projekt scheitert. Jeder spricht – aber niemand versteht den anderen. In der deutschen Gaza-Debatte scheint ein ähnlicher Effekt eingetreten zu sein: Antisemitismus, Staatsräson, Kunstfreiheit werden jeweils so ausgelegt, dass sie der eigenen Seite nützlich sind. Dass ausgerechnet ein Kino namens Babylon zur Bühne dieser Debatte wird, hat jedenfalls eine gewisse Ironie.
So weit, so harmlos – wäre da nicht die andere Gästin: Francesca Albanese. Die unabhängige UN-Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete kommt nicht nur im Film zu Wort, sondern soll es auch im Babylon in Berlin. Für viele ein Eklat.Provokation bevorzugtes StilmittelDenn Albanese polarisiert: Für die einen ist sie eine Heldin der Menschenrechte, eine mutige Stimme für Palästina – eine Anwältin der Unterdrückten. Für die anderen eine Israelhasserin, Terror-Sympathisantin und „Bilderbuch“-Antisemitin. Und Albanese selbst trägt ihren Teil dazu bei: Provokation gehört zu ihren bevorzugten Stilmitteln. Fast durchgängig und zuweilen inflationär spricht die Italienerin in maximal aufgeladenen Begriffen: „Apartheid“, „Genozid“, „ethnische Säuberungen“– Albaneses Wortwahl bewegt sich zuverlässig in den oberen moralischen Dezibelbereichen.Daher überrascht die Empörung wenig. Die Jüdische Allgemeine bezeichnete Albanese als „Sprachrohr der Hamas“. Israels Botschafter nannte den geplanten Auftritt einen „Skandal“. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft forderte das Babylon auf, seine Einladung „sehr genau zu überdenken“.Das Babylon. Schon wieder. Das denkmalgeschützte Haus hat viel Erfahrung mit umstrittenen Gästen und scheint sich wohlzufühlen inmitten öffentlicher Kontroversen. Schon 2017 sorgte eine geplante Preisverleihung an den „gefallenen“ Journalisten Ken Jebsen für Streit, später trat dort der „Friedensforscher“ Daniele Ganser auf. Ein gemeinsamer Schnittpunkt: Verschwörungserzählungen mit antisemitischer Färbung.Zur aktuellen Debatte – wie auch zu früheren Kontroversen – will sich das Babylon nicht öffentlich äußern. Stattdessen verweist das Kino auf Auszüge einer Meinungsumfrage zum Gazakrieg – gewissermaßen als indirekte Stellungnahme. Demnach wünschen sich viele Deutsche eine kritischere Haltung der Bundesregierung gegenüber Israels Gaza-Politik und eine Außenpolitik, die sich stärker am Völkerrecht orientiert. Die öffentliche Meinung sei also differenzierter, als es die mediale Empörung glaubhaft macht.Von der Kunstfreiheit gedecktDer Druck richtet sich nicht nur gegen das Kino, sondern auch gegen die Politik. Das fällt in diesem Fall besonders leicht – schließlich wird das Babylon vom Berliner Senat mit über 540.000 Euro im Jahr gefördert. Die Organisation „Gegen jeden Antisemitismus“ forderte die Berliner Kulturverwaltung auf, die Veranstaltungen abzusagen.Die reagiert wenig überraschend verhalten: Man sehe den Abenden „mit deutlicher Distanz“ entgegen, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel: Auch wenn solche Auftritte „schwer auszuhalten“ seien, seien sie von der Kunstfreiheit gedeckt. Eingreifen könne der Senat nur bei „klar verfassungsfeindlichen Veranstaltungen“. Fördern, sich distanzieren – und gleichzeitig betonen, nichts entscheiden zu können. Berlin beherrscht diese Übung ziemlich gut.Gerade erst hat die Berlinale wieder vorgeführt, wie schnell der rote Teppich zur politischen Falltür werden kann. Nachdem in einer Dankesrede vom „Völkermord in Gaza“ gesprochen worden war, wurden Rücktrittsforderungen gegenüber Festivaldirektorin Tricia Tuttle laut. Sie bleibt zwar im Amt, aber im nächsten Jahr gibt es einen Verhaltenskodex.Der Titel des geplanten Abends im Babylon wirkt daher unfreiwillig bezeichnend: „80 Jahre UNO – zwischen moralischem Anspruch und politischer Ohnmacht“. Gemeint sind eigentlich die Vereinten Nationen. Doch er beschreibt ziemlich genau den Zustand der deutschen Debatte. Moralische Gewissheiten gibt es reichlich – Erinnerungskultur, Staatsräson, historische Verantwortung. Doch sobald es darum geht, ihre politische Bedeutung öffentlich auszuhandeln, verstummt die Debatte – oder sie entgleist in eine Empörungsspirale und entfernt sich vom eigentlichen Problem.EinseitigkeitEin Beispiel lieferte kürzlich ein viral gegangenes Video, in dem Francesca Albanese Israel als „gemeinsamen Feind der Menschheit“ bezeichnete: Der Aufschrei folgte prompt: Mehrere europäische Außenminister überboten sich in lautstarken Rücktrittsforderungen, Wadephul nannte sie „unhaltbar“. Das Problem: Albanese hatte den Satz so nie gesagt. Das Video war fake, verzerrt zusammengeschnitten – ein Detail, das man mit etwas Aufmerksamkeit selbst hätte bemerken können.Dabei ist Kritik an Albanese weder selten noch unbegründet. Ein Teil richtet sich gegen ihre scharfe Verurteilung der israelischen Kriegsführung, ihr antikoloniales Geschichtsbild und ihr pro-palästinensisches Engagement. Kritiker werfen ihr daher regelmäßig Einseitigkeit vor. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Albanese Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete ist. Ihr Mandat besteht nicht darin, diplomatische Balance zu halten, sondern Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten zu dokumentieren und öffentlich anzuprangern. Dass diese Kritik politisch unbequem ist, macht sie nicht automatisch illegitim.Allerdings findet man bei Albanese auch Rhetorik einer anderen Sorte. Wer von einer „jüdischen Lobby“ spricht oder Netanyahu mit Hitler vergleicht, begibt sich in andere Gewässer. Hier endet legitime Kritik und beginnen historische Kurzschlüsse und alte antisemitische Tropen.Vertrautes MusterDer Streit um Albanese ist aber längst mehr als eine Personaldebatte. Er folgt einem inzwischen vertrauten Muster in der deutschen Auseinandersetzung mit Israel. Aus einer geplanten Kulturveranstaltung wird binnen Stunden eine Frage der Staatsräson. Der Antisemitismusvorwurf steht dabei ständig im Raum. Er kann notwendige Grenzziehung sein, aber auch zum Absagen-Joker werden.Denn: Das Drehbuch im Fall Albanese ist nicht neu. Pro-palästinensische Solidaritätsbekundungen geraten in Deutschland schnell unter politischen und medialen Druck – meist mit dem Ziel, sie zu verhindern. Ob einzelne Entscheidungen jeweils berechtigt sind, ist eine andere Frage. Auffällig ist das Muster.Manchmal reicht der politische Druck aus, damit Veranstalter selbst einknicken – etwa als bei Jan Böhmermanns Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt ein geplanter Auftritt des Rappers Chefket aus dem Programm verschwand. Schuld war ein Palästina-Trikot auf Social Media, zu viel für Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. In anderen Fällen greift die Politik noch direkter ein und entzieht Fördermittel, wie beim Neuköllner Kulturzentrum Oyoun, das Veranstaltungen mit BDS-nahen Gruppen organisiert hatte.Erst verbieten, dann prüfenIm Zusammenhang mit dem dreitägigen Palästina-Kongress 2024 verhängten Behörden reihenweise Einreiseverbote gegen Gastredner, darunter den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Der Kongress selbst kam nicht einmal bis zur ersten Kaffeepause: Zwei Stunden nach der Eröffnung drang die Polizei in das Gebäude ein und löste die Veranstaltung auf – Auslöser war eine unerlaubte Live-Zuschaltung eines Aktivisten.Diese Methode des „Faktenschaffens“ – erst verbieten, dann prüfen – lässt sich auch bei pro-palästinensischen Demonstrationen beobachten. Politisch effektiv, aber in einer Demokratie problematisch. Später stellten Gerichte fest: Der Abbruch des Palästina-Kongresses war rechtswidrig, genau wie Einreise- und Betätigungsverbote und mehrere Demonstrationsverbote.Der Rechtsstaat funktioniert also – nur oft zu spät. Die Judikative korrigiert zwar, doch die Exekutive hat bereits Fakten geschaffen und Grundrechte eingeschränkt. Ein Urteil stellt kein Gespräch wieder her, das längst verhindert wurde.Droht das nun auch dem Babylon? Es wäre nicht das erste Mal. Schon vor einem Jahr wurden in Berlin zwei Veranstaltungen mit Francesca Albanese auf öffentlichen Druck abgesagt.Antisemitismus konsequent bekämpfen, ohne den Diskurs zu verengenDabei könnte die Veranstaltung eine doppelte Chance für die Bundesrepublik sein: Sie zwingt Deutschland, gleich zwei unbequeme Herausforderungen zu lösen: Antisemitismus konsequent bekämpfen – und zugleich den Diskurs nicht so zu verengen, dass am Ende nur noch abgesagt wird.In der biblischen Babel-Erzählung führt die babylonische Sprachverwirrung dazu, dass ein großes Projekt scheitert. Jeder spricht – aber niemand versteht den anderen. In der deutschen Gaza-Debatte scheint ein ähnlicher Effekt eingetreten zu sein: Antisemitismus, Staatsräson, Kunstfreiheit werden jeweils so ausgelegt, dass sie der eigenen Seite nützlich sind. Dass ausgerechnet ein Kino namens Babylon zur Bühne dieser Debatte wird, hat jedenfalls eine gewisse Ironie.