Nur wenige haben das moderne wissenschaftliche Verständnis so tiefgreifend geprägt wie Sir Isaac Newton.

Viele kennen die Geschichte vom fallenden Apfel. Davon inspiriert, erforschte Newton jene Kraft, die wir heute Schwerkraft nennen. Wie er später in seiner wegweisenden wissenschaftlichen Abhandlung „Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie“ schlussfolgerte, ist es dieselbe Kraft, die eine Frucht zu Boden zieht, die auch die Planeten auf ihrer Umlaufbahn hält.

Zweifellos verfügte Newton über eine scharfe Beobachtungsgabe und eine unersättliche Neugier. Dies ermöglichte es ihm, einige der einflussreichsten mathematischen und wissenschaftlichen Entdeckungen der Weltgeschichte zu machen. Der Wissenschaftler verfertigte umfangreiche Notizen und Schriften, doch viele davon erschienen erst mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod. Diese offenbaren jedoch eine noch tiefergehende Motivation.

Newton schrieb mehr – wohl bedeutend mehr – über Theologie als über wissenschaftliche Phänomene. Laut denjenigen, die mit der Gesamtheit seiner Schriften am besten vertraut sind, betrachtete er beides nicht als unterschiedliche Bestrebungen, sondern als eine einheitliche Suche nach der Kartierung der göttlichen Ordnung des Universums.

Obwohl Newton zu Recht für seine zahlreichen erstaunlichen wissenschaftlichen Beiträge berühmt ist, war er auch – auch wenn das weniger bekannt ist – ein gläubiger Christ, ein engagierter Gelehrter der Heiligen Schrift und einer der herausragendsten Theologen seiner Zeit.

Während seine öffentlichen wissenschaftlichen Werke vor den Augen der Welt erblühten, waren es seine privaten religiösen Studien, die als unsichtbare Wurzeln diese Blüten nährten.

Imaginäres Porträt von Sir Isaac Newton als Kind, wie er wahrscheinlich im Alter von zwölf Jahren (etwa um 1655) ausgesehen haben könnte.

Ein gläubiger Christ

Aufgrund seiner nachgewiesenen mathematischen Brillanz wurde Newton 1669 im Alter von 26 Jahren auf den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik an der Universität Cambridge berufen. Zu dieser Zeit waren alle Professoren in Cambridge verpflichtet, die Weihen der Kirche von England zu empfangen, doch Newton zögerte dies zunächst hinaus und weigerte sich letztlich, den Eid abzulegen.

Diese Verweigerung entsprang jedoch nicht einem Mangel an Glauben oder einer Ablehnung der Bibel, sondern genau dem Gegenteil – er glaubte, dass die Kirche bestimmte Fehlinterpretationen der Bibel übernommen habe, zu denen er sich nicht guten Gewissens bekennen konnte. Newton beherrschte sowohl Latein als auch Griechisch, und es waren seine ausgiebigen Studien der Originalschriften, die ihn dazu führten, bestimmte Dogmen der Kirche abzulehnen, insbesondere jene, die die Dreifaltigkeit betrafen.

Obwohl er sich nicht öffentlich zu seinen Meinungsverschiedenheiten mit der kirchlichen Lehre äußerte, aus Angst, kontroverse theologische Argumente könnten seine wissenschaftliche Forschung behindern oder untergraben, stellte seine Weigerung, die Weihen zu empfangen, eine ernsthafte Bedrohung für seine frühe Karriere dar.

Glücklicherweise setzten sich einige seiner Lehrerkollegen beim König für ihn ein, und ihm wurde schließlich eine Sondergenehmigung erteilt, die ihn von der Eidespflicht befreite und es ihm ermöglichte, seine Position in Cambridge zu behalten. Etwa zu dieser Zeit begann Newton, seine theologischen Forschungen in Notizbüchern festzuhalten. Dies war keine vorübergehende Laune des großen Wissenschaftlers: Zeit seines Lebens schrieb und überarbeitete er seine umfangreichen theologischen Notizen und biblischen Interpretationen.

März 2012, Cambridge, England – Eine Statue von Isaac Newton im Trinity College der University of Cambridge. Die 1209 gegründete Cambridge University zählt zu den Top 5 Elite-Unis der Welt. Hier studieren mehr als 22.000 Studenten an 31 unabhängigen Colleges in der ganzen Stadt.

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Viele seiner Zeitgenossen wussten von seiner privaten Arbeit und betrachteten ihn als Autorität auf dem Gebiet der biblischen Theologie. Newton korrespondierte ausführlich über Fragen der Bibelauslegung mit bedeutenden Denkern und Gelehrten.

Darunter befanden sich auch der Philosoph John Locke und der einflussreiche Theologe John Mill. Einmal äußerte sich sogar der Erzbischof von Canterbury, der oberste Bischof der Kirche von England dazu. Er sagte, dass Newton mehr über die Bibel wisse als jedes Mitglied des Klerus.

Eine göttliche Ordnung

Newton hat den Großteil seiner theologischen Schriften nie veröffentlicht. Doch auch was er zu Lebzeiten publizierte, ließ kaum Zweifel an seinem Glauben. Dieser drehte sich um ein intelligentes Design des Universums durch einen göttlichen Schöpfer.

Newton mied das Thema Theologie in seinem berühmtesten wissenschaftlichen Werk, den „Mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie“ fast vollständig. In der zweiten Auflage des Werkes im Jahr 1713 fügte er jedoch einen Nachtrag hinzu. Dieser ist als „General Scholium“ bekannt geworden. Darin widmet Newton etwa die Hälfte seiner theologischen Vorstellung dem Universum.

„Der höchste Gott ist ein ewiges, unendliches, absolut vollkommenes Wesen“, schrieb er. „Und aus seiner wahren Herrschaft folgt, dass der wahre Gott ein lebendiges, intelligentes und mächtiges Wesen ist. … Er ist nicht die Ewigkeit und Unendlichkeit, sondern ewig und unendlich; er ist nicht die Dauer oder der Raum, sondern er dauert an und ist gegenwärtig… indem er immer und überall existiert, konstituiert er Dauer und Raum.“

Schon zu seinen Lebzeiten war Newtons Glaube an eine göttliche Ordnung und einen höchsten Schöpfer wohlbekannt. Was jedoch nicht bekannt war, ist das enorme Ausmaß seiner Bibelforschung und Schriften. Seine unveröffentlichten Schriften umfassen mehr als 6 Millionen Wörter. Etwa ein Drittel davon ist dem Bibelstudium und der Theologie gewidmet.

Nach Newtons Tod im Jahr 1727 wurden Tausende Seiten an Notizen und unveröffentlichten Schriften von nahen Verwandten übernommen. Aus Sorge, die Aufzeichnungen könnten die Kirche beleidigen und seinen wissenschaftlichen Ruf schädigen, hielten die Verwandten diese unter Verschluss. Infolgedessen blieb der Großteil seiner Schriften fast 150 Jahre lang der Öffentlichkeit verborgen.

Im Jahr 1872 wurde ein großer Teil Newtons wissenschaftlicher und mathematischer Schriften der Universität Cambridge gespendet. Diese katalogisierte sie und machte sie den Gelehrten zugänglich. Der Rest der Schriften jedoch, einschließlich derer über Theologie und Bibelwissenschaft, blieb in Privatbesitz. Erst 1936 wurden sie bei Sotheby’s zur Auktion gestellt.

Die Auktion wurde nicht weitläufig bekannt gegeben und im Allgemeinen von anderen Auktionen überschattet, die zur gleichen Zeit stattfanden. Infolgedessen verstreuten sich die Papiere an verschiedene Sammler und Händler auf der ganzen Welt. Kurz nach der Auktion machten sich jedoch zwei Männer daran, verschiedene Teile von Newtons verschollenen Schriften zu erwerben.

Die Rettung der verschollenen Schriften

Einer dieser Männer war der prominente Ökonom und Mathematiker John Maynard Keynes. Dieser konzentrierte sich primär auf den Erwerb von Newtons Notizen zum Thema Alchemie. Davon gab es ziemlich viele. Der Begriff Alchemie bedeutet für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge. Manche bringen ihn mit okkulter Magie in Verbindung. Andere sehen darin einen großen Einfluss auf die Entwicklung der modernen Chemie. Es herrschte keine Einigkeit unter Keynes und den anderen, die Newtons verschollene Schriften zur Alchemie studierten. Es gab einfach keine klare Einigkeit darüber, was Newton untersuchte oder warum.

Ein weiterer Mann erwarb viele von Newtons verschollene Schriften: der jüdische Gelehrte und Linguist Abraham Yahuda. Sein Schwerpunkt lag auf dem Erwerb von Newtons theologischen Schriften.

Yahuda war ein rabbinischer Philologe. Er lehrte und hielt Vorträge in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts an zahlreichen bedeutenden Universitäten Europas und der ganzen Welt. Er war zudem  auch Sammler seltener Manuskripte.

Obwohl er ein versierter Linguist war, der die frühen Schriften vieler Kulturen untersuchte, war sein Hauptforschungsgebiet die Philologie der Tora. Er erkannte in Newton jemanden, der ebenfalls ein tiefes Interesse an der korrekten Interpretation der Symbolsprache des Alten Testaments hatte.

Bis Ende der 1930er-Jahre hatte Yahuda Tausende Seiten von Newtons Manuskripten erworben. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verließ er London in Richtung USA. Anfang 1940 half ihm ein Bekannter, die Reise für ihn und seine Frau nach New York zu arrangieren. Es war sein Gelehrtenkollege Albert Einstein.

Später in jenem Sommer trafen sich die beiden Männer in Einsteins Sommerdomizil in den Adirondacks. Offensichtlich diskutierten sie über Newtons verschollene Schriften, die Yahuda erworben hatte. Einstein schrieb ihm später in jenem Jahr zu diesem Thema:

„Newtons Schriften über biblische Themen erscheinen mir besonders interessant, weil sie einen tiefen Einblick in die charakteristischen geistigen Merkmale und Arbeitsmethoden dieses bedeutenden Mannes gewähren. Der göttliche Ursprung der Bibel ist für Newton absolut sicher, eine Überzeugung, die in merkwürdigem Kontrast zu der kritischen Skepsis steht, die seine Haltung gegenüber den Kirchen charakterisiert.“

In seinem Brief bedauert Einstein auch die Tatsache, dass die meisten Vorarbeiten zu Newtons physikalischen Schriften verloren gingen oder zerstört wurden, aber er war überzeugt, dass die theologischen Werke wertvolle Einblicke in Newtons Denken und Methoden liefern könnten.

Zumindest, so schlussfolgerte er, „haben wir diesen Teil seiner Arbeiten über die Bibelentwürfe und deren wiederholte Modifikation; diese meist unveröffentlichten Schriften erlauben daher einen höchst interessanten Einblick in die Gedankenwelt dieses einzigartigen Denkers.“

Obwohl Yahuda seine Sammlung von Newton-Schriften nie veröffentlichte oder verkaufte, schrieb er über sie. Er war einer der ersten Gelehrten, der die Bedeutung von Newtons Theologie für sein Gesamtwerk verstand und festhielt.

Nach seinem Tod im Jahr 1952 spendete seine Frau die Papiere der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dort wurden sie zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

In den darauffolgenden Jahrzehnten begannen viele Gelehrte und Autoren, Newtons theologische Schriften zu studieren und veröffentlichten Abhandlungen darüber. Dies erweiterte letztlich die Perspektive auf das Denken eines der einflussreichsten Wissenschaftler der Welt.

Um die Jahrhundertwende und in den Jahren seither haben sich mehrere Organisationen, darunter The Newton Project, daran gemacht, die verschollenen theologischen Schriften von Isaac Newton zu katalogisieren und zu veröffentlichen, von denen viele nun der breiten Öffentlichkeit zugänglich und leicht online abrufbar sind.

24. November 2009, Royal Society, London – Eine Signatur von Isaac Newton in einem seiner Bücher neben einer Statue des britischen Universalgelehrten.

Foto: Peter Macdiarmid/Getty Images

Newtons Suche nach Gottes göttlichem Plan

Die 1687 in Latein veröffentlichten „Mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie“, in denen Newton die Gesetze der Bewegung und der universellen Gravitation formulierte, sind vielleicht die einflussreichste wissenschaftliche Abhandlung, die jemals verfasst wurde – nicht nur wegen ihrer Erkenntnisse über die klassische Mechanik und das Funktionieren der physischen Welt, sondern auch wegen ihres Fortschritts in den wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden.

Newton leistete bedeutende Beiträge in vielen Bereichen der Wissenschaft, einschließlich Mathematik, Optik und Physik. Seine Studien über Prismen und das Lichtspektrum führten ihn dazu, das erste Spiegelteleskop zu entwerfen und zu bauen, und er unternahm auch die ersten Versuche, die Schallgeschwindigkeit zu berechnen. Als Mathematiker war er der erste, der die Prinzipien der modernen Differential- und Integralrechnung entwickelte und anwandte, und er war ein Pionier in zahlreichen Bereichen mathematischer Theorien und Berechnungen.

Während sein Einfluss auf die Wissenschaftsgeschichte wohlbekannt und unbestreitbar ist, ist seine Bedeutung als Theologe erst in jüngerer Zeit mit der Veröffentlichung seiner verschollenen Schriften voll ans Licht gekommen.

Es besteht kein Zweifel, dass Newton ein Mann von tiefem Glauben war und dass dieser Glaube seine wissenschaftliche Forschung inspirierte und prägte. Wie er im General Scholium schrieb:

„Dieses wunderschöne System aus Sonne, Planeten und Kometen konnte nur aus dem Rat und der Herrschaft eines intelligenten und mächtigen Wesens hervorgehen.“

Während Gelehrte seine verschollenen Schriften weiter untersuchen, könnten vielleicht noch weitere Einblicke in Newtons Vorstellung vom Universum offenbart werden.

Isaac Newtons „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ in der „John Rylands Library“ in Manchester, England.



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