Lässt sich von ökologischer Transformation reden, ohne dass auch Fragen von Besitz, Vermögen und Macht berücksichtigt werden? Für den Soziologen Hartmut Rosa, Ko-Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Strukturwandel des Eigentums“ der Universitäten Jena und Erfurt, lautet die Antwort eindeutig: Nein. Anlässlich einer Tagung sprach der Freitag mit dem Professor über Blockaden durch Superreiche, Probleme mangelnder Fürsorge und die Möglichkeiten, die kommunales Eigentum eröffnen kann.
der Freitag: Herr Rosa, viele Debatten drehen sich beim Klimaschutz um Fragen von Technologie oder individuellem Verzicht. Sie sprechen davon, dass Eigentumsverhältnisse zentral sind. Warum?
Hartmut Rosa: Eigentum ist eine Basisinstitution moderner Gesellschaften. Gleichzeitig gibt es vergleichsweise wenig Debatten darüber. Eine sozialökologische Transformation – und die brauchen wir – ist jedoch nur möglich, wenn wir das Eigentum in den Blick nehmen: nicht nur Vermögen im Sinne von „Wer besitzt wie viel?“, sondern grundlegendere Fragen. Etwa, woran überhaupt Eigentum bestehen kann: Sollte man den Mond besitzen – oder Grönland?
Welche Eigentumsverhältnisse stehen einer sozialökologischen Transformation im Wege?
Es handelt sich um eine äußerst kleine Gruppe – etwa Milliardäre oder sehr große Vermögensbesitzer, weniger als ein Prozent der Bevölkerung –, deren ökologischer Fußabdruck enorm ist. Zugleich hat diese Gruppe einen massiven Einfluss darauf, was überhaupt produziert wird und wie. Wir können längst sehen, dass diese Entscheidungen oft in einer Weise getroffen werden, die ökologisch nicht sinnvoll ist. Wenn dann noch die sozialen Kosten der ökologischen Transformation den „kleinen Leuten“ aufgebürdet werden, während die Gewinne beim reichsten einen Prozent verbleiben, scheitert Wandel. Diese hoch konzentrierten und privatisierten Strukturen stehen einer Transformation im Wege.
Dieser Konflikt scheint sich auch in der deutschen Autoindustrie abzuspielen.
Gerade in der deutschen Automobilindustrie zeigt sich, dass nicht langfristig gedacht wird. Wenn etwa gegen das Aus des Verbrennungsmotors gekämpft wird, geht es vor allem um den kurzfristigen Erhalt von Profiten und Arbeitsplätzen. Das geschieht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Kosten nicht nur der langfristigen ökologischen Stabilität, sondern auch der langfristigen ökonomischen Perspektiven der Branche selbst.
Was steckt dahinter?
Wir können eine Entkopplung beobachten von Eigentum im Sinne abstrakter Vermögenswerte, die man bewerten, handeln und akkumulieren kann – und Eigentum an materiellen Gütern. Interessieren mich noch einzelne Unternehmen, wenn ich Aktien besitze? Konkretes Eigentum an Sachdingen verliert insgesamt an Bedeutung. Vieles wird heute nicht mehr besessen, sondern nur noch genutzt. Musik wird gestreamt. Car-Leasing wird immer verbreiteter.
Entscheidend ist der Zugang, nicht der Besitz. Diese Entwicklung gilt auch auf der Produktionsseite. Plattform-Unternehmen wie Uber verfügen kaum über klassische Produktionsmittel. Betriebe und Wohnungen werden so oft verkauft, dass manche nicht mehr wissen, wem sie gehören. Alles wird unübersichtlicher. Das bedeutet aber nicht, dass Eigentum im Sinne von Geld an Bedeutung verliert – im Gegenteil. Gerade die Entkopplung von Vermögenslogiken und materiellen Gütern ist ökologisch problematisch. Entfremdung tritt ein, Verantwortung und Sorge treten in den Hintergrund.
Ein Versuch der Zusammenführung ist der Ansatz mancher Kommunen, selbst Windräder aufzustellen und Anwohner*innen an den Einnahmen zu beteiligen. Kann dies Akzeptanz fördern?
Das ist auf jeden Fall ein sinnvoller Ansatz. Man sieht dabei auch kulturelle Effekte. In dem Moment, in dem Energieerzeugung wieder kommunal organisiert wird, etwa über Stadtwerke oder Energiegenossenschaften, steigt fast automatisch auch das Interesse daran, wie Energie produziert wird. Gerade im Energiesektor gibt es ohnehin eine starke Tendenz zur Dezentralisierung, was zum Konflikt mit großen Energieunternehmen führt. In diesem Spannungsfeld zeigt sich, dass viele Gemeinden – so umstritten Windräder auch sind – positive Erfahrungen machen, wenn sie selbst Windkraftanlagen errichten.
Würden Menschen unter Bedingungen von gemeinwohlorientiertem oder kommunalem Eigentum besser entscheiden?
Das kann man nicht prinzipiell sagen. Was sich aber feststellen lässt: Die Bedingungen, unter denen Entscheidungen getroffen werden, werden demokratischer und politischer. Vielfältigere Perspektiven fließen ein. Letztlich ist klar, dass Dezentralisierung und Selbstverwaltung zwar wichtig sind, aber an Grenzen stoßen. In einer beschleunigten Gesellschaft wie dieser haben viele Menschen weder Zeit noch Lust, sich permanent mit Wasserwerken, Energieversorgung oder Abfallwirtschaft zu beschäftigen. Deshalb braucht es effiziente Formen bürgerschaftlichen Eigentums: demokratisch kontrolliert, aber ohne dabei mit andauernden Entscheidungen zu überfordern.
In den vergangenen Jahren gab es auch Debatten über die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. Was zeigt sich darin?
Die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien ist spätestens in der Corona-Krise wieder auf die Tagesordnung gekommen – etwa wegen der Abhängigkeiten von China, aber auch im Zusammenhang mit Gas- und Ölimporten aus Russland. Das markiert eine deutliche Abkehr vom neoliberalen Paradigma. Was zählt: Langfristig braucht es demokratische Kontrolle über Schlüsselindustrien, Infrastrukturen und Institutionen der Daseinsvorsorge.
Bereiche wie Wasser-, Energie- oder Abfallversorgung können nicht einfach privat organisiert werden. Idealerweise wäre dies verbunden mit bürgerschaftlicher Selbstverwaltung. Entscheidend ist, dass dabei ein Sinn für Sorge entsteht: Es geht darum, was mit Orten und Ressourcen passiert, wenn man über sie verfügt.
Ein weiterer diskutierter Ansatz der Tagung: die Natur zum Rechtssubjekt machen. Inwiefern würde das helfen?
Wir diskutieren tatsächlich sehr intensiv, die Natur als Rechtssubjekt zu begreifen. Das ist keine rein theoretische Idee: In Neuseeland, Ecuador und anderen Ländern gibt es bereits Ansätze, bei denen etwa ein Fluss oder ein Wald als eigenständiges Subjekt anerkannt wird. Auch in vielen indigenen Lebensformen wird davon ausgegangen, dass ein Fluss eine eigene, lebendige Entität ist.
Politisch ist das allerdings nicht einfach zu übersetzen, denn ein Fluss kann seine Interessen nicht selbst formulieren und seine Rechte auch nicht einklagen. Es braucht also immer Akteure, die stellvertretend für einen Fluss oder einen Wald handeln. Trotzdem macht diese Debatte sehr deutlich, dass sich dadurch die Art und Weise verändert, wie wir über Natur, über Dinge und letztlich auch über Eigentum nachdenken.
Davon scheint die Bundesregierung weit entfernt zu sein, oder?
In der aktuellen Politik ist ein Rollback eindeutig beobachtbar – und er ist kein rein deutsches Phänomen. Dahinter vermute ich ein tiefes Panikgefühl: Angesichts weltpolitischer Krisen, ökonomischer Instabilität und auch der Bedrohung der Demokratie setzen Regierungen, Unternehmen und auch viele Privatpersonen verstärkt auf maximale Eigentums- und Vermögensakkumulation, um für bevorstehende Krisenzeiten vermeintlich gewappnet zu sein.
Was stimmt Sie hoffnungsvoll?
Gerade im Bereich der „Sharing Economy“, der Ökonomie des Teilens, passiert viel. Man denke etwa an kollektiv genutzte Gärten in Städten oder öffentliche Bücherschränke. Hier zeigen sich neue Bezüge zu den Dingen, ein anderer Umgang mit Ressourcen und andere soziale Beziehungen. In dem Moment, in dem Eigentumsverhältnisse in Bewegung kommen, können sie sich auch immer neu und besser entwickeln.
Hartmut Rosa (Jahrgang 1965) ist Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Er forscht vor allem zu Prozessen von Beschleunigung und Resonanz. Mit Silke van Dyk ist er zudem Ko-Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Strukturwandel des Eigentums“. Jüngst erschien von ihm Situation und Konstellation (Suhrkamp 2026, 247 S., 25 €)
n, dass Eigentumsverhältnisse zentral sind. Warum?Hartmut Rosa: Eigentum ist eine Basisinstitution moderner Gesellschaften. Gleichzeitig gibt es vergleichsweise wenig Debatten darüber. Eine sozialökologische Transformation – und die brauchen wir – ist jedoch nur möglich, wenn wir das Eigentum in den Blick nehmen: nicht nur Vermögen im Sinne von „Wer besitzt wie viel?“, sondern grundlegendere Fragen. Etwa, woran überhaupt Eigentum bestehen kann: Sollte man den Mond besitzen – oder Grönland?Welche Eigentumsverhältnisse stehen einer sozialökologischen Transformation im Wege?Es handelt sich um eine äußerst kleine Gruppe – etwa Milliardäre oder sehr große Vermögensbesitzer, weniger als ein Prozent der Bevölkerung –, deren ökologischer Fußabdruck enorm ist. Zugleich hat diese Gruppe einen massiven Einfluss darauf, was überhaupt produziert wird und wie. Wir können längst sehen, dass diese Entscheidungen oft in einer Weise getroffen werden, die ökologisch nicht sinnvoll ist. Wenn dann noch die sozialen Kosten der ökologischen Transformation den „kleinen Leuten“ aufgebürdet werden, während die Gewinne beim reichsten einen Prozent verbleiben, scheitert Wandel. Diese hoch konzentrierten und privatisierten Strukturen stehen einer Transformation im Wege.Dieser Konflikt scheint sich auch in der deutschen Autoindustrie abzuspielen.Gerade in der deutschen Automobilindustrie zeigt sich, dass nicht langfristig gedacht wird. Wenn etwa gegen das Aus des Verbrennungsmotors gekämpft wird, geht es vor allem um den kurzfristigen Erhalt von Profiten und Arbeitsplätzen. Das geschieht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Kosten nicht nur der langfristigen ökologischen Stabilität, sondern auch der langfristigen ökonomischen Perspektiven der Branche selbst.Was steckt dahinter?Wir können eine Entkopplung beobachten von Eigentum im Sinne abstrakter Vermögenswerte, die man bewerten, handeln und akkumulieren kann – und Eigentum an materiellen Gütern. Interessieren mich noch einzelne Unternehmen, wenn ich Aktien besitze? Konkretes Eigentum an Sachdingen verliert insgesamt an Bedeutung. Vieles wird heute nicht mehr besessen, sondern nur noch genutzt. Musik wird gestreamt. Car-Leasing wird immer verbreiteter.Entscheidend ist der Zugang, nicht der Besitz. Diese Entwicklung gilt auch auf der Produktionsseite. Plattform-Unternehmen wie Uber verfügen kaum über klassische Produktionsmittel. Betriebe und Wohnungen werden so oft verkauft, dass manche nicht mehr wissen, wem sie gehören. Alles wird unübersichtlicher. Das bedeutet aber nicht, dass Eigentum im Sinne von Geld an Bedeutung verliert – im Gegenteil. Gerade die Entkopplung von Vermögenslogiken und materiellen Gütern ist ökologisch problematisch. Entfremdung tritt ein, Verantwortung und Sorge treten in den Hintergrund.Ein Versuch der Zusammenführung ist der Ansatz mancher Kommunen, selbst Windräder aufzustellen und Anwohner*innen an den Einnahmen zu beteiligen. Kann dies Akzeptanz fördern?Das ist auf jeden Fall ein sinnvoller Ansatz. Man sieht dabei auch kulturelle Effekte. In dem Moment, in dem Energieerzeugung wieder kommunal organisiert wird, etwa über Stadtwerke oder Energiegenossenschaften, steigt fast automatisch auch das Interesse daran, wie Energie produziert wird. Gerade im Energiesektor gibt es ohnehin eine starke Tendenz zur Dezentralisierung, was zum Konflikt mit großen Energieunternehmen führt. In diesem Spannungsfeld zeigt sich, dass viele Gemeinden – so umstritten Windräder auch sind – positive Erfahrungen machen, wenn sie selbst Windkraftanlagen errichten.Würden Menschen unter Bedingungen von gemeinwohlorientiertem oder kommunalem Eigentum besser entscheiden?Das kann man nicht prinzipiell sagen. Was sich aber feststellen lässt: Die Bedingungen, unter denen Entscheidungen getroffen werden, werden demokratischer und politischer. Vielfältigere Perspektiven fließen ein. Letztlich ist klar, dass Dezentralisierung und Selbstverwaltung zwar wichtig sind, aber an Grenzen stoßen. In einer beschleunigten Gesellschaft wie dieser haben viele Menschen weder Zeit noch Lust, sich permanent mit Wasserwerken, Energieversorgung oder Abfallwirtschaft zu beschäftigen. Deshalb braucht es effiziente Formen bürgerschaftlichen Eigentums: demokratisch kontrolliert, aber ohne dabei mit andauernden Entscheidungen zu überfordern.In den vergangenen Jahren gab es auch Debatten über die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. Was zeigt sich darin?Die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien ist spätestens in der Corona-Krise wieder auf die Tagesordnung gekommen – etwa wegen der Abhängigkeiten von China, aber auch im Zusammenhang mit Gas- und Ölimporten aus Russland. Das markiert eine deutliche Abkehr vom neoliberalen Paradigma. Was zählt: Langfristig braucht es demokratische Kontrolle über Schlüsselindustrien, Infrastrukturen und Institutionen der Daseinsvorsorge.Bereiche wie Wasser-, Energie- oder Abfallversorgung können nicht einfach privat organisiert werden. Idealerweise wäre dies verbunden mit bürgerschaftlicher Selbstverwaltung. Entscheidend ist, dass dabei ein Sinn für Sorge entsteht: Es geht darum, was mit Orten und Ressourcen passiert, wenn man über sie verfügt.Ein weiterer diskutierter Ansatz der Tagung: die Natur zum Rechtssubjekt machen. Inwiefern würde das helfen?Wir diskutieren tatsächlich sehr intensiv, die Natur als Rechtssubjekt zu begreifen. Das ist keine rein theoretische Idee: In Neuseeland, Ecuador und anderen Ländern gibt es bereits Ansätze, bei denen etwa ein Fluss oder ein Wald als eigenständiges Subjekt anerkannt wird. Auch in vielen indigenen Lebensformen wird davon ausgegangen, dass ein Fluss eine eigene, lebendige Entität ist.Politisch ist das allerdings nicht einfach zu übersetzen, denn ein Fluss kann seine Interessen nicht selbst formulieren und seine Rechte auch nicht einklagen. Es braucht also immer Akteure, die stellvertretend für einen Fluss oder einen Wald handeln. Trotzdem macht diese Debatte sehr deutlich, dass sich dadurch die Art und Weise verändert, wie wir über Natur, über Dinge und letztlich auch über Eigentum nachdenken.Davon scheint die Bundesregierung weit entfernt zu sein, oder?In der aktuellen Politik ist ein Rollback eindeutig beobachtbar – und er ist kein rein deutsches Phänomen. Dahinter vermute ich ein tiefes Panikgefühl: Angesichts weltpolitischer Krisen, ökonomischer Instabilität und auch der Bedrohung der Demokratie setzen Regierungen, Unternehmen und auch viele Privatpersonen verstärkt auf maximale Eigentums- und Vermögensakkumulation, um für bevorstehende Krisenzeiten vermeintlich gewappnet zu sein.Was stimmt Sie hoffnungsvoll?Gerade im Bereich der „Sharing Economy“, der Ökonomie des Teilens, passiert viel. Man denke etwa an kollektiv genutzte Gärten in Städten oder öffentliche Bücherschränke. Hier zeigen sich neue Bezüge zu den Dingen, ein anderer Umgang mit Ressourcen und andere soziale Beziehungen. In dem Moment, in dem Eigentumsverhältnisse in Bewegung kommen, können sie sich auch immer neu und besser entwickeln.