Wolfram Weimer beruft sich bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse mit Jürgen Habermas ausgerechnet auf den Philosophen, den er einst canceln wollte – das Publikum dankt mit Buh‑Rufen


Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in Leipzig

Foto: Hendrik Schmidt/dpa/picture alliance


Seine sonst so ruhige, in zahllosen Talkshows geschulte Stimme – die eines ehemaligen Journalisten und, wie er später betonen wird, einstigen „Verlegers“ – gerät ins Stocken. Sie klingt unsicher, schraubt sich zuweilen in die Höhe, wie bei einem Schüler, der beim Spicken ertappt wird. Hin und wieder entweicht Wolfram Weimer ein verlegenes „Mmh“. Der Kulturstaatsminister steht im Leipziger Gewandhaus auf einer schwierigen Bühne: Nach zwei umjubelten Reden – von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und Sebastian Guggolz, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – ist er der Dritte am Rednerpult.

Guggolz hatte seine Branche dafür gelobt, „dass wir autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren“. Gemeint ist Weimer, der kurz vor der Preisverleihung drei linke Buchhandlungen von der Nominierungsliste des Deutschen Buchhandlungspreises gestrichen hatte – mit Hinweis auf „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“. Kaum dass er antritt, wird Weimer erst einmal ausgebuht.

Wolfram Weimer kann hier keine Sympathien gewinnen

Das abwehrende Dauergrinsen, das er in der ersten Reihe noch eisern hielt, fällt in sich zusammen. Einige Zuschauer rufen „Rücktritt!“, andere halten Pappschilder mit Aufschriften wie „Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei“ in die Höhe. Zwei ansonsten stets verlässliche Maulwürfe – um im verfassungsschutznahen Duktus zu bleiben – hätten von dieser unerhörten Begebenheit berichten können, als Informanten waren die beiden – bekannte deutsche Verleger – für diesen Text aber verhindert. Doch dank fortschreitender Digitalisierung lässt sich die Eröffnungsfeier ohnehin im Stream verfolgen.

Eben jene Digitalisierung hatte Weimer zuletzt ins Feld geführt, um den bereits geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig infrage zu stellen – noch ein Grund, warum sich rund 300 Demonstrierende schon eine Stunde vor Beginn auf dem Augustplatz vor dem Gewandhaus versammelten. Müsse man jedes gedruckte Buch aufbewahren, wenn es doch Digitalisate gebe – diese rhetorische Frage, die sich Weimer wohl selbst stellte, fand empörte Antworten, nicht nur in Leipzig, sondern in der gesamten Branche.

Dann könne man auch gleich große Digitalfotos von Kunstwerken in die Museen hängen, hieß es sinngemäß. Laut Oberbürgermeister Jung in seiner Rede ist diese Debatte nun wohl vom Tisch: Es gebe eine gemeinsame Erklärung zur Erweiterung. Weimer merkt trotzdem schnell, dass er hier keine Sympathien gewinnen wird.

Jürgen Habermas als rhetorisches Schutzschild

Als rhetorisches Schutzschild zaubert er den kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas aus dem Hut. Dessen „hartnäckigen Vernunftanspruch“ wolle er, der Habermas schon als junger Mann bewundert habe, an dieser Stelle würdigen, sagt er, und plädiert für das „Habermas-Verfahren“, das für „abwägende, deliberative Demokratie“ steht.

Die Pointe seines eigentlich hübschen Wortspiels – in Anspielung auf das intransparente „Haber-Verfahren“, mit dem er die drei Buchhandlungen überprüfen ließ – verpufft kläglich. Kein einziger Lacher, nicht einmal ein müdes Klatschen. Eine andere Pointe war da schon einmal besser: Weimer verantwortete 2006 als Chefredakteur des damals noch liberal-konservativen, heute weit nach rechts gerückten Cicero eine Ausgabe mit dem Titelblatt: „Vergesst Habermas!“.

„Mein Staat sollte alle Extremisten gleichermaßen ablehnen“, sagt Weimer

Schließlich schaltet er in den Verteidigungsmodus. Bei Steuergeldern, sagt Weimer, habe der Staat eine Sorgfaltspflicht: „Mein Staat sollte alle Extremisten gleichermaßen ablehnen – Rechte, Linke, Islamisten!“ Einige wenige klatschen. Offenbar haben es doch ein paar seiner Weimer-Fans durch die Brandschutztüren des Gewandhauses geschafft.

Weimer kündigt an, den Buchhandlungspreis erhalten und „stärken“ zu wollen – ohne zu sagen, wie. Aber so etwas ist man in seiner kurzen Amtszeit ja längst gewöhnt. Mit einer verbalen Verneigung vor Habermas verlässt er die Bühne. Buh-Rufe begleiten ihn.

Vergleich mit Fürst Metternich hält er für abwegig

Den traditionellen obligatorischen Messerundgang hatte Weimer abgesagt. Wohl aus Angst vor Tumulten, offiziell aus Termingründen. An einer Podiumsdiskussion zum Thema „Meinungsfreiheit“ am Donnerstagabend – ausgerechnet in der Nationalbibliothek – wolle er aber gleichwohl festhalten, hieß es noch von seiner Pressestelle am Morgen.

Mit der gleichnamigen Rubrik der Welt ist das Motto der Veranstaltung freilich nicht zu verwechseln – jene wurde 2023 aus dem nüchternen „Forum“ zur selbstbewussten Pose in „Meinungsfreiheit“ umgetauft und tritt seither auf, als sei sie selbst das Grundrecht. Was einst ein Ort des Austauschs war, wurde zur rhetorischen Besitzanzeige. Weimer, der derzeit selbst Objekt der Kritik ist, hätte dort vermutlich leichteres Spiel.

Mehr Raum als in seiner Rede bekam er in der aktuellen Ausgabe der Zeit, der er ein episches Interview gab. Den selbst ins Spiel gebrachten Vergleich mit Fürst Metternich erklärte er dort für abwegig – was kaum verwundert, aber viel verrät. Der zuweilen als intellektuell agitierender Schaumschläger Weimer meint freilich nicht den Vater eines Schaumweins, sondern den preußischen Zensor Metternich. Der hatte einst gewarnt, die öffentliche Meinung sei ein „mächtiges Mittel“, das „die verborgensten Winkel durchdringt“, und ihre Missachtung ebenso gefährlich wie der Verlust moralischer Prinzipien. Dass die öffentliche Meinung sich nun längst gegen ihn gewendet hat, wird Weimer schwerlich bestreiten können. Seine Rede konnte ihn nicht retten.

t er der Dritte am Rednerpult. Guggolz hatte seine Branche dafür gelobt, „dass wir autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren“. Gemeint ist Weimer, der kurz vor der Preisverleihung drei linke Buchhandlungen von der Nominierungsliste des Deutschen Buchhandlungspreises gestrichen hatte – mit Hinweis auf „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“. Kaum dass er antritt, wird Weimer erst einmal ausgebuht. Wolfram Weimer kann hier keine Sympathien gewinnenDas abwehrende Dauergrinsen, das er in der ersten Reihe noch eisern hielt, fällt in sich zusammen. Einige Zuschauer rufen „Rücktritt!“, andere halten Pappschilder mit Aufschriften wie „Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei“ in die Höhe. Zwei ansonsten stets verlässliche Maulwürfe – um im verfassungsschutznahen Duktus zu bleiben – hätten von dieser unerhörten Begebenheit berichten können, als Informanten waren die beiden – bekannte deutsche Verleger – für diesen Text aber verhindert. Doch dank fortschreitender Digitalisierung lässt sich die Eröffnungsfeier ohnehin im Stream verfolgen.Eben jene Digitalisierung hatte Weimer zuletzt ins Feld geführt, um den bereits geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig infrage zu stellen – noch ein Grund, warum sich rund 300 Demonstrierende schon eine Stunde vor Beginn auf dem Augustplatz vor dem Gewandhaus versammelten. Müsse man jedes gedruckte Buch aufbewahren, wenn es doch Digitalisate gebe – diese rhetorische Frage, die sich Weimer wohl selbst stellte, fand empörte Antworten, nicht nur in Leipzig, sondern in der gesamten Branche.Dann könne man auch gleich große Digitalfotos von Kunstwerken in die Museen hängen, hieß es sinngemäß. Laut Oberbürgermeister Jung in seiner Rede ist diese Debatte nun wohl vom Tisch: Es gebe eine gemeinsame Erklärung zur Erweiterung. Weimer merkt trotzdem schnell, dass er hier keine Sympathien gewinnen wird.Jürgen Habermas als rhetorisches SchutzschildAls rhetorisches Schutzschild zaubert er den kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas aus dem Hut. Dessen „hartnäckigen Vernunftanspruch“ wolle er, der Habermas schon als junger Mann bewundert habe, an dieser Stelle würdigen, sagt er, und plädiert für das „Habermas-Verfahren“, das für „abwägende, deliberative Demokratie“ steht. Die Pointe seines eigentlich hübschen Wortspiels – in Anspielung auf das intransparente „Haber-Verfahren“, mit dem er die drei Buchhandlungen überprüfen ließ – verpufft kläglich. Kein einziger Lacher, nicht einmal ein müdes Klatschen. Eine andere Pointe war da schon einmal besser: Weimer verantwortete 2006 als Chefredakteur des damals noch liberal-konservativen, heute weit nach rechts gerückten Cicero eine Ausgabe mit dem Titelblatt: „Vergesst Habermas!“.„Mein Staat sollte alle Extremisten gleichermaßen ablehnen“, sagt WeimerSchließlich schaltet er in den Verteidigungsmodus. Bei Steuergeldern, sagt Weimer, habe der Staat eine Sorgfaltspflicht: „Mein Staat sollte alle Extremisten gleichermaßen ablehnen – Rechte, Linke, Islamisten!“ Einige wenige klatschen. Offenbar haben es doch ein paar seiner Weimer-Fans durch die Brandschutztüren des Gewandhauses geschafft.Weimer kündigt an, den Buchhandlungspreis erhalten und „stärken“ zu wollen – ohne zu sagen, wie. Aber so etwas ist man in seiner kurzen Amtszeit ja längst gewöhnt. Mit einer verbalen Verneigung vor Habermas verlässt er die Bühne. Buh-Rufe begleiten ihn.Vergleich mit Fürst Metternich hält er für abwegigDen traditionellen obligatorischen Messerundgang hatte Weimer abgesagt. Wohl aus Angst vor Tumulten, offiziell aus Termingründen. An einer Podiumsdiskussion zum Thema „Meinungsfreiheit“ am Donnerstagabend – ausgerechnet in der Nationalbibliothek – wolle er aber gleichwohl festhalten, hieß es noch von seiner Pressestelle am Morgen.Mit der gleichnamigen Rubrik der Welt ist das Motto der Veranstaltung freilich nicht zu verwechseln – jene wurde 2023 aus dem nüchternen „Forum“ zur selbstbewussten Pose in „Meinungsfreiheit“ umgetauft und tritt seither auf, als sei sie selbst das Grundrecht. Was einst ein Ort des Austauschs war, wurde zur rhetorischen Besitzanzeige. Weimer, der derzeit selbst Objekt der Kritik ist, hätte dort vermutlich leichteres Spiel.Mehr Raum als in seiner Rede bekam er in der aktuellen Ausgabe der Zeit, der er ein episches Interview gab. Den selbst ins Spiel gebrachten Vergleich mit Fürst Metternich erklärte er dort für abwegig – was kaum verwundert, aber viel verrät. Der zuweilen als intellektuell agitierender Schaumschläger Weimer meint freilich nicht den Vater eines Schaumweins, sondern den preußischen Zensor Metternich. Der hatte einst gewarnt, die öffentliche Meinung sei ein „mächtiges Mittel“, das „die verborgensten Winkel durchdringt“, und ihre Missachtung ebenso gefährlich wie der Verlust moralischer Prinzipien. Dass die öffentliche Meinung sich nun längst gegen ihn gewendet hat, wird Weimer schwerlich bestreiten können. Seine Rede konnte ihn nicht retten.



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