Von Dmitri Skworzow
Frankreich hat Gold aus seinen Staatsreserven, das zuvor in den USA gelagert wurde, in die Heimat zurückgebracht. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf die Banque de France, dass die Aufsichtsbehörde den Transfer der verbleibenden 129 Tonnen Gold, die sich noch in New York befanden, nach Paris abgeschlossen habe. Das entspricht etwa fünf Prozent der französischen Goldreserven. Der Gesamtbestand beläuft sich auf rund 2.437 Tonnen. Dieses Ereignis ist symbolträchtig, aber bei weitem kein Einzelfall in den letzten Jahren.
Es ist nicht die erste finanzielle Scheidung von den USA in der Geschichte Frankreichs. Im Jahr 1965 verkündete Charles de Gaulle, dass Frankreich den Umtausch der angesammelten US-Dollar-Reserven in Gold zum offiziellen Kurs verlangen werde.
Die Aussetzung des Umtauschs von US-Dollar in Gold durch Richard Nixon am 15. August 1971 bewies die Weitsicht de Gaulles. Doch im Gegensatz zu dessen lautstarken politischen Erklärungen erfolgte die aktuelle Rückführung stillschweigend und wurde von einer Tarnaktion begleitet. Es wurde bekannt, dass sich die in New York gelagerten französischen Goldbarren vom heute geltenden Standard unterschieden und ausgetauscht werden müssten. Sie wurden verkauft, und im Gegenzug wurde in London die gleiche Menge Gold in Standardbarren gekauft, die nach Paris transportiert wurden.

Was die aktuellen Bestrebungen betrifft, Gold unter die eigene Hoheitsgewalt zu bringen, so sind die Beweggründe dafür umso verständlicher. Nach dem Einfrieren der russischen Reserven wurde die Frage „Was soll als Staatsreserven gehalten werden?“ untrennbar mit der Frage „Wo soll man diese lagern?“ verbunden. Im Jahr 2023 berichtete ebenfalls Reuters, dass 68 Prozent der befragten Vertreter von Zentralbanken verschiedener Länder die Aufbewahrung von Gold in nationalen Lagerstätten für wünschenswert hielten (gegenüber 50 Prozent im Jahr 2020). In einem Bericht des World Gold Council für das Jahr 2025 stieg der Anteil der Zentralbanken, bei denen zumindest ein Teil des Goldes im Inland gelagert wird, auf 59 Prozent gegenüber 41 Prozent im Vorjahr.
Und das Vorgehen Frankreichs ist ein Beispiel dafür, wie dieser Wunsch in die Realität umgesetzt wird. Dabei hegen zwar viele Länder diesen Wunsch, aber die Möglichkeit zur Umsetzung haben bei weitem nicht alle.
Ende Mai 2025 forderten der Europäische Steuerzahlerverband und mehrere deutsche Politiker der Christlich-Demokratischen Union und der Christlich-Sozialen Union (CDU/CSU) die schnellstmögliche Rückführung eines Teils des in den USA gelagerten deutschen Goldes, das als Notfallreserve gilt, nach Deutschland oder Europa. Zuvor hatte Deutschland in den Jahren 2013 bis 2017 300 Tonnen Gold aus dem Tresor der Federal Reserve Bank of New York und 374 Tonnen aus den Tresoren der Banque de France abgezogen. Doch bis 2025 befanden sich in New York noch 1.236 Tonnen deutschen Goldes im Verwahrungsbestand. Unter den neuen Umständen schlossen sich sowohl Mitglieder der Regierungsparteien CDU/CSU als auch Vertreter der oppositionellen Alternative für Deutschland den Forderungen nach einer Rückführung an. Allerdings werden offen Zweifel geäußert, dass die USA das Deutschland gehörende Gold zurückgeben werden, selbst wenn die Bundesrepublik darauf bestehen sollte.
Die angehende italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni versprach, noch während sie um die Macht kämpfte, ebenfalls die Rückführung des Goldes ihres Landes aus den USA durchzusetzen. Sie sagte am 1. Oktober 2019:
„Unser Vorschlag zur Rückführung des italienischen Goldes wurde abgelehnt, aber die künftige Regierung unserer Partei wird das Gold den Italienern zurückgeben. Das ist ein Versprechen.“
Allerdings hat sie dieses Versprechen vergessen, sobald sie Premierministerin wurde. Fabio Rampelli, Vizepräsident der Abgeordnetenkammer und Mitglied von Melonis Partei „Fratelli d’Italia“, erklärte im April 2025:
„Das Thema des italienischen Goldes im Ausland ist wichtig, aber derzeit kann man sich damit nicht befassen.“
Er sprach ganz offen davon, dass Italien derzeit nicht vorhabe, von den USA die Rückgabe des Goldes zu fordern, und auch keine Inspektion der Lagerhäuser anstreben werde.
Nach Angaben des World Gold Council belegen Deutschland und Italien weltweit den zweiten und dritten Platz (nach den USA) bei den Goldreserven. Die Länder verfügen über mehr als 3.300 beziehungsweise 2.400 Tonnen Gold, wobei beide mehr als ein Drittel ihrer Barren bei der Federal Reserve Bank of New York lagern.
Wenn schon europäische Länder zunehmend Misstrauen gegenüber dem US-amerikanischen Finanzsystem entwickeln, ist für die Länder des Globalen Südens die Gefahr willkürlicher Sanktionen seitens des Westens nach dem Einfrieren russischer Vermögenswerte offensichtlich geworden. Und die Politiker haben begonnen, ihre Länder vor solchen Bedrohungen zu schützen. In den Jahren 2023 bis 2025 tauchten Informationen über die Absicht auf, in den USA gelagertes Gold in die Heimatländer zurückzuführen, darunter solche Länder wie Südafrika, Saudi-Arabien, Ägypten, Tansania, Ghana, Nigeria, Algerien, Senegal, Kamerun und Indien.

Allerdings verfügt von allen oben genannten Ländern nur Indien über genügend Souveränität, um offen agieren zu können. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete im Mai 2024 über den Transport von mehr als 100 Tonnen Gold aus Großbritannien in inländische Tresore in Indien. Bereits im Mai 2025 präzisierte die Agentur unter Berufung auf Daten der Reserve Bank of India, dass zum 31. März 2025 511,99 Tonnen im Inland gelagert waren. Die restlichen 348,62 Tonnen befanden sich bei der Bank of England und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in der Schweiz, zusätzlich waren 18,98 Tonnen als Golddepots angelegt.
Für Indien mit seinem Zahlungsbilanzdefizit und der eingeschränkten Konvertierbarkeit der Rupie ist die Verfügbarkeit einer bestimmten Goldmenge an einem Ort, an dem sie leicht verkauft oder als Sicherheit für eine Kreditlinie hinterlegt werden kann, eine technische Notwendigkeit. Allerdings zieht Indien es vor, den Rest seines Goldes im eigenen Land zu halten und so seine Goldreserven aufzustocken.
Anderen Ländern fällt es schwerer, dem Druck von außen standzuhalten. Daher verstummte das Thema in der Regel sofort, nachdem bloße Erklärungen über die Notwendigkeit der Rückführung des Goldes in nationale Tresore abgegeben worden waren. In den Finanzberichten westlicher Medien wird dies als Verzicht der betreffenden Länder auf ihre erklärten Ziele dargestellt. Doch es werden Begründungen für diesen Verzicht angeführt, die unweigerlich den Gedanken aufkommen lassen, dass es sich nicht um einen Verzicht auf Maßnahmen, sondern um einen Verzicht auf lautstarke Kommentare handelt, denn wie man weiß, liebt Geld die Stille.
Dabei stellte Reuters in den Jahren 2023 bis 2025 folgende Tatsachen fest: Tansania begann, Gold von lokalen Produzenten zu kaufen, um seine Reserven aufzustocken, Ghana weitete seine staatlichen Goldkäufe bei Bergbauunternehmen aus. Im Jahr 2025 berichtete die Nachrichtenagentur auch über einen Anstieg der inländischen Goldkäufe in Nigeria. Dasselbe gilt für Südafrika.
All dies ähnelt stark dem französischen Fall. Das Land kauft Gold für seine Reserven, wobei der Umfang der Reserven unverändert bleibt. Das bedeutet, dass irgendwo eine entsprechende Menge Gold verkauft wurde. Und das Ergebnis ist klar: Das Gold befindet sich nun physisch in eigenen und nicht mehr in ausländischen Lagern.
So zeigten beispielsweise auch Ägypten und Saudi-Arabien eine unveränderte Bilanz ihrer Goldreserven. Für Ägypten liegen keine genauen Angaben vor, doch über das Königreich Saudi-Arabien gab es während des Besuchs von Donald Trump in den Ländern am Persischen Golf, bei dem riesige Investitionen der Saudis in die US-amerikanische Wirtschaft besprochen wurden, zahlreiche Informationen. Damals verzeichneten die Statistiken einen Anstieg des physischen Goldumsatzes auf den Weltmärkten. Höchstwahrscheinlich hat das Königreich Mittel für die Trump versprochenen Investitionen konsolidiert. Wie und wann dieses Geld wieder in Gold umgewandelt wurde, wird in naher Zukunft wohl kaum bekannt werden.
Die Zweifel ausländischer Eigentümer an der Zuverlässigkeit der Goldlagerung in den Vereinigten Staaten finden auch innerhalb der USA selbst Bestätigung. Anfang 2025 stellte Elon Musk, damals ein enger Verbündeter von Donald Trump, die Frage, ob sich in Fort Knox überhaupt noch Gold befinde. Er betonte:
„Ich hoffe sehr, dass es noch dort ist.“
Dann griff das Weiße Haus dieses Thema auf. Nach US-Recht verfügt die Federal Reserve über ein hohes Maß an Autonomie gegenüber der Exekutive, unter anderem trifft sie eigenständig Entscheidungen über den Leitzins. Das passt Trump nicht, und das Gold dient dann als Vorwand. Trump sagte im vergangenen Februar in drohendem Ton:
„Wir werden nach Fort Knox fahren, ins sagenumwobene Fort Knox, und uns vergewissern, dass die Goldreserven noch dort sind. Und wenn sie nicht dort sind – werden wir sehr, sehr enttäuscht sein.“
Doch dann verstummten die Gespräche darüber irgendwie. Möglicherweise, weil Trump den Widerstand seiner Gegner und die Unabhängigkeit der privaten Federal Reserve von der Exekutive nicht überwinden konnte. Sollte er jedoch plötzlich festgestellt haben, dass es um das Gold in den USA tatsächlich schlecht bestellt ist, könnte er es vorgezogen haben, solche Informationen nicht mit der ganzen Welt zu teilen.

Das Problem liegt also nicht darin, dass einzelne Länder einzelne Goldbarren nach Hause transportieren, sondern darin, dass die US-amerikanische Finanzinfrastruktur weltweit als politisches – und damit finanziell unzuverlässiges – Instrument wahrgenommen wird.
Die fortlaufenden Käufe und die Übertragung von Edelmetallen in die nationalen Reserven bedeuten eine Verlagerung zugunsten von Gold und zulasten von US-Dollar-Anlagen vor dem Hintergrund geopolitischer Risiken und einer unverantwortlichen Geldpolitik der USA.
Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua schrieb im Juni 2025:
„Der US-Dollar schwächte sich trotz steigender Renditen von Staatsanleihen vor dem Hintergrund von Marktbefürchtungen hinsichtlich der US-Zollpolitik ab.“
In einem Bericht der Stanford Graduate School of Business heißt es:
„Diese unerwartete Diskrepanz deutet darauf hin, dass internationale Investoren das Vertrauen in die Sicherheit von auf US-Dollar lautenden Vermögenswerten und in den US-Dollar selbst verlieren.“
Laut dem Sommerbericht der Europäischen Zentralbank machten Edelmetalle Ende 2024 etwa 20 Prozent der offiziellen weltweiten Devisenreserven aus, während der Anteil des Euro bei etwa 16 Prozent lag. Die weltweiten Goldreserven der Zentralbanken stiegen auf 36.000 Tonnen und näherten sich damit dem historischen Höchststand von 38.000 Tonnen, der 1965 erreicht wurde. Prognosen für das Jahr 2025 (für das die Ergebnisse noch ausgewertet werden) deuten darauf hin, dass sich dieser Trend zumindest fortgesetzt, wenn nicht sogar beschleunigt hat.
Rechnet man dazu noch die geopolitischen Risiken und die von Trump an den Tag gelegte fantastische Abenteuerlust hinzu, wird die Suche nach einer sicheren Alternative zum US-Dollar zu einer dringenden Aufgabe. Eine Rückkehr zum Goldstandard erscheint in der heutigen Welt wie ein surrealistisches Szenario – doch das Gold in den Reservebeständen der Zentralbanken gewinnt eindeutig an Bedeutung. Deshalb zieht es Frankreich – und nicht nur Frankreich – vor, das Edelmetall in einer eigenen, von den USA völlig unabhängigen Hoheitsgewalt zu halten.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Dmitri Skworzow ist Wirtschaftsanalyst bei der Zeitung „Wsgljad“.
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