Im Herbst 2006 begab sich ein junger Ministerialbeamter aus Nuuk auf eine weite Reise. Auf den Cookinseln im Südpazifik studierte Mininnguaq Kleist den völkerrechtlichen Status der Inselgruppe, die 1965 eine freie Assoziierung mit Neuseeland eingegangen war. Seither sind die Inseln ein selbstständiger Staat: Die Bewohner besitzen neben ihrer eigenen auch die neuseeländische Staatsangehörigkeit. Zudem unterstützt Neuseeland die Regierungsführung der Cookinseln mit jährlichen Zahlungen.

Ähnliche Modelle bestehen auch zwischen den USA und den Pazifikstaaten Palau, Mikronesien und den Marshallinseln – und womöglich bald auch zwischen Frankreich und Neukaledonien. Deren Einwohner haben freien Zugang zum amerikanischen Arbeits- und Ausbildungsmarkt, besitzen jedoch nicht die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Die USA unterstützen die formal souveränen Inselstaaten ökonomisch, behalten sich im Gegenzug jedoch weitgehende Mitsprache in deren Außen- und Sicherheitspolitik vor.

Aus der Südsee zurückgekehrt, veröffentlichte Kleist wissenschaftliche Aufsätze zu freien Assoziierungsabkommen; noch 2019 – dem Jahr, in dem US-Präsident Donald Trump erstmals ankündigte, Grönland kaufen zu wollen – empfahl er, Grönland solle einen vergleichbaren Vertrag mit Dänemark anstreben.

Das Modell der freien Assoziierung, im europäischen politischen Diskurs kaum geläufig, ist in Grönland seit Langem ein bekanntes Konzept. Seit Jahren spricht sich eine deutliche Mehrheit für staatliche Autonomie aus, ohne die historisch engen Bande mit Dänemark zwangsläufig kappen zu wollen. Daran haben auch Trumps neoimperialistische Begehrlichkeiten wenig geändert.

Freie Assoziierung – aber mit wem?

Eine freie Assoziierung mit Dänemark wäre in Grönland wohl mehrheitsfähig. Dabei würde Dänemark ein selbstständiges Grönland weiterhin unterstützen, möglicherweise sogar eine doppelte Staatsbürgerschaft akzeptieren und im Gegenzug ein wichtiger Partner in der an Bedeutung gewinnenden arktischen Region bleiben.

Doch auch wenn Dänemark seiner einstigen Kolonie seit Trumps ersten Übernahmeankündigungen weit entgegengekommen ist und Ministerpräsidentin Mette Frederiksen eine komplette Neuausrichtung des Staatsverbunds in Aussicht stellt, konnte man sich in Kopenhagen nicht dazu durchringen, den Grönländern eine Partnerschaft souveräner Staaten anzubieten – zumindest bislang.

Als der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen und seine grönländische Kollegin Vivian Motzfeldt vergangene Woche nach Washington reisten, um mit US-Außenminister Marco Rubio und Vizepräsident J. D. Vance über den eskalierenden Konflikt zu sprechen, saß eben jener Mininnguaq Kleist mit am Tisch, der das Modell der freien Assoziierung im politischen Grönland bekannt gemacht hatte. Inzwischen ist er Departementschef und ranghöchster Beamter im grönländischen Ministerium für auswärtige Angelegenheiten.

In Dänemark schmunzelten viele, als sich die USA auf die Einrichtung einer Arbeitsgruppe einließen

Dass es in Washington nicht zum Eklat kam – Vances öffentliche Demütigung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist nicht vergessen – wurde von dänischen Kommentatoren bereits als Erfolg gewertet. Man habe sich Zeit gekauft.

Dass sich die Amerikaner auf die Einberufung einer Arbeitsgruppe einließen, wurde von manch einem trotz des Ernstes der Lage – immerhin geht es um die territoriale Integrität des dänischen Staates, das Selbstbestimmungsrecht der Grönländer und den Fortbestand der regelbasierten Weltordnung – mit einem Schmunzeln quittiert. Wer jemals in dänischen Arbeitsgruppen gesessen hat, weiß, dass dort ausgiebig diskutiert, literweise Kaffee getrunken und am Ende nichts entschieden wird. Hauptsache, man hat einmal darüber gesprochen.

Wer Trump kennt, rechnet nicht mehr mit einer vollständigen Abkehr von dessen Grönlandplänen. Zu oft hat er seine Annexionsfantasien öffentlich vorgetragen, als dass ein gesichtswahrender Rückzug realistisch erschiene. Die dänische Strategie scheint daher darin zu bestehen, dem Präsidenten einen Kompromiss anzubieten, den dieser seiner Anhängerschaft als Erfolg verkaufen kann – etwa ein neues Verteidigungsabkommen, das jenes von 1951 ersetzen würde, das den Amerikanern schon heute weitgehende militärische Befugnisse in Grönland einräumt.

Am Status quo würde sich dadurch wenig ändern. Umso größer war die Ernüchterung in Kopenhagen, als eine Sprecherin des Weißen Hauses erklärte, bei den künftigen trilateralen Beratungen solle es um die Modalitäten des Erwerbs der Arktisinsel gehen.

Lars Løkke Rasmussen erinnerte an die Geschichte der Sklaverei

Die Grönländer indes spielten mit weitaus weniger offenen Karten. Zwar demonstrierten Vivian Motzfeldt und Lars Løkke Rasmussen in Washington größtmögliche Einigkeit. Und in der Tat eint beide die Empörung darüber, mit welcher Unverfrorenheit Trumps Umfeld seit Wochen den Alltag der 56.000 Grönländer durcheinanderbringt und über sie spricht, als seien sie eine Handelsware. Rasmussen brachte diese Haltung auf Fox News auf den Punkt. „You can trade with people, but you cannot trade people“, sagte er und rekurrierte damit implizit auf die Geschichte der Sklaverei.

Doch die tags vor der Washingtonreise getroffene Ankündigung von Grönlands liberalem Regierungschef Jens-Frederik Nielsen, man werde sich – vor die Wahl gestellt – für Dänemark und den vertrauten Staatsverbund entscheiden, dürfte nicht die Mehrheitsmeinung der Inselbewohner widerspiegeln. Über Monate hinweg war in Grönland, lagerübergreifend und beinahe mantraartig, zu hören gewesen, man wolle weder Amerikaner noch Dänen sein, sondern Grönländer.

Auch Vivian Motzfeldt selbst, Mitglied der in der Unabhängigkeitsfrage eher eiligen Siumut-Partei, hatte noch wenige Tage zuvor erklärt, die Gespräche mit den Amerikanern lieber allein, ohne dänische Aufpasser, führen zu wollen.

Trumps Politik stößt auf Ablehnung, deutsche und französische Soldaten auch

Ausländischem Militär, das sich dieser Tage in Nuuk einfindet, stehen viele Grönländer ohnehin mit Skepsis gegenüber. Aus ihrer Sicht repräsentieren auch Franzosen, Deutsche, Briten und Holländer Staaten, die – wie Dänemark – auf eine koloniale Vergangenheit zurückblicken und sich bis heute schwer damit tun, diese kritisch aufzuarbeiten. Die Europäer sind gut beraten, in ihren Solidaritätsbekundungen das Selbstbestimmungsrecht Grönlands in den Vordergrund zu stellen, nicht die Verteidigung dänischen Territoriums.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Trumps Politik stößt bei der großen Mehrheit der Grönländer, von denen sich 90 Prozent als Inuit identifizieren, auf Ablehnung. Mit Entsetzen verfolgt man auch in Nuuk, wie seine Regierung Minderheiten, Einwanderer und Indigene behandelt, Meinungs- und Pressefreiheit aushöhlt.

Wenn manch einer in Nuuk – auch außerhalb der in Sachen Staatsgründung besonders expliziten Oppositionspartei Naleraq, deren Vertreter zuletzt den direkten Kontakt zum Trump-Lager gesucht hatten – der amerikanischen Aufmerksamkeit auch Positives abgewinnen kann, liegt das daran, dass sich das dänisch-grönländische Verhältnis ob des externen Drucks in Richtung eines respektvolleren Miteinanders entwickelt hat.

Dänemark hat sich stets als humane Kolonialmacht und die seit 1979 getätigten Pauschalzahlungen an Grönland als altruistische Gabe begriffen. Kritik und Forderungen, etwa nach Aufarbeitung der bis in die jüngste Vergangenheit erfolgten assimilationspolitischen Übergriffe oder generell mehr Mitbestimmung konnten so als Illoyalität und Undankbarkeit ausgelegt werden.

Trumps Avancen indes unterstrichen Grönlands geopolitische Bedeutung und ließen die dänischen Zahlungen als Marktwert dessen erscheinen, was auch andere Nationen bereit sind für eine kommerzielle und militärische Präsenz in Grönland zu zahlen. Nolens volens stärkte der Präsident die Verhandlungsposition der Grönländer gegenüber Dänemark. Wenn Vivian Motzfeldt heute bei außenpolitischen Verhandlungen wie selbstverständlich mit am Tisch sitzt, ist das paradoxerweise auch ein Resultat des Drucks durch Donald Trump.

Erst Unabhängigkeitsabstimmung, dann freies Assoziierungsabkommen

Das offizielle Dänemark hat begriffen, dass es Grönland entgegenkommen muss, will man das Land langfristig im Staatsverbund halten. Doch Forderungen nach bilateralen Gesprächen zwischen Grönland und den USA wertet man weiterhin als Affront. Dass man in Grönland aber wissen möchte, was die USA konkret vorhaben, ist verständlich. Ein militärischer Angriff scheint unwahrscheinlich. Die innen- und außenpolitischen Kosten wären auch für Trump zu hoch, die NATO wäre Geschichte. Die martialische Rhetorik des Präsidenten dürfte vielmehr dazu dienen, die politische Führung in Kopenhagen in einem Zustand permanenter Verunsicherung zu halten.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagte Trump, er wolle „keine Gewalt“ in Sachen Grönland anwenden, aber „sofortige Verhandlungen“.

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Attraktiver und aus Trumps Sicht mit einem gewissen Charme verbunden erscheint die Möglichkeit eines Abkommens, dem die grönländische Bevölkerung mehrheitlich zustimmen könnte. Mit einem völkerrechtskonformen Vertrag könnte sich der US-Präsident als Hüter des Selbstbestimmungsrechts inszenieren und die verhassten Europäer als eigentliche Imperialisten vorführen, die vereint dänisches Kolonialterritorium verteidigen.

Da ein semikolonialer Status wie der Puerto Ricos in Grönland keinen Zuspruch finden und die Eingliederung als 51. Bundesstaat mit nur 30.000 Wahlberechtigten das amerikanische Wahlsystem endgültig aus den Fugen heben würde, bleibt das Angebot eines freien Assoziierungsabkommens.

Dänemark wäre gut beraten, den USA zuvorzukommen

Wer dem kürzlich ernannten US-Sondergesandten für Grönland Jeff Landry genau zuhört, ahnt, dass es dieses Modell sein könnte, das sich Trumps Umfeld für Grönland vorstellt: ein Abkommen freier Assoziierung, abgesegnet durch ein Referendum nach einer Unabhängigkeitserklärung. Das dänisch-grönländische Selbstverwaltungsgesetz von 2009 lässt eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeitsfrage ausdrücklich zu.

Dänemark wäre gut beraten, den USA zuvorzukommen und den Grönländern in letzter Minute ein ähnliches Angebot zu machen. Dass ausgerechnet jenes Modell nun zum geopolitischen Fluchtpunkt werden könnte, das Mininnguaq Kleist bereits vor zwanzig Jahren auf den Cookinseln studierte, zeigt, wie lange Grönland auf eine politische Antwort wartet – und wie wenig Zeit Kopenhagen inzwischen noch bleibt.

Mikronesien und den Marshallinseln – und womöglich bald auch zwischen Frankreich und Neukaledonien. Deren Einwohner haben freien Zugang zum amerikanischen Arbeits- und Ausbildungsmarkt, besitzen jedoch nicht die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Die USA unterstützen die formal souveränen Inselstaaten ökonomisch, behalten sich im Gegenzug jedoch weitgehende Mitsprache in deren Außen- und Sicherheitspolitik vor.Aus der Südsee zurückgekehrt, veröffentlichte Kleist wissenschaftliche Aufsätze zu freien Assoziierungsabkommen; noch 2019 – dem Jahr, in dem US-Präsident Donald Trump erstmals ankündigte, Grönland kaufen zu wollen – empfahl er, Grönland solle einen vergleichbaren Vertrag mit Dänemark anstreben.Das Modell der freien Assoziierung, im europäischen politischen Diskurs kaum geläufig, ist in Grönland seit Langem ein bekanntes Konzept. Seit Jahren spricht sich eine deutliche Mehrheit für staatliche Autonomie aus, ohne die historisch engen Bande mit Dänemark zwangsläufig kappen zu wollen. Daran haben auch Trumps neoimperialistische Begehrlichkeiten wenig geändert.Freie Assoziierung – aber mit wem?Eine freie Assoziierung mit Dänemark wäre in Grönland wohl mehrheitsfähig. Dabei würde Dänemark ein selbstständiges Grönland weiterhin unterstützen, möglicherweise sogar eine doppelte Staatsbürgerschaft akzeptieren und im Gegenzug ein wichtiger Partner in der an Bedeutung gewinnenden arktischen Region bleiben.Doch auch wenn Dänemark seiner einstigen Kolonie seit Trumps ersten Übernahmeankündigungen weit entgegengekommen ist und Ministerpräsidentin Mette Frederiksen eine komplette Neuausrichtung des Staatsverbunds in Aussicht stellt, konnte man sich in Kopenhagen nicht dazu durchringen, den Grönländern eine Partnerschaft souveräner Staaten anzubieten – zumindest bislang.Als der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen und seine grönländische Kollegin Vivian Motzfeldt vergangene Woche nach Washington reisten, um mit US-Außenminister Marco Rubio und Vizepräsident J. D. Vance über den eskalierenden Konflikt zu sprechen, saß eben jener Mininnguaq Kleist mit am Tisch, der das Modell der freien Assoziierung im politischen Grönland bekannt gemacht hatte. Inzwischen ist er Departementschef und ranghöchster Beamter im grönländischen Ministerium für auswärtige Angelegenheiten.In Dänemark schmunzelten viele, als sich die USA auf die Einrichtung einer Arbeitsgruppe einließenDass es in Washington nicht zum Eklat kam – Vances öffentliche Demütigung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist nicht vergessen – wurde von dänischen Kommentatoren bereits als Erfolg gewertet. Man habe sich Zeit gekauft.Dass sich die Amerikaner auf die Einberufung einer Arbeitsgruppe einließen, wurde von manch einem trotz des Ernstes der Lage – immerhin geht es um die territoriale Integrität des dänischen Staates, das Selbstbestimmungsrecht der Grönländer und den Fortbestand der regelbasierten Weltordnung – mit einem Schmunzeln quittiert. Wer jemals in dänischen Arbeitsgruppen gesessen hat, weiß, dass dort ausgiebig diskutiert, literweise Kaffee getrunken und am Ende nichts entschieden wird. Hauptsache, man hat einmal darüber gesprochen.Wer Trump kennt, rechnet nicht mehr mit einer vollständigen Abkehr von dessen Grönlandplänen. Zu oft hat er seine Annexionsfantasien öffentlich vorgetragen, als dass ein gesichtswahrender Rückzug realistisch erschiene. Die dänische Strategie scheint daher darin zu bestehen, dem Präsidenten einen Kompromiss anzubieten, den dieser seiner Anhängerschaft als Erfolg verkaufen kann – etwa ein neues Verteidigungsabkommen, das jenes von 1951 ersetzen würde, das den Amerikanern schon heute weitgehende militärische Befugnisse in Grönland einräumt.Am Status quo würde sich dadurch wenig ändern. Umso größer war die Ernüchterung in Kopenhagen, als eine Sprecherin des Weißen Hauses erklärte, bei den künftigen trilateralen Beratungen solle es um die Modalitäten des Erwerbs der Arktisinsel gehen.Lars Løkke Rasmussen erinnerte an die Geschichte der SklavereiDie Grönländer indes spielten mit weitaus weniger offenen Karten. Zwar demonstrierten Vivian Motzfeldt und Lars Løkke Rasmussen in Washington größtmögliche Einigkeit. Und in der Tat eint beide die Empörung darüber, mit welcher Unverfrorenheit Trumps Umfeld seit Wochen den Alltag der 56.000 Grönländer durcheinanderbringt und über sie spricht, als seien sie eine Handelsware. Rasmussen brachte diese Haltung auf Fox News auf den Punkt. „You can trade with people, but you cannot trade people“, sagte er und rekurrierte damit implizit auf die Geschichte der Sklaverei.Doch die tags vor der Washingtonreise getroffene Ankündigung von Grönlands liberalem Regierungschef Jens-Frederik Nielsen, man werde sich – vor die Wahl gestellt – für Dänemark und den vertrauten Staatsverbund entscheiden, dürfte nicht die Mehrheitsmeinung der Inselbewohner widerspiegeln. Über Monate hinweg war in Grönland, lagerübergreifend und beinahe mantraartig, zu hören gewesen, man wolle weder Amerikaner noch Dänen sein, sondern Grönländer.Auch Vivian Motzfeldt selbst, Mitglied der in der Unabhängigkeitsfrage eher eiligen Siumut-Partei, hatte noch wenige Tage zuvor erklärt, die Gespräche mit den Amerikanern lieber allein, ohne dänische Aufpasser, führen zu wollen.Trumps Politik stößt auf Ablehnung, deutsche und französische Soldaten auch Ausländischem Militär, das sich dieser Tage in Nuuk einfindet, stehen viele Grönländer ohnehin mit Skepsis gegenüber. Aus ihrer Sicht repräsentieren auch Franzosen, Deutsche, Briten und Holländer Staaten, die – wie Dänemark – auf eine koloniale Vergangenheit zurückblicken und sich bis heute schwer damit tun, diese kritisch aufzuarbeiten. Die Europäer sind gut beraten, in ihren Solidaritätsbekundungen das Selbstbestimmungsrecht Grönlands in den Vordergrund zu stellen, nicht die Verteidigung dänischen Territoriums.Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Trumps Politik stößt bei der großen Mehrheit der Grönländer, von denen sich 90 Prozent als Inuit identifizieren, auf Ablehnung. Mit Entsetzen verfolgt man auch in Nuuk, wie seine Regierung Minderheiten, Einwanderer und Indigene behandelt, Meinungs- und Pressefreiheit aushöhlt.Wenn manch einer in Nuuk – auch außerhalb der in Sachen Staatsgründung besonders expliziten Oppositionspartei Naleraq, deren Vertreter zuletzt den direkten Kontakt zum Trump-Lager gesucht hatten – der amerikanischen Aufmerksamkeit auch Positives abgewinnen kann, liegt das daran, dass sich das dänisch-grönländische Verhältnis ob des externen Drucks in Richtung eines respektvolleren Miteinanders entwickelt hat.Dänemark hat sich stets als humane Kolonialmacht und die seit 1979 getätigten Pauschalzahlungen an Grönland als altruistische Gabe begriffen. Kritik und Forderungen, etwa nach Aufarbeitung der bis in die jüngste Vergangenheit erfolgten assimilationspolitischen Übergriffe oder generell mehr Mitbestimmung konnten so als Illoyalität und Undankbarkeit ausgelegt werden.Trumps Avancen indes unterstrichen Grönlands geopolitische Bedeutung und ließen die dänischen Zahlungen als Marktwert dessen erscheinen, was auch andere Nationen bereit sind für eine kommerzielle und militärische Präsenz in Grönland zu zahlen. Nolens volens stärkte der Präsident die Verhandlungsposition der Grönländer gegenüber Dänemark. Wenn Vivian Motzfeldt heute bei außenpolitischen Verhandlungen wie selbstverständlich mit am Tisch sitzt, ist das paradoxerweise auch ein Resultat des Drucks durch Donald Trump.Erst Unabhängigkeitsabstimmung, dann freies AssoziierungsabkommenDas offizielle Dänemark hat begriffen, dass es Grönland entgegenkommen muss, will man das Land langfristig im Staatsverbund halten. Doch Forderungen nach bilateralen Gesprächen zwischen Grönland und den USA wertet man weiterhin als Affront. Dass man in Grönland aber wissen möchte, was die USA konkret vorhaben, ist verständlich. Ein militärischer Angriff scheint unwahrscheinlich. Die innen- und außenpolitischen Kosten wären auch für Trump zu hoch, die NATO wäre Geschichte. Die martialische Rhetorik des Präsidenten dürfte vielmehr dazu dienen, die politische Führung in Kopenhagen in einem Zustand permanenter Verunsicherung zu halten.Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagte Trump, er wolle „keine Gewalt“ in Sachen Grönland anwenden, aber „sofortige Verhandlungen“. Placeholder image-1Attraktiver und aus Trumps Sicht mit einem gewissen Charme verbunden erscheint die Möglichkeit eines Abkommens, dem die grönländische Bevölkerung mehrheitlich zustimmen könnte. Mit einem völkerrechtskonformen Vertrag könnte sich der US-Präsident als Hüter des Selbstbestimmungsrechts inszenieren und die verhassten Europäer als eigentliche Imperialisten vorführen, die vereint dänisches Kolonialterritorium verteidigen. Da ein semikolonialer Status wie der Puerto Ricos in Grönland keinen Zuspruch finden und die Eingliederung als 51. Bundesstaat mit nur 30.000 Wahlberechtigten das amerikanische Wahlsystem endgültig aus den Fugen heben würde, bleibt das Angebot eines freien Assoziierungsabkommens.Dänemark wäre gut beraten, den USA zuvorzukommenWer dem kürzlich ernannten US-Sondergesandten für Grönland Jeff Landry genau zuhört, ahnt, dass es dieses Modell sein könnte, das sich Trumps Umfeld für Grönland vorstellt: ein Abkommen freier Assoziierung, abgesegnet durch ein Referendum nach einer Unabhängigkeitserklärung. Das dänisch-grönländische Selbstverwaltungsgesetz von 2009 lässt eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeitsfrage ausdrücklich zu.Dänemark wäre gut beraten, den USA zuvorzukommen und den Grönländern in letzter Minute ein ähnliches Angebot zu machen. Dass ausgerechnet jenes Modell nun zum geopolitischen Fluchtpunkt werden könnte, das Mininnguaq Kleist bereits vor zwanzig Jahren auf den Cookinseln studierte, zeigt, wie lange Grönland auf eine politische Antwort wartet – und wie wenig Zeit Kopenhagen inzwischen noch bleibt.



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