In den Werken von Thomas Bayrle kreuzen sich soziale Medien mit religiösen Motiven. Aber passt seine Logik der Massen noch in unsere höchst individualisierte Zeit? Die neue Ausstellung zeigt Werke aus mehreren Jahrzehnten
Das Ich und die Masse – wie passt das zusammen?
Foto: Norbert Miguletz
Die Frauen steigen nach oben, die Männer sinken in die entgegengesetzte Richtung – Rising women, falling men hat Thomas Bayrle, Jahrgang 1937, mit Bleistift daneben geschrieben, und knapp darüber: „vielleicht ein Engelsflügel?“ Die kleinformatige Papierarbeit Pietà (2018), die im hinteren Bereich der Ausstellungshalle in der Frankfurter Schirn hängt, wirkt humorvoll nachsinnend, als beobachte der Künstler beim Zeichnen die allmähliche Verfertigung einer gesellschaftlichen Machtrelation in Bewegung, wenn auch weiter in Mustern verlaufend, in Bahnen gelenkt: Aus winzigen, männlich und weiblich gelesenen Figuren, die paarweise aneinandergesetzt und zur Allover-Struktur vervielfältigt sind, fügt sich das christliche Motiv der Mutter Gottes mit Sohn.
Dass sich die großen Themen und Gesten auf der einen Seite und die beweglich gedachte Kleinteiligkeit auf der anderen in seinen Arbeiten nicht ausschließen, verdankt Bayrle seiner Bildfindungsmethode , die er seit den späten 1960er Jahren perfektionierte: Aus vielen kleinen Bildern von „Accessoires“ der Konsumgesellschaft setzt er übergreifende „Superformen“ – oft Prominente medialer Öffentlichkeiten und Ikonen des Kunstgeschichtskanons – zu großformatigen Grafiken zusammen: eine Lippenstift-Phalanx formiert sich zum Porträt Kim Kardashians; ein Aufmarsch von Schnürschuhen bringt die Gestalt des Papstes hervor; Ausschnitte aus Menschenmengen mit Atemschutzmasken werden zu Adam und Eva, angelehnt an Masaccios Fresko der Vertreibung aus dem Paradies.
Die Werke der letzten 20 Jahre: Touchscreen und Autobahn
Bayrle, der 1958 bis 1961 an der Werkkunstschule in Offenbach, der heutigen Hochschule für Gestaltung, studierte, absolvierte zuvor eine Lehre als Weber und Musterzeichner in Göppingen. Repetitive Handbewegungen, das Greifen und Tasten, spielen durchgehend eine Hauptrolle in seinem Kosmos, etwa in Motiven des Roboterarms, des Touchscreens und des Rosenkranzes, der als gesprochenes Gebet durch die Ausstellung klingt. Vom Maschinenglauben zur Autoreligion zum Kult der smarten Devices – nicht als einander ablösend, sondern akkumulierend gedacht – führt uns die Ausstellung entlang von Werken Bayrles der letzten 20 Jahre. Wandmeter für Wandmeter überfahren uns die nur scheinbar handlich miniaturisierten Heilsversprechen und Strukturprinzipien, die unseren Alltag lenken. So legt Bayrle in Philip Johnson/The New York Times (2001/2022) das Layoutraster einer Seite der New York Times über das Foto einer modernistischen Hochhausfassade und deutet an, wie die „dritten“ und „vierten“ Häute unserer baulichen und medialen Umwelt Diskurse nicht nur „beherbergen“, sondern formen. Mitten im Raum pulsiert die Projektion Autobahnkreuz (2006). Sie zeigt die immer kleiner gezoomten Ausschnitte von Pkws auf einer Autobahn, die sich in die Umrisse einer Christusfigur fügen. Je kleiner sie werden, desto weniger Motiv und umso mehr Bewegung werden sie, die durch die kreuzenden Straßen wie den Gekreuzigten jagt.
Als Bayrle in Offenbach studierte, verfolgte man auch dort ein Konzept der „autogerechten Stadt“ – wenig später wurde 1967 bis 1974 die „zweite Ebene“ gebaut, die den Marktplatz mit Betonbrücken und Ladenflächen überspannte und Autos wie dem Konsum gleichermaßen freie Fahrt bieten sollte. Erst 2021 riss man die letzten Überreste aus Beton, die noch von der gescheiterten Vision zeugten, ab. Wie ein schleppendes Echo wirken in der Ausstellung nun zwei kinetische und klingende Objekte, ein Motor und ein Scheibenwischer, die Avemarias in den Raum senden, sich mit den Maschinengeräuschen zu meditativem Murmeln vermengen.
Wo sich leere Displays und der Heilige Matthäus treffen
Natürlich ist zu fragen, ob Bayrles Logik der uniformen Massen überhaupt noch als Beschreibung unserer „Gesellschaft der Singularitäten“, wie sie etwa der Soziologe Andreas Reckwitz diagnostizierte, taugt. Unser Lebensrhythmus ist von einer Vernetzung geprägt, die uns in kleinste Partikel von Vorlieben, Ängsten, Bedürfnissen zerlegt, um uns anhand dieser wiederum zu Zielgruppen zu fügen, in der sich jede:r mächtig individuell fühlen darf. So spinnen wir selbst immer neue flexible Fäden im Gewebe durch unser Mediennutzungsverhalten. Insofern verwundert die starke Präsenz des Smartphone-Motivs bei Bayrle kaum. Die Masse der Geräte wird in mehreren großformatigen Drucken zum Schwarm. Die Telefone haben leere Displays, die sich in die größeren Motive, wie der Figur einer Pietà oder des Heiligen Matthäus, fügen, der erwartungsvoll die Ankunft eines Engels begrüßt. Nicht die Bilder, der „Content“ allein, rücken damit in den Fokus, sondern die Schnittstellen, über die wir mit ihnen interagieren.
Automatismen bleiben dabei prägend: Die Soziale-Medien-Landschaft bezieht ihren Einfluss aus dem Fluss – dem unendlichen Scrollen von Bild zu Bild. Und auch Bayrles Autobahn ist wie ein „Doomscroll“, ein klassischer „Nicht-Ort“, an dem viele Menschen viel Zeit auf „Durchreise“ verbringen. Man kann auf ihr nicht wenden. Gleichzeitig – und hier ist ein „Ausweg“, die „Abfahrt“ zu suchen – laden uns Bayrles Arbeiten ein, genau hinzusehen: nicht nur angestrengt in eine Richtung, sondern zwischen die Mikro- und Makroebenen.
Fröhlich sein und Weitermachen!
Die Ausstellungsdisplays aus weiß lackierten Stahlmattenzäunen verstärken die Unruhe inmitten der dichten Hängung der Bilder. Als willkürliches optisches Raster legen sie sich über die Durchsichten im Raum – man sieht die Bayrles nun durch Zaunlücken hindurch –, das den inhaltlich bewussten Setzungen von vorder- und hintergründigen Mustern in den Werken Störgeräusche hinzufügt. Für Wandtexte fehlt im Gedränge der Platz, sodass wir, wiederum mittels Smartphone-Prothese, QR-Code um QR-Code scannen müssen, um mehr zu erfahren.
In einem Interview-Zusammenschnitt berichten Künstler:innen, die bei Bayrle an der Städelschule studiert haben, von einer wiederkehrenden Erfahrung. Meist nämlich beendete Bayrle Atelierbesuche mit den Worten, die nun den Titel der Ausstellung liefern: Fröhlich sein! – und außerdem: „Weitermachen!“ Das Prinzip der Wiederholung schlug sich auch in seiner Lehre nieder. Und man könnte behaupten oder hoffen, dass sich eine jede mit Bayrle als Wegbegleiter entstandene Karriere aus vielen kleinen „Fröhlich-Seins“ und „Weitermachens“ zusammensetzt. Gleichzeitig mündet dieses Mantra eben nicht in eine vorgegebene „Superform“, sondern legt das Vertrauen in das offene Ergebnis. Insofern zeigt Bayrle nicht nur Bewusstsein dafür, wie sich aus häufig Gesehenem, häufig Gesagtem ganze Weltentwürfe speisen, sondern auch eine Zuversicht.
Fröhlich Sein! Thomas Bayrle Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 10. Mai 2026
guren, die paarweise aneinandergesetzt und zur Allover-Struktur vervielfältigt sind, fügt sich das christliche Motiv der Mutter Gottes mit Sohn.Dass sich die großen Themen und Gesten auf der einen Seite und die beweglich gedachte Kleinteiligkeit auf der anderen in seinen Arbeiten nicht ausschließen, verdankt Bayrle seiner Bildfindungsmethode , die er seit den späten 1960er Jahren perfektionierte: Aus vielen kleinen Bildern von „Accessoires“ der Konsumgesellschaft setzt er übergreifende „Superformen“ – oft Prominente medialer Öffentlichkeiten und Ikonen des Kunstgeschichtskanons – zu großformatigen Grafiken zusammen: eine Lippenstift-Phalanx formiert sich zum Porträt Kim Kardashians; ein Aufmarsch von Schnürschuhen bringt die Gestalt des Papstes hervor; Ausschnitte aus Menschenmengen mit Atemschutzmasken werden zu Adam und Eva, angelehnt an Masaccios Fresko der Vertreibung aus dem Paradies.Die Werke der letzten 20 Jahre: Touchscreen und Autobahn Bayrle, der 1958 bis 1961 an der Werkkunstschule in Offenbach, der heutigen Hochschule für Gestaltung, studierte, absolvierte zuvor eine Lehre als Weber und Musterzeichner in Göppingen. Repetitive Handbewegungen, das Greifen und Tasten, spielen durchgehend eine Hauptrolle in seinem Kosmos, etwa in Motiven des Roboterarms, des Touchscreens und des Rosenkranzes, der als gesprochenes Gebet durch die Ausstellung klingt. Vom Maschinenglauben zur Autoreligion zum Kult der smarten Devices – nicht als einander ablösend, sondern akkumulierend gedacht – führt uns die Ausstellung entlang von Werken Bayrles der letzten 20 Jahre. Wandmeter für Wandmeter überfahren uns die nur scheinbar handlich miniaturisierten Heilsversprechen und Strukturprinzipien, die unseren Alltag lenken. So legt Bayrle in Philip Johnson/The New York Times (2001/2022) das Layoutraster einer Seite der New York Times über das Foto einer modernistischen Hochhausfassade und deutet an, wie die „dritten“ und „vierten“ Häute unserer baulichen und medialen Umwelt Diskurse nicht nur „beherbergen“, sondern formen. Mitten im Raum pulsiert die Projektion Autobahnkreuz (2006). Sie zeigt die immer kleiner gezoomten Ausschnitte von Pkws auf einer Autobahn, die sich in die Umrisse einer Christusfigur fügen. Je kleiner sie werden, desto weniger Motiv und umso mehr Bewegung werden sie, die durch die kreuzenden Straßen wie den Gekreuzigten jagt.Als Bayrle in Offenbach studierte, verfolgte man auch dort ein Konzept der „autogerechten Stadt“ – wenig später wurde 1967 bis 1974 die „zweite Ebene“ gebaut, die den Marktplatz mit Betonbrücken und Ladenflächen überspannte und Autos wie dem Konsum gleichermaßen freie Fahrt bieten sollte. Erst 2021 riss man die letzten Überreste aus Beton, die noch von der gescheiterten Vision zeugten, ab. Wie ein schleppendes Echo wirken in der Ausstellung nun zwei kinetische und klingende Objekte, ein Motor und ein Scheibenwischer, die Avemarias in den Raum senden, sich mit den Maschinengeräuschen zu meditativem Murmeln vermengen.Wo sich leere Displays und der Heilige Matthäus treffenNatürlich ist zu fragen, ob Bayrles Logik der uniformen Massen überhaupt noch als Beschreibung unserer „Gesellschaft der Singularitäten“, wie sie etwa der Soziologe Andreas Reckwitz diagnostizierte, taugt. Unser Lebensrhythmus ist von einer Vernetzung geprägt, die uns in kleinste Partikel von Vorlieben, Ängsten, Bedürfnissen zerlegt, um uns anhand dieser wiederum zu Zielgruppen zu fügen, in der sich jede:r mächtig individuell fühlen darf. So spinnen wir selbst immer neue flexible Fäden im Gewebe durch unser Mediennutzungsverhalten. Insofern verwundert die starke Präsenz des Smartphone-Motivs bei Bayrle kaum. Die Masse der Geräte wird in mehreren großformatigen Drucken zum Schwarm. Die Telefone haben leere Displays, die sich in die größeren Motive, wie der Figur einer Pietà oder des Heiligen Matthäus, fügen, der erwartungsvoll die Ankunft eines Engels begrüßt. Nicht die Bilder, der „Content“ allein, rücken damit in den Fokus, sondern die Schnittstellen, über die wir mit ihnen interagieren.Automatismen bleiben dabei prägend: Die Soziale-Medien-Landschaft bezieht ihren Einfluss aus dem Fluss – dem unendlichen Scrollen von Bild zu Bild. Und auch Bayrles Autobahn ist wie ein „Doomscroll“, ein klassischer „Nicht-Ort“, an dem viele Menschen viel Zeit auf „Durchreise“ verbringen. Man kann auf ihr nicht wenden. Gleichzeitig – und hier ist ein „Ausweg“, die „Abfahrt“ zu suchen – laden uns Bayrles Arbeiten ein, genau hinzusehen: nicht nur angestrengt in eine Richtung, sondern zwischen die Mikro- und Makroebenen.Fröhlich sein und Weitermachen!Die Ausstellungsdisplays aus weiß lackierten Stahlmattenzäunen verstärken die Unruhe inmitten der dichten Hängung der Bilder. Als willkürliches optisches Raster legen sie sich über die Durchsichten im Raum – man sieht die Bayrles nun durch Zaunlücken hindurch –, das den inhaltlich bewussten Setzungen von vorder- und hintergründigen Mustern in den Werken Störgeräusche hinzufügt. Für Wandtexte fehlt im Gedränge der Platz, sodass wir, wiederum mittels Smartphone-Prothese, QR-Code um QR-Code scannen müssen, um mehr zu erfahren.In einem Interview-Zusammenschnitt berichten Künstler:innen, die bei Bayrle an der Städelschule studiert haben, von einer wiederkehrenden Erfahrung. Meist nämlich beendete Bayrle Atelierbesuche mit den Worten, die nun den Titel der Ausstellung liefern: Fröhlich sein! – und außerdem: „Weitermachen!“ Das Prinzip der Wiederholung schlug sich auch in seiner Lehre nieder. Und man könnte behaupten oder hoffen, dass sich eine jede mit Bayrle als Wegbegleiter entstandene Karriere aus vielen kleinen „Fröhlich-Seins“ und „Weitermachens“ zusammensetzt. Gleichzeitig mündet dieses Mantra eben nicht in eine vorgegebene „Superform“, sondern legt das Vertrauen in das offene Ergebnis. Insofern zeigt Bayrle nicht nur Bewusstsein dafür, wie sich aus häufig Gesehenem, häufig Gesagtem ganze Weltentwürfe speisen, sondern auch eine Zuversicht.