Mitten auf dem Campus des Charité-Klinikums in Berlin steht Aydan Uslu, in ihrer Hand hält sie einen Schlüsselbund, daran ist eine Art metallener Ring befestigt. Eine Herzklappe, einst im Herzen eines Menschen. Uslu erzählt, dass sie diese Klappe vor Jahren einem Patienten nach einer Operation abgenommen hat. In der Türkei, sagt sie, sei es unter Pflegerinnen der Herzchirurgie üblich, diese Gegenstände als Erinnerung aufzubewahren. Noch eine andere Tradition setzt Aydan Uslu fort: die Türkei zu verlassen. 61 Jahre nach den ersten „Gastarbeitern“ gehen erneut Tausende Arbeiter*innen ins Ausland.

Bedarf an ausgebildetem Personal gibt es genug: Nicht nur Deutschland leidet unter akutem Fachkräftemangel. Nach Angaben des Internationalen R

Mitten auf dem Campus des Charité-Klinikums in Berlin steht Aydan Uslu, in ihrer Hand hält sie einen Schlüsselbund, daran ist eine Art metallener Ring befestigt. Eine Herzklappe, einst im Herzen eines Menschen. Uslu erzählt, dass sie diese Klappe vor Jahren einem Patienten nach einer Operation abgenommen hat. In der Türkei, sagt sie, sei es unter Pflegerinnen der Herzchirurgie üblich, diese Gegenstände als Erinnerung aufzubewahren. Noch eine andere Tradition setzt Aydan Uslu fort: die Türkei zu verlassen. 61 Jahre nach den ersten „Gastarbeitern“ gehen erneut Tausende Arbeiter*innen ins Ausland.

Bedarf an ausgebildetem Personal gibt es genug: Nicht nur Deutschland leidet unter akutem Fachkräftemangel. Nach Angaben des Internationalen Rates der Krankenpfleger*innen (ICN) wird der Mangel an Pflegekräften in den Industrieländern bis zum Jahr 2030 auf 4,7 Millionen ansteigen. „Deutschland wird 10.000 Krankenschwestern einstellen“, diese Nachricht sah Aydan Uslu eines Abends auf dem Bildschirm ihres Fernsehers flimmern. Schon als kleines Mädchen wollte sie im Ausland arbeiten, erzählt Uslu. Die 33-Jährige sprach daraufhin mit einem Arzt aus ihrem Krankenhaus, einem Chirurgen, der ihr dazu riet: „Geh und rette dein Leben.“

Die Worte des Ärztekollegen klingen dramatisch und haben mit der Arbeitssituation von Pflegepersonal in der Türkei zu tun. Dazu gehören nicht nur lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, hohe Lebenshaltungskosten und Mobbing, sondern Fälle von Gewalt an Pfleger*innen bis hin zu Mord oder Totschlag. Nach einer Umfrage zu Gewalt im türkischen Gesundheitswesen erlebt jeder vierte Beschäftigte hier körperliche Gewalt und sieben von zehn Beschäftigten psychische und verbale Gewalt. Einem Bericht der Republikanischen Volkspartei (CHP) zufolge suchten im Jahr 2020 rund 12.000 Gesundheitsangestellte Hilfe, im Jahr darauf waren es fast 30.000.

Auch für Uslu war es nicht leicht, in der Türkei als Pflegerin zu arbeiten. Ihr Vater, erzählt sie, habe Krankenpflege mit Sexarbeit gleichgesetzt und sprach nicht mehr mit ihr, als er von ihrer Entscheidung erfuhr. Uslu absolvierte dennoch ihre Ausbildung am Krankenhaus von Kocaeli im Nordwesten der Türkei, dann ging sie nach Ankara. Dort begegnete sie den Vorurteilen, die sie in ihrer Familie erlebt hatte, im Arbeitsleben: „Wenn man in der Türkei als Krankenschwester in einem Operationssaal arbeitet, wird man von den Kollegen leider als Person angesehen, die auch die Nacht dort verbringen wird. Das habe ich oft erlebt.“

Sexismus mit Skalpell

Gerüchte, Kritik am Lebensstil, Mobbing – Uslu sagt, sie sei am Arbeitsplatz mehrfach belästigt worden. Beim Sprechen verschränkt sie die Arme vor sich. Sie wählt ihre Worte sorgfältig. Nachdem sie sich über die Belästigung durch einen Chirurgen während der Operation beschwert hatte, mehrten sich die Gerüchte über sie. Uslu fühlte sich noch mehr allein. Eines Nachts nahm sie im Krankenhaus Medikamente: ein Selbstmordversuch. Doch sie überlebte. Und arbeitete weiter. Das Mobbing nahm zu. Und was sie bei der Arbeit erlebte, spiegelte sich auch in ihrem Privatleben wider: Ihre Ehe endete im Jahr 2020. „Ich hatte mich in jemanden verwandelt, der mit niemandem sprach, der alle hasste. Jetzt hatte ich nur noch meine Tochter.“

Als Uslu vor dem Fernseher von der deutschen Pflegekräfte-Suche erfuhr, überlegte sie nicht lange. Im Internet stieß sie auf zahlreiche Beratungsunternehmen für die Auswanderung. Eine Firma in Ankara meldete sich schnell: „Schicken Sie Ihre Dokumente ganz dringend“, sagten sie Uslu. „Es klang, als könne ich schon in wenigen Tagen nach Deutschland gehen.“ Es dauerte dann jedoch 20 Monate, und die Auswanderung war alles andere als problemlos. Uslu wurde von Vermittlungsfirmen betrogen, erzählt sie. So seien zusätzliche Gebühren für Verfahren wie die Übersetzung unnötiger Dokumente und notarielle Beglaubigungen erhoben worden, die Deutschland nicht akzeptiert habe. Einige Unternehmen verlangten Tausende Euro. Diese Beträge entsprechen den Gebühren, die die Menschenhändler von Migrant*innen verlangen, wenn sie Grenzen mit Booten überqueren.

Das Geschäft mit der Auswanderung ist groß, denn die Zahl der Auswandernden ist enorm. Nach Angaben der türkischen Ärztekammer erhielten in den ersten fünf Monaten des Jahres 2022 täglich sieben Ärzt*innen eine Genehmigung für die Arbeit im Ausland. Die genaue Zahl der abwandernden Pflegekräfte ist nicht bekannt, da dieses Dokument für sie nicht erforderlich ist, um das Land zu verlassen. Aus dem Verband der Familiengesundheitsdienste, Gesundheitsbeamten, Rettungssanitäter, Pflegerinnen und Hebammen (İSAHED) hieß es jedoch im Januar 2022, fast 3.000 Hebammen und Pflegerinnen würden sich in Deutsch- und Englischkursen auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten.

Aydan Uslu eröffnete nach ihren schlechten Erfahrungen einen Youtube-Kanal, um zu berichten und zu warnen. Plötzlich schrieben sie Hunderte von Menschen an und baten um Hilfe. Schließlich arbeitete sie sich selbst in das bürokratische Verfahren ein, stellte die erforderlichen Anträge und bekam ihr Visum. Uslu verabschiedete sich von ihrer Tochter, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, und bestieg das Flugzeug. Ende 2021 kam sie in Berlin an.

Sie wurde zunächst einer Abteilung für Gefäßchirurgie zugewiesen und ist froh, dass sie hier nicht mit den Problemen konfrontiert wird, die sie in der Türkei ständig erlebt hat. Gerechtere Arbeitszeiten, höhere Löhne, mehr Respekt vor den Kolleg*innen, so erlebt Aydan Uslu das Arbeitsleben in Deutschland. Dafür gibt es neue Probleme: Erst hatte sie mit Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche zu kämpfen, dann mit der Sprachbarriere und vor allem mit bürokratischen Schwierigkeiten, ihre Tochter nach Deutschland zu holen.

Heute hat Uslu eine Wohnung gefunden, ihr B2-Sprachzertifikat erhalten, und ihre Tochter lebt seit August bei ihr in Berlin. Mit dem Wissen, das sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen erworben hat, begann sie, Beratungen für diejenigen anzubieten, die aus der Türkei kommen wollen: Pfleger, Fachärzte, Chirurg*innen. Und: Die 33-Jährige arbeitet nun wieder in der Herzchirurgie. „Vielleicht mag ich es wegen des Adrenalins, schließlich hält man das Herz an und startet es wieder. Ich mache meine Arbeit sehr gut, und ich mache sie mit Spaß.“ Jetzt ist Uslu hier angekommen: auf dem Campus der Berliner Charité, die Herzklappe eines Patienten in der Hand.

Ali Çelikkan arbeitete als Redakteur für die türkische Zeitung Cumhuriyet und ist seit 2020 freier Journalist



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Von Veritatis

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