Als Stephan Balliet vor drei Jahren in der Synagoge in Halle Juden töten wollte, hielt dort die massive Eingangstür stand, zum Glück, denn von der Polizei war an Jom Kippur weit und breit nichts zu sehen. In seinem Hass ermordete der Mann draußen zwei nichtjüdische Menschen und wurde dafür unlängst zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Medien haben darüber berichtet. Ein Aspekt aber blieb außen vor: die relativ geringe Besucherzahl an jenem Tag. Gott sei Dank, möchte man hinzufügen. Zur Tatzeit hielten sich lediglich 50 Menschen in der Synagoge auf, darunter 25 US-amerikanische Juden, die zu Gast waren. Soweit bekannt, nahmen lediglich 20 Gemeindemitglieder am Gottesdienst teil, dazu noch eine Familie mit Kleinkind. Zur jüdischen Gemeinde in Halle gehörten damals aber 537 Mitglieder. Und Jom Kippur, das Versöhnungsfest, ist der höchste jüdische Feiertag, vergleichbar mit Weihnachten. Und an Heiligabend sind die Kirchen voll mit Leuten, die sonst nie in die Kirche gehen. Stellt sich also die Frage: Wie viele Menschen beten denn in der Synagoge, wenn nicht Jom Kippur ist?

Unlängst hat die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland die aktuelle Mitgliederstatistik veröffentlicht. Bundesweit sind nur noch 91.839 Jüdinnen und Juden in ihren Gemeinden erfasst. Allein in Berlin sank die Mitgliederzahl seit 2010 um 21 Prozent! Und 48 Prozent der jüdischen Menschen hierzulande sind älter als 61 Jahre. Im Jahr 2021 hat es nur 203 Geburten gegeben, gleichzeitig aber 1.759 Sterbefälle! Diese traurige Entwicklung hält schon seit etlichen Jahren an.

Dabei ist kein anderes Land in Europa so sehr mit dem Schicksal des Judentums verbunden. Das Wort „Aschkenasim“, wie sich die Juden in Europa nennen, stammt vom hebräischen „Aschkenas“ (אַשְׁכְּנַז). In der alten rabbinischen Literatur wurde damit das Gebiet der Deutschen bezeichnet. Hier gab es Duldung und Austreibung, Ghetto und Emanzipation, Assimilation und Gleichberechtigung. Und schließlich Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung. Die Hoffnung auf die 200.000 jüdischen Kontingentflüchtlinge, die seit 1990 nach Deutschland eingewandert sind, wurde enttäuscht. In vielen jüdischen Gemeinden heißt es hinter vorgehaltener Hand: „Wir haben Juden erwartet, und es sind Russen gekommen.“ In 20 Jahren wird es, wenn es so weitergeht, in der Bundesrepublik, außer in Städten wie Berlin, München und Frankfurt am Main, kein jüdisches Leben mehr geben.

Karsten Krampitz, gelernter Statistiker, lebt als Schriftsteller und Historiker in Berlin



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Von Veritatis

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