Kreuzberg ist ein Dorf. Das ist zumindest der Eindruck, den Johannes Groschupfs dritter Berlin-Thriller Die Stunde der Hyänen hinterlässt, so oft kreuzen sich die Wege seiner Figuren, vom schüchternen Pyromanen Maurice über die taffe Reporterin Jette bis zu Radek, einem vom Alkoholiker ohne Wohnsitz zum Propheten ohne Gefolgschaft geläuterten ehemaligen Fernfahrer. Nicht zu vergessen die junge, aus einer Roma-Familie stammende Polizistin Romina, die sich gegen die männliche Arroganz im chronisch misogynen Dezernat für Branddelikte behaupten muss. Das notwendige Selbstbewusstsein hat sie.

Jede Nacht brennen Autos, nicht nur Luxuskarossen. Die Stimmung in der Hauptstadt ist im wahrsten Sinne des Wortes aufgeheizt. Doch anders als von den wütenden Anwohnern und der Polizei vermutet, sind weder afrikanische Drogendealer noch linke Aktivistinnen für die Anschläge verantwortlich. Vor diesem Hintergrund lässt Groschupf sein – leicht bizarres – Figurenensemble agieren. Romina hat eine Ahnung, was für ein Typ der Brandstifter sein könnte, aber auch sie ermittelt zunächst in die falsche Richtung und verhaftet zur boshaften Freude ihrer männlichen Kollegen den Falschen. Die Tageszeitungsjournalistin Jette brilliert in ihrem Metier, zeigt sich aber hilflos gegenüber ihrem gewalttätigen Freund Laszlo. Ihr mitfühlendes Porträt macht den schwer verletzten Radek, der nur knapp seinem in Brand gesetzten VW Bulli entkommen ist, für kurze Zeit zum Helden. Nun zieht der „polnische Messias“, ganz in Weiß gekleidet, von Kneipe zu Kneipe, um den saufenden Gästen sein neues Evangelium der Abstinenz zu predigen. Währenddessen kämpft der Täter mit seinen Trieben. Der angehende Postbote Maurice, in eine sittenstrenge, den Zeugen Jehovas vergleichbare Religionsgemeinschaft hineingeboren, ist schüchtern, gehemmt und rettungslos verliebt in Britta, die ebenfalls zur Gemeinde gehört. Eine normale Beziehung scheint unmöglich. Sexuelle Befriedigung findet er nur im Angesicht lodernder Flammen.

Jede Menge Erzählstoff also, den Johannes Groschupf souverän zu einem verzweigten Plot arrangiert hat. Groschupf, der jahrelang als Reisejournalist arbeitete, bevor er sich mit seinen Romanen Berlin Prepper (2020) und Berlin Heat (2021) ins Spitzenfeld der deutschsprachigen Spannungsliteratur schrieb, ist ein exzellenter Handwerker. In Die Stunde der Hyänen erzählt er auktorial, aber multiperspektivisch, und man ist, von einer Ausnahme abgesehen, lesend besser im Bilde als das handelnde Personal. Der Stil ist metaphernarm und, dem unerhörten Geschehen angemessen, funktional bis unterkühlt. Obwohl es ständig brennt.

Das mindert die Spannung keineswegs, denn der Autor versteht sich nicht nur auf die Regeln des Genres, sondern auch auf das Spiel mit traditionellen literarischen Motiven. Also entpuppt sich die Rettung der verfolgten Unschuld als Täuschungsmanöver, aus dem tumben Tor wird kein strahlender ritterlicher Held, und ein Saulus verwandelt sich nur vorübergehend in einen Paulus. Die Erlösung aus dem irdischen Jammertal bleibt ein frommer Wunsch, gerade für die Gläubigen. Wer angesichts dessen wenigstens poetische Gerechtigkeit erwartet, wird im Epilog entschädigt, auch wenn das angedeutete Happy End nicht wirklich zuversichtlich stimmen mag. Und das ist nur folgerichtig. Schließlich ist die geschilderte Gewalt, ob sie von Wutbürgern, religiösen Fanatikern oder einem in seiner männlichen Eitelkeit gekränkten Möchtegern-Schriftsteller ausgeht, ebenso allgegenwärtig wie real, während die Genugtuung, die man empfindet, wenn ebendieser eitle Frauenprügler seine wohlverdiente Abreibung bekommt, nur kurz währt. So bleibt Die Stunde der Hyänen ein böses Märchen.

Die Stunde der Hyänen. Thriller Johannes Groschupf Suhrkamp 2022, 269 S., 16 €



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Von Veritatis

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