Bürger in dem mittelitalienischen Dorf Greccio schlüpfen in historische Gewänder.Foto: Paolo TOSTI/AFP via Getty Images

Zu später Stunde, am Abend des 24. Dezember, wird wieder das lebendige, bewegte Bild der Heiligen Nacht im kleinen italienischen Städtchen Greccio erstehen.

Nur Ochs und Esel proben nicht.

Für alle anderen laufen im italienischen Städtchen Greccio die Vorbereitungen auf Hochtouren: Viele der 1.500 Grecciani, Jung und Alt, sind wieder mit dabei. Sie holen die Requisiten hervor und schlüpfen in die Gewänder, die nach historischen Vorlagen angefertigt wurden. Sie fiebern wieder dem Abend der Premiere entgegen. Eine Premiere, die sich in den Sabiner Bergen auf der felsigen Anhöhe der Stadt über dem Tal des Flüsschens Velino alljährlich wiederholt.

Nacht der Nächte

Zu später Stunde, am Abend des 24. Dezember, wird wieder das lebendige, bewegte Bild der Heiligen Nacht erstehen – so wie es sich nach den Berichten der Evangelisten vor über 2.000 Jahren in Betlehem zugetragen hat, als Jesus Christus in einer ärmlichen, als Stall genutzten Felsengrotte zur Welt kam.

In das Weihnachtskrippenspiel von Greccio fließen jedoch auch Szenen aus dem Mittelalter ein. Denn hier in den Sabiner Bergen entstand im Jahr 1223 nach der Stunde Null von Betlehem der Wunsch, das bewegende, umwälzende Ereignis der Geburt Christi den Menschen lebhaft vor Augen zu führen. Niemand anderes als Franz von Assisi, bereits zu Lebzeiten als heiliger Mann hochverehrt, war vor nun fast 800 Jahren der Urheber dieser Idee. Kaum eine andere Lebensgeschichte des Mittelalters ist mit ihren Wendungen und Begebenheiten durch Quellen und Zeitzeugenaussagen besser belegt als die dieses demütigen und wirkmächtigen Mannes.

Auf einer seiner meist zu Fuß zurückgelegten Wegstrecken durch Mittelitalien hatten die Hügel des Latium, ganz besonders die felsige Umgebung und Architektur des Städtchens Greccio, in Franziskus lebhafte Erinnerungen an die Landschaften und biblischen Stätten wachgerufen, zu denen ihn seine Pilgerreise nach Palästina nur wenige Jahre zuvor geführt hatte.

Im Jahr 1219 war Franz von Assisi inmitten kriegerischer Auseinandersetzungen ins Heilige Land gekommen in der Hoffnung, Frieden stiften zu können. Obwohl es als undenkbar, verrückt und lebensgefährlich galt, als Christ zum Sultan vorgelassen werden zu wollen, kam es zur berühmten Begegnung zwischen dem armen Bettelmönch und dem Führer des muslimischen Heeres.

Die innige Hoffnung von Franziskus, sein Glaubenszeugnis könne beim Sultan Al-Kamil die Liebe zu Jesus Christus entzünden und damit jeder Fortsetzung des Kreuzzugs den Boden entziehen, erfüllte sich jedoch nicht. Die Attacken der Kreuzritter gingen unvermindert weiter. Von den Strapazen der Reise und von Krankheit gezeichnet, kehrte Franziskus nach Italien zurück. Doch Enttäuschung und Leid konnten ihn nicht entmutigen. Seit sein eigenes Leben im Jahr 1205 eine radikale Wendung genommen hatte, war es trotz Spott, Anfeindung und Entbehrung von unerschütterlichem Gottvertrauen und Wagemut geprägt.

Bettelarm und tatkräftig

Mit 24 Jahren war sein Entschluss gefallen, sein luxuriöses, vergnügungssüchtiges Leben hinter sich zu lassen und in bedingungsloser Nachfolge Christi in Armut und Gebet zu leben. Wenig später vernahm er unter dem Bildkreuz der verlassenen Kirchenruine von San Damiano bei Assisi eine Stimme und entschied sich, ihrer eindringlichen Bitte zu folgen: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar zu verfallen droht“.

Von diesem Zeitpunkt an war Franz von Assisi vom Wiederaufbau der Kirche beseelt – im direkten wie im übertragenen Sinne. So entsprang auch sein Wunsch, die lebhafte Freude am Wunder der Heiligen Nacht und des Glaubens wieder zu wecken, einem lebenslangen Ziel.

Die Nacht von Greccio

In Giovanni Velita dem Burgherrn von Greccio findet Franziskus einen hilfreichen Freund und Unterstützer. Gemeinsam ebnen sie der ersten lebendigen Weihnachtskrippe der Weltgeschichte den Weg und treffen alle nötigen Vorbereitungen. So kommt es, dass sich in der Nacht des 24. Dezember 1223 die Bewohner Greccios zu Menschen des biblischen Betlehem verwandeln. Im Schein ihrer Fackeln ziehen sie zu einer Felsnische, in der eine Figur des Jesuskindes auf das Stroh einer Krippe gelegt wird, umrahmt von einer jungen Frau und einem älteren Mann, die Maria und Josef darstellen. Wie in frühchristlichen Bilddarstellungen sind auch Ochs und Esel zugegen und betrachten die Ereignisse mit großen Augen.

Gemeinsam mit Franz von Assisi beugen die Menschen in dieser Nacht ihre Knie vor der Jesusfigur und beten sie an. Die Überlieferung erzählt, dass in diesen Augenblicken tiefer Stille die Figur des Kindes zum Leben erwacht und lächelt. Die Erzählung von der Innigkeit und Schönheit der Heiligen Nacht von Greccio verbreitet sich weit über die Grenzen des Latiums hinaus.

Tapfer und wirkmächtig

Nur drei Jahre später stirbt Franz von Assisi krank und blind in der Portiuncula-Kapelle, unterhalb seiner Geburtsstadt.

Auf seinen Wunsch hin wird für den Sterbenden der „Lobgesang aller Geschöpfe“, der „Sonnengesang“ gebetet und das Evangelium von Leid und Tod Jesu vorgelesen. Bereits zwei Jahre später wird der Bettelmönch, dessen Verehrung im Volk groß und beständig blieb, heiliggesprochen.

Der von ihm gegründete Orden der Minderbrüder, auch Franziskaner genannt, blüht und gedeiht. Wie sein Gründer verpflichten sich die Mitglieder des Ordens zu Armut und bedingungsloser Hinwendung zum Schöpfer und seinen Geschöpfen, Kranke zu pflegen und Arme zu speisen.

Und auch die erste lebendige Weihnachtskrippe von Greccio war der Beginn einer großen, unvorhersehbaren Erfolgsgeschichte. Nikolaus IV., der erste Franziskaner, der zum Papst gewählt wird, gibt 1292 in Erinnerung an die Krippe von Greccio die erste figürliche Krippe für die römische Kirche Santa Maria Maggiore in Auftrag. Der Architekt und Bildhauer Arnolfo di Cambio modelliert sie aus Alabaster.

Durch Orden und Klöster verbreiten sich die Ideen der lebendigen und figürlichen Weihnachtskrippen weit über Greccio und Rom hinaus. Zuerst in Italien, dann im 16. Jahrhundert über Prag weiter in den deutschsprachigen Raum. Zu Beginn in Kirchen beheimatet, ziehen Krippen im 19. Jahrhundert schließlich auch in die Häuser der Bürger ein. Unter Christbäumen finden sich seitdem alle Jahre wieder kleine Landschaften mit Felsengrotten oder alpenländischen Ställen, die von biblischen Figuren bevölkert werden.



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Von Veritatis

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