A–Z Wenn das Blut kocht, ist es eine Kunst, gelassen auszusehen. Für Opfer der Sklaverei war Coolness überlebenswichtig, dann entdeckte der Jazz, wie man kühl spielt, ohne kalt zu sein. Karat sang von „Blumen aus Eis“. Und: War Rauchen je cool?


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Ausgabe 51/2022

High Five: Cool oder eher cringe?

High Five: Cool oder eher cringe?

Foto: Philotheus Nisch/Connected Archives

A

Afroamerika Cool ist gerade in den USA ein Allerweltswort, fest in den Alltag integriert, mit diversen Assoziationen verbunden. Dabei hat die Coolness hier auch eine gesellschafts- wie kulturpolitische Komponente. Denn oft wird die Coolness gerade Afroamerikaner:innen und People of Colour (nicht selten auf stereotype Weise) zugeschrieben. Doch diese Haltung der Abgeklärtheit, zuweilen auch als „brothercool“ bezeichnet, ist in den USA immer auch geschichtlich zu betrachten. In einem Land, das von Rassismus und Sklaverei geprägt ist, war es Überlebensstrategie, sich nach außen hin ungerührt zu geben – auch im Angesicht größten Unrechts. Wer von der Gesellschaft qua Hautfarbe zur Gefahr erklärt wird, schützt sich mit Selbstbeherrschung. Von diesen Erfahrungen hat auch Barack Obama berichtet. Da passt es, dass er als der „coole“ Präsident (Urvater) wahrgenommen wurde. Benjamin Knödler

B

Blumen aus Eis Einen Anflug von Wehmut auskosten – die DDR-Rock- und Pop-Musik der 70er- und 80er-Jahre gibt sich dem gern hin, wenn sie Mut und Muße dazu hat. Oft sind die Texte der Bands voller Poesie und Metaphern. Bei den Puhdys klingt das stets griffig (Lass deinen Drachen steigen), bei Manfred Krug nach Manfred Krug, da er selbst dichtet, was er vorträgt. Bei der Gruppe Karat nach dem Versuch, in Sound und Sprache hauchzart zu sein. Was 1982 mit der LP Der blaue Planet auch gelingt. Titel wie Jede Stunde begeistern, vor allem Blumen aus Eis, geschrieben von Norbert Kaiser für Bandleader Herbert Dreilich, der in sich versinkt, als er singt: „Sie suchte keinen Traum für einen Augenblick / Was sie nicht ertrug / Das waren ihre Tränen / Sie waren so wie Blumen aus Eis.“ Und was ergreift mehr, als im Rausch des Begehrens um seine Vergänglichkeit zu wissen? „Sie wollte Liebe, wollte Liebe bis zum Ende / Und sie war still und schön wie Blumen aus Eis.“ Von denen man weiß, dass sie schmelzen. Lutz Herden

C

Cool Jazz Nach dem hektischen Bebop der 1940er-Jahre wurden die 50er von einem stark verlangsamten Jazz geprägt, der manchen ersten Hörer:innen emotionslos erschien. Doch wie ein Jazzhistoriker schrieb: „Das Problem war, kühl zu spielen, ohne kalt zu sein.“ Zu den Anfängen des Cool Jazz gehört Miles Davis’ Trompetensolo in Chasin’ the Bird (1947), das ist noch schnelle Musik im Quintett Charlie Parkers, der Zentralfigur des Bebop, eine neue Ausgeglichenheit teilt sich aber mit. Miles Davis (1926 – 1991) sollte der große Protagonist des Cool Jazz werden. Doch erst ein Aufenthalt in der Hauptstadt des Existenzialismus am Ende des Jahrzehnts wurde für seinen Stil entscheidend: Paris, wo er sich in Juliette Gréco verliebte, „sollte meinen Blick auf das Leben für immer verändern“. 1958 schrieb er die Filmmusik für Louis Malles Fahrstuhl zum Schafott. Malle sagte, die Musik, während der man Jeanne Moreau durch die Stadt irren sieht (Florence sur les Champs-Élysées), wirke „irgendwie losgelöst“, und ein englischer Jazzkritiker ergänzte, sie prüfe gleichsam „das Phänomen der Einsamkeit“ ( Blumen aus Eis). Ohne zu verstehen, doch mit Empathie versetzt sie sich in einen Menschen, der nicht mehr zu wissen scheint, warum es ihn überhaupt gibt. Michael Jäger

EEishockey Ich schwitze, wenn ich im Eisstadion stehe. Fankurve, Stehplatz, Curt-Frenzel-Stadion Augsburg, bis vor zehn Jahren war das der letzte Standort der höchsten deutschen Eishockey-Spielklasse ohne geschlossene Halle – und dadurch der mit dem kältesten Spielfeld, ein spürbarer Heimvorteil: Auswärtsmannschaften, die von zu Hause in Köln, Mannheim oder Berlin ihre beheizten und klimatisierten Entertainment-Arenen gewohnt waren, froren sich in Augsburg den Allerwertesten ab. Auf den Rängen schneite, hagelte oder windete es einem freitagabends bei Heimspielen an drei offenen Seiten in den Nacken. Vom eisgekühlten Bommerlunder wurde immerhin nur gesungen. Heute ist das „Curt-Frenzel“ immer noch keine Wohlfühl-Arena, aber modernisiert, eingehaust, klimatisiert und so warm, dass man beim Singen schwitzt. Sebastian PuschnerKKūru Japan Neonschilder, innovative Technologie, Cyberpunk-Anime, avantgardistische Mode (➝ Sonnenbrille), minimalistische Architektur, effiziente Verkehrssysteme … Die Liste lässt sich beliebig verlängern und nur einen Schluss zu: Japan ist cool. Kein Wunder, dass das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie „Kūru Japan“ (Cool Japan) international vermarktet. Coolness: die kulturelle Soft Power der Nation. Doch im Land gilt etwas anderes: „Kawaii“ soll es sein, möglichst niedlich. Gerade das macht Japan so verdammt cool. Alina SahaOObercool Die Obercoolen schlenzen sich durch Raum und Zeit mit einem unerklärlich variantenreichen Reportoire an Lässigkeit und es gibt fast immer jemanden, der sich unauffällig ein Leben lang an ihre Fersen heftet mit der Frage: Was ist das Geheimnis dieser Coolness? Seinen heimlichen Schatten darf der Obercoole natürlich niemals bemerken (➝ Peinlich). Zart beschreibt Hans-Ulrich Treichel so eine Konstellation in seinem Roman Schöner denn je (Suhrkamp 2022). Der Romanheld bewundert schon immer seinen alten Schulfreund Erik, im Berlin der 80er treffen sie sich wieder. Andreas ist in der Lehrerfortbildung gelandet. Erik ist ein gefragter Filmarchitekt geworden. Birgt seine erwachsene Coolness etwa ein trauriges Geheimnis? Katharina SchmitzPlaceholder infobox-1PPeinlich Andreas Baader oder Michel Foucault, ob in Lederjacke oder am Steuer eines Sportwagens: Coolness ist sehr männlich. Abgeklärt über den Dingen stehen, sich nicht beirren lassen, sowas. Doch was genau cool ist, ändert sich laufend, und so droht man (!) stets, auf dem schmalen Grat zwischen Coolness und Peinlichkeit abzurutschen. Porsche zum Beispiel: 911, cool; Cayenne, sehr uncool. Offenes Hemd: lange uncool, langsam wieder cool. Gleichzeitig liegt gerade in der Transgression, der starken Setzung als Selbst, ein cooler Akt, sodass Peinliches cool gemacht werden kann. Das Goldkettchen zum offenen Hemd oder auch, peinlich aktuell: der Schnurrbart. Der Mann an sich ist eher eine peinliche Erscheinung, die stets in einem dialektischen Verhältnis zur Coolness steht. Die Alternative dazu wäre schließlich, Gott bewahre: Verweichlichung, Effemination. Wobei ausgerechnet der manchen als peinlich geltende Herbert Grönemeyer ➝ obercool die weichen Seiten der Männer besungen hat. Leander F. BaduraSSonnenbrille Auch wenn das Lieblingsaccessoire der Promis und Großstadtmenschen schon fast 100 Jahre auf dem Buckel hat, schenkt es einem uninteressanten Gesicht das gewisse Etwas. Denken sie sich mal Heino, Anna Wintour oder den Glamour-Rapper Apache kurz ohne das Nasengestell. Na? Tja. In ihrem Buch Cool Shades. The History and Meaning of Sunglasses schreibt die Forscherin Vanessa Brown von der Nottingham Trent University, dass die Sonnenbrille die asymmetrischen Bereiche rund um die Augen verdeckt, sodass die verbleibenden Gesichtspartien symmetrisch wirken und attraktiver erscheinen. Neben Look und Sonnenschutz kann sie dem Tragenden auch helfen, anonym zu bleiben. Obwohl, im Fall von Carrie Ann Moss, der Trinity aus Matrix, klappte das nicht ganz: „Seit Matrix kann ich keine Sonnenbrillen mehr tragen. Sobald ich eine anziehe, erkennen mich die Leute.“ Im Film trägt Moss als Trinity schwarzen Lacklook – und jenes Modell, das zur Ikone wurde: Die „Matrix Classic Style Trinity Sonnenbrille“: Heißer Scheiß! Ebru Taşdemir UUrvater Er selbst hätte wahrscheinlich von Gelassenheit gesprochen, mit moderner Sprache hatte er es nicht so. Aber wenn es jemanden gegeben hat, der Coolness im deutschen Politikbetrieb als Marke etabliert hat, dann war das Helmut Schmidt. So etwas wie seinem Nachfolger Helmut Kohl wäre ihm nie passiert. Der stürmte bei einem Besuch in Halle wie ein zorniger Elefant auf Demonstranten zu, weil sie ihn mit Eiern beworfen hatten. Schmidt dagegen blieb immer gelassen, mochte die Krise noch so schwer sein: Elbhochwasser, RAF-Terror, Weltwirtschaftskrise, Nachrüstungsdebatte, seine Contenance war so bretthart wie sein Scheitel.Manche reizte das bis zur Weißglut, und das war wahrscheinlich auch die Absicht dahinter. Während seiner Reden ließ er die Zuhörer mit seinen unnachahmlichen Kunstpausen immer auf das nächste Wort warten (➝ Zigarette), auch das war recht lässig und sicherte ihm stets ungeteilte Aufmerksamkeit. Nur einmal flippte auch Helmut Schmidt aus: Als er 1982 in der Debatte um das konstruktive Misstrauensvotum gegen ihn am Pult immer wieder von CDU-Abgeordneten unterbrochen wurde, schnauzte er: „Noch habe ich hier das Sagen!“ Er erhob dabei nicht seine Stimme, wie es wohl jeder andere in so einer Situation gemacht hätte. Schmidt behielt seinen souveränen Tonfall bei, drehte allerdings die Lautstärke extrem hoch. Natürlich nur ein paar Sätze lang. Anschließend war er wieder die Ruhe selbst. Philip GrassmannWWeimarer Republik Den Hut tief in die Stirn gezogen, das Kinn vorgereckt, kehrt der soldatische Mann in ziviler Verkleidung aus dem Ersten Weltkrieg zurück, als ginge ihn dieser gar nichts mehr an. Die Söhne haben ihre Schreib-Bajonette gegen die abgehalfterten Väter erhoben, um der Weimarer Republik neue, „coole“ Verhaltensnormen aufzudrücken. „Was für ein Ding ist der Mensch?“, fragen sie und inszenieren sich als Kälte-Maschinen, sachlich im Habitus, angetrieben von virilen Fantasien und zutiefst wehleidig, wenn ihnen etwas – oder sagen wir: Weibliches – auf den Leib rückt. Denn nichts fürchten diese überforderten Freaks mehr als Frauen, die ihre sachliche Selbststilisierung übernehmen, den Spieß umdrehen und sich womöglich sogar als cooler erweisen. Wobei hier natürlich nur von einem literarischen Experimentierfeld die Rede ist, auf dem die extremen Kältezonen ausgetestet wurden. Die „neue Frau“ war mehr Mythos als Realität, ein ikonografisches Übergangsgeschöpf.Ulrike BaureithelZZigarette Als ich 13 war, da stand ich das erste Mal mit einer Packung Kenton Blau unter der Kastanie vor unserem Hauseingang – und zündete mir eine an. Ich hatte die Kippen aus unserer Kaufhalle. Sie schmeckten scheußlich. Très français, dachte ich und hielt den Kopf etwas schief. Mein Bruder schaute vom Balkon im 7. Stock zu mir runter. Als ich wieder oben war, riss er die Tür auf: „Du sahst sowas von uncool aus! Hast du doch gar nicht nötig“, rief er genervt. Viele Jahre später hörte ich auf, grandiose Leistung! Vor zwei Jahren, mein Bruder saß auf meinem Balkon, zog er plötzlich eine American-Spirit-Schachtel aus der Jacke und steckte sich genüsslich eine Zigarette an. Spätzünder, dachte ich. Maxi Leinkauf



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Von Veritatis

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