Eine beeindruckende Retrospektive des Werks der DDR-Künstlerin mit spanischen Wurzeln ist derzeit in Frankfurt/Oder zu sehen.

Kunst.

Man kann sich der Magie ihrer Bilder nicht entziehen: Die Menschen, Frauen wie Männer, mit den großen, gleichermaßen zupackenden wie bittenden Händen, den markanten Köpfen, in deren manchmal nur angedeuteten Augen, Mündern sich all die Hoffnung, Verzweiflung, die Sehnsüchte und Enttäuschungen des 20. wie des beginnenden 21. Jahrhunderts spiegeln. Doch immer wieder auch das Glück des Begreifens, des gegenseitigen Helfens, des Überstehens.

Ein Leuchten statt Glitzern

Núria Quevedos Grafiken und Gemälde glitzern nicht verführerisch, wirken auf den ersten Blick sogar oft dunkel. Und doch wohnt ihnen ein Leuchten inne, das sich gegen die Dunkelheit erst durchsetzen muss und das die Kraft dafür auch in sich trägt. Die Ausstellung “Der Weg entsteht beim Gehen” im Brandenburgischen Museum für moderne Kunst in Frankfurt/Oder zeigt den Weg, den die spanische Künstlerin seit den 1960er-Jahren bis heute gegangen ist und geht. In der DDR gehörte Núria Quevedo zu den bekanntesten Malerinnen, Grafikerinnen und vor allem Illustratorinnen. Nach der Wende geriet sie – wie so viele Künstlerinnen und Künstler, die in der DDR lebten – in Vergessenheit. Nun erfährt sie mit der Retrospektive in Frankfurt ebenso eine Ehrung wie mit dem Kunstpreis zu Ehren von Karl Schmidt-Rottluff, den sie in diesem Jahr erhält.

“In ihren Bildern spiegeln sich auf beeindruckende, atemberaubende Weise die großen europäischen Themen des vergangenen Jahrhunderts”, wird Volker Zschäckel, Leiter der Galerie am Sachsenplatz Leipzig, als Juryvorsitzender in einer Mitteilung der Chemnitzer Stiftung zu Ehren von Karl Schmidt-Rottluff zitiert: “Krieg, Migration, die Entwurzelung durch den Heimatverlust, das Ankommen und die Einsamkeit in einer neuen Gesellschaft – vieles davon ist für Núria Quevedo gleichermaßen biografisches Erlebnis wie künstlerische Reflektion.” Der Jury hatten außerdem der Maler, Grafiker und Bildhauer Michael Morgner, zugleich erster Preisträger der Chemnitzer Stiftung, die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, Ulrike Kremeier, zudem Erik Stephan, Direktor der Städtischen Museen Jena, und Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) angehört.

Abschiede und Ankünfte

“Der Tag wird schon kommen; nimm deine Seele und geh!” Wie es in dem Gedicht “Die Unglückseligen” des peruanischen Schriftstellers César Vallejo heißt, dessen Verse die Spanierin auch illustrierte, musste Nuria Quevedo eines Tages ihre Seele nehmen und gehen. Sie war noch nicht einmal ein Jahr alt, als ihre Eltern Anfang 1939 Francos Spanien verlassen mussten. Es folgen unstete Jahre. Um des Überlebens willen tut die Familie Quevedo merkwürdige Dinge, lebt in Feindesland, hat Heimweh und keine Heimat. 1952 schließlich reist Núria Quevedo mit Mutter, Schwester und falschen Papieren in die DDR, nach Berlin, aus, wo der Vater noch immer lebt. Über ihre Ankunft dort blickte sie im Gespräch mit der “Freien Presse” zurück: “Wir kamen 1952, mein Vater war in der DDR, nachdem er erst in Frankreich in einem – damals sagten sie – Konzentrationslager gewesen ist und es ging ihm sehr schlecht. Nach dem Ende des Weltkrieges 1945 ist er in Friedrichshain geblieben, also im russischen Sektor. Mein Vater hatte immer gehofft, dass Franco und auch Mussolini abtreten, aber die Amerikaner kamen dazwischen und haben Franco unterstützt. Und als klar war, dass das nichts wird und er nicht zurückkehren kann, hat meine Mutter sehr darum gebeten, die Familie wieder zusammen zu bringen. Mein Vater wollte aber nicht zurück nach Frankreich und so sind wir 1952 nach Berlin gekommen. Es war ein sehr tragisches Berlin, das ich erlebte im Kontrast zu Barcelona.” Sie habe sich sehr fremd gefühlt, “es war ein Albtraum … Es hing auch damit zusammen, dass die Ehe meiner Eltern natürlich zerbrochen ist, was sehr dramatisch, aber auch zu erwarten war.”

Doch sie hat sich als Künstlerin durchgesetzt, war in der DDR so anerkannt wie unangepasst. Sie hat ein zutiefst menschliches, berührendes Werk geschaffen. 2004 sagte sie im auch als Buch veröffentlichten Gespräch mit der Übersetzerin Mercedes Alvares: “Wir haben diese Augenblicke der Liebe erlebt, der Verzweiflung, der Freude und der Trauer, des Krieges, der Einsamkeit. Am Ende haben wir alle dasselbe Leben gelebt.” Sie ist eine würdige Preisträgerin zu Ehren Schmidt-Rottluffs, zumal sich eines ihrer Hauptwerke, “30 Jahre Exil”, im Besitz der Kunstsammlungen Chemnitz befindet.

Die Ausstellung “Der Weg entsteht beim Gehen” mit Arbeiten von Núria Quevedo ist bis 12. Februar im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst/Rathaushalle zu sehen; geöffnet dienstags bis sonntags, 11 bis 17 Uhr. » www.blmk.de



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Von Veritatis

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