Es begab sich zu einer Zeit, in der die Tage kürzer wurden und die Sonne überlegte, ob sie hinter den Wolken hervortreten wollte, dass ich zu meinen Gefährten Horst in die Kachelofenfabrik nach Neustrelitz ging, um ihn mitzuteilen, dass ich zu meinem Genossen Frederick fahren würde, um Sonnenstrahlen für ihn und meinem Freund Dominik zu besorgen. Statt mir einen Vogel zu zeigen, fragte er mich: Warum? Ich erklärte ihm, dass ich hoffen würde, dass das strahlende Licht all seine Vorhaben in eine erfolgreiche Geschichte münden lassen würden und dass sie meinem Freund Dominik endlich erhellende Nachrichten aus dem Erzbistum Köln bescheren würden. Horst lud mich auf ein frisch gezapftes Pils ein und wollte dabei wissen, ob mir in meiner Vergangenheit die Sonnenstrahlen geholfen hätten.

Ich erzählte ihm: In meinen dunkelsten Jahren tauschte ich am ersten Januar mit Frederick fünfundzwanzig Sonnenstrahlen gegen meine Geschichten. Fünf davon musste ich schon am Anfang des Jahres einlösen, als mich ein schreiender Chef aus der Firma schmiss. Er beschimpfte mich als Außenseiter, der mit seinem Verhalten nie dazugehören würde, sagte, ich würde absichtlich anders als die anderen herumlaufen und dass aus mir eh nichts werden würde. Und wann ich mich endlich zusammenreißen würde und zur Besinnung kommen würde. Die Sonnenstrahlen schwebten zwischen meinem Chef und mir, sodass keine seiner Verletzungen meine Seele berühren konnte.

Um die Besinnung zu finden, ging ich an Heiligabend in die Messe, wohl wissend, dass alle meinen Gott verachteten, weil er der Einzige war, der zu mir hielt. In der Kirche ermahnte ich einen blonden alternden Jüngling, seine Zigarette nicht am Taufbecken abzuaschen. Er beschimpfte mich als konservativen, deutschen Spießer und weiteres, während ich mich an rassistische Kontrollen und hämische Bemerkungen über mein Aussehen erinnerte. Ich ließ fünf Sonnenstrahlen in der Kirche und fragte mich, wann die Welt sich eigentlich ins Absurde gedreht hatte?

Sonnenstrahlen gegen die kapitalistische Besinnung

Frederick versteckte meine Geschichten, weil niemand meine Sprache verstand, während sie mich weiter zur Besinnung bringen und mich, frei nach Marx, doch zu einer nützlichen Schraube im kapitalistischen System machen wollten. Sie übersahen, dass eine Schraube doch eine Mutter braucht und ich mutterseelenallein ohne sie und schützenden Vater aufgewachsen war. Vierzehn Sonnenstrahlen kosteten mich all ihre Maßnahmen, in die sie mich steckten, um diese unbeschadet zu überstehen.

Das Jahr neigte sich dem Ende und ich hätte nie wieder Fuß gefasst und mich an nichts mehr erfreut, hätte nicht der letzte Sonnenstrahl von Frederik mich zur Besinnung und damit zu meiner Bestimmung gebracht. Derweil verließen mich meine letzten Wegfährten und kehrten zurück, ohne eine Spur eines für mich zu findenden Gebetes zu legen. Wenn ich nächstes Jahr Frederick besuche, werde ich meine Geschichten gegen bunte Farben bei ihm tauschen. In Deutschland gibt es nur noch schwarz und weiß. Man muss sich immer für eine Seite entscheiden. Ich stelle mich mit meinen bunten Farben dazwischen.

Derweil frage ich Dich:

Was macht die Stille, wenn sie niemand hört?
Wann und mit welchen Worten verließ Dich ein treuer Gefährte?
Wie viele Sonnenstrahlen wirst Du gegen etwas bei Frederick eintauschen?
Mit welchem Gebet hast Du Gott verlassen.
Was unternimmt die Besinnung, wenn sie keiner findet?
Wer heilt das Wort, das gebrochen wurde und wem vertraut Deine Hoffnung?

Mirijam Günter, Schriftstellerin und Publizistin, bietet seit mehr als zehn Jahren Literaturwerkstätten für benachteiligte junge Menschen an.



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Von Veritatis

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