Neulich traf ich im Zug die wahrhaftige Nachfolgerin von Mary Poppins, und das kam so: Ich stand mit krakeelenden Bahngästen, die die Bahn für alles verdammten, was in ihrem eigenen Leben schieflief, auf dem Bahnsteig in Hamburg. Der gesamte Zugverkehr im Norden Deutschlands war ausgefallen und eigentlich war nur klar, dass wir irgendwann wegkommen würden. Wie und wann, wusste niemand.

Aber das Wunder geschah und der Zug raste ein, mit ordentlicher Verspätung zwar, aber immerhin. Alles drückte und drängelte sich in die Bahn, als ob es kein Morgen gäbe. Alte Mütterchen mit vielen Tüten wurden einfach weggedrückt und nach hinten geschoben, Kinderwagen samt schiebenden Eltern hatten keine Chance, sich gegen den Andrang (es waren leider meist Männer) zu stemmen. Zu meinem Glück kriegte ich doch noch einen Fuß in die Tür und stand im Bordbistro. Prima, dachte ich, ein alkoholfreies Bier gegen die schlechte Stimmung könnte ich jetzt echt gebrauchen. Die Strecke Hamburg–Berlin dauert anderthalb Stunden. Und die konnte ich auch am Stehtisch verbringen – in der Hoffnung, dass sich ein altes Mütterchen auf meinen reservierten Sitzplatz gekämpft hatte.

Das größere Glück war es allerdings, der ebenso resoluten wie freundlichen Bahnbistro-Mitarbeiterin bei ihrer Arbeit zuzugucken. Ausnahmslos jedem, der es wagte, ohne Maske im Bistro aufzutauchen, rief sie ein „Maske auf, auch über die Nase“ entgegen.

Viele kamen wieder, mit der Maske über der Nase, bestellten und gingen. Oft mit leeren Händen. Warmes gab es nichts mehr außer Kaffee aus der Thermoskanne. Und dann noch Chips, ein paar Schokoriegel und eben Bier, Wasser, Wein. Fast wie auf einer Vernissage. Mir fing das Ganze an, Spaß zu machen. Wenn die Gäste auch nur einen Hauch von Missmut zum Ausdruck bringen wollten, war sie schneller. „Bitte beschweren Sie sich nicht bei mir. Ich bin auch schon seit Stunden auf den Beinen und habe alles miterlebt“, flötete sie beim kleinsten Hauch von Kritik, während sie das Bier aus dem Kühlschrank holte. Ihr grauer Pferdeschwanz wippte bei ihren Worten, die blitzenden Augen über der Maske verrieten nicht, ob das nun Angriffslust war oder einfach schierer Überlebenswille. Als kaum noch Gäste kamen – wir waren schon fast in Berlin –, kamen wir ins Gespräch, weil ich meine Beobachtungen über die stinkigen Gäste (es waren leider meist Männer) mit ihr teilte.

Ich hatte mir zum Zeitvertreib eine kleine Strichliste angefertigt: Ich versuchte zu erraten, ob der nächste Gast muffelig werden würde oder freundlich bleiben. Meine Statistik sah so aus, dass von 52 Gästen 38 ihre Launen an Frau R. ausließen. Oder es versuchten. Denn es war – man kann es nicht anders sagen – superkalifragilistikexpialigetisch, wie Frau R. die schlechte Laune wieder und wieder im Keim erstickte.

Sie erzählte mir später, dass sie schon seit etlichen Jahren bei der Bahn arbeite und ihren ganz eigenen Umgang mit dem missmutigem Volk gefunden hatte. Am liebsten waren ihr die, die sich auf die Bahnmitarbeiter*innen stürzten, um sich ihren Hass auf die Bahn von der Seele, pardon, zu kotzen. Neee, da hatte Frau R. schon ihren rasanten Charme angeschmissen und müffelte kurz zurück. Gleich darauf war sie dann wie verwandelt. Denn zu freundlichen Leuten war sie im Beisein von grimmigen Leuten noch netter und lud sogar, trotz der wackligen Stromversorgung, ein Handy am Bistroschalter auf, einfach nur, weil freundlich gefragt wurde.

Kartenzahlung? Ging nur, wenn das Gerät Lust hatte. Bei mies gelaunten Zeitgenossen beharrte sie auf Barzahlung, bei netteren versuchte sie, die Karte erneut durchzuziehen. Das war Zucker gegen Zucker, Laune gegen Laune: eine Art der höheren Gerechtigkeit, aber auch mit Empathie, der widrigen Umstände wegen. Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittere Medizin versüßt, dann machte Frau R. das halbe Bahndesaster alleine wieder wett.



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Von Veritatis

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