Lewis Pugh plant seine nächste Extremschwimm-Challenge normalerweise erst dann, wenn gerade genug Zeit vergangen ist, dass er vergessen hat, wie unangenehm die letzte war. Er öffnet seinen Atlas – Ich weiß! Einen Atlas! – und schlägt Seite um Seite um, bis er ein Gewässer findet, das seine Fantasie anregt. „Ich blättere durch und denke: ,Könnte ich um dieses Kap schwimmen?‘“, erzählte der 53-Jährige, der seit 35 Jahren nur mit Silikon-Kappe und Badehose bekleidet die Grenzen des menschlichen Durchhaltevermögens austestet. „Kann ich diesen Fluss entlang schwimmen? Kann ich diesen Ozean überqueren? Oder diese Bucht? Wo kann ich einen Scheinwerfer auf einen Ort richten? Wo eine Geschichte erzählen?“

Wenn ihm schließlich seine nächste Herausforderung klar wird, sei das nie ein „Aha-Moment“, erklärte Pugh, sondern fast immer ein „äh, na klar-Moment“ – etwas mehr als Naheliegendes. „Ich zerbreche mir den Kopf und nichts ist ganz das Richtige. Dann plötzlich“ – Pugh klatscht in die Hände – „liegt es direkt vor mir. ,Na klar! Warum habe ich daran nicht gedacht?’“

Der Atlas führte Pugh, der im britischen Plymouth geboren und in Südafrika aufgewachsen ist, ganz nach oben und ganz nach unten auf der Erdkugel. Am Nordpol war das Wasser so kalt – minus 1,7 Grad Celsius –, dass die Zellen seiner Finger platzten und er noch vier Monate später Schmerzen verspürte. Er schwamm einen Kilometer durch einen Gletschersee auf rund 5.200 Meter Höhe auf dem Mount Everest (wobei er fast starb) und durch die gesamte Breite der Inselgruppe der Malediven (okay, das klingt weniger schlimm). Durch den Ärmelkanal sind viele Leute geschwommen, aber Pugh durchquerte 2018 seine gesamte Länge – 563 Kilometer in 49 Tagen.

Die Schwierigkeiten des Extremsports

Mit prägnanten Wangenknochen und silbernem Haar sieht der Extremsportler gut aus, wie ein telegener Schauspieler, der Lewis Pugh in einem Biopic spielen soll. Dabei besteht er darauf, dass seine Leistungen nur Klickbait sind. Seine eigentliche Arbeit findet nicht im Wasser statt, sondern in Downing Street, im Kreml, bei den Cop-Klimakonferenzen. Dort versucht er, die führenden Politiker der Welt davon zu überzeugen, dass wir die zunehmende Schädigung des Planeten, insbesondere der Meere, stoppen müssen, bevor es zu spät ist. Pugh versteht sich weniger als Schwimmer oder Umwelt-Diplomat, sondern als Geschichtenerzähler. „Die Menschen werden nie von Zahlen bewegt. Sie werden nicht von Daten bewegt. Menschen werden von Geschichten bewegt. So ist es seit Anfang aller Zeiten. So treten wir miteinander in Verbindung: indem wir Geschichten erzählen.“

Allerdings wird es immer schwieriger, überzeugende Geschichten zu finden. Zum einen liegt das daran, dass Pugh und zwei weitere Extremschwimmer – die Amerikanerin Lynne Cox und der Slowene Martin Strel – alle auffälligen landschaftlichen Highlights bereits abgehakt haben. Strel hat sich auf Flüsse spezialisiert und durchschwamm die Donau, den Jangtse und den Amazonas der Länge nach. Cox machte sich l987 von den USA über die Behringstraße auf den Weg in die Sowjetunion. Der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow nannte sie ein Beispiel für das Auftauen der Spannungen zwischen den beiden Nationen. Pugh, der ein Jahrzehnt jünger ist als Strel und Cox, kam später dazu: „Mir blieb nur noch der ganze verflixte kalte Teil“, feixte er.

In dieser Eiseskälte schwamm Lewis Pugh. Inzwischen ist ein großer Teil des Rossmeers Naturschutzgebiet

Foto: Imago / blickwinkel

Mit zunehmendem Alter hält Pugh für ein Hauptproblem, dass er jedes Mal, wenn er wieder ins Wasser steigt, neue Kräfte des Selbstbetrugs aktivieren muss. „Es ist der einzige Sport, der schwieriger wird je mehr Erfahrung man hat“, erklärte Pugh bei einer heißen Schokolade und einem Keks in einem Café im Londoner Stadtteil Covent Garden. „Bei den meisten Sportarten wie Tennis oder Golf ist es so: Je mehr Bälle man schlägt, desto besser wird man. Nicht bei Kalt-Wasser-Schwimmen. Wenn einem wirklich, wirklich, wirklich kalt war, wird man niemals wieder ganz warm.“

Zwei Ausblicke inspirierten Lewis Pugh

„Jedes einzelne Schwimmprojekt ist eine enorme mentale Anstrengung, erneut ins Wasser zu gehen“, erklärte Pugh weiter. „Ich muss die Schmerzen in meinen Händen am Nordpol vergessen. Ich muss die Angst vergessen, als ich in den Tunnel [unter der Eisscholle] in der Ost-Antarktis schwamm. Auch die See-Elefanten unten in Südgeorgien, einer Inselgruppe im Südatlantik. Man muss einen wirklich guten Grund haben, wieder hinein zu gehen. Denn es ist wirklich schwer, sich selbst zu betrügen.“

Während er aufwuchs, haben vor allem zwei Ausblicke Pugh inspiriert: Von seinem Kindergarten in der britischen Stadt Plymouth, der Margaret McMillan Nursery School, aus sah er die Schiffe in der Bucht ein- und auslaufen. „Schon als Vierjähriger träumte ich davon, eines Tages auf einem dieser Schiffe zu sein, die irgendwo hinfahren“, erinnert er sich. Seine Eltern waren beide bei der britischen Marine: Sein Vater Pat war ein orthopädischer Chirurg und Ehren-Chirurg der Queen und seine Mutter Margery leitende Krankenschwester. Als Pugh zehn war, wanderte die Familie nach Kapstadt in Südafrika aus, wo er die Oberschule besuchte. Aus dem Klassenzimmer, in dem er Geschichte lernte, konnte Pugh die Insel Robben Island sehen, auf der der Freiheitskämpfer und spätere Regierungschef Nelson Mandela bis 1982 inhaftiert war.

Pughs erste richtige Schwimmstrecke waren die acht Kilometer vom Festland nach Robben Island und zurück. Damals war er siebzehn. „Ich war ein junger Kerl, so dünn wie man es sich nur vorstellen kann“, erinnert er sich. „Diese Aktion habe ich kaum geschafft, so kalt war mir.“ Aber er war stolz auf das, was er erreicht hatte, und wurde Rettungsschwimmer. Das ist nichts für Zartbesaitete in Gewässern, in denen regelmäßig große weiße Haie gesichtet wurden (heute allerdings weniger, was Pugh mit Besorgnis beobachtet).

Vom Anwalt zum Extremschwimmer

„Kapstadt hat alles, was man braucht, wenn man Ausdauerschwimmer werden will“, erklärte er. „Warmes Wasser auf der einen Seite und kaltes auf der anderen. Und es gibt eine Menge wirklich guter, kampflustiger Schwimmer, mit denen man sich im Wasser messen kann.“

Bis 2022 lebte der Extremschwimmer in Kapstadt, kehrte dann aber nach Großbritannien zurück. Derzeit wohnt er in London, meint aber, dass er und seine Frau Antoinette, die Hundetrainerin ist, letztlich nach Dorset oder Devon ziehen werden. Es gibt einige Gründe für die Rückkehr nach Großbritannien, aber vielleicht der wichtigste war, dass seine Mutter während der Pandemie an Corona starb. „Ich hätte sie nie verlassen können. Sie war mir sehr wichtig“, erzählte Pugh. „Aber wenn man Umweltdiplomat sein will, ist London wahrscheinlich der Ort, an dem man sein sollte. Machen wir uns keine Illusionen, wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit. Man braucht den Zugang zu den Entscheidungsträgern.“

Lewis Pughs erste Schwimmstrecke zwischen Kapstadt Robben Island

Foto: Rodger Bosch/AFP via Getty Images

Globalen Wandel zu bewirken, war nicht schon immer sein Plan. Pugh studierte zunächst Jura, erst in Kapstadt, dann im britischen Camebridge. Danach arbeitete er zehn Jahre als erster Anwalt für Maritimes Recht in London.

Lewis Pughs Körper reagiert anders auf die Kälte

Die prägenden Schwimmerlebnisse kamen in den 1990er Jahren, mit Anfang zwanzig: Pugh wurde zum Schwimmer, der am schnellsten Robben Island umrundet hatte, und zum ersten Mensch, der Malawisee durchschwamm. Mit 23 brauchte er für die Durchquerung des Ärmelkanals knapp unter 15 Stunden. Irgendwann bemerkte Pugh, dass er zu extremer Ausdauer fähig war. Jahre später prägte der Sportphysiologe Tim Noakes von der Universität Kapstadt den Begriff „antizipatorische Thermogenese“, um Pughs Reaktion auf das Eintauchen in kaltes Wasser zu beschreiben. Auf einzigartige Weise steigt seine Körpertemperatur schon vor dem Einstieg in eisiges Wasser auf rund 38,4 Grad, also ein leichtes Fieber. Das ermöglicht ihm, in Wassertemperaturen zu überleben, die die meisten Menschen innerhalb von 30 Minuten töten würde.

„Man nennt es antizipatorische Thermogenese, diese Fähigkeit, vor einem Ereignis Hitze zu generieren“, erklärte Pugh. „Und das macht ganz sicher einen deutlichen Unterschied. Was dabei nicht berücksichtigt wird, sind 35 Jahre in der Kälte. Ist es mein Körper? Oder mein Geist? Es ist Akklimatisierung. 35 Jahre Training.“

Ich erinnere mich daran, wie ich 2007 erstmals von Pugh hörte. Damals durchquerte er einen Kilometer offenen Meeres am Nordpol in etwas weniger als 19 Minuten. Das zu tun, wirkte verrückt oder zumindest höchst exzentrisch. Heute ist es natürlich schwer, jemanden zu finden, der nicht überzeugter Anhänger von Schwimmen in der freien Natur ist. Ich frage ihn, was er von Wim Hof hält, dem holländischen Motivationsprediger, der als „Iceman“ (deutsch: Eismann) bekannt ist. „Ich habe ihn nie kennengelernt“, antwortete Pugh. „Mir ist aufgefallen, dass viele Leute seine Atemtechniken nutzen und sich sehr gestärkt und lebendig dadurch fühlen. Es hilft ihnen wirklich. Aber vom Kaltwasser-Standpunkt ist das unteres Einsteigerniveau.“

Was er damit meint? „Als ich im Rossmeer [in der Antarktis] schwamm, hatte das Wasser minus 1,7 Grad Celsius. Jetzt denken Sie: ‚OK, was ist der Unterschied zwischen minus 1,7 und Null?‘ Es ist ein Unterschied zwischen der Besteigung des Achttausenders K2 im Winter und der Besteigung des Snowdon – dem höchsten Berg von Wales – im Sommer. So groß ist der Unterschied.“

Sein Einsatz fordert einen Tribut

Pugh ist ein großer Anhänger der Wildschwimmen-Bewegung. Am liebsten badet er im Sommer im Ärmelkanal vor Süd-Devon. „Meine perfekte Temperatur?“, fragte er. „17 Grad Celsius. Nicht 16. Nicht 18. 17 Grad.“ Aber das ist etwas ganz Anderes als das, was er als Extremschwimmer macht. „Es gibt viele Leute, die schon in zwei, drei oder vier Grad kaltem Wasser geschwommen sind“, so Pugh weiter. „Aber wenn man darunter geht, befindet man sich in einer tödlichen Umgebung. Einer tödlichen Gefahrenzone. In der Antarktis musste ich gleichzeitig mit minus 27 Grad Außentemperatur umgehen. Das Wasser klatschte gegen eine Seite des Zodiac-Schlauchboots und verwandelte sich in der Luft in Schneematsch. Man muss sehr gute Gründe haben, um dort zu schwimmen. Wenn Leute sagen: ,Ich mag die Kälte…‘, dann war ihnen nie richtig kalt.“

Pughs strapaziöser Job forderte einen hohen Tribut. Sicher wäre sein Leben einfacher gewesen und er hätte mehr verdient, wenn er Anwalt geblieben wäre. Bei der Entwicklung der Ideen für seine Schwimmprojekte mag er ein wenig umständlich vorgehen. Aber ihre Organisation geht er rigoros und hochprofessionell an. Dann nutzt er Google Earth und schwimmt bis zu zwei Stunden täglich, um sich vorzubereiten. „Zu meinem Team gehören viele Leute. Sie wollen nicht Teil von einer Selbstmordmission sein“, erklärte Pugh. „Ich mache das, weil mir das Leben etwas wert ist und ich es liebe. Das hat nichts mit Todeswunsch zu tun. Ich will bis zum allerletzten Tag meines Lebens schwimmen.“

Wie ist das Leben mit einem Extremschwimmer für seine Frau? „Es ist eine Herausforderung“, sagt er und wählt die Worte für seine Antwort sorgfältig. Pugh hat auch zwei erwachsene Stiefkinder. Kommt seine Familie, um ihn Schwimmen zu sehen? „Ja, meine Frau war bei einigen Strecken dabei. Sie hat mich im Rossmeer begleitet, wo es wirklich gefährlich war. Ich wollte, dass sie mitkommt, zur Unterstützung und weil es eine lange Reise ist. Rund sechs Wochen mit dem Schiff. Die Inuit sagen, dass in jedem Menschen zwei Wölfe miteinander kämpfen – ein guter und ein böser Wolf. Die Frage ist, welcher gewinnen wird. Laut den Inuit ist es der Wolf, den man mehr füttert. Um vier Uhr morgens vor dem Schwimmen habe ich es nie geschafft, den bösen Wolf ganz zum Schweigen zu bringen.“

Die Erfolge des Extremschwimmers

Gefragt, ob all die Opfer es wert sind, kann Pugh auf einige große Erfolge verweisen. Nachdem er 2015 mehrmals Strecken in der Antarktis geschwommen war, wandte er sich an Russland – er traf sich allein mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu im Kreml – und setzte sich für die Einrichtung eines Meeresschutzgebiets im gefährdeten Rossmeer ein, einem Randmeer im Südlichen Ozean vor der Antarktis. Im Dezember 2018 wurde dort das größte Naturschutzgebiet der Welt zu Land oder zu Wasser eingerichtet, ein Schritt, den zuvor China und Russland mehrere Male per Veto verhinderten. Das Gebiet hat die Größe von Italien, Deutschland und Frankreich zusammen. “Alle sagten, ich sei verrückt. Aber ich wusste, dass kaltes Wasser eine Sprache ist, die die Russen verstehen“, erklärte Pugh.

Als wir uns trafen, war Pugh erst kürzlich von einem Projekt am Roten Meer zurück. Im Oktober durchquerte er als erster Mensch schwimmend das Gewässer: 122 Kilometer in zwei Wochen. Die Strecke hatte ihre ganz eigenen Tücken, insbesondere Weißspitzen-Hochseehaie und den Suez-Kanal. Schließlich sperrt niemand eine der befahrensten Handelsstrecken der Welt, nur weil ein einsamer Schwimmer sie durchquert. Aber die größten Hürden waren geopolitische.

Erhöht sich die Temperatur der Erde um zwei Grad, sehen bald 99 Prozent aller Korallen so aus

Foto: Imago / Pacific Press Agency

Diesmal schwamm Pugh, um Aufmerksamkeit auf eine Prognose zu lenken: Wenn wir die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius vorantreiben – derzeit sind es 1,2 Grad –, werden 99 Prozent aller lebenden Korallen verschwinden. Bei seinen Reden in Saudi-Arabien und auf dem Cop27-Gipfel in dem ägyptischen Ort Sharm el-Sheikh sah er sich mit einigen der unwilligsten Zuhörer konfrontiert, denen er je begegnet ist. „Wenn wir die Emissionen nicht drastisch reduzieren, stirbt alles Leben“, erklärte er. „In Saudi-Arabien habe ich gesagt: ‚Ihr könnt Öl und Gas haben oder ihr könnt Korallen haben. Ihr könnt nicht beides haben.’ Aber wir sind derzeit auf dem besten Weg, alle Korallenriffe der Welt zu verlieren. Das kann ich einfach nicht akzeptieren.“ Im November kündigte die ägyptische Regierung die Einrichtung eines 2.000 Kilometer langen Meeresschutzgebiets zum Schutz eines Korallenriffs im Roten Meer an.

Pugh schwimmt seit 35 Jahren und will das auch in den kommenden 35 tun. Wohin ihn seine nächsten Abenteuer führen wird? „Das verrate ich Ihnen nicht!“, wehrte er ab. „Aber ich betrachte die Polarregionen und die Korallenriffe als die beiden ‚Ground Zeros‘ der Klimakrise. Dort spielt sich alles ab.“ Er wird wohl wieder seinen Atlas aufschlagen und den Globus nach der nächsten erzählenswerten Geschichte absuchen.

Als Pugh sich verabschiedete, erzählte ich ihm von meinem Gefühl, mit jemandem aus einer anderen Zeit gesprochen zu haben. Dabei dachte ich an Leute wie den Antarktispionier Ernest Shackelton oder den Wegbereiter der Mount Everest-Besteigungen George Mallory. Mit einem Augenzwinkern verstand mich Pugh vorsätzlich falsch. „Haha!“, röhrt er. „Mit jemandem aus der Zukunft, hoffe ich.“



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Von Veritatis

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