Zeitgeschichte Durch den US-Krieg in Südvietnam nimmt vor gut einem halben Jahrhundert das Selbstverständnis einer Nation schweren Schaden


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Ausgabe 20/2024

Bei den Protesten in Washington sind Kriegsgegner auf eine „kriegstypische“ Ausrüstung bedacht

Bei den Protesten in Washington sind Kriegsgegner auf eine „kriegstypische“ Ausrüstung bedacht

Foto: Leif Skoogfors/CORBIS/Corbis via Getty Images

In der David-Frost-Show, die im US-Kanal NBC läuft, erhebt sich die Talkrunde zum Auftakt der Sendung vom 21. September 1970. Ein prominenter Gast muss gebührend begrüßt werden. Spiro T. Agnew, Vizepräsident unter dem Republikaner Richard Nixon, will mit jungen Amerikanern über ihre Absage an den Vietnamkrieg diskutieren.

Er gerät mit der 20-jährigen Eva Jefferson von der Northwestern University aneinander. Sie beklagt, dass die Protestbewegung von der Regierung als Sammelbecken verstiegener Chaoten attackiert werde, von denen vor allem Gewalt ausgehe. Tatsächlich wird auf diese Weise das Massaker vom 4. Mai 1970 an der Kent State University in Ohio gerechtfertigt, als Nationalgardisten in ein Meeting schießen, vier Studenten töten und

6;ten und neun schwer verletzen. Offenbar soll Antikriegsaktivisten gezeigt werden, was ihnen blüht. Eva Jefferson sagt dem sichtlich genervten Agnew: „Wir sind nicht gewalttätig, wir sind gegen den Krieg, weil wir uns belogen fühlen. Deshalb besetzen wir Universitätsgebäude. Den Leuten Angst vor ihren eigenen Kindern zu machen, ist falsch, aber Sie schüren diese Angst.“Es beginnt im Frühjahr 1968, dass an vielen US-Hochschulen das Unbehagen über den Vietnamkrieg lauter und unerbittlicher wird. Schauplatz ist zunächst die Columbia-Universität. Ende April 1968 besetzen Studenten mehrere Häuser auf dem Campus in Manhattan. Für eine Woche bleibt der universitäre Lehrbetrieb blockiert – bis Polizei das Gelände stürmt, Hunderte Studenten krankenhausreif prügelt, Hunderte verhaftet. Doch haben die längst Nachahmer gefunden. Kommilitonen in Chicago, Los Angeles, Kansas City, Indianapolis und Philadelphia folgen ihnen.Hintergrund ist die im dritten Jahr des Vietnamkrieges wachsende Zahl junger Amerikaner, die in Leichensäcken heimkehren. Zugleich schreitet die Entartung des „Engagements“ in Indochina voran. Bei US-Militärverbänden im Mekong-Delta und im Großraum Saigon, im Zentralen Hochland oder in der Umgebung von Basen wie Da Nang gelten Zivilisten als potenzielle Feinde. Orte in umkämpften Regionen werden mit Napalm bombardiert, Dorfgemeinschaften in „strategische Dörfer“ deportiert. Die Genfer Konventionen sind Schall und Rauch.Seit 1967 durch das „Phoenix-Programm“ dazu angehalten, bedient sich die Army der perversen Praxis des „Body Count“. Kämpfenden Einheiten ist als Quote auferlegt, wie viele Leichen sie pro Tag abzurechnen haben, egal ob Zivilisten oder „Vietcong“ (übersetzt: vietnamesischer Kommunist). Der damalige Verteidigungsminister, Robert McNamara, regt an, Kompanien sollten beim „Body Count“ um die beste Quote wetteifern. Da US-Fernsehsender in ihren Direktübertragungen aus Südvietnam die täglichen Todesraten melden, wird das makabre Zahlenwerk auch zu Hause bekannt und facht die Abscheu der Kriegsgegner an. Das Selbstverständnis der Nation nimmt Schaden, nicht zuletzt das Wertebewusstsein von Veteranen des Zweiten Weltkrieges, die es erschüttert, dass Dienst am Vaterland plötzlich derart pervertiert sein kann.1968 wird zudem das Territorium Südvietnams in A-, B- und C-Zonen unterteilt. Gebiete der Kategorie C gelten nach dem unter amerikanischer Anleitung von der Regierung Südvietnams erlassenen „An-Tri-Gesetz“ als Gegenden, in denen bei „Neutralisierungsoperationen“ sämtliche Bewohner einbezogen sind: Männer, Frauen und Kinder, die mit dem Feind nichts zu tun haben, jedoch unter Verdacht stehen – es könnte anders sein. Weshalb C-Zonen im Sprachgebrauch der Army auch „Feuer-frei-Zonen“ heißen.Feuer-frei-Zonen im GazakriegIm seit sieben Monaten geführten Gazakrieg entstehen Feuer-frei-Zonen, wenn Krankenhäuser wie das Al-Schifa-Hospital von der israelischen Armee gestürmt werden. Ende November 2023 verfügt der Klinikkomplex, in dem Menschenleben gerettet werden sollen, über keinen sicheren Ort mehr. Von der Leichenhalle abgesehen. Wer hier Zuflucht sucht, weil das Obdach zerstört oder nicht mehr sicher ist, steht unter Verdacht, mit dem Feind in Verbindung zu stehen oder der Feind zu sein.Dass sich derzeit an vielen US-Universitäten heftige Empörung über den Beistand der US-Regierung für Israels kriminelle Methoden regt, hat wie 1968 erneut viel mit Scham und Ohnmacht zu tun. Von New York über Boston, Atlanta und Austin bis nach Los Angeles haben Menschen das Gefühl, es bleibt ihnen keine andere Wahl, als ihre Zukunft zu riskieren. Mobilisiert von dem Netzwerk „Students for Justice in Palestine“, wird wie in den späten 1960er Jahren der Universitätsbetrieb bestreikt. Wer sich beteiligt, sieht sich wie gehabt als Gewalttäter diffamiert und von der Polizei schikaniert, was die US-Politik im Jahr einer Präsidentenwahl nicht unberührt lässt.Eine weitere Analogie zwischen 1968 und 2024, zwischen Südvietnam und Gaza, den USA und Israel fällt auf. Seinerzeit wird die US-Öffentlichkeit ebenso mit optimistischen Nachrichten gefüttert, wie israelische Politiker es seit Monaten mit Blick auf Gaza halten. Präsident Lyndon B. Johnson erklärt zum Jahreswechsel 1967/68: „Der Feind glaubt immer noch, dass unser Durchhaltewillen zu brechen ist. Nur da irrt er.“ Es gebe „viel Licht am Ende des Tunnels“. General William Westmoreland, Oberkommandierender in Südvietnam, sekundiert: „Ich erlebe Zuversicht und Optimismus, und zwar überall im Land. Für mich ist das der strahlendste Beweis, dass wir echte Fortschritte machen.“ Anfang 1968 sind 485.600 US-Soldaten an den Kriegsschauplatz verlegt. Auch deswegen sei „der Sieg in Reichweite“, so Johnson.Am 25. Februar 2024 verkündet Benjamin Netanjahu in der Sendung Face the Nation des US-Kanals CBS: „Der totale Sieg ist in Reichweite.“ Der Angriff auf Rafah sei der Schlüssel, um die Hamas vernichtend zu schlagen. „Nicht in Monaten, sondern in Wochen, sobald wir mit der Operation beginnen.“ Am 10. März setzt Netanjahu in einem Interview nach: „Wir sind einem Sieg sehr nahe.“ Es sei nur noch eine Frage der Zeit, „bis die intensive Phase der Kämpfe abgeschlossen ist“.Wer 1968 und 2024 vergleicht, setzt nichts gleich, kann sich allerdings kaum des Eindrucks erwehren, dass Wut und Entsetzen über die Verstrickung der US-Regierung in den Gazakrieg zu Reaktionen führen, wie sie einst für Vietnam-Aktivisten typisch waren.Fassungslosigkeit über KriegAn den Universitäten entlud sich ein Gefühlsstau, als erstmals Amerikaner aus einem Krieg zurückkehrten und erklärten, dieses Sterben müsse aufhören. Sie fanden Sprecher wie Leutnant John Kerry, der Ende April 1971 vor den außenpolitischen Kongressausschuss geladen war. Sein Auftritt räumte mit dem Mythos auf, in Südvietnam werde zwar auf Kommunisten geschossen, ansonsten aber Schokolade und Kaugummi verteilt. „Wir haben lieber Dörfer zerstört, statt sie zu retten. Wir lernten, was Feuer-frei-Zonen sind – erschieße alles, was sich bewegt. Wir sahen die USA den Wert des Lebens von Asiaten herabsetzen. Wenn in 30 Jahren unsere Brüder die Straße hinuntergehen, ohne ein Bein, ohne einen Arm, ohne Gesicht, und ein kleiner Junge fragt: Warum? Dann wollen wir sagen: Vietnam. Wir wollen keine schmutzige Geschichte, sondern eine Wende erinnern, die von den USA dort vollzogen wurde, weil wir Veteranen diesem Land dazu verholfen haben“, sagte Kerry, der von 2013 bis 2017 Außenminister Barack Obamas sein sollte.Die Akteure von 1968 und den Jahren danach waren weder nützliche Idioten des Kommunismus noch anarchistische Chaoten. Die im Frühjahr 2024 sind kein Vortrupp des Antisemitismus oder dschihadistische Extremisten. Wer aufbegehrt, den treibt die Fassungslosigkeit, wie bei dem, was seit sieben Monaten in Gaza geschieht, jeder Anflug von Humanität geächtet ist. Der fragt sich, was davon übrig sein wird, wenn dieser Krieg einmal zu Ende geht. Was davon für die Palästinenser überhaupt je vorhanden war, bevor er begann.US-Präsident Nixon war 1969 kaum vereidigt, als er anordnete, erste US-Kontingente aus Südvietnam abzuziehen. Dem lag die Einsicht zugrunde, auch deshalb nicht gewinnen zu können, weil der Krieg in Indochina die USA zu zerreißen drohte. Rückkehrer aus Vietnam fühlten sich so desillusioniert, dass sie ihre Kriegsauszeichnungen dem US-Kongress in einem Leichensack übergeben wollten, wurden jedoch von der Nixon-Regierung daran gehindert, die das Kapitol durch Drahtverhaue absperren ließ. So schleuderten die Männer ihre Silver Stars über die Barriere, was mehr Aufsehen erregte als das, was sie ursprünglich vorhatten. Es waren diese Bilder der Abkehr, die ein kollektives Bewusstsein nicht mehr abschütteln konnte.



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Von Veritatis

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