Bühne Barrierefreiheit als Haltung: Künstler*innen mit Behinderung können in Deutschlands Theaterszene immer mehr mitgestalten


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Ausgabe 28/2024

Wegweisende Inszenierung: „Leichter Gesang“

Wegweisende Inszenierung: „Leichter Gesang“

Betrachtet man Behinderung nicht aus medizinischer Sicht, sondern aus sozialer, dann verändert sich alles. „Teilhabe statt Fürsorge“ lautet das Motto, seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention rechtlich bindend wurde. Die zentrale Frage: Können Menschen mit Behinderung überall dabei sein oder mitmachen? Von einem „Ja“ ist Deutschland noch weit entfernt. Gesellschaftsweit gibt es enorme Lücken, und das gilt auch für die darstellenden Künste.

In den letzten Jahren haben sich Theater deshalb verstärkt mit dem Abbau sozialer Barrieren und der aktiven Mitwirkung von behinderten Menschen befasst. Die Überzeugung: Eine vielfältige Gesellschaft ist für alle bereichernd. In den Institutionen kommt dabei der Paradigmenw

aradigmenwechsel an, für den die UN-Vorgabe steht: Statt auf Inklusion, also Projekte für Menschen mit Behinderung, setzen die darstellenden Künste zunehmend auf Disability Arts, also Kunst von Menschen mit Behinderung – getreu dem Motto der Behindertenrechtsbewegung, „nichts über uns ohne uns“. Neben barrierefreie Angebote wie Rollstuhlrampen oder Gebärdensprachverdolmetschung treten künstlerische Ansätze, die von Menschen mit Behinderung selbst entwickelt werden und die Kunstformen erweitern: Taube Tänzer verwenden Gebärden als choreografische Elemente; Schauspielerinnen lernen antike Texte in Leichter Sprache.Der Entfaltung dieses künstlerischen Potenzials widmete sich das Berliner Modellprojekt „Making a Difference“, kurz MAD. In Fortbildungen qualifizierte MAD behinderte und Taube Künstler*innen, ermöglichte Residenzen und vergab Koproduktionsgelder. Choreograf*innen wie Rita Mazza oder Sophia Neises machten sich so einen Namen; sie erhalten derweil Preise und werden zu internationalen Festivals eingeladen. An die Tanzhochschule HZT wurde, als ein Ergebnis von MAD, Claire Cunningham als erste Professorin mit Behinderung in Deutschland berufen. Erste Erfolge. 2024 aber gab es vom Land Berlin keine auskömmliche Anschlussförderung mehr – und das Erreichte droht wieder zu verschwinden, wie die langjährige Co-Leiterin Anne Rieger sagt: „Die Finanzierung auf Projektbasis ist nicht nachhaltig. So entstehen Ansprüche an die unterförderte Kulturszene, die sich eigentlich an die Regierung richten sollten.“Die kurzen Sätze sind von Leichter Sprache und Konkreter Poesie inspiriertIm Vergleich: In England ist die Beteiligung von Menschen mit Behinderung eine verbindliche Vorgabe des Staates für die Kultur. Ab 2009 wurde das Fördersystem evaluiert und im „Creative Case for Diversity“ gesetzeskonform umgestellt. „Dadurch ist es leichter, Vorhaben einzufordern und zu etablieren, weil klar ist, dass es dafür personelle und finanzielle Ressourcen braucht“, sagt Anne Rieger. Ressourcen sind das Stichwort: Um Kulturinstitutionen umzugestalten – Theater, Hochschulen, aber auch Förderinstanzen –, braucht es Zeit, Geld und kenntnisreiches Personal. Ein Sondervermögen wie für die Bundeswehr oder den Klima- und Transformationsfonds schlägt Anne Rieger vor, denn: „In Deutschland passierte lange alles von unten, aus der Freien Szene.“ Zeit, von oben zu beginnen.Beispielhaft ändert sich das derzeit an den Münchner Kammerspielen. Dort starteten die Intendantin Barbara Mundel und das Team 2020 mit dem Vorhaben, mehr Zugänge zu schaffen. Im Ensemble sind zwei Schauspieler*innen mit Rollstuhl engagiert. Für sie mussten in dem verwinkelten Gebäude erst einmal befahrbare Wege geschaffen werden, erzählt die Dramaturgin und Regisseurin Nele Jahnke: „Der Umbau hat länger gedauert als gehofft. Bordsteine wurden angepasst, die Rampe zur Kantine kam nach drei Spielzeiten, aber die elektronischen Türöffner für die Brandschutztüren sind ein Riesending.“Jahnke hat lange eines der führenden Ensembles für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung co-geleitet, das Zürcher Theater Hora. Ihre Erfahrungen beim „kleinen Segler“ sollen der Umrüstung des „Hochleistungsfrachters“ Kammerspiele dienen. Sie widmet sich mittlerweile vorrangig dem Ziel, Künstler*innen mit Beeinträchtigungen gute Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Auch hier gibt es noch viel zu tun: In spezialisierten inklusiven Ensembles sind die Schauspieler*innen oft professionell tätig, aber meist bei Werkstätten angestellt. Das heißt, sie haben kaum Einkommen und können nicht autonom agieren.Placeholder image-1Johanna Kappauf etwa, mit der Nele Jahnke 2023 Antigone inszenierte, hat neben der halben Stelle am Theater noch eine Anstellung bei den Südbayerischen Wohn- und Werkstätten für Blinde und Sehbehinderte. Wie klappt das? Johanna Kappauf fühlt sich an ihrem Arbeitsplatz im Zentrum Münchens wohl, weil sie „bis jetzt sehr tolle Rollen spielt“. Aber sie wünscht sich auch, dass manchmal noch weniger Druck am Theater herrscht. „Ich mag lieber lange Proben, dass man Zeit für alles hat“, so Kappauf. Optimistisch schätzt sie den Wandel an den Münchner Kammerspielen ein: „Das klappt aber auch schon gut.“Geprobt wird jetzt andersDafür schaffen „Strukturarbeiterinnen“ wie Nele Jahnke passende Bedingungen. Produktionen, an denen Ensemblemitglieder oder Gäste mit Behinderung mitwirken, bekommen meist mehr Zeit als die üblichen sechs Wochen. Und statt zwei Proben täglich gibt es eine einzige längere ab dem Vormittag. Die Kammerspiele haben Ruheräume eingerichtet, weil sich manche Spieler*innen zeitweise zurückziehen müssen. Und Mitarbeitende aus der Theaterpädagogik fragen regelmäßig nach: Geht es allen gut? Gilt es etwas zu verbessern?Mit ihrem umfassenden Reformansatz stoßen die Kammerspiele auch auf Skepsis. Kritik gab es für Experimente wie Antigone in Leichter Sprache oder die Regiearbeit Randensaft Horror der Hora-Spielerin Tiziana Pagliaro, eine Performance in Live-Regie. Ist das Kunst oder Sozialarbeit?, wurde ein überkommener Gegensatz bemüht. „Wir haben unterschätzt, wie wenig Sehgewohnheiten es bei einem Teil des Münchner Publikums gab“, erklärt Jahnke. In Zürich, wo das Theater Hora seit 30 Jahren ansässig ist, sei das längst anders. Es hat etwas gedauert, doch die Antigone, in der Johanna Kappauf der antiken Heldin eine große Klarheit und unerwarteten Frohsinn verleiht, ist beim Publikum angekommen. „In der Aufführung war es so offenbar, dass viele der Zuschauer*innen die Antigone erstmals richtig verstanden haben“, sagt die Autorin Nele Stuhler. Wer versteht schon auf Anhieb Hölderlins Sophokles-Übersetzung? Eine Fassung in Leichter Sprache bietet allein einen Einstieg.Nele Stuhler selbst hat am Deutschen Theater Berlin mit dem Regisseur FX Mayr sowie Ensemblemitgliedern des DT und des inklusiven RambaZamba-Theaters soeben eine wegweisende Inszenierung entwickelt. Gefördert in einem Atelierprogramm, war dafür ein Jahr Zeit. Das Experiment mündete in einer Aufführung bei den Autor*innentheatertagen. Leichter Gesang ist ein Sprachspiel, das auf unbekanntes Terrain einlädt: „In dem sich vielleicht alle begegnen können / Weil erstmal keine_r hier zu Hause ist / Aber später hoffentlich alle“, so heißt es im Prolog. Bedeutungen verschieben sich in den kurzen Sätzen, die von Leichter Sprache und Konkreter Poesie inspiriert sind: „Stimmung ist / Der Ton von dem Raum / Raum ist / Wenn Wände kommen / Nicht nur Einwände / Mindestens vier Wände“, kalauert es philosophisch. Lustvoll greifen sich die Spieler*innen diesen Text, erzählt Stuhler: „Manche rattern ihn runter, andere schwingen sich auf den Rhythmus ein oder improvisieren und spinnen ihn weiter. Da sind verschiedene Münder, und wie die das in den Mund kriegen, stimmt das dann.“Abweichung als Ausdruck von Autonomie: ein Ideal von Theater auf Augenhöhe, in dem die Schauspieler*innen mit Behinderung genauso viel Einfluss auf das künstlerische Endergebnis haben wie alle anderen. Dabei wurde für Nele Stuhler in der Zusammenarbeit auch die ganz eigene schauspielerische Qualität der RambaZamba-Mitglieder deutlich: „Ich habe das Gefühl, jeder Satz wird in die totale Gegenwart des Theaters gesprochen. Es geht weniger darum, Regieanweisungen oder Subtexte zu erfüllen, sondern entweder ist der Text im Raum – und alle bekommen es mit, oder er ist nicht im Raum – aber dann stimmt der Text vielleicht auch einfach noch nicht.“ Im Austausch mit den Ensembles hat Stuhler ihren Text immer wieder überprüft. Und alle gemeinsam haben einen Theaterabend geschaffen, in dem die utopische Idee einer mitgestaltungsgerechten Gesellschaft konkret aufscheint. Und alles ist anders.



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Von Veritatis

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