Als ich am ersten Weihnachtstag mit einer 82-jährigen Freundin aus dem Gottesdienst kam, sagte sie: „Nun ja, die junge Frau hat uns heute intellektuell etwas unterfordert, oder?“ Ich musste wirklich lachen. Denn sie hatte absolut recht.

Aber muss eine Predigt intellektuell fordern? Mir ist im Gedächtnis, irgendwann gelernt zu haben, eine Predigt solle docere, movere et delectare, also lehren, bewegen und erfreuen. Das habe ich mir stets zu Herzen genommen. Mir liegt bei einer Predigt – und ich habe in mehr als 40 Jahren weit mehr als 1.000 gehalten – daran, den Gemeindemitgliedern etwas mitzuteilen über den Text, um den es geht, seine Entstehung, den Kontext etwa des Propheten oder Briefschreibers. Das nennt sich historisch-kritische Bibelauslegung. Di

Bibelauslegung. Die Bibel ist ein Buch vieler Autoren (inklusive Sprache muss hier ausnahmsweise nicht sein). Sie schreiben jeweils in einer bestimmten Situation.Dazu muss uns klar sein: Wir lesen die Texte in einer Übersetzung. Manchmal ist es wirklich spannend, zu schauen, wer wie mit welcher Intention übersetzt. Stehen die Arbeiter im Weinberg (Matthäus 20,3) „müßig“ am Straßenrand (Luther 2017), ist das etwas ganz anderes, als sie als „arbeitslos“ zu bezeichnen (Bibel in gerechter Sprache 2006). Das griechische Adjektiv argous lässt beide Übersetzungen zu. Aber die Vorstellung, die wir entwickeln, ist ganz verschieden.Ich finde solche Erkenntnisse spannend, und wenn ich sie mit der Gemeinde teile, merke ich: Die Leute denken gern mit. Das entspricht so ganz der Intention Martin Luthers. Er hat die Bibel in eine verständliche deutsche Sprache übersetzt und den „christlichen Adel deutscher Nation“ aufgefordert, Schulen für alle Jungen und Mädchen (!) zu gründen, damit jeder Mensch selbst nachlesen kann, was in der Bibel steht. Selbst denken ist geradezu Kerngedanke der Reformation.Aber bewegen sollte eine Predigt auch. Was heißt denn dieser Text für uns heute? Ich kann doch über jene Arbeitsverhältnisse im alten Israel nicht predigen, ohne sie auf das Arbeitsleben in unserem Land zu beziehen. Da sind die gut Situierten, die zur ersten Stunde gerufen werden. Und da sind die Paketauslieferer und Fahrradpizzaboten, die im wahrsten Sinne den letzten Job bekommen haben. Mir wurde oft gesagt, ich würde viel zu politisch predigen, solle mich an das „Eigentliche“ der Verkündigung halten. Aber wenn die Bibel nichts mehr mit der Polis, unserem Gemeinwesen, zu tun hat, verstaubt sie wahrhaftig als privatisierte Moralinstanz.Und: Gottesdienste kommen leider oft so trist daher. Aber wir dürfen uns doch des Lebens freuen! Wir glauben als Christinnen und Christen nicht an einen Toten, sondern an den Auferstandenen! Ich bemühe mich bei jeder Predigt darum, dass es mindestens eine Passage gibt, die Heiterkeit erzeugt. Manchmal erschrickt die Gemeinde richtig: Darf ich jetzt lachen? Ja, du darfst! Du solltest sogar. „Seid fröhlich in Hoffnung“, schreibt der Apostel Paulus. Davon darf beim Predigthören durchaus etwas spürbar werden.Und die Länge? In einer alten Kirche im heute polnischen Schlesien habe ich einmal vier Sanduhren gesehen und nach ihrer Bedeutung gefragt. Es hieß, die Gemeinde habe mit dem Pfarrer lange verhandelt, damit er die Predigt auf viermal 15 Minuten beschränkte, und der Küster habe zur Mahnung jeweils nach einer Viertelstunde die Sanduhr umgedreht. Du lieber Himmel! Daher stammt wahrscheinlich der Begriff „Kirchenschlaf“. Für mich ist die Maxime „Du darfst über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“, wobei mir 15 Minuten sinnvoll erscheinen.Und ein letzter Punkt: Bei jeder Predigt überlege ich, was denn die Zuhörenden mitnehmen könnten. Einen Satz, einen Gedanken, drei Punkte? Auf jeden Fall ist das ein herausfordernder Maßstab. Wenn mir sehr klar ist, was ich sagen will, habe ich stets eine ausformulierte Predigt auf der Kanzel vor mir. Aber ich nehme mir die Freiheit der mündlichen Rede, weil ich die Gemeinde mitnehmen will in meinen Gedankenbogen. Und wenn ich sie anschaue, merke ich auch schnell, ob sie mitgeht oder langsam, aber sicher einnickt …Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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