Dieses Gelatsche. Verbrannte Wurst. Sozialdemokratische Reden, noch am Kampftag so furchtbar kompromissbereit: Am 1. Mai fühlt man sich längst wie in einer peinlichen Reenactment-Gruppe. Aber es hilft nichts, nicht hinzugehen. Ein Appell
Ins Gespräch kommen: Demonstration am Tag der Arbeit in Hamburg 2025
Foto: Enayat Asadi/Middle East Images/AFP/Getty Images
Am 1. Mai zur Demo, also zu den „großen“, nicht den wilden, zum Beispiel denen in Berlin: Sie wissen Bescheid und ich ja auch. Sozialdemokratische Reden, die sich aufgrund ihrer Kompromissbereitschaft falsch anfühlen, besonders am „Kampftag“, aber auch überhaupt.
Wie ein Relikt marschiert man durch die Innenstadt und fühlt sich dabei, als sei man Teil einer her peinlichen Reenactment-Gruppe. Wenn es schlecht läuft, holt man sich einen ersten Sonnenbrand der Saison. Dann: wackelige Bierbänke, eine verbrannte Wurst, Bier ohne Kohlensäure. Es fühlt sich in der Regel höchst ungeil an und wirkungslos noch obendrauf.
Vielleicht ist es doch besser, mit den Kindern auf den Spielplatz oder ans Wasser zu gehen.
Haben wir wirklich verstanden, was in diesem Land los ist?
Aber haben wir wirklich verstanden, was in diesem Land los ist? Der Kanzler rüttelt beständig am sozialen Netz oder beschimpft die deutsche Arbeitnehmerschaft als faul. Das ist keine Verwirrung. Der Mann ist Sohn seiner Klasse und die zieht durch. Die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft besaßen 1960 noch 42 Prozent des privaten Nettovermögens. 2023 waren es 59 Prozent.
Dagobert Duck hat seinen Geldspeicher ordentlich gefüllt. Wo war die Gegenmacht? Nun, parallel dazu fiel der Anteil der Menschen, die in einer Gewerkschaft organisiert sind, von 34 Prozent im Jahr 1960 auf 15 Prozent im Jahr 2023. Und 80 Prozent der heute Beschäftigten haben noch nie gestreikt.
Noch nie hatte Deutschland so viele Menschen in Arbeit wie heute. Und noch nie waren deren Interessen schlechter organisiert. Kein Trost ist dabei, dass das normal ist. Auch in der OECD und in den USA stieg die Vermögenskonzentration mit dem Niedergang der Gewerkschaften.
Bei allem, was am 1. Mai nervt – und ja, das ist schon eine Menge: Er ist ein Datum und er schafft Orte, an denen der Altenpfleger auf die Mechatronikerin trifft und an denen man sich im gemeinsamen Interesse begegnet. Wer sieht, wie Beschäftigte immer wieder gegeneinander ausgespielt werden, sei es beim Lufthansa-Streik oder in den Tarifrunden des ÖPNV, der weiß, wie bitter es notwendig ist, dass wir wieder miteinander ins Gespräch kommen.
Man kennt sie auswendig, die alte Leier. Doch sie bleibt richtig
Denn ja, es ist mal wieder Krise, und alle schauen scheinbar zuerst darauf, die eigene Existenz und die eigene Familie ins Trockene zu bringen. Das ist menschlich, doch sollte uns klar sein: Die zu gar nicht unerheblichen Teilen aus Lobbyisten bestehende Bundesregierung hat bereits ihren nächsten Zug getan.
Gewiss doch, Tarifdetails klingen langweilig und kleinteilig, aber so wird das Erwirtschaftete verteilt. Wer jetzt etwa eine steuerfreie Einmalzahlung in Höhe von 1000 Euro in den Raum gestellt hat, will vor allem die kommende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie sabotieren. Den Metall-Beschäftigten soll nachhaltiger Lohnverzicht abverlangt werden, indem man ihnen ein paar schnelle Scheine auf den Tisch legt. Reallohnverluste werden die Schere zwischen arm und reich noch weiter öffnen. Die Metall-Branche strahlt noch immer auch auf andere Branchen ab. Sie kennen die Leier. Doch sie bleibt wichtig.
Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Als ich ein Kind war, war Deutschland am BIP gemessen nach den USA und Japan die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde. Heute ist Deutschland nach den USA und China immer noch an dritter Stelle. Allerdings gibt es Brillen und Zahnersatz nicht mehr als Kassenleistung. Viele Schwimmbäder wurden geschlossen. Das Rentenniveau ist gesunken. Dafür gibt es in Größenordnungen mehr Millionäre und Milliardäre.
Bei allem, was am 1. Mai museal anmutet: Lasst uns diesen Tag nutzen, um ins Gespräch zu kommen. Müssen wir nicht gerade in Zeiten ohne Wachstum den Reichtum im Land mal grundlegend besser verteilen?
Auch ein schales Bier kann gesprächig machen. Lassen Sie es uns versuchen.
er, mit den Kindern auf den Spielplatz oder ans Wasser zu gehen.Haben wir wirklich verstanden, was in diesem Land los ist? Aber haben wir wirklich verstanden, was in diesem Land los ist? Der Kanzler rüttelt beständig am sozialen Netz oder beschimpft die deutsche Arbeitnehmerschaft als faul. Das ist keine Verwirrung. Der Mann ist Sohn seiner Klasse und die zieht durch. Die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft besaßen 1960 noch 42 Prozent des privaten Nettovermögens. 2023 waren es 59 Prozent.Dagobert Duck hat seinen Geldspeicher ordentlich gefüllt. Wo war die Gegenmacht? Nun, parallel dazu fiel der Anteil der Menschen, die in einer Gewerkschaft organisiert sind, von 34 Prozent im Jahr 1960 auf 15 Prozent im Jahr 2023. Und 80 Prozent der heute Beschäftigten haben noch nie gestreikt. Noch nie hatte Deutschland so viele Menschen in Arbeit wie heute. Und noch nie waren deren Interessen schlechter organisiert. Kein Trost ist dabei, dass das normal ist. Auch in der OECD und in den USA stieg die Vermögenskonzentration mit dem Niedergang der Gewerkschaften.Bei allem, was am 1. Mai nervt – und ja, das ist schon eine Menge: Er ist ein Datum und er schafft Orte, an denen der Altenpfleger auf die Mechatronikerin trifft und an denen man sich im gemeinsamen Interesse begegnet. Wer sieht, wie Beschäftigte immer wieder gegeneinander ausgespielt werden, sei es beim Lufthansa-Streik oder in den Tarifrunden des ÖPNV, der weiß, wie bitter es notwendig ist, dass wir wieder miteinander ins Gespräch kommen.Man kennt sie auswendig, die alte Leier. Doch sie bleibt richtig Denn ja, es ist mal wieder Krise, und alle schauen scheinbar zuerst darauf, die eigene Existenz und die eigene Familie ins Trockene zu bringen. Das ist menschlich, doch sollte uns klar sein: Die zu gar nicht unerheblichen Teilen aus Lobbyisten bestehende Bundesregierung hat bereits ihren nächsten Zug getan.Gewiss doch, Tarifdetails klingen langweilig und kleinteilig, aber so wird das Erwirtschaftete verteilt. Wer jetzt etwa eine steuerfreie Einmalzahlung in Höhe von 1000 Euro in den Raum gestellt hat, will vor allem die kommende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie sabotieren. Den Metall-Beschäftigten soll nachhaltiger Lohnverzicht abverlangt werden, indem man ihnen ein paar schnelle Scheine auf den Tisch legt. Reallohnverluste werden die Schere zwischen arm und reich noch weiter öffnen. Die Metall-Branche strahlt noch immer auch auf andere Branchen ab. Sie kennen die Leier. Doch sie bleibt wichtig. Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Als ich ein Kind war, war Deutschland am BIP gemessen nach den USA und Japan die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde. Heute ist Deutschland nach den USA und China immer noch an dritter Stelle. Allerdings gibt es Brillen und Zahnersatz nicht mehr als Kassenleistung. Viele Schwimmbäder wurden geschlossen. Das Rentenniveau ist gesunken. Dafür gibt es in Größenordnungen mehr Millionäre und Milliardäre.Bei allem, was am 1. Mai museal anmutet: Lasst uns diesen Tag nutzen, um ins Gespräch zu kommen. Müssen wir nicht gerade in Zeiten ohne Wachstum den Reichtum im Land mal grundlegend besser verteilen?Auch ein schales Bier kann gesprächig machen. Lassen Sie es uns versuchen.