Sie wurden inhaftiert, gefoltert und ausspioniert. Nun bringen Mitglieder des Belarus Free Theatre die Bilder, Geräusche, Gerüche und sogar den Geschmack der brutalen Unterdrückung in ihrer Heimat auf die Kunstbiennale in Venedig
Kuratorin Daniella Kaliada (links) und Gründerin Natalia Kaliada des Belarus Free Theatre
Foto: Anna Liminowicz/Guardian/eyevine/laif
In einem Atelier in einem Wohnviertel im Westen Warschaus schneidet eine Gruppe ehemaliger politischer Gefangener goldene Weizenhalme auf 90 Zentimeter Länge und stapelt sie für den Versand zur Biennale in Venedig. Eine riesige Kugel, die aus Büchern gebaut wurde, die im benachbarten Belarus verbotenen sind – Harry Potter, die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, eine illustrierte Geschichte des Kink – ruht auf der Klaue eines Bulldozers. Gelächter, Orgelmusik und das Surren eines Winkelschleifers liegen in der Luft, während Überwachungskameras an einem hoch aufragenden eisernen Kreuz angebracht werden.
Official. Unofficial. Belarus. ist das erste große Kunstprojekt des Belarus Free Theatre (BFT). Untypisch für dieExil-Truppe ist, dass es keine Performance-Komponente enhält. Geschaffen wurde es von Malern, Bildhauern, Komponisten und einem mehrfach ausgezeichneten Chefkoch. Rasmus Munk arbeitet in seinem mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurant in Kopenhagen an einer Speise, die nach Haft in einem autoritären Regime schmecken soll – dem Thema der gesamten Installation. Auch ein Duft wurde in Auftrag gegeben: Er soll wie ein frisch ausgehobenes Grab in der belarussischen Landschaft Ende August riechen, bedeckt mit verwelkten Blumen.
Seit 2011 leben die Gründer des Belarus Free Theatre im Exil in London
Klingt überambitioniert? Die Gründer des BFT würden dem sofort zustimmen. Natalia Kaliada und ihr Ehemann Nicolai Khalezin, die seit 2011 in London leben, haben einige der herausfordernsten politischen Theaterstücke der vergangenen Jahre produziert, von Being Harold Pinter (2007) bis zur für einen Olivier Award nominierten Oper King Stakh’s Wild Hunt – aber davon, eine Ausstellung zu gestalten, hätten sie nie geträumt. „Wobei, so ganz stimmt das nicht“, räumt Khalezin ein, der früher Kurator war.
Vor Jahrzehnten wollte er Belarus bei der Biennale in Venedig vertreten, aber „mir wurde von der Regierung gesagt: ‚Hier sind die Künstler, die Sie auswählen können.‘“ Seit 1994 wird sein Heimatland von dem Diktator und Putin-Verbündeten Alexander Lukaschenko kontrolliert, der die letzten beiden Wahlen gestohlen und Tausende von Oppositionellen inhaftiert hat.
Dieses Projekt nun leitet ihre Tochter Daniella Kaliada, die in Baseballkappe und Loafers gerade um das Kreuz herumgeht und Änderungen vornimmt. Die Überwachungskameras sind neu, werden aber abgeschliffen, um verwittert auszusehen. Der Maler Sergey Grinevich zeigt ihr eine neue Ergänzung – einen Klecks grüner und weißer Farbe, der wie Möwenkot aussehen soll. Daniella findet das übertrieben und wischt ihn ab. Mit ihren 26 Jahren gewöhnt sie sich gerade daran, mit älteren und eigensinnigeren Künstlern Konflikte auszutragen.
Ihre Mutter ist da keine Ausnahme. Am Morgen treffen wir uns in einem der Stammcafés der Kaliadas in Warschau, wo gelbe Mimosen von der Decke hängen und das viele Exilanten besuchen. Natalia möchte, dass ich Syrniki, süße Quarkpfannkuchen, probiere, aber Daniella verzieht das Gesicht: „Ich verabscheue sie.“ Dasselbe gilt für das Theater. „Es besteht immer die Gefahr“, erklärt sie, „dass ein Narrativ verbreitet wird. Bei der bildenden Kunst konstruiert jeder sein eigenes.“
Um fünf Uhr morgens klingelte es an der Tür. Ich schaute durch den Türspion und sah sechs maskierte Männer
Mutter und Tochter ähneln sich frappierend – sie sind empathisch, herzlich, messerscharf im Denken. Und sie streiten sich über alles: wie man ein Team am besten motiviert, wie viel Rost Metall haben sollte, wo man für die Fotos posieren soll. „Was die Qualität betrifft, sind wir uns einig“, sagt Natalia. „Wie wir uns hinter den Kulissen streiten, wie oft wir nachts weinen? Das interessiert keinen.“
Daniella wurde mit acht Jahren zum ersten Mal vom belarussischen KGB verhört und erinnert sich noch genau an jenen Tag, an dem ihre Mutter 2010 bei einer Demonstration verhaftet wurde. „Ich war mit Nicolai zu Hause, und um fünf Uhr morgens klingelte es an der Tür. Ich schaute durch den Türspion und sah sechs maskierte Männer. Wir saßen sechs Stunden lang im Haus, ständig ging die Türklingel, unser Hund bellte und das Telefon klingelte. Als das endlich aufhörte, war die Stille ohrenbetäubend.“
Natalia wurde 20 Stunden lang festgehalten und mit Vergewaltigung bedroht. „Das Schlimmste ist, jegliche Kontrolle zu verlieren“, sagt sie. Freunde saßen monate- und jahrelang im Gefängnis; der Ehemann von Daniellas Patentante wurde entführt und getötet. „Im Gefängnis weiß man nicht, was passieren wird. In diesem Moment ist man wie gelähmt.“
In Belarus konnte ich noch das Handy liegenlassen und mich mit Freunden im Wald unterhalten. Heute werden die Drohnen dort sein. Es gibt keinen sicheren Ort mehr“
Official. Unofficial. Belarus. soll beide Erfahrungen einfangen: die Schockstarre der Inhaftierten und die Angst der Zurückgebliebenen. Das BFR will in Venedig außerdem auf digitale Einschränkungen der persönlichen Freiheit aufmerksam machen. „Belarus ist eine einzigartige autoritäre Konstellation“, sagt Daniella, „aber das Thema Überwachung berührt uns alle.“ Ihre Mutter ergänzt: „In Belarus konnte ich noch das Handy liegenlassen und mit Freunden in den Wald gehen, um mich zu unterhalten. Jetzt macht es keinen Unterschied mehr, ob man sein Handy dabei hat – die Drohnen werden dort sein. Es gibt keinen sicheren Ort mehr für einen Menschen.“
Wie der Titel bereits andeutet, ist ihre Installation in Venedig kein offizieller Pavillon, sondern eine Begleitveranstaltung in der Chiesa di San Giovanni Evangelista, da Pavillons von einem Kulturministerium beantragt werden müssen. In diesem Jahr hat Russland zum ersten Mal seit der Invasion der Ukraine wieder einen offiziellen Pavillon. „Das ist ein Versagen des Völkerrechts und der internationalen Institutionen“, sagt Natalia. „Und es ist untrennbar mit dem Versagen der Weltgemeinschaft in der Ukraine-Frage verbunden. Wer wird hier legitimiert? Wenn der Staat sagt: ‚Der Pavillon kommt‘, bedeutet das, der Apparat kommt, und das Geld kommt.“
Kuratiert wird der Russische Pavillon von Anastasia Karneeva, die zusammen mit der Tochter des russischen Außenministers Sergej Lawrow eine Kunstberatungsfirma betreibt. Ihr Vater ist Manager bei Rostec, Russlands größtem Rüstungskonzern. „Der Pavillon ist bis in höchste Regierungskreise verstrickt“, sagt Daniella. Die Kaliadas hoffen, dass der Pavillon zum Schauplatz von Protesten werden wird – Pussy Riot haben bereits eine Besetzung angekündigt – und dass dies eine Überprüfung der Biennale-Statuten anstoßen wird. „Es ist nicht zeitgemäß, jedem Land die Teilnahme zu erlauben, unabhängig von seiner politischen Ausrichtung“, sagt Daniella. „Wenn sich die Olympischen Spiele ändern können, warum nicht auch die Biennale?“
Ein Orgelstück soll daran erinnern, wie nah das Böse ist
Wir fahren zur St.-Alexander-Kirche, einer bei Belarussen beliebten katholischen Kirche auf einer Verkehrsinsel in Warschau. Die Komponistin Olga Podgaiskaya vergleicht sie mit der Arche Noah: „Im Sommer“, sagt sie, „sitzen die Leute auf dem Boden, und es fühlt sich an, als wären wir ein Kreis von Menschen, die etwas überlebt haben.“ Von der Empore spielt sie das Orgelstück, das sie für Venedig komponiert hat: die 20-minütige Sequenz besteht aus Alarmen, Crescendi und Stille.
Im vergangenen November wurde Podgaiskayas Mann bei einem Besuch in Belarus entführt, 15 Tage lang festgehalten und gefoltert. „Ich wollte schreien“, sagt sie. „Aber wenn jemand ins Gefängnis kommt, kann man nicht laut sein, weil die Person dann dort geschlagen wird.“ Sie hofft, dass die Menschen dieses Trauma in ihrem Stück hören können, das „eine Erinnerung daran ist, dass das Böse ganz nah ist. Ich hoffe auch, dass ich die Regierungsleute, die uns ständig beobachten, ein wenig damit heilen kann.“ Ist der KGB Teil ihres Publikums? „Natürlich“, sagt Daniella, die übersetzt. „Wir sind ganz in der Nähe der Grenze. Wenn Sie denken, wir würden nicht verfolgt – nun, das werden wir.“
Auf der Fahrt zum Atelier unterhalte ich mich mit Daniellas Vater Nicolai Khalezin, der extra für den Tag eingeflogen ist. Er trägt einen schicken weißen Mantel und hat Blumen für seine Frau dabei. Die Bücherkugel stammt von ihm. „Es ist eine Neuinterpretation der Sisyphos-Geschichte“, erklärt er. „Die Kugel ist vom Berg gefallen und hat den Schild eines Bulldozers zerquetscht. Denn wenn Bücher in Belarus verboten werden, werden sie geschreddert und vergraben.“
Eine Hostie, die nach Hoffnungslosigkeit schmeckt
Khalezin moderiert außerdem eine Kochshow auf YouTube und fordert wöchentlich belarussische Zuschauer – die sich über VPNs zuschalten – auf, die Sendung anzusehen, sie dann zu löschen und das Abo zu kündigen. Kürzlich war Stephen Fry zu Gast. Ein weiterer Gast war Rasmus Munk, der mir später erzählt, dass sein Beitrag für Venedig eine Hostie sein wird, die in der Kirche gereicht werden soll. 20 Versionen wurden abgelehnt, weil sie zu süß oder zu knusprig waren. „Die Hostie, die Natalia und Daniella mit Hoffnungslosigkeit verbanden, löste sich sofort auf“, sagt Munk. „Sie ist mit einer Knospe der Parakresse aromatisiert, die ein betäubtes Gefühl hinterlässt, ähnlich wie Sichuanpfeffer.“ Die Hostie färbte er in dem Grau der belarussischen Armeeuniform ein.
Im Atelier arbeitet der Maler Sergey Grinevich an zwei großen Leinwänden – auf der einen eine Reihe nackter, kauernder oder betender Gestalten, auf der anderen junge Männer mit Masken, ähnlich denen, die Daniella durch ihren Türspion gesehen hatte. Dazwischen lehnt ein Gemälde eines Weizenfeldes, das neben einer dreidimensionalen Version hängen wird, die aus gestapelten Halmen besteht. „Es wird sehr geordnet, sehr leblos aussehen“, sagt Daniella. Darüber werden sie „Strohspinnen“ aufhängen, eine belarussische Form des Traumfängers, die der Künstler Vladimir Tsesler aus Gefängnisgittern fertigt.
Grinevich verließ Belarus, um hier zu sein, und wird vielleicht nie zurückkehren. „Ich habe viel zu verlieren“, sagt er. „Meine Werkstatt, 500 Kunstwerke, das wunderschöne Haus, das ich gebaut habe.“ Er studierte zwölf Jahre lang in Minsk, der Hauptstadt von Belarus, und spezialisierte sich auf Monumentalmalerei. Er verweist auf die lange Tradition exilierter Maler des Landes: Marc Chagall, Chaïm Soutine, Nadia Léger. Vor Lukaschenkos Herrschaft malte Grinevich sowjetische Propaganda: Porträts von Lenin und Wandmalereien für Militärgebäude. Er sagt, die heutige Staatskunst sei „übersexualisiert und amateurhaft“, geprägt von Machtgier statt Können.
Unsere ICE-Agenten sehen nicht furchteinflößend aus. Es sind junge, gutaussehende Männer aus der Provinz
Daniella bittet ihn, die maskierten Männer so zu verändern, dass sie an andere Sicherheitskräfte, wie die amerikanischen ICE-Agenten, erinnern und weniger belarussisch wirken. „Unsere ICE-Agenten sehen nicht furchteinflößend aus“, sagt sie. „Es sind junge, gutaussehende Männer aus der Provinz.“
Zuvor hatte Natalia ihre Tochter (sehr sanft) ermahnt, sie sei mit den älteren Künstlern und ihr zu ungeduldig. Doch ohne die jugendliche Arroganz gäbe es die Installation vielleicht gar nicht. „Wenn eine 26-Jährige beschließt, einen großen Pavillon zu kuratieren“, sagt ihre Mutter, „frage ich sie: ‚Warum willst du dich mit Kunst und Politik beschäftigen? Lass die Finger davon!‘ Und sie antwortet: ‚Nein, ich muss, weil die jüngeren Generationen sich engagieren müssen.‘ Es geht darum, was wir heute tun, um eine Zukunft zu haben.“
Belarus sei nicht mehr ihre Heimat, sagt Natalia, sondern nur noch eine Ansammlung von Erinnerungen – die Pfannkuchen ihrer Mutter, Spaziergänge im Wald. Ihre Wohnung wurde nach ihrer Abreise beschlagnahmt, und Freunde mussten alle Spuren des Kontakts zu ihnen verwischen. Natalia denkt nicht an die persönlichen Risiken – „Ich kann meine Energie nicht darauf verschwenden“ –, sondern konzentriert sich lieber auf die Kunst. Als Nächstes steht eine Oper auf dem Programm, die auf Die Elefanten basiert, einer Satire über Repression des belarussischen Schriftstellers Sasha Filipenko, in der in jedem Haus des Landes ein Elefant auftaucht.
Die Mühe, dieses Projekt zu realisieren, hat habe ihr gezeigt, welche Kraft ihr Volk im Exil besitze, sagt Natalia: Mehr als die Hälfte der Kosten wurde anonym von belarussischen Unternehmen getragen. Es sei besonders wichtig in einer Zeit, in der überall die Grenzen verschärft würden, sagt sie und fügt hinzu, dass die Angst, die ein autoritäres Regime schürt, nur sehr langsam, wenn überhaupt, nachlasse. „Wenn jemand an die Tür klopft, bedeutet das, dass ich oder Nicolai verhaftet werden. Daniella sagte mir vor ein paar Jahren bei einem Spaziergang im Hyde Park: ‚Erst jetzt fange ich langsam an, das loszuwerden.‘“
Official. Unofficial. Belarus. des ist vom 9. Mai bis 22. November in der Chiesa di San Giovanni Evangelista auf der Biennale in Venedig zu sehen.
Belarus Free Theatre (BFT). Untypisch für dieExil-Truppe ist, dass es keine Performance-Komponente enhält. Geschaffen wurde es von Malern, Bildhauern, Komponisten und einem mehrfach ausgezeichneten Chefkoch. Rasmus Munk arbeitet in seinem mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurant in Kopenhagen an einer Speise, die nach Haft in einem autoritären Regime schmecken soll – dem Thema der gesamten Installation. Auch ein Duft wurde in Auftrag gegeben: Er soll wie ein frisch ausgehobenes Grab in der belarussischen Landschaft Ende August riechen, bedeckt mit verwelkten Blumen.Seit 2011 leben die Gründer des Belarus Free Theatre im Exil in LondonKlingt überambitioniert? Die Gründer des BFT würden dem sofort zustimmen. Natalia Kaliada und ihr Ehemann Nicolai Khalezin, die seit 2011 in London leben, haben einige der herausfordernsten politischen Theaterstücke der vergangenen Jahre produziert, von Being Harold Pinter (2007) bis zur für einen Olivier Award nominierten Oper King Stakh’s Wild Hunt – aber davon, eine Ausstellung zu gestalten, hätten sie nie geträumt. „Wobei, so ganz stimmt das nicht“, räumt Khalezin ein, der früher Kurator war.Vor Jahrzehnten wollte er Belarus bei der Biennale in Venedig vertreten, aber „mir wurde von der Regierung gesagt: ‚Hier sind die Künstler, die Sie auswählen können.‘“ Seit 1994 wird sein Heimatland von dem Diktator und Putin-Verbündeten Alexander Lukaschenko kontrolliert, der die letzten beiden Wahlen gestohlen und Tausende von Oppositionellen inhaftiert hat.Dieses Projekt nun leitet ihre Tochter Daniella Kaliada, die in Baseballkappe und Loafers gerade um das Kreuz herumgeht und Änderungen vornimmt. Die Überwachungskameras sind neu, werden aber abgeschliffen, um verwittert auszusehen. Der Maler Sergey Grinevich zeigt ihr eine neue Ergänzung – einen Klecks grüner und weißer Farbe, der wie Möwenkot aussehen soll. Daniella findet das übertrieben und wischt ihn ab. Mit ihren 26 Jahren gewöhnt sie sich gerade daran, mit älteren und eigensinnigeren Künstlern Konflikte auszutragen.Ihre Mutter ist da keine Ausnahme. Am Morgen treffen wir uns in einem der Stammcafés der Kaliadas in Warschau, wo gelbe Mimosen von der Decke hängen und das viele Exilanten besuchen. Natalia möchte, dass ich Syrniki, süße Quarkpfannkuchen, probiere, aber Daniella verzieht das Gesicht: „Ich verabscheue sie.“ Dasselbe gilt für das Theater. „Es besteht immer die Gefahr“, erklärt sie, „dass ein Narrativ verbreitet wird. Bei der bildenden Kunst konstruiert jeder sein eigenes.“Um fünf Uhr morgens klingelte es an der Tür. Ich schaute durch den Türspion und sah sechs maskierte MännerKuratorin Daniella KaliadaMutter und Tochter ähneln sich frappierend – sie sind empathisch, herzlich, messerscharf im Denken. Und sie streiten sich über alles: wie man ein Team am besten motiviert, wie viel Rost Metall haben sollte, wo man für die Fotos posieren soll. „Was die Qualität betrifft, sind wir uns einig“, sagt Natalia. „Wie wir uns hinter den Kulissen streiten, wie oft wir nachts weinen? Das interessiert keinen.“Daniella wurde mit acht Jahren zum ersten Mal vom belarussischen KGB verhört und erinnert sich noch genau an jenen Tag, an dem ihre Mutter 2010 bei einer Demonstration verhaftet wurde. „Ich war mit Nicolai zu Hause, und um fünf Uhr morgens klingelte es an der Tür. Ich schaute durch den Türspion und sah sechs maskierte Männer. Wir saßen sechs Stunden lang im Haus, ständig ging die Türklingel, unser Hund bellte und das Telefon klingelte. Als das endlich aufhörte, war die Stille ohrenbetäubend.“Natalia wurde 20 Stunden lang festgehalten und mit Vergewaltigung bedroht. „Das Schlimmste ist, jegliche Kontrolle zu verlieren“, sagt sie. Freunde saßen monate- und jahrelang im Gefängnis; der Ehemann von Daniellas Patentante wurde entführt und getötet. „Im Gefängnis weiß man nicht, was passieren wird. In diesem Moment ist man wie gelähmt.“In Belarus konnte ich noch das Handy liegenlassen und mich mit Freunden im Wald unterhalten. Heute werden die Drohnen dort sein. Es gibt keinen sicheren Ort mehr“Natalia Kaliada, Gründerin des BFTOfficial. Unofficial. Belarus. soll beide Erfahrungen einfangen: die Schockstarre der Inhaftierten und die Angst der Zurückgebliebenen. Das BFR will in Venedig außerdem auf digitale Einschränkungen der persönlichen Freiheit aufmerksam machen. „Belarus ist eine einzigartige autoritäre Konstellation“, sagt Daniella, „aber das Thema Überwachung berührt uns alle.“ Ihre Mutter ergänzt: „In Belarus konnte ich noch das Handy liegenlassen und mit Freunden in den Wald gehen, um mich zu unterhalten. Jetzt macht es keinen Unterschied mehr, ob man sein Handy dabei hat – die Drohnen werden dort sein. Es gibt keinen sicheren Ort mehr für einen Menschen.“Wie der Titel bereits andeutet, ist ihre Installation in Venedig kein offizieller Pavillon, sondern eine Begleitveranstaltung in der Chiesa di San Giovanni Evangelista, da Pavillons von einem Kulturministerium beantragt werden müssen. In diesem Jahr hat Russland zum ersten Mal seit der Invasion der Ukraine wieder einen offiziellen Pavillon. „Das ist ein Versagen des Völkerrechts und der internationalen Institutionen“, sagt Natalia. „Und es ist untrennbar mit dem Versagen der Weltgemeinschaft in der Ukraine-Frage verbunden. Wer wird hier legitimiert? Wenn der Staat sagt: ‚Der Pavillon kommt‘, bedeutet das, der Apparat kommt, und das Geld kommt.“Kuratiert wird der Russische Pavillon von Anastasia Karneeva, die zusammen mit der Tochter des russischen Außenministers Sergej Lawrow eine Kunstberatungsfirma betreibt. Ihr Vater ist Manager bei Rostec, Russlands größtem Rüstungskonzern. „Der Pavillon ist bis in höchste Regierungskreise verstrickt“, sagt Daniella. Die Kaliadas hoffen, dass der Pavillon zum Schauplatz von Protesten werden wird – Pussy Riot haben bereits eine Besetzung angekündigt – und dass dies eine Überprüfung der Biennale-Statuten anstoßen wird. „Es ist nicht zeitgemäß, jedem Land die Teilnahme zu erlauben, unabhängig von seiner politischen Ausrichtung“, sagt Daniella. „Wenn sich die Olympischen Spiele ändern können, warum nicht auch die Biennale?“Ein Orgelstück soll daran erinnern, wie nah das Böse istWir fahren zur St.-Alexander-Kirche, einer bei Belarussen beliebten katholischen Kirche auf einer Verkehrsinsel in Warschau. Die Komponistin Olga Podgaiskaya vergleicht sie mit der Arche Noah: „Im Sommer“, sagt sie, „sitzen die Leute auf dem Boden, und es fühlt sich an, als wären wir ein Kreis von Menschen, die etwas überlebt haben.“ Von der Empore spielt sie das Orgelstück, das sie für Venedig komponiert hat: die 20-minütige Sequenz besteht aus Alarmen, Crescendi und Stille.Im vergangenen November wurde Podgaiskayas Mann bei einem Besuch in Belarus entführt, 15 Tage lang festgehalten und gefoltert. „Ich wollte schreien“, sagt sie. „Aber wenn jemand ins Gefängnis kommt, kann man nicht laut sein, weil die Person dann dort geschlagen wird.“ Sie hofft, dass die Menschen dieses Trauma in ihrem Stück hören können, das „eine Erinnerung daran ist, dass das Böse ganz nah ist. Ich hoffe auch, dass ich die Regierungsleute, die uns ständig beobachten, ein wenig damit heilen kann.“ Ist der KGB Teil ihres Publikums? „Natürlich“, sagt Daniella, die übersetzt. „Wir sind ganz in der Nähe der Grenze. Wenn Sie denken, wir würden nicht verfolgt – nun, das werden wir.“Auf der Fahrt zum Atelier unterhalte ich mich mit Daniellas Vater Nicolai Khalezin, der extra für den Tag eingeflogen ist. Er trägt einen schicken weißen Mantel und hat Blumen für seine Frau dabei. Die Bücherkugel stammt von ihm. „Es ist eine Neuinterpretation der Sisyphos-Geschichte“, erklärt er. „Die Kugel ist vom Berg gefallen und hat den Schild eines Bulldozers zerquetscht. Denn wenn Bücher in Belarus verboten werden, werden sie geschreddert und vergraben.“Eine Hostie, die nach Hoffnungslosigkeit schmecktKhalezin moderiert außerdem eine Kochshow auf YouTube und fordert wöchentlich belarussische Zuschauer – die sich über VPNs zuschalten – auf, die Sendung anzusehen, sie dann zu löschen und das Abo zu kündigen. Kürzlich war Stephen Fry zu Gast. Ein weiterer Gast war Rasmus Munk, der mir später erzählt, dass sein Beitrag für Venedig eine Hostie sein wird, die in der Kirche gereicht werden soll. 20 Versionen wurden abgelehnt, weil sie zu süß oder zu knusprig waren. „Die Hostie, die Natalia und Daniella mit Hoffnungslosigkeit verbanden, löste sich sofort auf“, sagt Munk. „Sie ist mit einer Knospe der Parakresse aromatisiert, die ein betäubtes Gefühl hinterlässt, ähnlich wie Sichuanpfeffer.“ Die Hostie färbte er in dem Grau der belarussischen Armeeuniform ein.Im Atelier arbeitet der Maler Sergey Grinevich an zwei großen Leinwänden – auf der einen eine Reihe nackter, kauernder oder betender Gestalten, auf der anderen junge Männer mit Masken, ähnlich denen, die Daniella durch ihren Türspion gesehen hatte. Dazwischen lehnt ein Gemälde eines Weizenfeldes, das neben einer dreidimensionalen Version hängen wird, die aus gestapelten Halmen besteht. „Es wird sehr geordnet, sehr leblos aussehen“, sagt Daniella. Darüber werden sie „Strohspinnen“ aufhängen, eine belarussische Form des Traumfängers, die der Künstler Vladimir Tsesler aus Gefängnisgittern fertigt. Grinevich verließ Belarus, um hier zu sein, und wird vielleicht nie zurückkehren. „Ich habe viel zu verlieren“, sagt er. „Meine Werkstatt, 500 Kunstwerke, das wunderschöne Haus, das ich gebaut habe.“ Er studierte zwölf Jahre lang in Minsk, der Hauptstadt von Belarus, und spezialisierte sich auf Monumentalmalerei. Er verweist auf die lange Tradition exilierter Maler des Landes: Marc Chagall, Chaïm Soutine, Nadia Léger. Vor Lukaschenkos Herrschaft malte Grinevich sowjetische Propaganda: Porträts von Lenin und Wandmalereien für Militärgebäude. Er sagt, die heutige Staatskunst sei „übersexualisiert und amateurhaft“, geprägt von Machtgier statt Können.Unsere ICE-Agenten sehen nicht furchteinflößend aus. Es sind junge, gutaussehende Männer aus der ProvinzDaniella KaliadaDaniella bittet ihn, die maskierten Männer so zu verändern, dass sie an andere Sicherheitskräfte, wie die amerikanischen ICE-Agenten, erinnern und weniger belarussisch wirken. „Unsere ICE-Agenten sehen nicht furchteinflößend aus“, sagt sie. „Es sind junge, gutaussehende Männer aus der Provinz.“Zuvor hatte Natalia ihre Tochter (sehr sanft) ermahnt, sie sei mit den älteren Künstlern und ihr zu ungeduldig. Doch ohne die jugendliche Arroganz gäbe es die Installation vielleicht gar nicht. „Wenn eine 26-Jährige beschließt, einen großen Pavillon zu kuratieren“, sagt ihre Mutter, „frage ich sie: ‚Warum willst du dich mit Kunst und Politik beschäftigen? Lass die Finger davon!‘ Und sie antwortet: ‚Nein, ich muss, weil die jüngeren Generationen sich engagieren müssen.‘ Es geht darum, was wir heute tun, um eine Zukunft zu haben.“Belarus sei nicht mehr ihre Heimat, sagt Natalia, sondern nur noch eine Ansammlung von Erinnerungen – die Pfannkuchen ihrer Mutter, Spaziergänge im Wald. Ihre Wohnung wurde nach ihrer Abreise beschlagnahmt, und Freunde mussten alle Spuren des Kontakts zu ihnen verwischen. Natalia denkt nicht an die persönlichen Risiken – „Ich kann meine Energie nicht darauf verschwenden“ –, sondern konzentriert sich lieber auf die Kunst. Als Nächstes steht eine Oper auf dem Programm, die auf Die Elefanten basiert, einer Satire über Repression des belarussischen Schriftstellers Sasha Filipenko, in der in jedem Haus des Landes ein Elefant auftaucht.Die Mühe, dieses Projekt zu realisieren, hat habe ihr gezeigt, welche Kraft ihr Volk im Exil besitze, sagt Natalia: Mehr als die Hälfte der Kosten wurde anonym von belarussischen Unternehmen getragen. Es sei besonders wichtig in einer Zeit, in der überall die Grenzen verschärft würden, sagt sie und fügt hinzu, dass die Angst, die ein autoritäres Regime schürt, nur sehr langsam, wenn überhaupt, nachlasse. „Wenn jemand an die Tür klopft, bedeutet das, dass ich oder Nicolai verhaftet werden. Daniella sagte mir vor ein paar Jahren bei einem Spaziergang im Hyde Park: ‚Erst jetzt fange ich langsam an, das loszuwerden.‘“