Es waren Szenen, die fassungslos machten. Bei der Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald wurde Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lautstark als „Faschist“ beschimpft – von einem linksradikalen Mob. Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner kritisierte eine zunehmende politische Instrumentalisierung des Gedenkens. Und der Comedian Hape Kerkeling mahnte: Wer die Erinnerungskultur diffamiere, schlage den Opfern ins Gesicht. Parallel dazu versuchten Hamas-Apologeten, ihren Hass gegen Israel auf dem Gelände zu exerzieren.

Die Details will ich Ihnen hier ersparen – Sie können sie auf Wunsch hier und hier nachlesen. Was in Buchenwald passiert ist, ist symptomatisch für den Bankrott einer deutschen Erinnerungskultur, die vor lauter Selbstbeweihräucherung längst den Kompass verloren hat. Sie ist zur Waffe geworden – nicht zur Lektion.

Die ehrliche Frage, die sich niemand traut zu stellen: Was haben wir eigentlich aus dem Nationalsozialismus gelernt? Die offizielle Antwort lautet: „Nie wieder!“ – aber was bedeutet das konkret? In der Praxis bedeutet es: Wer bestimmte politische Positionen vertritt, ist „Nazi-nah“. Wer andere vertritt, steht auf der richtigen Seite der Geschichte. Das Gedenken ist zur Immunisierungsstrategie geworden – man badet sich mit dem rituellen Schauder vor dem Holocaust und hält sich damit für gefeit gegen jede Kritik. Für moralisch überlegen.

Die eigentliche Lektion müsste lauten: Totalitäres Denken, Gleichschaltung, Denunziantentum, die Entmündigung des Einzelnen, die Feindschaft gegen offene Debatte – das sind die Viren. Nicht eine bestimmte Partei von 1933.

Und jetzt stehen „Antifaschisten“ in Buchenwald und skandieren Parolen. Die Ironie wäre zum Lachen, wenn sie nicht so bitter wäre. Dieselben Menschen, die jeden politischen Gegner mit der NS-Keule traktieren, bringen nicht die Spur von Selbstreflexion darüber auf, wie ihr eigenes Denken strukturiert ist: die Freund-Feind-Logik, die moralische Unfehlbarkeit, der Ausschluss Andersdenkender.

Kerkeling, einer der vielen profilierten Vorturner im „Kampf gegen Rechts“ – Hohepriester einer „Moral“, die nur in eine Richtung schaut –, fragt nicht, warum immer mehr Menschen die Erinnerung als Belastung empfinden. Vielleicht weil sie merken, dass sie selektiv angewendet wird. Gegen sie, nie gegen die eigene Seite.

Gedenkstättenleiter Wagner beklagt „neurechte Metapolitik“ – aber was er betreibt, ist linke Metapolitik. Nur ohne das Selbstbewusstsein, es so zu nennen.

Wagner ist genau der Gedenkstättenleiter, der während Corona Ungeimpften den Zutritt zu einer Ausstellung über Ausgrenzung in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald untersagte (siehe hier). Das war für mich einer der perversesten Auswüchse der Corona-Zeit: Ausgerechnet der Leiter einer KZ-Gedenkstätte verwehrte Menschen den Zutritt zu einer Ausstellung über staatliche Willkür – mit staatlicher Begründung, mit staatlicher Vollmacht, und ohne auch nur ein klein wenig irritiert zu sein darüber. Wer keine Spritze vorweisen konnte, erfuhr die Logik der Ausgrenzung nicht als Ausstellungsstück hinter Glas – sondern am eigenen Leib, vor der Tür. Ausgesperrt vom Gedenken an Ausgesperrte. Wagner sah darin keinen Widerspruch.

Die Chuzpe, anschließend über „Instrumentalisierung des Gedenkens“ zu dozieren und andere der „neurechten Metapolitik“ zu bezichtigen – das ist eine bemerkenswerte Selbstimmunisierung gegen jede Form von Selbstreflexion. Wagner benutzt Buchenwald nicht als Spiegel, sondern als Schild. Er reproduziert exakt jene Muster, die er vorgibt zu bekämpfen – und es ist ihm egal, weil ihn niemand zur Rechenschaft zieht.