Ein Frosch steckt keiner der drei Schwestern im Hals. Nach dem Willen ihres Schöpfers Anton Tschechow sind sie schließlich dazu verdammt, abwechselnd zu quaken – gefangen in ihrer unendlichen Lethargie, auch um ein wenig Handlung zu simulieren. Die schönste Mangelware des Russen Tschechow für alle Ewigkeit.

Irina, Mascha und Olga reden und reden, träumen vom geliebten Moskau ihrer Kindheit, das sie nach der Versetzung ihres nunmehr verstorbenen Vaters, eines Generals, hinter sich lassen mussten. Sie leiden an der Gegenwart, sprechen in sehnsuchtsgesättigten Sätzen gegen die eigene Vergeblichkeit an und ziehen selbst aus der kleinsten Hoffnung, wenn sie denn aufblitzt, mondäne Verzweiflung.

Und so springt nur einem der Frosch förmlich aus dem Hals – und zwar im dritten Akt. Der Militärarzt Tschebutykin gibt dort die beliebte Parabel von dem Frosch zum Besten, der langsam gekocht wird, davon nichts merkt und stirbt. So einen wohlfeilen Quark hat sich Tschechow gleichwohl nicht ausgedacht. Plakative Gegenwartsprognosen à la „Die kochen uns langsam, wir kriegen nichts mit!“ passen nicht in sein subtiles Werk.

Die Regisseurin Mateja Koležnik war gerade in den Schlagzeile

Eingefügt hat diese Stelle die Dramaturgin Angela Schanelec in ihrer Bearbeitung nach einer Übersetzung von Arina Nestieva. Auf diesen Text stützt sich die gefeierte slowenische Regisseurin Mateja Koležnik bei ihrer Inszenierung der Drei Schwestern am Berliner Ensemble.

Gerade noch geriet ihre Aufführung von Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten in Bochum in die Schlagzeilen, weil sich zwei aus dem Publikum recht seltsam aufführten, als sie auf die Bühne sprangen und den verblüfften Hauptdarsteller Ole Lagerpusch angriffen, der einen Rechtsextremen spielte.

Doch hüpfen wir zurück zum Schiffbauerdamm, zum Anfang, als sich der Vorhang hebt, den man getrost als einen eisernen bezeichnen darf, wie wir gleich merken. Was wir zunächst sehen, ist kein Flügel im Saal eines Landhauses in der russischen Provinz, keine hohen Fenster, hinter denen sich wie bei Peter Steins legendärer Aufführung von 1984 in der Berliner Schaubühne ein Birkenwäldchen auftut.

Rangniedrige Soldaten rennen im Hintergrund, als seien sie Putins Kanonenfutter

Auch hört man in der Ferne kein Glockenläuten, kein Vogelzwitschern. Vielmehr glaubt man beim Bühnenbild von Klaus Grünberg zunächst ein seelenloses Abzocker-Apartment aus einer Airbnb-Anzeige zu erblicken: schwarze Couch, spartanische Einrichtung und eine Treppe, die ins Nichts hinaufführt.

Aber nein: Wir sitzen ja in einem Bunker auf einem Militärgelände, irgendwo in Russland – eine der wohl unsexysten Destinationen, die man sich derzeit vorstellen kann! In diesem mausgrauen Kellerloch feiern die Schwestern den Namenstag der Jüngsten. Irina wird von Lili Epply gespielt, Constanze Becker gibt die unglücklich mit einem Spießerlehrer (Martin Rentzsch) liierte Mascha, und Bettina Hoppe muss als Älteste der drei die Ersatzmama Olga mimen.

Hinter ihnen hängen Gefechtskarten, maskierte Männer schleppen Kisten mit Aufklebern herein, die vor Radioaktivität warnen. Dann rennen rangniedrige Soldaten in Sowjetuniformen im Hintergrund herum, als verkörperten sie Putins Kanonenfutter. Sie spielen Pingpong, glotzen TV, prügeln sich, saufen aus Wodkaflaschen. Manchmal ertönt eine Sirene, dann erschüttert das Geräusch eines Düsenjets den ganzen Theatersaal.

Die Schwestern sind Verdrängungsweltmeisterinnen geblieben

Und dann tanzen und singen die drei Schwestern zum italienischen Discoschlager A far l’amore comincia tu, den man in der Coverversion Tanze Samba mit mir kennt. „Wir müssen leben … wir müssen leben!“, rufen sie auch. Nicht nur das trägt zur Bombenstimmung bei.

Und da sind noch ihr Bruder Andrej (Paul Herwig), der wie Dostojewskis Spieler das Geld verzockt, und dessen spätere Frau Natascha (Marina Galic), die zunächst wie ein vulgäres Dummerchen auftritt und peu à peu zur alles verschlingenden, geilen Tyrannin mutiert. Das seit seiner Uraufführung 1901 leitmotivische und längst sprichwörtliche „Nach Moskau! Nach Moskau!“-Gerufe scheint einer Italiensehnsucht gewichen zu sein.

Verdrängungsweltmeisterinnen sind die Schwestern geblieben (alle drei im Übrigen eine perfekte Besetzung); die Annäherungsversuche nahe der Vergewaltigung durch die Soldaten scheinen sie äußerlich zu ignorieren. Die einstige Small-Talk-Welt in dieser tragischen Komödie, die Tschechow auf der Krim schrieb, ist längst verroht.

Diese ganze taubengraue Tschechow’sche Welt sei es wert, so schrieb Vladimir Nabokov einmal, „im blendenden Licht dieser starken und sich selbst genügenden Welten, die uns die Anbeter totalitärer Staaten verheißen, wie ein Schatz festgehalten zu werden“.

Kein nostalgischer Salonabend, sondern eine Welt in Permanenzalarm

Dass Mateja Koležnik dem zustimmt, darf man annehmen; man sieht es dem auf knapp zwei Stunden gerafften Abend an. Dass sie sich beim Premierenapplaus quasi als vierte Schwester in die Mitte des sich verneigenden Ensembles schiebt und in Richtung Publikum kurz salutiert, ist ein komischer Move. Als weiteres Bild dieser denkwürdigen Tschechow-Interpretation hallt – vielmehr knallt – es aber noch lange in der Erinnerung nach.

Denn Koležnik zeigt keinen nostalgischen Salonabend, sondern eine Welt in Permanenzalarm. Ihre Schwestern sind nicht nur traurig oder überdrüssig, sondern in einer Welt gefangen, die bereits vor dem finalen Einschlag ihre Unschuld verloren hat. Das macht den Abend so beklemmend wie gegenwärtig – und erklärt, warum der Wunsch „Nach Moskau!“ hier weniger nach Sehnsucht klingt als, nun ja, nach einem letzten Froschquaken vor dem langsamen Kochen.

Drei Schwestern Text: Anton Tschechow, Regie: Mateja Koležnik, Berliner Ensemble

ondäne Verzweiflung.Und so springt nur einem der Frosch förmlich aus dem Hals – und zwar im dritten Akt. Der Militärarzt Tschebutykin gibt dort die beliebte Parabel von dem Frosch zum Besten, der langsam gekocht wird, davon nichts merkt und stirbt. So einen wohlfeilen Quark hat sich Tschechow gleichwohl nicht ausgedacht. Plakative Gegenwartsprognosen à la „Die kochen uns langsam, wir kriegen nichts mit!“ passen nicht in sein subtiles Werk.Die Regisseurin Mateja Koležnik war gerade in den SchlagzeileEingefügt hat diese Stelle die Dramaturgin Angela Schanelec in ihrer Bearbeitung nach einer Übersetzung von Arina Nestieva. Auf diesen Text stützt sich die gefeierte slowenische Regisseurin Mateja Koležnik bei ihrer Inszenierung der Drei Schwestern am Berliner Ensemble.Gerade noch geriet ihre Aufführung von Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten in Bochum in die Schlagzeilen, weil sich zwei aus dem Publikum recht seltsam aufführten, als sie auf die Bühne sprangen und den verblüfften Hauptdarsteller Ole Lagerpusch angriffen, der einen Rechtsextremen spielte.Doch hüpfen wir zurück zum Schiffbauerdamm, zum Anfang, als sich der Vorhang hebt, den man getrost als einen eisernen bezeichnen darf, wie wir gleich merken. Was wir zunächst sehen, ist kein Flügel im Saal eines Landhauses in der russischen Provinz, keine hohen Fenster, hinter denen sich wie bei Peter Steins legendärer Aufführung von 1984 in der Berliner Schaubühne ein Birkenwäldchen auftut.Rangniedrige Soldaten rennen im Hintergrund, als seien sie Putins Kanonenfutter Auch hört man in der Ferne kein Glockenläuten, kein Vogelzwitschern. Vielmehr glaubt man beim Bühnenbild von Klaus Grünberg zunächst ein seelenloses Abzocker-Apartment aus einer Airbnb-Anzeige zu erblicken: schwarze Couch, spartanische Einrichtung und eine Treppe, die ins Nichts hinaufführt.Aber nein: Wir sitzen ja in einem Bunker auf einem Militärgelände, irgendwo in Russland – eine der wohl unsexysten Destinationen, die man sich derzeit vorstellen kann! In diesem mausgrauen Kellerloch feiern die Schwestern den Namenstag der Jüngsten. Irina wird von Lili Epply gespielt, Constanze Becker gibt die unglücklich mit einem Spießerlehrer (Martin Rentzsch) liierte Mascha, und Bettina Hoppe muss als Älteste der drei die Ersatzmama Olga mimen.Hinter ihnen hängen Gefechtskarten, maskierte Männer schleppen Kisten mit Aufklebern herein, die vor Radioaktivität warnen. Dann rennen rangniedrige Soldaten in Sowjetuniformen im Hintergrund herum, als verkörperten sie Putins Kanonenfutter. Sie spielen Pingpong, glotzen TV, prügeln sich, saufen aus Wodkaflaschen. Manchmal ertönt eine Sirene, dann erschüttert das Geräusch eines Düsenjets den ganzen Theatersaal.Die Schwestern sind Verdrängungsweltmeisterinnen gebliebenUnd dann tanzen und singen die drei Schwestern zum italienischen Discoschlager A far l’amore comincia tu, den man in der Coverversion Tanze Samba mit mir kennt. „Wir müssen leben … wir müssen leben!“, rufen sie auch. Nicht nur das trägt zur Bombenstimmung bei.Und da sind noch ihr Bruder Andrej (Paul Herwig), der wie Dostojewskis Spieler das Geld verzockt, und dessen spätere Frau Natascha (Marina Galic), die zunächst wie ein vulgäres Dummerchen auftritt und peu à peu zur alles verschlingenden, geilen Tyrannin mutiert. Das seit seiner Uraufführung 1901 leitmotivische und längst sprichwörtliche „Nach Moskau! Nach Moskau!“-Gerufe scheint einer Italiensehnsucht gewichen zu sein.Verdrängungsweltmeisterinnen sind die Schwestern geblieben (alle drei im Übrigen eine perfekte Besetzung); die Annäherungsversuche nahe der Vergewaltigung durch die Soldaten scheinen sie äußerlich zu ignorieren. Die einstige Small-Talk-Welt in dieser tragischen Komödie, die Tschechow auf der Krim schrieb, ist längst verroht.Diese ganze taubengraue Tschechow’sche Welt sei es wert, so schrieb Vladimir Nabokov einmal, „im blendenden Licht dieser starken und sich selbst genügenden Welten, die uns die Anbeter totalitärer Staaten verheißen, wie ein Schatz festgehalten zu werden“.Kein nostalgischer Salonabend, sondern eine Welt in PermanenzalarmDass Mateja Koležnik dem zustimmt, darf man annehmen; man sieht es dem auf knapp zwei Stunden gerafften Abend an. Dass sie sich beim Premierenapplaus quasi als vierte Schwester in die Mitte des sich verneigenden Ensembles schiebt und in Richtung Publikum kurz salutiert, ist ein komischer Move. Als weiteres Bild dieser denkwürdigen Tschechow-Interpretation hallt – vielmehr knallt – es aber noch lange in der Erinnerung nach.Denn Koležnik zeigt keinen nostalgischen Salonabend, sondern eine Welt in Permanenzalarm. Ihre Schwestern sind nicht nur traurig oder überdrüssig, sondern in einer Welt gefangen, die bereits vor dem finalen Einschlag ihre Unschuld verloren hat. Das macht den Abend so beklemmend wie gegenwärtig – und erklärt, warum der Wunsch „Nach Moskau!“ hier weniger nach Sehnsucht klingt als, nun ja, nach einem letzten Froschquaken vor dem langsamen Kochen.



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