In einem explosiven Interview zeichnet der ehemalige UN-Waffeninspekteur und frühere US-Geheimdienstoffizier Scott Ritter ein düsteres Bild der aktuellen Lage zwischen den USA, Israel und Iran. Ritter argumentiert, dass Washington und Tel Aviv nicht nur einen geopolitischen Fehler begangen hätten, sondern inzwischen selbst erkannt hätten, dass ein direkter Krieg gegen Iran außer Kontrolle geraten könnte – militärisch, wirtschaftlich und politisch. Grundlage seiner Analyse ist die zunehmende Eskalation im Nahen Osten, die massiven Verluste westlicher Systeme sowie die Angst vor einem globalen wirtschaftlichen Kollaps.
Ritter beschreibt die Situation als eine Krise, aus der sich die Trump-Regierung inzwischen verzweifelt herauszuwinden versuche. Offiziell spreche Präsident Donald Trump von erfolgreichen Verhandlungen und einer bewussten Deeskalation. Tatsächlich, so Ritter, sei Washington jedoch schlicht nicht in der Lage, einen großen Krieg gegen Iran zu führen, ohne selbst in eine strategische Katastrophe zu geraten.
Im Zentrum der Debatte stehen laut Ritter die jüngsten Aussagen des iranischen Außenministers Abbas Araghchi, der erklärte, Iran habe aus den bisherigen Angriffen gelernt und werde bei einer neuen Eskalation „viele Überraschungen“ bereithalten. Gleichzeitig verweist Ritter auf Berichte über massive Verluste westlicher Luftsysteme und Drohnen in den vergangenen Auseinandersetzungen. Besonders hervorgehoben wird dabei die angebliche Zerstörung zahlreicher MQ-9-Reaper-Drohnen sowie weiterer Luftfahrzeuge im Verlauf von nur 37 Tagen aktiver Kampfhandlungen.
Nach Ansicht Ritters ist genau dies der Punkt, an dem sich die geopolitische Realität verändert habe. Israel und die USA hätten ursprünglich geglaubt, Iran durch gezielte Schläge destabilisieren und letztlich einen Regimewechsel herbeiführen zu können. Israel habe Trump davon überzeugt, dass die iranische Führung schwach sei, die Bevölkerung säkular werde und das System der Islamischen Republik kurz vor dem Zusammenbruch stehe. Doch genau dieses Kalkül sei gescheitert.
Ritter behauptet, die israelische Führung habe Trump eine Illusion verkauft: die Vorstellung, man könne den Obersten Führer ausschalten, die militärische Führung neutralisieren und anschließend eine neue Regierung installieren, die das iranische Raketen- und Atomprogramm beenden würde. Heute erkenne Washington jedoch, dass das Gegenteil eingetreten sei: Die iranische Führung sei innenpolitisch stärker als zuvor, während die strategischen Ziele Israels unerreichbar geworden seien.
Besonders dramatisch fällt Ritters Einschätzung zu den möglichen Folgen eines neuen Krieges aus. Sollte es zu einem direkten Angriff auf Iran kommen, werde Teheran nach seinen Worten nicht nur Israel treffen, sondern die gesamte Energiearchitektur der Golfregion angreifen. Ritter verweist dabei vor allem auf die Vereinigten Arabischen Emirate, die nach seiner Darstellung inzwischen eine zentrale Rolle in der israelischen Sicherheitsstrategie spielen.
Iran habe bereits deutlich gemacht, dass im Kriegsfall Energieanlagen, Entsalzungsanlagen und Stromversorgungssysteme der Golfstaaten zum Ziel würden. Ritter beschreibt ein Szenario permanenter Raketen- und Drohnenangriffe „Stunde für Stunde, Tag für Tag“. Die Folgen wären nach seiner Einschätzung verheerend: Zusammenbruch der Energieproduktion, massive Ausfälle globaler Lieferketten, Stillstand von Raffinerien und letztlich eine weltweite Wirtschaftskrise.
Besonders brisant ist seine Behauptung, die USA könnten einen solchen Krieg logistisch kaum durchhalten. Laut Ritter verfüge Washington nur über begrenzte Bestände an Langstreckenwaffen und Luftabwehrsystemen. Iran hingegen sei in der Lage, einen langen Abnutzungskrieg zu führen. Die Vereinigten Staaten würden laut Ritter „nach einer Woche anfangen, alles auszugehen“.
Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews ist Trumps politische Lage im eigenen Land. Ritter zeichnet das Bild eines Präsidenten, der zunehmend von wirtschaftlichen Ängsten eingeholt werde. Die amerikanische Bevölkerung interessiere sich nicht für geopolitische Narrative über iranische Atomwaffen, sondern für Inflation, Energiepreise und steigende Lebenshaltungskosten. Immer wieder verweist Ritter auf den berühmten Satz aus der Clinton-Ära: „It’s the economy, stupid.“
Trump versuche nun, Stärke zu demonstrieren, indem er mit Angriffen drohe und sich anschließend als Friedensstifter inszeniere. Ritter bezeichnet dies als reines politisches Theater. Tatsächlich, so seine Analyse, wisse Trump selbst, dass ein Krieg gegen Iran seinen politischen Untergang bedeuten könnte. Ein wirtschaftlicher Kollaps infolge explodierender Energiepreise würde die Zwischenwahlen zerstören und letztlich zu einem Amtsenthebungsverfahren führen.
Darüber hinaus attackiert Ritter massiv westliche Medien und Geheimdienste. Besonders scharf kritisiert er Berichte über angebliche israelische Kontakte zum ehemaligen iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad. Ritter bezeichnet diese Geschichten als „billigste Form von Informationskrieg“ und wirft der CIA sowie Medien wie der The New York Times und der Financial Times vor, aktiv an psychologischen Operationen beteiligt zu sein.
Nach seiner Darstellung verfügen die USA heute kaum noch über funktionierende menschliche Geheimdienstnetzwerke innerhalb Irans. Frühere CIA-Strukturen seien von iranischen Gegenspionagebehörden zerschlagen worden. Israel habe zwar lange Zeit operative Netzwerke aufgebaut, doch auch diese seien in den vergangenen Monaten massiv beschädigt worden.
Zum Ende des Interviews richtet Ritter den Blick auf die größere geopolitische Entwicklung: die strategische Annäherung zwischen Russland und China. Während Trumps Besuch in Peking laut Ritter „nichts erreicht“ habe, seien beim Treffen zwischen Vladimir Putin und Xi Jinping Dutzende konkrete Vereinbarungen unterzeichnet worden. Für Ritter zeigt sich darin eine tektonische Verschiebung der globalen Machtverhältnisse.
Sein Fazit ist eindeutig:
Die USA und Israel hätten geglaubt, Iran isolieren und destabilisieren zu können. Stattdessen sei eine Situation entstanden, in der jede weitere Eskalation das Risiko eines regionalen Flächenbrandes mit globalen wirtschaftlichen Folgen berge. Für Ritter steht fest, dass Washington inzwischen nicht mehr aus Stärke zurückweicht – sondern aus Angst vor den Konsequenzen eines Krieges, den es möglicherweise nicht mehr kontrollieren könnte.
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