Der 15. November 1879 war ein folgenschwerer Tag.

Heinrich von Treitschke, by Original uploader was Dilerius at de.wikipedia: Original source: http://portrait.kaar.at/Verschiedene%2019.Jhd/image8.html, Public Domain, Link

Heinrich von Treitschke, der große alte Mann der Geschichtsforschung, ein Nationalliberaler mit erheblichem Ansehen, Gewicht und Einfluss, veröffentlichte in den Preußischen Jahrbüchern einen Essay unter der Überschrift „Unsere Aussichten“.

Die Wirtschaftskrise, die dem von uns gestern beschriebenen Schwarzen Freitag vom 9. Mai 1873, dem Tag, an dem die Wiener Börse zusammenbrach und Hunderte Unternehmen Konkurs anmelden mussten, nachfolgte, war Ende 1879 weitgehend durchlaufen.

Es ging wieder bergauf.

Dessen ungeachtet waren diejenigen, die sich zur intellektuellen Elite zählten, mit der Aufarbeitung des jäh zu einem Ende gekommenen wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland beschäftigt.

Vor allem die 5 Milliarden Franc an Reparationszahlungen (Ergebnis des Krieges von 1870/1871), die bis 1873 ihren Weg nach Deutschland gefunden hatten, waren für eine Aufbruchsstimmung, nein, eine Goldgräberstimmung sondersgleichen verantwortlich. Die Börsen erklommen jeden Tag neue Höhen, Gründer schufen neue Unternehmen im Stundentakt, Aktiengesellschaften schossen dank einer Erleichterung im Gesetz zur Gründung und Regelung von Aktiengesellschaften aus dem Boden, Gewerbefreiheit und Boomindustrien wie die Eisenbahn oder die Stahlindustrie trieben einen Aufschwung, der dem Wirtschaftswunder der 60er Jahre nur wenig nachstand, bis er dann am Schwarzen Freitag ein jähes Ende gefunden hat.

Dass ein solches Ende kommen musste, war eigentlich klar, denn die Kurse, zu denen Aktien gehandelt wurden, hatten keinerlei Verbindung mehr zum Wert des zugrunde liegenden Assets, dass die Blase platzen würde, war klar. Die Frage war: Wann?

Am 9. Mai 1873 war es dann soweit. Reparationszahlungen waren beendet, Überproduktion als Folge des schnellen Ausbaus der Eisenbahn, die den Gütertransport revolutionierte und ein Überangebot an Gütern mit sich brachte, endemisch, das auf Sand gebaute System brach in sich zusammen und die deutsche Wirtschaft benötigte bis 1879, um die Folgen zu verarbeiten.

Zu dem Moment, zu dem man das Gröbste hinter sich hatte, veröffentlichte von Treitschke seinen Beitrag „Unsere Aussichten“, in dem er sich im Wesentlichen fragt, welche Rolle Juden im Deutschen Reich spielen konnten, Juden, denen er eine Dominanz in Wirtschaft, bei Banken und im Bereich der Kultur attestierte und von denen er – aufgrund ihrer abweichenden Bräuche, Treitschke sprach von Juden als „nationaler Sonderexistenz“ – der Ansicht war, sie strebten nicht nur nach Dominanz, seien vielmehr im Begriff, ein „Staat im Staate“ zu werden. Treitschke warnte vor „einer „deutsch-jüdischen Mischkultur“, die auf die „Jahrtausende germanischer Gesittung“ folgen könnte und stützte seine Warnung auf seine Ansicht, Juden hätten ein „Übergewicht in der Tagespresse“ und seien maßgeblich am „Materialismus“ und den Exzessen der Gründerzeit beteiligt. Die zu diesem Zeitpunkt bereits wachsende Judenfeindlichkeit war nach Ansicht von Treitschke eine „natürliche Reaktion“ des „germanischen Volksgefühls“ gegenüber einem „fremden Element“. Seine Erörterung „Unserer Aussichten“ kulminierte in dem Satz: „Die Juden sind unser Unglück“.

Eines der schlimmsten Blätter der NS-Zeit, Julius Streichers radikal-antisemitische Wochenzeitung „Der Stürmer“ hatte zu seiner Hochzeit eine Auflage von einer halben Million.

Damit ist unsere Frage vom gestrigen Tag beantwortet und gleichzeitig geklärt, von wo Julius Streicher seine Inspiration zum „Stürmer“ bezogen hat. Tatsächlich enthält Treitschkes Essay die meisten Versatzstücke des Antisemitismus, die später und bis heute den Nationalsozialisten zugeschrieben werden. Zwar ist Treitschke der Ansicht, Juden stellten einen Fremdköper in der „germanischen Gesellschaft“ dar, sieht jedoch die Möglichkeit einer Assimilation von Juden an das Germanentum, eine „soziale“, aber keine politische Integration.

Es oblag dem SOZIOLOGEN und Sozialisten, Eugen Dühring, die angeblichen Unterschiede von Juden und Germanen als unüberbrückbare rassisisch-biologische Unterschiede zu dekretieren. Auch hier haben die Nationalsozialisten keine eigenen Ideen eingebracht. Sie haben einfach nur verwendet, was weithin und frei an absurdem Geschreibsel verfügbar war.

Von Treitschke hat mit seinem Essay den sogenannten Berliner Antisemitismusstreit ausgelöst, ein Feuerwerk an Schriften pro und contra Jüdischer Integration, an dem auch viele jüdischen Autoren mit Gegendarstellungen teilgenommen haben. Ein Streit, wie er heute nicht mehr geführt werden könnte, weil Leute, die sich als Zensoren im Dienst westlicher Werte aufspielen, Beiträge, wie den von Treitschke und damit jede Diskussion als Hassrede unterdrücken würden. Wir sind weit gekommen, mit der Wissenschaftsfreiheit …

Doch zurück zum Antisemitismusstreit, der über zwei Jahre tobte und so gut wie keinen Eindruck auf die Restgesellschaft ausübte. Am besten wird diese Wirkungslosigkeit und nicht vorhandene Außenwirkung der damaligen Intellektuellenblase am vollständigen Misserfolg der im Zuge des Antisemitismusstreits gegründeten Antisemitischen Parteien. Antisemitismus ist im Übrigen ein Begriff, den Wilhelm Marr anlässlich seiner Gründung der Antisemitenliga (1879), mit der er hoffte, aus der Treitschke-Vorlage Kapital schlagen zu können, erfunden hat. Seither ist er in Gebrauch. Wenigstens in dieser Hinsicht war Marr erfolgreich, wenn er auch ansonsten ein Leben der Misserfolge geführt hat.

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Etwas erratisches, aber dennoch gutes Buch zum Berliner Antisemitismusstreit; Link zu Amazon

Aber sein Leben, Marr’s Leben ist exemplarisch für etwas, was wir auch heute noch beobachten können, oder gerade heute beobachten können. 1819 in eine Theaterfamilie, sein Vater „Heinrich Marr“ war Schauspieler und Regissseur, geboren, absolvierte Marr eine Kaufmannslehre, arbeitet für kurze Zeit in seinem Fach in Wien und wurde dann, unter dem Einfluss von Wilhelm Weitling und in Zürich zu einem Sozialrevolutionär.

Sozialrevolutionäre waren Leute, die nicht nur Marxens Geschreibsel wörtlich nahmen, es waren Leute, die grundlegende Veränderungen an einer Gesellschaft forderten, in der sie umfassend erfolglos geblieben waren. Zu diesem Zweck machten sie sich die Forderungen von Arbeitern in konkreten Betrieben nach Arbeitsschutz und Krankenversicherung zueigen, übernahmen die Forderung nach einer Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts und Einführung eines allgemeinen Wahlrechts von Liberalen und ergänzten eigene Vorstellungen einer Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und kostenloser Volksbildung [angesichts der vielen Bildungsvereine, die es bereits im Kaiserreich gab, ein Eulentransport nach Athen].

So gewappnet zog Marr, wie viele seiner „Genossen“ voller Hoffnung und Tatkraft als „radikaldemokratischer Abgeordneter“ in die Frankfurter Paulskirche ein und verließ dieselbe 1848 voller Enttäuschung, ob ihres Scheiterns. Eine Enttäuschung, die ihn zunächst nach Costa Rica geführt hat, aus dem er 1859 noch enttäuschter und verbitterter zurückgekehrt ist, nicht mehr als Sozialist und radikaldemokratischer Abgeordneter, sondern als Antisemit. Wie viele seiner Mitstreiter war Marr nunmehr der Ansicht, alles Scheitern seines und alles Übel des gesellschaftlichen Lebens sei von Juden zu verantworten, der gestern von uns beschriebene Gründercrash, in den viele Juden als Gründer oder Bankiers verwickelt waren, galt ihm dafür als Beleg. Von Treitschke liefert die intellektuelle Grundlage und Rechtfertigung dafür, den Judenhass nun öffentlich auszuleben, und das ist dann auch, was Marr und viele andere getan haben.

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Wilhelm Marr, by ArcomannoOwn work, CC0, Link

Überlebt hat Antisemitismus nur in den Kreisen der enttäuschten Intellektuellen, vor allem unter linken, selbsterklärten Intellektuellen, die prädestiniert dafür sind, früher oder später den unüberbrückbaren Graben zwischen ihren ideologischen Vorstellungen und der Realität zu entdecken und daraus die Wahl zwischen Entideologisierung oder Radikalisierung abzuleiten. Sie waren Angehörige der Kreise, die Antisemitismus am Simmern gehalten und auf Zeiten gewartet haben, die den so sehnlichst erhofften Einfluss und mit ihm die so sehnlichst erhoffte Bedeutung versprochen haben.

Mit dem Eintritt der Nationalsozialistischen Bewegung in die Reichsregierung des Jahres 1933 war diese Zeit gekommen. Die über Jahre gepflegten Animositäten und genährten Verletzungen konnten nun ungehindert in staatliche Doktrin und staatlich subventionierten Judenhass überführt werden. Das Warten der kleinen Persönchen hatte sich gelohnt.

Die Zeit für ihr Wüten war gekommen.

Die Nationalsozialisten haben den Antisemitismus nicht erfunden. Sie haben benutzt, was vorhanden war, den simmenden Antisemitismus zum Kochen gebracht und sich die dummen Intellektuellen zunutze genacht, deren Frust und die darauf folgenden Persönlichkeitsstörungen seit Jahrzehnten nach einem Ventil Ausschau gehalten haben. Ohne angebliche Intellektuelle wie Wilhelm Marr oder Eugen Dühring gäbe es keine Nationalsozialisten und ohne Heinrich von Treitschkes Essay hätten diese kleinen Lichter nie den Mut gefunden, sich offen als Antisemiten zu inszenieren.


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