Kleine Frage zum Anfang, die wir im Laufe dieser kleinen Serie auflösen werden: Von wem stammt der Satz „Die Juden sind unser Unglück“, der von Julius Streicher in seinem Schmierblatt „Stürmer“ verewigt wurde?
Soviel zum Kontext.
Nun zu Bethel Henry Strousberg, der als Baruch Hirsch Strausberg in Masuren und Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamlie das Licht der Welt erblickt hat. Strousberg steht wie kein anderer für die Gründerkrise, die das „neue“ Deutschland im Jahre 1873 ereilt hat.
Ja, wir machen etwas Geschichte, schreiben also über das, was sich nicht nicht, sondern ständig wiederholt.
Der Gründercrash, auf den wir in späteren Posts zurückkommen werden, ist die erste Finanz- und Wirtschaftskrise, die das gerade gegründete (1870/71) Deutsche Reich erfasst und ins Trudeln gebracht hat. Witzigerweise kommt der Anlass von denjenigen, die „leider draußen bleiben mussten“, die aus dem Deutschen Reich schon 1866, genau am 3. Juli 1866 bei Königgrätz aus dem späteren Deutschen Reich herausgeschossen wurden: Österreich.
Was viele nicht wissen: Der schwarze Freitag, von dem so häufig die Rede ist, bezieht sich nicht auf den Börsencrash im Jahre 1929 und in New York, sondern auf den Börsencrash vom 9. Mai 1873, der sich am Samstag zum 153. Mal jährt.
An diesem Tag ist die Börse in Wien zusammengebrochen, einfach deshalb, weil die Spekulationsblase, die die Reparationszahlungen von 5 Milliarden Franc, die Frankreich nach der Niederlage gegen das dann proklamierte „Deutsche Reich“ zahlen musste, versiegt sind. Der Finanzstrom, der den deutschen Markt mit Kapital überschwemmt hat, Anlass zu einer erheblichen Welle der Gründung neuer Unternehmen (daher Gründerkrise / -crash) gegeben hat, ist abgebrochen und die Spekulationsblase, die bis dahin aufgeblasen wurde, weil Aktien zu Phantasiepreisen und in weitem Abstand zum „underlying asset“ gehandelt wurden, sie ist geplatzt.
Bankhäuser wie die Quistop-Bank histen die weiße Fahne und mit ihnen ging die Börse Wien und eine große Zahl an Unternehmen, die sich mit dem Kommissionshandel beschäftigt haben, pleite.
In den wirtschaftlichen Malstrom ist auch Bethel Henry Strousberg geraten, der bis zu diesem Zeitpunkt mit einem Geschäftsmodell erfolgreich war, das man in Variationen bis heute finden kann. Strousberg war „Generalunternehmer“ und im Eisenbahnbau tätig. Sein – heute würde man sagen: Konzern, war vertikal integriert, d.h. er hatte Unternehmen in Bergbau, Stahlunternehmen und Lokomotivenfertigungswerke in seinem Besitz. Alles, was für den Eisenbahnbau und -betrieb notwendig war, wurde von Strousberg in eigener Regie erstellt. Die Konzessionen, die notwendig waren, um Eisenbahnlinien wie z.B. die Strecke von Insterburg nach Tilsit oder von Berlin nach Görlitz zu erstellen, die hat sich Strousberg mit einem Mittel verschafft, das ebenfalls bis heute zum Einsatz kommt: Eine Mischung aus Bestechung, Korruption und Vitamin B. Eine solche Mischung hat ihm 1870 unter Mithilfe von Heinrich von Itzenplitz, damaliger Handelsminister in Preußen, unter anderem die Konzession zum Bau eines Eisenbahnnetzes in Rumänien verschafft.
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Strousbergs System bestand darin, seine Subunternehmer (der Mann agierte als Generalunternehmer) nicht mit GELD sondern mit AKTIEN zu bezahlen. Die Aktien waren überbewertet, ihr Nennwert lag deutlich über den Baukosten und konnten von denen, die damit bezahlt wurden, unmittelbar zu Geld gemacht werden, indem sie an der Börse verkauft wurden. Ein System, das der Gründerstimmung entsprechend, eine Spekulationsblase geschaffen hat, einmal mehr war der Preis, zu dem Aktien gehandelt wurden, weit von dem entfernt, was den Aktien als Wert zugrundelage.
Ein System, das mit Ansage im Crash enden muss. Der Crash kam 1873, an jenem schwarzen Freitag und für Strousberg ging es danach stetig bergab. Bereits 1873 hatte der Nationalliberale Abgeordnete, Eduard Larker, im Reichstag zu Berlin Strousberg zum Gegenstand seiner „Enthüllungen“ gemacht und die politische Korruption „auf höchster Ebene“ angeprangert. Als Folge musste Itzenplitz zurücktreten und Strousberg war sozial erledigt. 1875, beim Versuch, zu retten, was zu retten ist, wurde er in Russland festgenommen und wegen Kreditbetrug angeklagt. Die Bank, auf deren Wechseln er reiste, hatte sich geweigert, die Wechsel einzulösen. Der Rest war Abwicklung: Das Imperium von Strousberg zerbrach, seine Unternehmen wurden weit unter Wert verkauft, er selbst sank in Armut und starb 1884 vollständig verarmt, an einem Herzinfarkt.
Ich bin der Ansicht, dass Auguste Melmotte, der Hauptcharakter in der Novelle „The way we live now“, von Anthony Trollope, entlang der historischen Figur von Strousberg modelliert wurde. Die Novelle wurde 1875 veröffentlicht und ist eine bissige Kritik an politischer Korruption und spekulativem Wahn im für Trollope zeitgenössischen London. Andere sind der Ansicht, John Sadleir, ein irischer Bankier und Spekulant sei Vorbild für Trollope gewesen, einfach deshalb, weil sich beide, Melmotte und Sadleir mit Blausäure das Leben genommen haben. Letztlich ist es wohl kein einzelner Zeitgenosse, der Trollope beeinflusst hat, sondern eine bestimmte Art von Mensch …
Der Schwarze Freitag jährt sich diese Woche am Samstag.
Und mit diesem Beitrag haben wir die Grundlage gelegt, auf der wir morgen eine Geschichte weitererzählen, die aus dem Gründercrash erwachsen ist und so bekannte Rassisten wie Friedrich Engels und Karl Marx umfasst, die sich beide so gerne das Maul über einen „Negrillo“ zerrissen haben. Damit war der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Lafargue gemeint, ein Franzose kreoler Abstammung, mit dunklerer Haut und 1/8 Negerblut, wie Engels gegenüber Bebel betont hat.
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