Es gibt Momente, da traut man seinen Augen nicht mehr, auch wenn man glaubt, alles erlebt zu haben. Aber dass sich ein Bundeskanzler, der von der rot-grünen Presse gemobbt wird wie ein pickliger, übergewichtiger Pendler in einer schlechten Schule, ausgerechnet bei seinen Peinigern ausweint – das ist schon so grotesk, dass es eher wie Laienspiel wirkt denn wie Realität.
Genau das ist aber geschehen.
Friedrich Merz gab dem Zentralorgan des rot-grünen Kulturkampfes, dem „Spiegel“, ein Interview. Mit dem weinerlichen Titel: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“
Sorry, aber ist der Mann noch bei Trost? Konrad Adenauer ließ sich als „Kanzler der Alliierten“ beschimpfen. Helmut Schmidt musste linksextremen Terror ertragen, Angst um sein Leben haben. Helmut Kohl wurde jahrelang verspottet – tief unter der Gürtellinie, täglich, systematisch. Etwa als „Birne“. Keiner von ihnen hat sich öffentlich ausgeweint. Schon gar nicht beim Intimfeind. Merz hingegen hat jahrzehntelang für diesen Job gekämpft, ist zweimal gescheitert, hat gewartet, gebettelt, manövriert – und nun, da er das Kanzleramt endlich hat, jammert er auf X. Wer so lange für einen Stuhl kämpft, sollte wissen, dass er nicht nur Dienstwagen, Regierungsflieger und Bauchpinselei bringt, sondern auch Gegenwind.
Keine Sorge, ich werde Ihnen das Therapiegespräch des Kanzlers bei den Ideologen aus Hamburg nicht im Detail wiederkäuen. Nur ein paar Kostproben.
Bemitleidenswerter Taktiker
Das Pflegeheim. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben. Mitten in einem Interview über Staatsreformen, Rentenkonzepte und die Zukunft der westlichen Welt kommt der Kanzler auf seine Eltern im Pflegeheim zu sprechen. Er besuche sie alle drei Wochen. Er zahle „ziemlich viel“. Details? Macht er nicht öffentlich. Natürlich nicht. Aber er sagt es trotzdem. Warum? Weil es weich macht. Weil es das Bild des kalten Merz, des Blackrock-Mannes, des Bierdeckel-Kapitalisten, für einen Moment verwischt. Das ist nicht Offenheit. Das ist Kalkül – oder zumindest so schlecht verstecktes Taktieren, dass man den Taktiker fast bemitleiden möchte.
Der Spiegel hilft bereitwillig. „Wissen Sie Ihre Eltern dort gut betreut?“ Ja, wirklich. Das ist die Frage, die drei Redakteure dem Bundeskanzler stellen, während Deutschland auf einen Schuldenberg stapft und die AfD in Sachsen-Anhalt auf die absolute Mehrheit zurollt.
Groupies aus Hamburg
Wer den heutigen Journalismus mit seinen perfiden Auswüchsen kennt, der weiß, was da hinter den Kulissen gewöhnlich läuft. Heutige Redaktionen träumen von Kanzler-Interviews wie Groupies von Backstage-Pässen. Selbst wenn es um einen Kanzler geht, den man sonst ständig verprügelt – in die Nähe des Throns zu kommen bleibt der erotische Traum vieler Redakteure (ich nutze hier bewusst nur das generische Maskulinum – auch wenn bei „Spiegel“ und Genossen wohl die Genderform angemessener wäre).. Wochenlang wird gebettelt, verhandelt, geschmeichelt. Und wenn das Büro des Kanzlers schließlich zusagt, dann nicht ohne stille Gegenleistung: keine allzu bösen Fragen, keine Fallen, kein Kreuzfeuer. Man nennt das nicht so. Aber jeder weiß es. Das Interview mit Merz riecht förmlich danach. „Wissen Sie Ihre Eltern dort gut betreut?“ ist keine journalistische Frage. Das ist ein Streicheln.
Dann die Skala. Der Spiegel fragt, wo die Reformregierung zwischen 0 und 100 stehe. Merz: „Noch nicht bei 50.“ Und sagt es so, als hätte er gerade die Frage beantwortet, wie der Kaffee schmeckt. Nach einem Jahr Kanzlerschaft. Wohlgemerkt: Er ist nicht in eine Naturkatastrophe hineingestolpert, kein Krieg hat seine Pläne durchkreuzt – zumindest keiner in Deutschland. Er hatte eine Koalition, ein Mandat, einen Koalitionsvertrag – und kommt selbst nach eigener Einschätzung auf unter 50 Prozent. Dafür braucht man beim Spiegel keine drei Redakteure. Das hätte auch eine Pressemitteilung getan: „Halbzeit verfehlt, Zuversicht ungebrochen.“ Wobei auch die „unter fünfzig“ noch dreiste Selbstbeweihräucherung ist – der Bierdeckel, den er einst mit einem Steuerkonzept vollschrieb, liegt inzwischen im Haus der Geschichte in Bonn. Die Idee, die draufstand, offenbar auch.
Dann der Krankenstand. 14,5 Tage im Schnitt – und Merz fragt, ob wir wirklich „ein so krankes Volk“ seien. Legitime Frage. Wichtige sogar. Aber er duckt sich sofort weg, als der Spiegel nachhakt. Karenztage? „Ich würde uns nicht empfehlen, uns ein zweites Mal eine blutige Nase zu holen.“ Wörtlich. Also: Problem benennen, Lösung verweigern. Das ist die Merz’sche Reformformel, die sich durch das gesamte Interview zieht wie ein roter Faden aus nasser Wolle.
Ehrfurcht vor der Macht
Am Ende bleibt ein Bild: Ein Kanzler, dem die wenigen Fragen, die sich der Spiegel tatsächlich zu stellen traute, schon zu viel waren. Karenztage? Epiktet. Steuerreform? Kommt noch. Rente mit 63? Wartet die Kommission ab. Pflegekosten? Zu früh für Details. Man fragt sich irgendwann: Gibt es irgend etwas, was er wirklich anpacken will, wozu er wirklich den Willen hat? Und wenn nicht, oder kaum etwas – warum gibt er dann überhaupt ein Interview? Die unbequemen Fragen, die ein echter Interviewer gestellt hätte, verkniffen sich die Spiegel-Leute. Die Journalisten, die ihn sonst ständig durch den Kakao ziehen, wirken wie kastriert, angesichts der Gnade der Audienz. Stattdessen: Pflegeheim, Bierdeckel-Nostalgie und die Frage, ob er manchmal ein Mantra im Kopf habe. Ernsthaft.
Nur der Leser sitzt da und denkt: Die Journalisten, die ihn jahrelang durch den Kakao gezogen haben, werden über Nacht zu Hofberichterstattern – sobald die Audienz winkt. Das ist kein Zufall. Das ist ein Geschäft. Der Spiegel bekommt sein Titelinterview, Merz bekommt sein Weichzeichner-Porträt. Was dabei entstand, war kein Interview. Es war betreutes Befragen – und am Ende betreutes Publizieren gleich dazu. Und Merz? Wusste das. Deshalb ist er ja hingegangen.
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