Nichts gegen Politisierung, nichts gegen Proteste: Aber wenn die Kunst auf der Biennale in Venedig deshalb ignoriert wird, ist das skandalöser als Florentina Holzingers Pisse-Pavillon


Wirkungsvoll? Eine Besucherin protestiert gegen den russischen Pavillon

Foto: Simone Padovani/Getty


Das Unbehagen begann bereits auf der Hinreise nach Venedig. Da stand eine Frau am Gate mit ihrer 10.000-Euro-Hermès-Tasche, auf der sie ein Stück Stoff befestigt hatte. Darauf der durchgestrichene Kopf von Wladimir Putin, der ein Krönchen aufhat. Und jetzt weiß ich gar nicht, ob es möglich wäre, die Widersprüche in diesem performativen Protest im Rahmen dieser Kolumne angemessen darzulegen, aber ich traue den Leserinnen und Lesern hier mal etwas zu: Selber denken zum Beispiel – das machen Zeitungen ja heute viel zu selten.

Perfekt inszenierte Protestaktionen, für Streikts geschlossene Pavillons

Es fand in der vergangenen Woche jedenfalls die Eröffnung der Biennale von Venedig statt, oder vielleicht auch nicht – weder gab es nämlich eine Zeremonie noch eine Jury, die einen Preis verleihen wollte. Weil sowohl im Pavillon von Russland als auch in dem von Israel wieder Kunst ausgestellt wurde, und USA und Katar auch irgendwie problematisch sind. So war von Anfang an ein gewisser Druck auf dem Kessel, der sich dann in für die Nachrichtenagenturen perfekt inszenierten Protestaktionen zeigte, in für Streiks geschlossenen Pavillons (aber nur bis 15 Uhr!) und in direkt auf Kunstwerke gehefteten Protestplakaten.

Nichts gegen Politisierung, nichts gegen Proteste, aber diese Entfernung von der Kunst ließ mich traurig werden. Und die zeigte sich bei der Eröffnung des deutschen Pavillons auf eine Weise, die skandalöser ist als Florentina Holzingers Pisse-Pavillon. Die Künstlerinnen Henrike Naumann (die im Februar mit nur 41 unerwartet verstarb) und Sung Tieu gestalteten den Faschismus-Bau.

Und wie Tieu den Bau mit Mosaiksteinen zum Plattenbau hat umgestalten lassen, ist spektakulär gut und sollte genauso bleiben, damit sich folgende Künstlerinnen und Künstler von nun an mal ein bisschen an der jüngeren deutschen Geschichte abarbeiten müssen. In Die Innere Front von Naumann werden Stühle zu Hieroglyphen und die Geschichte des (Neo-)Faschismus zu derzeit erlebter Realität. Ein intensives und dichtes Werk aus Wandbildern, Gardinen, Farben und Fundstücken, die von gesellschaftlicher Militarisierung erzählen. Und all das ist natürlich viel politischer als modische Statements gegen Putin.

Die Vertreterin des Auswärtigen Amts ignorierte die Kunst im deutschen Pavillon

Aber kommen wir zu dem, was so skandalös war, aber auch so viel aussagt über das Unbehagen mit einem politisierten Kunstevent wie der Biennale. Zur Eröffnung des deutschen Pavillons wurden Reden gehalten, keine leichte Aufgabe, auch weil der Tod der radikalste Akt ist, weil man irgendwie damit umgehen muss, auch wenn jeder das aus unterschiedlichen Gründen lieber nicht tun würde. Und weil schon änger keine ranghohen Politiker mehr nach Venedig zur Eröffnung kommen, sprach Christina Beinhoff, Abteilungsleiterin für Kultur und Gesellschaft im Auswärtigen Amt, und hatte eine merkwürdige Entscheidung getroffen.

Anstatt über die starke, klare, politische Kunst des Pavillons mit Bezug zur deutschen Geschichte – mit der ostdeutschen hatte sich hier vorher noch keiner beschäftigt! – zu sprechen, diese Arbeit zu würdigen oder auch zu kritisieren, sprach Beinhoff vor allem über die Kunst, die die ukrainischen Kuratoren ausgesucht hatten.

Sie hat das vermutlich getan, um die Gelegenheit zu nutzen, klarzumachen, dass sie gegen die „full-scale invasion“ ist. Das ist aber in der Respektlosigkeit gegenüber den Künstlerinnen so deutlich, dass es entlarvend ist. Ein Statement so leer wie ein Hermès-Taschen-Protest, aber eine vollständige Abkehr von Kunst und ihrer politischen Dimension.

gab es nämlich eine Zeremonie noch eine Jury, die einen Preis verleihen wollte. Weil sowohl im Pavillon von Russland als auch in dem von Israel wieder Kunst ausgestellt wurde, und USA und Katar auch irgendwie problematisch sind. So war von Anfang an ein gewisser Druck auf dem Kessel, der sich dann in für die Nachrichtenagenturen perfekt inszenierten Protestaktionen zeigte, in für Streiks geschlossenen Pavillons (aber nur bis 15 Uhr!) und in direkt auf Kunstwerke gehefteten Protestplakaten.Nichts gegen Politisierung, nichts gegen Proteste, aber diese Entfernung von der Kunst ließ mich traurig werden. Und die zeigte sich bei der Eröffnung des deutschen Pavillons auf eine Weise, die skandalöser ist als Florentina Holzingers Pisse-Pavillon. Die Künstlerinnen Henrike Naumann (die im Februar mit nur 41 unerwartet verstarb) und Sung Tieu gestalteten den Faschismus-Bau.Und wie Tieu den Bau mit Mosaiksteinen zum Plattenbau hat umgestalten lassen, ist spektakulär gut und sollte genauso bleiben, damit sich folgende Künstlerinnen und Künstler von nun an mal ein bisschen an der jüngeren deutschen Geschichte abarbeiten müssen. In Die Innere Front von Naumann werden Stühle zu Hieroglyphen und die Geschichte des (Neo-)Faschismus zu derzeit erlebter Realität. Ein intensives und dichtes Werk aus Wandbildern, Gardinen, Farben und Fundstücken, die von gesellschaftlicher Militarisierung erzählen. Und all das ist natürlich viel politischer als modische Statements gegen Putin.Die Vertreterin des Auswärtigen Amts ignorierte die Kunst im deutschen PavillonAber kommen wir zu dem, was so skandalös war, aber auch so viel aussagt über das Unbehagen mit einem politisierten Kunstevent wie der Biennale. Zur Eröffnung des deutschen Pavillons wurden Reden gehalten, keine leichte Aufgabe, auch weil der Tod der radikalste Akt ist, weil man irgendwie damit umgehen muss, auch wenn jeder das aus unterschiedlichen Gründen lieber nicht tun würde. Und weil schon änger keine ranghohen Politiker mehr nach Venedig zur Eröffnung kommen, sprach Christina Beinhoff, Abteilungsleiterin für Kultur und Gesellschaft im Auswärtigen Amt, und hatte eine merkwürdige Entscheidung getroffen.Anstatt über die starke, klare, politische Kunst des Pavillons mit Bezug zur deutschen Geschichte – mit der ostdeutschen hatte sich hier vorher noch keiner beschäftigt! – zu sprechen, diese Arbeit zu würdigen oder auch zu kritisieren, sprach Beinhoff vor allem über die Kunst, die die ukrainischen Kuratoren ausgesucht hatten.Sie hat das vermutlich getan, um die Gelegenheit zu nutzen, klarzumachen, dass sie gegen die „full-scale invasion“ ist. Das ist aber in der Respektlosigkeit gegenüber den Künstlerinnen so deutlich, dass es entlarvend ist. Ein Statement so leer wie ein Hermès-Taschen-Protest, aber eine vollständige Abkehr von Kunst und ihrer politischen Dimension.



Source link