In diesen aufgeregten Zeiten muss man bisweilen an die Definition des legendären Tagesthemen-Moderators Hanns Joachim Friedrichs erinnern: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten. Dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Donald Tusk wird das gefallen

Die Autoren der beiden Neuerscheinungen zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines lassen diese Pflicht zur journalistischen Distanz vermissen, sowohl der Europakorrespondent des Wall Street Journal, Bojan Pancevski, als auch die deutschen Investigativ-Reporter Oliver Schröm und Ulrich Thiele.

Im Zuge ihrer jahrelangen Recherchen zum Fall Nord Stream haben sie eine fatale Nähe zu den interviewten Saboteuren entwickelt, und diese Nähe versperrt ihnen die unvoreingenommene Beurteilung des Motivs, das zur Sprengung der Pipelines führte. Es speist sich aus einer übersteigerten nationalistischen Ideologie, die einem Kriegsverbrechen unbedingt einen Lorbeerkranz flechten will.

Indem die Reporter die Perspektive der Attentäter übernehmen, betreiben sie eine Täter-Opfer-Umkehr. Deutschland, so die steile These, sei selbst schuld an der Zerstörung seiner Energieversorgung. Denn die schändlichen Gas-Geschäfte mit Wladimir Putin hätten erst dazu geführt, dass ein heldenhaftes ukrainisches Sprengkommando Nord Stream 1 und 2 in einem mutigen Akt der Selbstverteidigung in die Luft jagen musste.

Die Autoren untermauern ohne Not die ukrainisch-polnisch-US-amerikanische Sichtweise, die Polens Ministerpräsident Donald Tusk so formuliert hat: „Das Problem mit Nord Stream ist nicht, dass es gesprengt wurde. Das Problem ist, dass es gebaut wurde.“ Die Deutschen sollten sich entschuldigen, die Saboteure verdienten einen Orden. Sie hätten einen zweiten „Hitler-Stalin-Pakt“ verhindert.

Pancevski trat bei „Lanz“ mit blauer und gelber Socke auf

Diese Überidentifizierung mit den Tätern verführt die Journalisten dazu, dass sie den Saboteuren und ihren Hintermännern, die sich redselig als Retter der ukrainischen Nation inszenieren, alles glauben. Dazu passt auch, dass beide Bücher unmittelbar vor Beginn des Prozesses gegen den in Hamburg einsitzenden Ukrainer Serhii Kuznetsov erscheinen. Der soll der „Kapitän“ jener siebenköpfigen Crew gewesen sein, die im September 2022 mit der Yacht Andromeda in See stach, um nahe der Insel Bornholm in 80 Metern Tiefe Sprengladungen an den Pipelines zu befestigen. Was laut Pancevski zum „größten Sabotageakt der modernen Geschichte“ führte.

„Im Umkreis mehrerer Kilometer wurde alles maritime Leben ausgelöscht, es entwichen fast 500.000 Tonnen Methan, die größte jemals von Menschen verursachte Freisetzung von Gas in die Atmosphäre“. Den Schaden für Europas Verbraucher schätzt man auf 300 Milliarden Euro. Die Journalisten liefern dem Angeklagten Kuznetsov die Verteidigungsstrategie frei Haus.

Da Generalbundesanwalt Jens Rommel inzwischen gegen alle Tatverdächtigen Haftbefehle erwirkt hat, kann die „Spur in die Ukraine“ auch nicht mehr geleugnet werden, nicht einmal durch den stur auf Russland zeigenden CDU-Abgeordneten Roderich Kiesewetter. Es musste also ein neuer Spin her, einer, der die Story von der Nord-Stream-Sprengung in eine andere Richtung lenkt: weg vom feigen Terroranschlag gegen zivile Infrastruktur, hin zur Heldentat tiefgläubiger Patrioten gegen Putins Kriegsfinanzierung.

In Opposition zu Wolodymyr Selenskyj und Andrij Jermak

Diese ideologisch-moralische Neueinbettung der Story ist allerdings kontraproduktiv, weil sie die Glanzleistungen der Journalisten-Recherchen zunichtemacht: Die Detailfülle ihrer Ermittlungen (insbesondere in Pancevskis Polit-Thriller) ist informativer als das Rechtfertigungsgeplauder der Tatbeteiligten, das die Autoren kritiklos nachplappern. Das geht so weit, dass sich Verschwörer und Reporter am Ende duzen, ja, dass Pancevski in der ZDF-Talkshow Lanz mit einem gelben und einem blauen Socken aufkreuzt, um seine Solidarität mit den nationalistischen Falken der ukrainischen Politik zu demonstrieren.

Bei Pancevski tragen die Hauptfiguren der Pipeline-Sprengung geheimnisvolle Decknamen wie „Colonel“, „General“ oder „Kapitän“, um sie vor möglichen Attentaten russischer Agenten zu schützen. Schröm und Thiele dagegen verwenden die echten Namen (die auch im Internet kursieren).

Die Verschwörergruppe, von Pancevski verharmlosend „Start-up“ getauft, besteht aus rund 20 ehemaligen Geheimdienstagenten, geschassten Generälen und „harten Jungs“ aus dubiosen Sondereinheiten, die sich in strikter Opposition zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dessen Ex-Büroleiter Andrij Jermak befinden. Jermak wird sogar der heimlichen Komplizenschaft mit Putin verdächtigt. Friedensgespräche mit Russland lehnen die Verschwörer ab. Ihren unbändigen „Kosakengeist“ lobt Pancevski über den grünen Klee.

In einem anderen Leben, so Pancevski, würden Verschwörer und Ermittler bestimmt „Freunde werden“

Unterstützt wird die Gruppe von reichen, nationalistisch gesinnten Geschäftsleuten wie dem ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko. Alles in allem, so einer der Drahtzieher der Nord-Stream-Operation, bilde man einen „deep state“, einen Staat im Staate, dessen Hierarchie bis hinauf zum damaligen Armeechef Walerij Saluschnyj reiche.

Diese Opposition, die Pancevski in kitschigem Pathos immer wieder als strenggläubige, sich für ihr Land aufopfernde und trinkfeste Patrioten glorifiziert, wirft dem verhassten Selenskyj-Clan vor, er habe den russischen Angriff im Februar 2022, trotz zahlreicher Warnungen, nicht kommen sehen, sei unvorbereitet in den Krieg gestolpert und nach den ersten Rückschlägen zu demütigenden Verhandlungen mit dem Feind bereit gewesen. Die zu allem entschlossenen Kämpfer, die Selenskyjs Weichei-Haltung daraufhin kritisierten, seien von dessen Clan verleumdet, verfolgt, vor Gericht gezerrt und durch korrupte und inkompetente Speichellecker ersetzt worden.

So weit die innerukrainische Politbühne, die Pancevski für seine Leser aufbaut, um sich dann der praktischen Durchführung des Anschlags und den akribischen Ermittlungen der deutschen Bundespolizei zu widmen. Dramaturgisch geschickt (die Filmrechte am Stoff dürften schnell vergeben sein) stellt er die beiden Hauptermittler in Sachen Nord Stream den beiden Hauptverschwörern gegenüber und erkennt verblüffende charakterliche Ähnlichkeiten zwischen ihnen. In einem anderen Leben, so Pancevski wehmütig, würden sie bestimmt „Freunde werden“. Denn Verschwörer wie Ermittler seien fleißige, bescheidene, patriotische, beruflich ehrgeizige Diener des Volkes, die stets planvoll und überlegt vorgehen – wie „geniale Ingenieure“.

Auch die Sprengung der Turk-Stream-Pipeline sollen sie geplant haben

Pancevski verwebt seine hollywoodreife Heldenerzählung mit bislang wenig bekannten Informationen: So hätten die Verschwörer vorgehabt, nicht nur Nord Stream zu sprengen. Zur gleichen Zeit und mit der gleichen Methode wollten sie auch Turk Stream erledigen, jene Pipeline durchs Schwarze Meer, die Südeuropa und die Türkei mit russischem Gas versorgt. Beide Vorhaben liefen unter dem gemeinsamen Decknamen „Operation Diameter“.

In Rostock-Warnemünde sowie im rumänischen Küstenort Mangalia, einem Marinestützpunkt der NATO, starteten Boote mit jeweils zwei Soldaten, einem Skipper und drei zivilen Tauchern. Die Süd-Gruppe musste ihr Unternehmen bald abbrechen. Einer aus dieser Gruppe fuhr dann mit seiner Sprengladung nach Norden, um sich der Andromeda-Crew anzuschließen. In einem als „Safe House“ bezeichneten Stützpunkt in Polen wartete die Nord-Gruppe auf gefälschte Pässe und ihren Einsatzbefehl.

Offen bleibt in beiden Büchern die Frage nach der genauen Rolle des US-Geheimdienstes CIA. Geschildert wird die langjährige Beziehung zwischen den wichtigsten Mitgliedern der Verschwörergruppe und der CIA-Zentrale in Kiew. Man kannte und schätzte sich. Die CIA hat die ukrainischen Dienste seit 2014 aufgebaut und finanziert. Auch die Idee einer Sprengung von Nord Stream, die schon 2017, lange vor Putins „Vollinvasion“, diskutiert worden sei, habe man dem Kiewer CIA-Stationschef vorgetragen. Dieser habe zugestimmt und seine Unterstützung signalisiert.

Die angeblich so hilflose CIA

Als dann der niederländische Militärgeheimdienst MIVD im Mai oder Juni 2022 Wind von der „Operation Diameter“ bekam und die Partnerdienste CIA und BND informierte, war plötzlich Not am Mann. Das gefährliche Leck habe zu einer Verschiebung der Operation und zu einer Intervention der CIA in Kiew geführt. Die Verschwörer sollten ihren Plan sofort fallenlassen. Die aber machten ungerührt weiter. Nicht einmal Präsident Selenskyj konnte sie stoppen.

Das klingt plausibel, wenn man den Äußerungen der Verschwörer über den ukrainischen „deep state“ Glauben schenkt. Es klingt eher nach Fake News, wenn man den Lesern einen machtlosen ukrainischen Präsidenten und eine völlig hilflose CIA als „wahre Geschichte“ verkauft. Die US-Beteiligung bleibt der blinde Fleck der Nord-Stream-Recherchen.

Schröm, der für RTL, und Thiele, der für Springers Business Insider arbeitet, sind denn auch mehr an der Rolle der Bundesregierung interessiert, insbesondere am Handeln des damaligen Kanzleramtsministers Wolfgang Schmidt. Ihm werfen sie vor, die Erkenntnisse des niederländischen Militärgeheimdienstes, die sehr präzise waren (Anmietung einer Yacht, Ausgangspunkt Ostseehafen, sechsköpfige ukrainische Crew, Anschlagstermin 19. Juni), nicht ernst genug genommen zu haben. Der für die Geheimdienste zuständige Kanzleramtsminister habe weder Alarm ausgelöst noch die nötigen Konsequenzen für den Schutz der Pipelines gezogen.

Schröms und Thieles Kritik an der Taurus-Entscheidung von Olaf Scholz

Außerdem soll Schmidt ein doppeltes Spiel gespielt haben: Sein Wissen über die ukrainischen Urheber habe er vor der Öffentlichkeit verborgen, während er zugleich geheime Ermittlungsergebnisse an einen ihm sehr gut bekannten Journalisten durchsickern ließ. (Der Gemeinte, Zeit-Redakteur Holger Stark, verwahrt sich gegen diese Darstellung.) Dass die Bevölkerung von bestimmten Medien und Politikern trotzdem weiter mit der längst abgehakten „Russland-Spur“ gefüttert wurde, habe die Regierung geschehen lassen.

Schröm, der 2022 Die Akte Scholz über den Cum-Ex-Skandal veröffentlichte, beschuldigt den Ex-Kanzler, die Ukraine ganz bewusst im Stich gelassen zu haben. Seine Weigerung, Taurus-Marschflugkörper zu liefern, beruhe auch auf den Ermittlungsergebnissen der Bundespolizei. Scholz habe Selenskyj seither misstraut. Wer weiß, wozu die ukrainische Armee den Taurus verwendet hätte. Scholz’ Zurückhaltung interpretieren Schröm und Thiele deshalb großspurig als „Deutschlands Verrat an der Ukraine“. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären: der übergroßen Nähe von Reportern zu ihren menschlichen Quellen.

Die Nord-Stream-Sprengung. Die wahre Geschichte der Sabotage, die Europa erschütterte Bojan Pacevski Andrea Kunstmann (Übers.), HarperCollins 2026, 368 S., 22 €

Die Sprengung. Der Nord‑Stream‑Anschlag, die Jagd nach den Tätern und Deutschlands Verrat an der Ukraine Oliver Schröm, Ulrich Thiele Piper Verlag 2026, 288 S., 22 €

er Oliver Schröm und Ulrich Thiele.Im Zuge ihrer jahrelangen Recherchen zum Fall Nord Stream haben sie eine fatale Nähe zu den interviewten Saboteuren entwickelt, und diese Nähe versperrt ihnen die unvoreingenommene Beurteilung des Motivs, das zur Sprengung der Pipelines führte. Es speist sich aus einer übersteigerten nationalistischen Ideologie, die einem Kriegsverbrechen unbedingt einen Lorbeerkranz flechten will.Indem die Reporter die Perspektive der Attentäter übernehmen, betreiben sie eine Täter-Opfer-Umkehr. Deutschland, so die steile These, sei selbst schuld an der Zerstörung seiner Energieversorgung. Denn die schändlichen Gas-Geschäfte mit Wladimir Putin hätten erst dazu geführt, dass ein heldenhaftes ukrainisches Sprengkommando Nord Stream 1 und 2 in einem mutigen Akt der Selbstverteidigung in die Luft jagen musste.Die Autoren untermauern ohne Not die ukrainisch-polnisch-US-amerikanische Sichtweise, die Polens Ministerpräsident Donald Tusk so formuliert hat: „Das Problem mit Nord Stream ist nicht, dass es gesprengt wurde. Das Problem ist, dass es gebaut wurde.“ Die Deutschen sollten sich entschuldigen, die Saboteure verdienten einen Orden. Sie hätten einen zweiten „Hitler-Stalin-Pakt“ verhindert.Pancevski trat bei „Lanz“ mit blauer und gelber Socke aufDiese Überidentifizierung mit den Tätern verführt die Journalisten dazu, dass sie den Saboteuren und ihren Hintermännern, die sich redselig als Retter der ukrainischen Nation inszenieren, alles glauben. Dazu passt auch, dass beide Bücher unmittelbar vor Beginn des Prozesses gegen den in Hamburg einsitzenden Ukrainer Serhii Kuznetsov erscheinen. Der soll der „Kapitän“ jener siebenköpfigen Crew gewesen sein, die im September 2022 mit der Yacht Andromeda in See stach, um nahe der Insel Bornholm in 80 Metern Tiefe Sprengladungen an den Pipelines zu befestigen. Was laut Pancevski zum „größten Sabotageakt der modernen Geschichte“ führte.„Im Umkreis mehrerer Kilometer wurde alles maritime Leben ausgelöscht, es entwichen fast 500.000 Tonnen Methan, die größte jemals von Menschen verursachte Freisetzung von Gas in die Atmosphäre“. Den Schaden für Europas Verbraucher schätzt man auf 300 Milliarden Euro. Die Journalisten liefern dem Angeklagten Kuznetsov die Verteidigungsstrategie frei Haus.Da Generalbundesanwalt Jens Rommel inzwischen gegen alle Tatverdächtigen Haftbefehle erwirkt hat, kann die „Spur in die Ukraine“ auch nicht mehr geleugnet werden, nicht einmal durch den stur auf Russland zeigenden CDU-Abgeordneten Roderich Kiesewetter. Es musste also ein neuer Spin her, einer, der die Story von der Nord-Stream-Sprengung in eine andere Richtung lenkt: weg vom feigen Terroranschlag gegen zivile Infrastruktur, hin zur Heldentat tiefgläubiger Patrioten gegen Putins Kriegsfinanzierung.In Opposition zu Wolodymyr Selenskyj und Andrij JermakDiese ideologisch-moralische Neueinbettung der Story ist allerdings kontraproduktiv, weil sie die Glanzleistungen der Journalisten-Recherchen zunichtemacht: Die Detailfülle ihrer Ermittlungen (insbesondere in Pancevskis Polit-Thriller) ist informativer als das Rechtfertigungsgeplauder der Tatbeteiligten, das die Autoren kritiklos nachplappern. Das geht so weit, dass sich Verschwörer und Reporter am Ende duzen, ja, dass Pancevski in der ZDF-Talkshow Lanz mit einem gelben und einem blauen Socken aufkreuzt, um seine Solidarität mit den nationalistischen Falken der ukrainischen Politik zu demonstrieren.Bei Pancevski tragen die Hauptfiguren der Pipeline-Sprengung geheimnisvolle Decknamen wie „Colonel“, „General“ oder „Kapitän“, um sie vor möglichen Attentaten russischer Agenten zu schützen. Schröm und Thiele dagegen verwenden die echten Namen (die auch im Internet kursieren).Die Verschwörergruppe, von Pancevski verharmlosend „Start-up“ getauft, besteht aus rund 20 ehemaligen Geheimdienstagenten, geschassten Generälen und „harten Jungs“ aus dubiosen Sondereinheiten, die sich in strikter Opposition zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dessen Ex-Büroleiter Andrij Jermak befinden. Jermak wird sogar der heimlichen Komplizenschaft mit Putin verdächtigt. Friedensgespräche mit Russland lehnen die Verschwörer ab. Ihren unbändigen „Kosakengeist“ lobt Pancevski über den grünen Klee.In einem anderen Leben, so Pancevski, würden Verschwörer und Ermittler bestimmt „Freunde werden“Unterstützt wird die Gruppe von reichen, nationalistisch gesinnten Geschäftsleuten wie dem ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko. Alles in allem, so einer der Drahtzieher der Nord-Stream-Operation, bilde man einen „deep state“, einen Staat im Staate, dessen Hierarchie bis hinauf zum damaligen Armeechef Walerij Saluschnyj reiche.Diese Opposition, die Pancevski in kitschigem Pathos immer wieder als strenggläubige, sich für ihr Land aufopfernde und trinkfeste Patrioten glorifiziert, wirft dem verhassten Selenskyj-Clan vor, er habe den russischen Angriff im Februar 2022, trotz zahlreicher Warnungen, nicht kommen sehen, sei unvorbereitet in den Krieg gestolpert und nach den ersten Rückschlägen zu demütigenden Verhandlungen mit dem Feind bereit gewesen. Die zu allem entschlossenen Kämpfer, die Selenskyjs Weichei-Haltung daraufhin kritisierten, seien von dessen Clan verleumdet, verfolgt, vor Gericht gezerrt und durch korrupte und inkompetente Speichellecker ersetzt worden.So weit die innerukrainische Politbühne, die Pancevski für seine Leser aufbaut, um sich dann der praktischen Durchführung des Anschlags und den akribischen Ermittlungen der deutschen Bundespolizei zu widmen. Dramaturgisch geschickt (die Filmrechte am Stoff dürften schnell vergeben sein) stellt er die beiden Hauptermittler in Sachen Nord Stream den beiden Hauptverschwörern gegenüber und erkennt verblüffende charakterliche Ähnlichkeiten zwischen ihnen. In einem anderen Leben, so Pancevski wehmütig, würden sie bestimmt „Freunde werden“. Denn Verschwörer wie Ermittler seien fleißige, bescheidene, patriotische, beruflich ehrgeizige Diener des Volkes, die stets planvoll und überlegt vorgehen – wie „geniale Ingenieure“.Auch die Sprengung der Turk-Stream-Pipeline sollen sie geplant habenPancevski verwebt seine hollywoodreife Heldenerzählung mit bislang wenig bekannten Informationen: So hätten die Verschwörer vorgehabt, nicht nur Nord Stream zu sprengen. Zur gleichen Zeit und mit der gleichen Methode wollten sie auch Turk Stream erledigen, jene Pipeline durchs Schwarze Meer, die Südeuropa und die Türkei mit russischem Gas versorgt. Beide Vorhaben liefen unter dem gemeinsamen Decknamen „Operation Diameter“.In Rostock-Warnemünde sowie im rumänischen Küstenort Mangalia, einem Marinestützpunkt der NATO, starteten Boote mit jeweils zwei Soldaten, einem Skipper und drei zivilen Tauchern. Die Süd-Gruppe musste ihr Unternehmen bald abbrechen. Einer aus dieser Gruppe fuhr dann mit seiner Sprengladung nach Norden, um sich der Andromeda-Crew anzuschließen. In einem als „Safe House“ bezeichneten Stützpunkt in Polen wartete die Nord-Gruppe auf gefälschte Pässe und ihren Einsatzbefehl.Offen bleibt in beiden Büchern die Frage nach der genauen Rolle des US-Geheimdienstes CIA. Geschildert wird die langjährige Beziehung zwischen den wichtigsten Mitgliedern der Verschwörergruppe und der CIA-Zentrale in Kiew. Man kannte und schätzte sich. Die CIA hat die ukrainischen Dienste seit 2014 aufgebaut und finanziert. Auch die Idee einer Sprengung von Nord Stream, die schon 2017, lange vor Putins „Vollinvasion“, diskutiert worden sei, habe man dem Kiewer CIA-Stationschef vorgetragen. Dieser habe zugestimmt und seine Unterstützung signalisiert.Die angeblich so hilflose CIAAls dann der niederländische Militärgeheimdienst MIVD im Mai oder Juni 2022 Wind von der „Operation Diameter“ bekam und die Partnerdienste CIA und BND informierte, war plötzlich Not am Mann. Das gefährliche Leck habe zu einer Verschiebung der Operation und zu einer Intervention der CIA in Kiew geführt. Die Verschwörer sollten ihren Plan sofort fallenlassen. Die aber machten ungerührt weiter. Nicht einmal Präsident Selenskyj konnte sie stoppen.Das klingt plausibel, wenn man den Äußerungen der Verschwörer über den ukrainischen „deep state“ Glauben schenkt. Es klingt eher nach Fake News, wenn man den Lesern einen machtlosen ukrainischen Präsidenten und eine völlig hilflose CIA als „wahre Geschichte“ verkauft. Die US-Beteiligung bleibt der blinde Fleck der Nord-Stream-Recherchen.Schröm, der für RTL, und Thiele, der für Springers Business Insider arbeitet, sind denn auch mehr an der Rolle der Bundesregierung interessiert, insbesondere am Handeln des damaligen Kanzleramtsministers Wolfgang Schmidt. Ihm werfen sie vor, die Erkenntnisse des niederländischen Militärgeheimdienstes, die sehr präzise waren (Anmietung einer Yacht, Ausgangspunkt Ostseehafen, sechsköpfige ukrainische Crew, Anschlagstermin 19. Juni), nicht ernst genug genommen zu haben. Der für die Geheimdienste zuständige Kanzleramtsminister habe weder Alarm ausgelöst noch die nötigen Konsequenzen für den Schutz der Pipelines gezogen.Schröms und Thieles Kritik an der Taurus-Entscheidung von Olaf ScholzAußerdem soll Schmidt ein doppeltes Spiel gespielt haben: Sein Wissen über die ukrainischen Urheber habe er vor der Öffentlichkeit verborgen, während er zugleich geheime Ermittlungsergebnisse an einen ihm sehr gut bekannten Journalisten durchsickern ließ. (Der Gemeinte, Zeit-Redakteur Holger Stark, verwahrt sich gegen diese Darstellung.) Dass die Bevölkerung von bestimmten Medien und Politikern trotzdem weiter mit der längst abgehakten „Russland-Spur“ gefüttert wurde, habe die Regierung geschehen lassen.Schröm, der 2022 Die Akte Scholz über den Cum-Ex-Skandal veröffentlichte, beschuldigt den Ex-Kanzler, die Ukraine ganz bewusst im Stich gelassen zu haben. Seine Weigerung, Taurus-Marschflugkörper zu liefern, beruhe auch auf den Ermittlungsergebnissen der Bundespolizei. Scholz habe Selenskyj seither misstraut. Wer weiß, wozu die ukrainische Armee den Taurus verwendet hätte. Scholz’ Zurückhaltung interpretieren Schröm und Thiele deshalb großspurig als „Deutschlands Verrat an der Ukraine“. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären: der übergroßen Nähe von Reportern zu ihren menschlichen Quellen.



Source link